Mädchenkram - Supernatural

Daddy Issues

Trigger Warning: Hier kommen ein paar unschöne Szenen aus Calebs Kindheit vor – Misshandlung von Kindern und Psychoterror. Ihr seid gewarnt!

Ich wechsle gerade den Verband an meinem Arm, als das Telefon klingelt. Der Verbrennung sieht schon besser aus, aber ein Stück Haut löst sich trotzdem zusammen mit der Binde. Verdammte Irrlichter.
„Ja?“ sage ich und klemme mir das Telefon unters Kinn.
„Cal? Hier ist Ben. Wo bist du gerade?“ höre ich die Stimme meines Sohns.
„Idaho.“ Ich nehme einen ordentlichen Schluck aus meiner Whiskeyflasche und kippe den Rest über meinen Arm. Autsch. Das sticht.
„Erinnerst du dich noch an Oak Creek? Das Höllentor? Na ja, Jo hat gemerkt, dass da seit drei Wochen kein Kontakt mehr besteht – nichts geht raus, nichts kommt rein, keine Anrufe, keine E-Mails, nichts.“
„Klingt scheiße.“ Ich wickele die neue Binde ab. „Dann hat dieser Arsch von DeVries das Tor also nicht zugemacht. Bastard.“ Ich genehmige mir ein schmales Lächeln, als ich an unser letztes Zusammentreffen denke, an die sich ausbreitende Blutlache unter seiner zerfetzten Schulter.
„Jo und ich schauen da nach. Bist du dabei?“
„Klar.“ Ich habe Ben schon zu lange nicht gesehen.
„Wir sind in Billings. Komm am besten vorbei.“ Einen Augenblick herrscht Stille. „Und hast du in letzter Zeit was von Aiden gehört?“
Meine Grimasse hat nichts mit der Verbrennung zu tun. Haben die beiden also immer noch nicht ihre Probleme ausgebügelt.
Obwohl ich von Sunny seine Telefonnummer bekommen habe, sage ich: „Nein.“ Keine Ahnung, was Jo daraus schließen würde, dass ich seine Nummer habe und sie nicht. Ich will mich da nicht reinhängen.

Einen halben Tag später sitze ich mit Ben und Jo in Bens kleiner Studentenbude. Er ist aus dem Wohnheim ausgezogen und hat sein eigenes Zimmer. Kein Mitbewohner, aber Pizzakartons ohne Ende. Tut mir ein bisschen weh, dass ich ihm kein Geld geben kann.
Jo zeigt uns gerade die Karte von Oak Creek, als es klopft. Aiden steht vor der Tür. Er nimmt sich erstmal eine Scheibe kalte Pizza aus einem der Kartons. Jo kann sich nicht so richtig entscheiden, ob sie ihn wütend anfunkeln oder wegsehen soll.
„Hey“, sagt Aiden zu uns und zu Jo. „Hey Baby.“
„Wer ist hier dein Baby?“ sagt Jo.
„Sorry Bab… Jo“, sagt Aiden und lässt die angebissene Scheibe wieder in die Box fallen.
„Warum hast du mich denn nicht angerufen?“ Jo fängt an, mit ihrem Messer zu spielen. Das Aiden ihr geschenkt hat, wenn ich mich nicht irre.
„Mein Handy war kaputt“, sagt Aiden. Klar Lüge, aber Jo scheint das nicht aufzufallen. Es macht sie auch nicht weniger wütend.
Ich nicke Ben zu. „Gehen wir eine rauchen“, sage ich. Die können ihren Kram ohne Zuschauer sortieren.
Wir stehen draußen eine ganze Weile schweigend rum. Ich habe in letzter Zeit häufiger mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn mich dieser ganze Engelsdreck unter die Erde bringt. Ziemlich gute Chancen dafür.
Und ich habe darüber nachgedacht, was ich zurücklasse. Viel ist es nicht. Ein Lagerraum in Chicago voller Ausrüstung. Ein Auto. Waffen. Wenig von Bedeutung.
Wenig. Ich hole mein Portemonnaie heraus. „Ich wollte dir was geben“, sage ich. Ben schaut mich an, mit diesem total neutralen Gesichtsausdruck, den er so gut drauf hat.
Ich hole zwei Fotos heraus, keine besonders guten Aufnahmen und beide abgegriffen. Das eine ist schwarz-weiß und zeigt eine hellhaarige Frau mit großen, traurigen Augen und dem leisesten Anflug eines Lächelns.
„Meine Mutter“, sage ich. „Elise. Sie ist tot, aber…“ Ich ziehe an meiner Zigarette, um die plötzliche Gefühlsanwandlung in meiner Brust zu unterdrücken. „Aber ich will nicht, dass sie vergessen wird. Für den Fall, dass…“ Ich schüttele meinen Kopf und gebe ihm das zweite Foto. Es zeigt mich, jünger, ausnahmsweise mal lächelnd. Und es zeigt Isabelle, entspannt, fröhlich, sieht sie mich an. Wir sehen glücklich aus, oder was bei uns so unter glücklich fällt.
„Eines der wenigen Bilder, wo es uns gut geht“, sage ich. Ich weiß nicht, ob ihm klar ist, dass ich Isabelle… Wie sehr ich sie gemocht habe. Ist nicht so, als hätten wir jemals darüber geredet.
Er nimmt die Bilder einfach an. Gut. Keine Lust auf Frage-und-Antwort-Stunde. Damit die nicht doch noch kommt, sage ich: „Meinst du, wir können wieder reingehen?“
Ben zuckt mit den Schultern. „Ich denke schon.“
Für den Fall, dass Aiden und Jo sich gerade versöhnlich ficken, klopfe ich an, ehe ich die Tür öffne. Jo macht gerade ihre Hose zu und Aiden zieht sich sein Hemd runter. Hoffe, dass sie damit ihre Probleme gelöst haben.

Jo braucht noch eine Weile, bis sie alle Vorräte verstaut und dreimal überprüft hat. Sie hat ein Ritual gefunden, mit dem man Höllentore verschließen kann und will sichergehen, dass sie genug Weihwasser für drei von der Sorte hat.
Die Fahrt nach Oak Creek dauert etwa neun Stunden, in denen ich versuche, mit Ben Smalltalk zu machen. Ich frage ihn nach der Uni und sein Gesicht hellt sich auf. Er erzählt mir etwas von Posttraumatischem Stress, von Monoaminooxidase und neuralen Netzen, von Behaviorismus und der Frage, ob die Harvard Annotation besser ist als Fußnoten. Ich habe absolut keine Ahnung, wovon er redet, aber das ist mir auch egal. Er redet und er tut’s mit Begeisterung. Es macht mich stolz und es tut weh, weil ich weiß, dass er ganz andere Sachen sagen würde, wenn ich ihn aufgezogen hätte.

Die Straße nach Oak Creek ist gesperrt. Ein Baustellenfahrzeug parkt quer über die aufgerissene Straße und am Straßenrand steht ein Militärfahrzeug mit zwei Soldaten.
Das sieht nicht gut aus, aber wir ignorieren die Jungs erstmal. Dann müssen wir eben zu Fuß gehen.
Während Jo ihren ganzen Kram umpackt, kommen die beiden Soldaten zu uns rüber.
„Wo wollen Sie hin?“ fragt der ältere.
„Nach Oak Creek“, sagt Jo.
„Die Straße ist gesperrt und sie können hier nicht parken“, sagt der Soldat. „Das ist eine Baustelle. Die muss frei gehalten werden.“
Ich mustere die Typen einen Augenblick. Keine Abzeichen ihrer Division, keine Uniform, die man einer bestimmten Waffengattung zuordnen könnte. Entweder das ist eine sehr geheime Geheimmission oder das sind keine echten Soldaten. Ohne Befugnisse.
„Ich lasse meine Telefonnummer auf der Windschutzscheibe. Die können ja anrufen, wenn sie weiterarbeiten wollen“, sage ich. Wenn die Stress wollen, müssen sie sich schon anstrengen.
Er macht kurz seinen Mund auf und wieder zu. „Na gut, gehen Sie“, sagt er. Aiden und Ben sind inzwischen schon auf halbem Weg über die Baustelle. Der Soldat verzieht sein Gesicht. Als ich den anderen folge, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie er sich die Nummer von der Windschutzscheibe nimmt und in sein Funkgerät spricht.

Wir sind nicht sehr weit gekommen, als ein Polizeiwagen die Straße hinunter auf uns zukommt. Der Fahrer steigt aus und mustert uns kurz. „John Mason, Chief of Police. Kann ich fragen, was Sie in Oak Creek wollen?“
„Wir wollen zu Harry Sullivan“, sagt Jo. „Wir sind Freunde von ihm.“
„Wirklich?“ sagt Mason. „Wenn das so ist, steigen Sie ein. Ich fahre Sie zu ihm.“
„Danke. Wir gehen zu Fuß“, sage ich, ehe jemand einsteigen kann. Die Hälfte von uns hinten auf den dem Rücksitz, hinter einem schönen, stabilen Gitter. Nein, Danke. Der Typ könnte locker ein Dämon sein.
„Wie Sie wollen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber so bin ich garantiert schneller bei Harry und kann ihn fragen, ob er Sie kennt.“
Ist mir trotzdem zu riskant. Als wir nicht reagieren, steigt er ins Auto und düst davon.

Die Stadt ist überlaufen von Soldaten. Militärfahrzeuge parken an Schlüsselsektionen, kleine Gruppen patrouillieren die Straßen entlang. Mir kommt die Galle hoch. Auch ein paar Zivilisten sind unterwegs, wenige, selbst für so ein Kaff.
Ein Trupp kommt auf uns zu.
Angeführt von einem bekannten Gesicht. Caulder, der Glatzkopf aus Billings, der Aiden gefangen genommen hat und dem wir den falschen Speer angedreht haben.
Natürlich erkennt er uns. Er schnaubt und schüttelt seinen Kopf. „Ihr seid das.“
„Ja, wir sind das“, sagt Jo und hat ein sehr befriedigtes Grinsen auf dem Gesicht.
„Ihr habt mir in Billings wohl den falschen Speer gegeben“, sagt er. „Das haben wir inzwischen gemerkt.“
„Und du bist voll darauf reingefallen.“ Jo grinst immer noch wie ein Honigkuchenpferd. „Da haben wir wohl gewonnen.“
Er wirft ihr einen säuerlichen Blick zu und winkt seinen Männern, uns zu umkreisen. „Schön für euch. Ich bringe euch jetzt erstmal zum General, mit dem klären wir, was mit euch zu tun ist. Dieser Harry Sullivan kennt euch jedenfalls nicht.“

Wir werden zum Polizeipräsidium gebracht. Es wimmelt da nur so von Soldaten. Ganz offensichtlich ihr Hauptquartier. Die Tür zum Büro des Chief of Police steht offen. Ich höre noch, wie Caulder sagt: „Sir, das sind die…“
Dann ist nur noch Rauschen in meinen Ohren. Ich sehe den Mann hinter dem Schreibtisch an und Szenen blitzen vor meinen Augen auf: Wie seine Nase unter meiner Faust zerbricht, wie sich das Blut auf meinen Knöcheln anfühlt, wie sich mein Fuß in seinen Bauch bohrt, wie ich ihm meine Pistole auf die Stirn drücke und ihn frage, wer jetzt hier der Boss ist.
Wie ich ihn umbringe, wieder und wieder, jedes Mal grausamer.
Ich muss auf ihn zugegangen sein, denn plötzlich dreht mir jemand die Arme auf den Rücken.
Der Mann verengt seine Augen. Seine Hand schwebt neben seiner Pistole, dann entspannt er sich. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Herablassend, verächtlich, absolut überlegen.
„Na, sieh mal an, was die Katze hereingezerrt hat“, sagt er. „Caleb.“
Ich muss meine Kiefer zwingen, sich zu entspannen. Meine Hände sind so fest zu Fäusten geballt, dass meine Fingernägel sich tief in die Handflächen gebohrt haben.
„Ich dachte, dass du schon längst tot bist“, sage ich. Meine Stimme ist rau und gepresst, keinen Meter so souverän, wie ich das gerne hätte.
Er lässt seinen Blick einmal von oben nach unten über mich schweifen. „Das dachte ich auch von dir. Du warst schon immer schwach.“
Ich versuche, mich von den beiden Soldaten loszureißen. Keine Chance.
Der Mann lächelt.
„Kennst du den?“ fragt Ben. Ich weiß, dass die drei mich ansehen, aber ich starre weiter den Mann an.
„Das“, sage ich und selbst ich kann den puren Hass hören, der aus meiner Stimme trieft. „Das ist Colonel August Hagen, mein Vater.“
Stille, in die mein Vater völlig ungerührt sagt: „General August Hagen.“
„Das ist dein Vater?“ fragt Jo fassungslos.
„Ich bin nicht gerade stolz darauf, so einen Verlierer in die Welt gesetzt zu haben“, sagt der General.
Ich lache. „Wenigstens habe ich es nicht nötig, meine Frau und mein Kind wie Sklaven zu behandeln, um mein eigenes mageres Ego aufzupolieren.“
Er schüttelt seinen Kopf. „Bist du etwa ein noch größeres Weichei geworden als früher? Hast du etwas Psychologie studiert?“
Ich beiße wieder die Zähne zusammen, um nichts Unvernünftiges zu sagen. Um die Aufmerksamkeit nicht auf Ben zu lenken. Ich weiß genau, was mein Vater tun würde, wenn er wüsste, dass ich selbst Vater bin.
Er sieht mich wieder an und seine Augen funkeln. „Du machst wahrscheinlich immer noch ins Bett, wie damals mit zwölf.“
„Hey, so können Sie nicht mit Cal reden“, sagt Aiden und macht einen Schritt nach vorne. Sofort tritt einer der Soldaten vor ihn.
„Halt die Klappe“, sagt der General. „Und der Intelligenteste von euch kann mir ja mal sagen, warum ihr hier seid.“
„Das geht dich einen Scheißdreck an“, sage ich.
Der General schnalzt abfällig mit der Zunge und sagt: „Wie du willst. Wie enttäuschend auch immer, du bist immer noch mein Sohn und ich will dich nicht sofort erschießen. Verschwindet jetzt und kommt nicht mehr zurück.“
„Moment mal“, sagt Jo. „Ihr könnt uns zu gar nichts zwingen. Ihr seid nicht die US-Armee, ihr habt keine Befugnisse. Ihr könnt nicht einfach…“
Mein Vater hat plötzlich seine Pistole gezogen und zielt auf Jos Kopf. „Mach deinen Mund zu“, sagt er.
Sie klappt ihn zu und ist gerade dabei, wieder anzusetzen, da sage ich: „Schon gut. Hör auf mit dem Theater, wir gehen schon.“ Ich weiß, dass er kein bisschen Hemmungen hätte, Jo hier einfach abzuknallen.
„Dann verschwinde. Du hast schon genug von meiner Zeit verschwendet.“ Der General steckt seine Pistole wieder ein.

Caulder und seine Goons bringen uns zu unseren Autos. Wir kommen an einer rothaarigen Frau vorbei, die ihren Blick über mich schweifen lässt, mich noch einmal anschaut und ihr Gesicht verzieht. Nerv mich jetzt nicht an, Lady, ich bin nicht in der Stimmung.
Jo und Aiden zoffen sich auf dem Weg noch ein bisschen mit ihnen rum, aber ich höre kaum zu. Caulder erzählt etwas von wilden Tieren im Wald und ob er uns dort absetzen soll, dann würden wir ja sehen, wie uns das gefällt.
Als wir an unseren Autos sind, steige ich wortlos ein und fahre los, einfach die Straße lang, in Richtung Steamboat Springs. Nach ein paar Meilen halte lasse ich das Auto auf dem Seitenstreifen ausrollen und steige aus. Ich will irgendwas, irgendwen erwürgen, irgendwas, irgendwem das Licht ausblasen. Stattdessen bekommt mein Auto meine Wut ab. Ich trete gegen die Reifen, boxe gegen die Tür, bis ich nicht mehr kann. Dann lege ich meinen Arm auf das Dach und stütze meinen Kopf darauf.
Als ich wieder aufsehe, steht Ben neben mir und hält mir eine Flasche Vodka hin.
Bevor ich danach greifen kann, versperrt mir Aiden den Weg. „Das hilft dir auch nicht“, sagt er. „Bei mir und meinem Vater…“
Bang. Ich muss nicht mal nachdenken, meine Faust trifft ganz von alleine auf sein Kinn. Er fällt rückwärts um auf seinen Arsch.
„Ach, halt einfach mal deine Fresse“, schnauzt ihn Ben an. Ich glaube nicht, dass ich ihn schon mal so wütend gehört habe.
Ich schnappe mir den Vodka und leere die halbe Flasche in einem Zug. So richtig hilft es nicht, aber es dämpft den Schmerz etwas.
„Dein Vater war ein guter Mann“, sage ich zu Aiden und trinke noch ein bisschen mehr.
Nach einer Weile sagt Ben: „Das war also dein Vater.“
Ich nicke. Ich will nichts sagen, einfach schweigen, aber ein Teil von mir läuft auf Autopilot. „Erinnerst du dich an das Foto, das ich dir gegeben habe? Meine Mutter hat sich umgebracht, seinetwegen. Mein Vater hatte Regeln, jede Menge Regeln und alle waren dazu da, uns bestrafen zu können. Sie hat’s nicht mehr ausgehalten. Mein Vater war für ein paar Tage auf irgendeinem Einsatz. Selbst die Zeit ohne ihn war schrecklich. Meine Mutter und ich, wir wussten, dass er etwas finden würde, wenn er wiederkam. Dass er uns bestrafen würde, egal was wir gemacht hatten. Trotzdem. Manchmal konnte ich vergessen, dass er bald wiederkommt. Ich hatte ein Buch von einem Klassenkameraden ausgeliehen, was Gruseliges und ich habe mich gefreut, es endlich lesen zu können. Meine Mutter sagt, sie legt sich kurz hin. Ich antworte gar nicht. Also lese ich und lese und irgendwann wird es dunkel und ich denke, warum gibt es noch kein Abendessen. Ich gehe hoch und will meine Mutter wecken. Sie liegt auf dem Bett und es stinkt fürchterlich. Nach Kotze, vor allem. Sie hat alle unsere Medikamente genommen und es war keine schöner Tod. Ich habe mich neben das Bett gesetzt und gewartet. Ich weiß nicht, worauf. Vielleicht habe ich gedacht, dass sie wieder aufsteht oder dass jemand kommt und mich rettet. Stattdessen kam mein Vater. Er hat nichts gesagt, er hat den Krankenwagen gerufen und alles. Erst als wir alleine waren, nimmt er mich und legt richtig los. ‚Warum hast du sie nicht dran gehindert? Es ist deine Schuld. Du hast sie umgebracht’, sagt er. Ich konnte drei Wochen nicht in die Schule. Und was erinnert mich heute an meine Mutter? Der Geruch nach Kotze.“ Ich fühlte, wie sich ein Lachen in meiner Brust nach oben kämpft. „Was ist das denn, wenn man so an seine Mutter erinnert wird?“
Die Kinder starren mich an. Ich kann es fühlen, ihr Mitleid. „Oh, der Arme, was er für eine schwere Kindheit hatte“. Ja, ich Armer. Ich werde wieder wütend, aber ich kämpfe sie runter, bis sie auf erträglicher Flamme brennt. Das Letzte was ich will, ist, einem von ihnen wehzutun.
Miffy winselt irgendwo zu meinen Füßen. Sie schaut mich an, aus ihren kleinen, feuchten Augen. Kein Mitleid, nur Angst und Verwirrung. Ich bücke mich zu ihr herunter und streiche ihr über den Kopf. „Schon gut“, sage ich. „Schon gut.“ Vorsichtig optimistisch wedelt sie mit dem Schwanz und versucht, mein Gesicht zu lecken. Ich richte mich wieder auf.
„Heißt du dann eigentlich Hagen?“ fragt Jo. Ihre Stimme schwankt zwischen Unsicherheit und Kränkung. „Ist Caleb überhaupt dein Name?“
„Ja“, sage ich. „Fisher war der Mädchenname meiner Mutter.“ Miffy kratzt mit einer Pfote an meinem Bein.
„In Billings haben wir einen Jungen getroffen, Matthew, der hieß auch Hagen“, sagt sie. „Ich glaube, das ist dein Bruder.“
Das Bild eines schlanken Jungen taucht vor meinem inneren Auge auf, der strammstehen muss und sich freut, mal kurz in den Musikladen zu dürfen und etwas zu kaufen. Scheiße. Sie hat Recht. Das heißt, ich muss ihn auch noch da rausholen.
Klar. Kein Problem.
„Ich arbeite nicht mit meinem Vater zusammen und ich traue ihm keinen Meter weit. Was auch immer die da tun, das ist nichts Gutes“, sage ich und stecke mir eine Zigarette an. Und dann ist erstmal Schluss mit Reden. Es reicht. „Fahren wir nach Steamboat Springs.“

Wir suchen uns ein Motel. Auf dem Parkplatz posiert ein Brautpaar, kichernd, mit geröteten Wangen. Sie küssen sich und der Mann schwingt die Frau nach hinten. Sie quietscht und klammert sich an ihn. Die ganze Gruppe lacht. Ein älterer Mann legt dem Bräutigam die Hand auf die Schulter. Er hat Tränen in den Augen, lächelt aber stolz. Das Strumpfband der Braut wird geworfen und die jungen Männer schmeißen sich in einem wilden Haufen darauf. Gelächter, spielerische Schläge.
Meine Hand zuckt zu meiner Waffe. Ich hasse glückliche Menschen.

„Das sind gut dreißig Mann, vielleicht mehr. Da kommen wir mit einer Schießerei nicht sehr weit“, sage ich, als wir uns in einem der Zimmer versammelt haben.
„Warum rufen wir nicht alle Jäger, die wir kennen?“ fragt Aiden. „Suchen uns Hilfe, zeigen denen, dass man uns nicht einfach rumschubsen kann.“
„Damit die Hälfte davon abgeballert wird? In den USA und Kanada gibt es nicht mal hundert Jäger. Zieh zwanzig von denen ab und du hast eine echte Lücke. Nein. Das ist Schwachsinn“, sage ich. Aiden sieht aus, als wolle er widersprechen, hält dann aber seinen Mund.
„Die werden sich zwar alle kennen“, sagt Jo. „Aber aus der Ferne sehen sie trotzdem gleich aus. Ein paar Khakis und Shirts aus dem Army-Surplus-Store und wir können in der Stadt zumindest herumschleichen.“ Sie füttert Miffy mit einem Stück Burger. „Dieser Sullivan, mit dem ich auf Facebook Kontakt hatte, der hat auf seiner Pinnwand immer wieder Kritik an der Armee und den Kriegen gepostet. Sein Bruder ist wohl im Irak gestorben. Auch wenn er uns nicht kennt, wird er uns helfen. Da bin ich sicher.“
Ich bin nicht so sicher, aber wir können es zumindest versuchen. Und dabei die Augen offen halten, wo genau das Höllentor zu finden ist.

Die Nacht wird nicht schön. Als hätte jemand einen falschen Film in meinen Kopf geschoben, spielen sich Szenen aus meiner Kindheit vor meinen Augen ab. Meine Hände zittern, als ich mir eine Kippe anzünde. Scheiße. Ich bin nicht nur wütend wie Sau, ich habe auch Schiss.
Du kennst die Konsequenzen für Ungehorsam.
Ein Mann weint nicht.
Wie kann mein Sohn so versagen? Ich kann nicht glauben, dass ich dein Vater bin.
Siehst du, wozu du mich zwingst? Tut dir deine Mutter nicht leid?
Ich presse meine Handwurzel an den Kopf, aber der Film dreht sich weiter. Als mein Blick wie zufällig auf meine Waffe fällt, weiß ich, dass ich was unternehmen muss, sonst tue ich etwas Bescheuertes.

Ben ist noch wach, aber seine Haare sind verwuschelt, als hätte er schon im Bett gelegen.
„Hast du noch was von dem Vodka?“ frage ich. Er nickt mit einem schwachen Lächeln.
Wir trinken schweigend, keine Ahnung, wie lange. Fühlt sich wie eine halbe Ewigkeit an.
Dann fange ich an zu reden. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Vielleicht kann ich so die Filme anhalten. Ben sagt nichts, er unterbricht mich nicht, er hört einfach nur zu und trinkt mit mir.
„Einmal, ich war so sechs oder sieben, habe ich einen kleinen Vogel draußen gefunden. Ein Küken, noch nicht flügge. Ich durfte kein Haustier haben, ich durfte auch nicht ohne Erlaubnis rausgehen. Aber ich dachte, dass ich dem Vogel helfen müsste. Und ich wollte damals Tierarzt werden. Ich Idiot. Also habe ich den Vogel reingeholt. Ich dachte, mein Vater würde das verstehen. Ich wollte das Tier ja retten. Wer könnte das nicht verstehen?“ Ich nehme noch einen Schluck aus der Flasche und schüttele mit einem schiefen Grinsen den Kopf. „Ich Idiot. Mein Vater kommt also nach Hause und sieht den Vogel in der Pappschachtel. Er langt mir eine und sagt: ‚Du kennst die Regeln.’ Ich sage: ‚Aber ich musste ihm helfen.’ Und mein Vater sagt, dass das egal ist und dass wir den Vogel auch nicht mehr in sein Nest zurückbringen können. Die Eltern würden ihn nicht mehr annehmen und er würde nur von einer Katze gefressen. Und er sagt: ‚Das ist deine Verantwortung. Kümmere dich darum.’ Also nehme ich den Vogel in meine Hände und ich drücke. Es knackt und der Vogel schreit und ich lasse ihn fallen. Er zappelt da auf dem Boden und flattert mit seinen Stummelflügeln. Und schreit, fiepst ganz hoch, die ganze Zeit. Ich fange an zu weinen und schaue meinen Vater an. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Aber mein Vater starrt mich nur. Also hebe ich den Vogel hoch und mache weiter. Es dauert. Irgendwann ist er tot. Ich zeige meinem Vater den zerdrückten Körper. Er kommt rüber und zieht mir noch eine über’s Gesicht. ‚Ein Mann weint nicht’, sagt er.“ Ich fange an, zu lachen. „Und das beste ist, dass ich am nächsten Tag meiner Lehrerin erzählt habe, dass ein Vogel von seinen Eltern nicht mehr angenommen wird, wenn er aus dem Nest gefallen ist. Und sie sagt, nein, das stimmt nicht, das ist nur ein Gerücht.“ Ich schüttele meinen Kopf und grinse, als wäre mir erst jetzt aufgefallen, wie lustig das Ereignis eigentlich war. Ben reicht mir schweigend die Flasche. Ich trinke, aber der Vodka hilft nicht. Er erzeugt nur ein explosives Gemisch in meinem Bauch, das langsam nach oben kocht.
Ich rede weiter. „Ich hatte so kleine Autos, solche, die man zurückziehen konnte und dann sind sie ein Stück gefahren. Ich war sehr stolz auf die Dinger und ich hatte sonst nicht viel Spielzeug. Problem war, dass ich in meinem Zimmer keinen Platz hatte, ein richtiges Wettrennen zu machen. Das konnte ich nur auf dem Flur. Aber es war verboten, woanders zu spielen außer in meinem Zimmer. Als mein Vater weg war, dachte ich, ‚Okay, du machst ein schnelles Rennen und gut ist.’ Aber ich habe die Zeit vergessen und mein Vater kommt wieder und sieht mich mit den Autos. Er packt mich am Arm und schlägt mich mit dem Handrücken ins Gesicht. Nur diesmal vergisst er, seinen Ring auszuziehen. Ich blute wie ein Schwein. Habe die Narbe immer noch.“ Ich fahre mir mit einem Finger über die Stelle an meiner Wange. „Und der Stein von dem Ring, so ein billiges Klassending ohne viel Wert, der Stein bleibt an meinem Knochen hängen und springt aus der Fassung. Jetzt rastet mein Vater total aus. Aber er denkt dran, mich jetzt nur noch in den Bauch und in die Brust zu schlagen. Da, wo man es nicht so sehr sieht. Meine Mutter fällt ihm in den Arm. ‚Schon gut, schon gut’, sagt sie, ‚ich bringe ihn ins Krankenhaus, was sagen die Nachbarn.’ ‚Gut’, sagt er, aber ich sehe an seinen Augen, dass er nicht zufrieden ist. Meine Mutter bringt mich also ins Krankenhaus. Der Arzt näht meine Wange und sagt, ich sei ein ganz tapferer kleiner Soldat. Erst hinterher weine ich, weil ich nicht nach Hause will. Aber wir müssen. Zu Hause gehe ich in mein Zimmer und alle meine Sachen sind weg. Alles, was ich noch habe, sind ein paar Klamotten und die Schulbücher. ‚Siehst du’, sagt mein Vater, ‚du musst für den Ring bezahlen. Ich verkaufe deine Sachen und du bekommst so lange nichts Neues, bis er abbezahlt ist.’ Dann geht er zu meiner Mutter und zeigt ihr, wie man eine gute Ehefrau ist. Sie kann sich am nächsten Tag kaum noch bewegen.“
Die Flasche ist leer. Ben stellt eine zweite hin. Keine Ahnung, ob das Reden hilft, ob es alles noch schlimmer macht oder ob gar nichts passiert. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Wie ich mich fühlen sollte.
Ich sage nichts mehr. Draußen wird es hell.

Mit der Kluft aus dem Surplus Store schleichen wir uns in den Ort. Ich fühle mich, als hätte ich die Haut einer anderen Person an. Ich kann gar nicht so viel spucken, wie ich kotzen möchte.
Jetzt, am Tag, hört man etwas entfernt von der Stadt Baulärm. In der Richtung wird wohl das Tor liegen.
Harry Sullivan steht draußen in seinem Garten und grillt Burger. Er schmeißt seinen Spatel in die Luft, als er uns sieht. „Ich, äh, habe nichts gemacht“, stottert er.
„Keine Angst“, sagt Jo. „Wir sind nicht wirklich vom Militär. Mein Name ist Jane Smith, von Facebook.“
Er schaut erst etwas skeptisch, dann hellt sich sein Gesicht auf. „Ach, die mit den vielen Schafen für Farmville, ich erinnere mich.“
Jo nickt begeistert. „Wir sind, äh, Privatdetektive und da hier etwas Komisches vorgeht… Na ja, wir sind hier, um das zu untersuchen. Können wir mit Ihnen reden?“
Er wirft einen Blick um sich. „In Ordnung. Gehen wir besser rein.“

„Diese Soldaten sind so vor drei Wochen angekommen“, sagt er. „Die sind einfach hier hereinmarschiert und haben unsere Bürgerrechte eliminiert. Sie behaupten, dass wäre nur zu unserem Besten.“ Er lacht. „Von wegen! Jedenfalls sind die Telefonleitungen gekappt, Internet geht nicht, sogar Mobiltelefone sind gestört.“
„Und was genau wollen die?“ fragt Ben.
Sullivan schüttelt seinen Kopf. „Ein Höllentor ausgraben und sprengen. Dazu haben sie ein Camp kurz vor der Stadt errichtet. Was für eine bescheuerte Begründung! Höllentor! Terroristen wären zwar immer noch kein Grund, aber ein Höllentor…“
„Sprengen!“ Jo ballt ihre Fäuste. „Die Idioten! Das geht doch sowieso schief! Man sollte Amateure halt nicht an so was dran lassen. Damit schließt man das Tor.“ Sie lässt den Haufen Blätter, in dem das Ritual steht, auf den Tisch fallen.
„Sie glauben an den Kram?“ fragt Sullivan und wird etwas blass.
„Ja“, sage ich. „Hier gibt es ein Höllentor und man muss es schließen, aber ich weiß nicht, ob die Idioten das wirklich vorhaben. Und ob das so klappt.“
„Natürlich nicht, die haben doch keine Ahnung, die hätten mit uns Experten reden sollen“, sagt Jo.
„Wenn das Tor zu ist, kann man es so schließen. Wenn es nicht zu ist…“ Ich zucke mit den Schultern.
Sullivan wird blasser. „Das ist doch Unsinn, so etwas wie Höllentore gibt es doch gar nicht.“ Er sieht jeden von uns der Reihe nach an. „Oder? Ich meine, es gab ja schon immer so ein paar Geschichten und diese Legende von den Ute-Indianern, die ich mal im Unterricht drangenommen habe…“
„Indianer?“ fragt Aiden.
„Ja, die Ute. Sind Sie auch ein Ute?“ fragt Sullivan, der Aiden mit neu gewonnenem Interesse mustert.
„Nein, ich bin kein Ute, wir sehen auch nicht alle gleich aus“, sagt Aiden und reißt sich dann sichtlich am Riemen. „Was für eine Legende?“
„Der Berg hier in der Nähe, der Ute-Berg, soll ein schlafender Riese sein. Irgendwann soll ein Weißer hier vorbeigekommen sein und böse Geister geweckt haben. Der Riese hat ihn und die bösen Geister vertrieben. Das war es eigentlich auch schon.“ Sullivan zuckt mit den Schultern. „Es gibt nicht mehr sehr viele Ute in der Gegend, aber Raven Bloodgood, die ist eine Füfzehntel-Ute, die hat schon vorher gesagt, dass man sich dem Tor nicht nähern soll.“
„Fünfzehntel-Ute?“ sagt Aiden. „Das ergibt doch gar keinen Sinn…“
„Was ist denn mit den Leuten hier? Finden die das OK, dass hier die Soldaten aufgetaucht sind und ihnen Vorschriften machen? Scheint sich ja keiner zu beschweren“, sage ich.
Sullivan seufzt. „Nicht jeder hat das mitgemacht, aber John Mason, unser Chief of Police, der ist halt ein Held, Kriegsheld und außerdem haben mal ein paar Biker die Stadt überfallen und er hat die abgewehrt. Na ja, die Soldaten haben ihn überzeugt und die Stadt glaubt an ihn. Glaubt ihm. Die meisten jedenfalls. Ein paar haben sich gegen ihn gestellt, Thomas Whitestone zum Beispiel, der hat demonstriert und dann haben sie ihn eingesperrt. Und das, obwohl er ein Freund von John ist. Und obwohl seine Tochter, na, ein bisschen verwirrt ist und ihren Vater echt bräuchte.“ Er schüttelt wütend seinen Kopf. „Aber da ist noch mehr, unser Priester, Peter Weston, der ist blind geworden und glaubt jetzt nicht mehr an Gott. Und trinkt die ganze Zeit. Außerdem müssen Leute aus der Stadt in der Grube arbeiten und dabei helfen, das Ding auszugraben. Freiwillig, wie die Soldaten sagen.“ Er schnaubt. „Ich glaube denen kein Wort. Seit die hier sind, sind schon jede Menge Leute gestorben. Jede Nacht gehen zwei Wachen zur Baustelle und meistens überleben die nicht. Das sind nicht nur Soldaten, auch Leute hier aus dem Ort sind dabei.“ Er schaut uns noch mal an. „Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich an diese Dämonensache glaube, aber wenn ihr da was machen könnt… Unsere Stadt hat es wirklich nötig.“
„Dafür sind wir hier“, sagt Jo.
Er lächelt. Nicht sehr breit, aber dankbar. „Ihr könnt erstmal hierbleiben, im Keller. Meine Tochter darf euch aber nicht sehen, ich will nicht, dass sie in Gefahr gerät.“
„Sollen wir Sie rausbringen, zusammen mit ihrer Familie?“ frage ich.
Er schüttelt seinen Kopf. „Nein. Ich bin Lehrer, meine Schüler sind auch hier im Ort, ich kann sie nicht alleine lassen. Und meine Familie soll zusammenbleiben.“
Ich nicke. Die Einstellung kann ich respektieren.

Vater Peter Weston hängt in der einzigen Bar des Ortes rum. Dar Barkeeper ist unangenehm zuvorkommend, als er unsere Uniformen sieht.
Der Vater hat weiße Verbände über seinen Augen und fischt nach seinem Whiskeyglas.
„Noch einen für den Vater“, sage ich.
„Ich bin kein Vater mehr.“ Er stürzt seinen Schnaps herunter und hält das Glas irgendwo in Richtung des Barkeepers. „Gott ist…“ Er macht fahrige Bewegungen mit dem Glas. „Nicht tot, denke ich, aber ein Arsch. Ja, so kann man das sagen. Arsch.“ Er lacht.
„Können wir uns privat mit ihnen unterhalten?“ sagt Ben. „Vielleicht an einem der Tische?“
„Geh lieber mit den netten Herren vom Militär“, mischt sich der Barkeeper ein.
Weston umklammert sein Glas etwas fester und bewegt seinen Kopf hin und her. „Ihr seid also welche von denen, was?“
„Nicht wirklich“, sagt Jo so leise, dass der Barkeeper sie nicht hören kann.
„Wie auch immer. Scheißegal. Ist mein Glas voll?“ Weston hält es wieder dem Barkeeper hin.
Ben führt ihn am Arm zu einem der Tische hinüber. Er schwankt und wankt orientierungslos.
„Was ist mit Ihren Augen passiert?“ fragt Ben, als wir sitzen.
Der Priester lacht und leert sein Glas. „Ich habe das wahre Angesicht eines Engels gesehen. Und, puff, keine Augen mehr. Ist das nicht lustig?“
Engel. Scheiße. Das hat gerade noch gefehlt.
„Da kommt dieser… dieser… angebliche General an und schwafelt mich zu, er hätte einen Engel an der Seite und der würde ihm sagen, was er tun müsse. Ich bin vorsichtig, gibt ja viele, die meinen, Gott spräche zu ihnen.“ Er dreht den Finger neben seinem Kopf. „Jaja, Spinner und so. Jetzt kann ich’s ja sagen. Also, er meint das wörtlich und zeigt mir dieses Mädchen. Keine Fünfzehn ist die. Und sie sagt ja, sie wäre ein Engel. Selathiel. Sally. Kein Wort habe ich geglaubt, davon. War diplomatisch, aber sie… sie meint: ‚Dann schaue meine wahre Gestalt.’ Und das habe ich. Jetzt bin ich blind.“ Er setzt das Glas an die Lippen und merkt dann erst, dass es schon leer ist. Er verzieht sein Gesicht. „Was soll man da machen? Ich bin ein Priester. War ein Priester. So einem Gott… Neee, dem will ich nicht dienen. Solche Drecksäcke von Engeln.“
Ich lasse gleich die restliche Flasche Whiskey an den Tisch bringen. Er nuckelt daran wie ein Kleinkind an den Titten seiner Mutter.
„Was ist mit Ihrer Gemeinde?“ fragt Jo. „Schulden Sie es denen nicht, etwas gegen die Soldaten und die Engel zu unternehmen?“
„Pfff.“ Er tastet sich zur Flaschenöffnung vor. „Was soll ich bitte machen? Ich bin blind. Ein blinder Priester, dem Gott gestohlen bleiben kann.“
„Möglich“, sagt Ben. „Aber was ist mit den Menschen? Wollen Sie denen nicht helfen? Sicher glauben sie Ihnen und würden sich mit ihnen gemeinsam gegen die Soldaten wehren. Ist das nicht besser, als sich hier zu betrinken? Dann können Sie wenigstens etwa unternehmen.“
Er drückt seine Flasche an sich. „Vielleicht“, sagt er zögernd. „Ich könnte, ich weiß nicht… Mit den Leuten reden… Aber erst leere ich die noch. Danach.“
„Seien Sie vorsichtig“, sage ich. „Die Soldaten haben garantiert keine Hemmungen, auf Sie zu schießen.“
Er zuckt mit den Schultern. „Dann sterbe ich halt. Was soll’s?“ Er lehnt sich zurück, das Gesicht entschlossen. Nur, um gleich wieder zusammenzusacken. „Aber.. was ist dann mit meiner Seele? Ich will gar nicht in den Himmel“
„Wollen Sie auch nicht“, sage ich und stecke mir eine Kippe an. „Da ist grad Bürgerkrieg. Und die Hölle ist auch scheiße.“
Der Priester krümmt sich um seine Flasche und lässt den Kopf auf den Tisch sinken. Die Kinder werfen mir einen entrüsteten Blick zu. Was denn? Soll ich etwa lügen?

Raven Bloodgood wohnt in einem Trailer am Waldrand. Andere Trailer und kleine Hütten stehen in der Nähe. Ihr Vorgarten ist wahllos mit irgendwelchen indianischen Sachen zugestellt.
„Plastik“, sagt Aiden verächtlich und klopft gegen den besonders scheußlichen Totempfahl.
Wir klopfen an. Raven ist eine Frau mittleren Alters, Marke Hippie. Sie hat eine Zigarette im Mundwinkel. „Was denn?“ fragt sie. „Meine Jungs sind schon auf der Baustelle.“
„Wir sind keine echten Soldaten“, sagt Jo und klingt schon ein bisschen genervt.
„Tja, dann solltet ihr euch wohl nicht anziehen wie welche. Das kann zu Verwechslungen führen“, sagt sie.
„Damit wir auf offener Straße erschossen werden?“ sage ich.
„Guter Punkt“, sagt sie. „Und was wollt ihr dann?“
„Über das Höllentor reden“, sagt Jo.
„Bitte.“ Raven tritt zurück und lässt uns in den Wohnwagen. Ich stecke mir eine Kippe an, wenn man da drinnen schon rauchen darf.
„Die Dinger bringen sie irgendwann noch um“, sagt Raven und zeigt mit ihrer Kippe auf mich.“
„Dito“, sage ich und grinse. Dann biete ich ihr eine von meinen Zigaretten an. Sie lacht und nimmt sie an.
Ihr Wohnwagen steht genauso mit Kitsch voll wie ihr Rasen. Räucherstäbchen, Traumfänger, Rasseln, afrikanischen Figuren mit riesigen Titten, japanische Masken. Aber ab und zu steht da was dazwischen, das echt sein könnte.
„Also, was wollt ihr mit dem Tor?“ fragt sie. „Wer seid ihr überhaupt?“
„Wir kümmern uns professionell um den Kram, könnte man sagen“, meint Jo. „Wir sind so was wie Geisterjäger.“
„Aha.“ Raven wirkt nicht beeindruckt. „Und was wollt ihr mit dem Tor?“
„Diese Idioten wollen es sprengen. Wir wollen ihnen zeigen, wie man es richtig schließt“, sagt Aiden und lehnt sich zurück.
„Hiermit!“ Jo knallt wieder ihre Aufzeichnungen zum Ritual auf den Tisch.
„Aha“, macht sie noch mal und blättert die Aufzeichnungen durch. „Habt ihr euch das Tor man angesehen? Habt ihr eine Ahnung, wie groß das Ding ist? Das hat gute dreißig Meter Durchmesser. Und das hier ist ein christliches Ritual.“
„Ja und?“ fragt Jo. „Das ist halt ein Ritual, um ein Höllentor zu schließen.“
Raven seufzt. „Jaja, ihr habt total den Durchblick. Lasst mich euch eins sagen, mit diesem Christenkram hat der ganze Ärger doch erst angefangen. Das Tor ist durch einen Ute-Ritus versiegelt worden und dann kommt so ein Depp, ein Schwarzer, so ein Fundamentalist und hat nichts besseres zu tun, als das Ding zu segnen und alle Indianersprüche damit wegzubrennen.“
„Hieß der zufällig DeVries?“ frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. „Ja, könnte sein. Er hat sich noch mit ein paar Mädchen rumgeärgert, weil er die für unzüchtig hielt. Christen, ehrlich.“ Sie schüttelt ihren Kopf. „Und jetzt sind die Geister hier alle wütend. Wölfe greifen Menschen an und versuchen, sie zu vertreiben. Ein Falke taucht hier immer wieder auf und hat auch mal jemanden angegriffen. Tiergeister, Naturgeister, denen gefällt nicht, was hier passiert.“
„Falke?“ Aiden richtet sich wieder auf. Als wir ihn alle ansehen, fragt er schnell: „Äh, und wie kann man das Tor dann schließen. Sie sind doch eine Ute und ihre Vorfahren haben die bösen Geister gebannt.“
Raven rollt mit den Augen. „Blöderweise habe ich so gut wie gar kein Ute-Blut. Und nur einer von denen könnte mit den Geistern kommunizieren und mit ihrer Hilfe das Tor schließen. Das Problem ist nur…“ Sie drückt ihre Zigarette energisch aus. „Die einzigen beiden Ute hier sind Thomas Whitestone und seine Tochter Lea. Thomas sitzt im Gefängnis und Lea, sie hat die Gespräche mit den Geistern nicht gut verkraftet und ist… Nun, nicht ganz klar im Kopf. John passt auf sie auf.“
„John Mason? Der Typ, der mit den Soldaten zusammenarbeitet?“ fragt Jo.
„Ja“, sagt Raven. „Andererseits… Ich weiß nicht, ob er so begeistert davon ist. Anfänglich vielleicht schon, aber inzwischen ist alles etwas aus dem Ruder gelaufen.“
„Dann meinen Sie, wir könnten ihn vielleicht überzeugen?“ fragt Ben.
Sie zuckt mit den Schultern. „Vielleicht. Ich weiß es nicht. Er ist Veteran und hat deshalb nichts gegen das Militär, aber er hat immer auf seine Stadt aufgepasst.“
„Wir sollten es trotzdem versuchen. Besonders, wenn Lea bei ihm ist. Ich würde sie mir gerne mal ansehen“, sagt Ben.
„Tut das“, sagt Raven. „Ich kann euch dann helfen, mit den Geistern in Kontakt zu treten. Du kannst mir helfen.“ Sie schaut Aiden an. „Die Geister haben dich gezeichnet, dass merke ich doch. Wer ist es? Bär? Gott sei dank ist der noch nicht hier aufgetaucht. Wo Bär auftaucht, da fließt Blut und zwar nicht zu knapp.“
Aiden senkt seinen Kopf, aber er nickt.

Vor dem Haus des Chief of Police steht eine Wache. Wir schlagen uns rückwärts durch die Büsche an den Hintereingang. Ben klopft an. Es dauert eine Weile, dann kommt ein dunkelhaariges Mädchen an die Tür. Ihr Kopf zuckt immer wieder nach links und rechts, als hätte sie etwas gehört.
„Lea“, sagt Ben. „Können wir mit dir kurz reden?“ Seine Stimme ist ganz sanft.
„Reden. Ja, nein. Nicht so viel reden.“ Sie presst ihre Hände an ihren Kopf. „Leiser, ich kann nichts hören. Zu laut.“
„Lea, sieh mich an.“ Ben legt eine Hand auf das Fliegengitter. „Wir sind Freunde, wir wollen dir helfen.“
„Aber die Tür, die Tür darf nicht geöffnet werden.“ Sie reißt die Augen auf. „Die Tür muss zubleiben!“
„Das Tor bleibt zu“, sagt Ben. „Das stimmt. Aber diese Tür kannst du aufmachen.“
„Aber John sagt nein, John sagt, lass niemanden rein, niemanden.“ Sie weicht zurück.
„Lea.“ Ben sieht sie gerade an, fängt ihren Blick. „Du brauchst keine Angst zu haben. Wir können dir helfen. Wir können dafür sorgen, dass die Stimmen weggehen.“
Sie starrt ihn an. Blinzelt, schüttelt den Kopf. Weicht zurück. Macht einen Schritt nach vorne.
„Lässt du uns rein?“ fragt Ben.
Sie schüttelt den Kopf und zuckt gleichzeitig mit den Schultern, eine verwirrte Geste. Dann macht sie die Tür auf.
Wir folgen ihr ins Wohnzimmer. Alle Vorhänge sind zugezogen. In einer Ecke steht ein kleiner Schrein zu Ehren von John Mason. Sein Purple Heart, Zeitungsartikel zum Kampf mit den Bikern.
„Aber ich muss meine Serie sehen. Ich muss“, sagt Lea und macht den Fernseher an. Doctor Sexy, M.D. Ich seufze und sehne mich nach einer Zigarette.
Wir können uns vier Episoden ansehen, bevor John Mason heimkommt. Das reicht nicht, um zu wissen, ob sich Doctor Sexy für Gonzuela, die rassige Latina oder für Doctor Whitman, die kühle britische Ärztin entscheidet.
John zieht sofort seine Waffe. Seine Augen wandern zu Lea und dann zu uns. Zur Ausbeulung der Knarre unter meiner Jacke. Ja, er könnte einen von uns erschießen, vielleicht zwei, bevor jemand seine Pistole zieht und Lea erledigt.
„Was wollt ihr?“ fragt er.
„Nur reden“, sagt Jo und hält ihre Hände hoch.
„Ihr brecht hier ein und wollt nur reden?“ Sein Blick wandert ständig über uns, auf der Suche nach dem gefährlichsten – oder dem schnellsten – Gegner.
„Ja“, sagt Jo. „Seien Sie ehrlich, glauben Sie wirklich, dass Hagen etwas Gutes im Schilde führt? Dass klappt, was die vorhaben?“
Johns Gesicht zuckt kurz. „Er hat einen Engel an seiner Seite. Was mehr braucht man, um ihm vertrauen zu können?“
Ich schnaube. „Das heißt gar nichts. Engel können ganz schöne Bastarde sein. Diese Sally hat Ihren Priester geblendet. Der Mann ist total am Ende.“
„Er hat ihr nicht geglaubt“, sagt John.
„Und deshalb hat er das verdient?“ Ich schenke ihn meinen verächtlichsten Blick. „Da glauben Sie doch nicht wirklich dran. Und was ist mit dem Rest des Ortes? Die Leute, die zur Baustelle gehen und nicht wiederkommen?“
„Außerdem ist ihr Freund Thomas im Gefängnis“, sagt Jo.
John spannt die Kiefer an. „Natürlich gefällt mir das alles nicht. Aber das Höllentor muss vernichtet werden und, egal was für ein Typ der General ist, er ist effizient.“
„Wenn es überhaupt vernichtet wird“, sagt Aiden. „Es ist mit einem indianischen Ritus verschlossen worden und den hat so ein idiotischer Christ kaputt gemacht. Man braucht genau so einen Ritus, um es wieder zu schließen. Sprengen die das Ding und es ist offen, dann fallen die bösen Geister hier über den ganzen Ort her. Über die ganze Welt.“
„Und ihr wisst es besser?“ sagt John. „Besser als eine ganze Militäreinheit?“
„Ja!“ sagt Jo.
John legt seinen Kopf schräg. „Na sicher. Ich bin übrigens auch einer von diesen dummen Christen.“
„Was Sie jetzt auch immer von uns halten“, sagt Aiden. „Also, uns Indianern, es ist trotzdem klar, dass die Natur hier was dagegen hat, dass das Tor ausgegraben wird. Die Geister sind wütend. Wenn die Natur selbst was dagegen hat, kann doch irgendwas nicht stimmen.“
„Wollen Sie wirklich das Risiko eingehen, ein Dämonentor direkt neben ihrer Stadt geöffnet zu bekommen?“ frage ich.
„Was soll den die Alternative sein?“ sagt er.
„Wir führen einen indianischen Ritus durch. Aber dafür brauchen wir einen Ute…“ Aiden schaut hinüber zu Lea. „Ihr Freund ist ja noch im Gefängnis. Wenn wir mit ihm reden können, hilft er uns vielleicht.“
„Dann würde es auch Lea besser gehen“, sagt Ben. „Die Stimmen würden aufhören, wenn die Geister zufrieden sind.“
John atmet tief durch und senkt seine Waffe. Er sieht Lea an und zum ersten Mal entspannt sich sein Gesicht etwas. „Gut. Ich gebe euch eine Chance. Ich kann Thomas nicht so ohne weiteres aus dem Knast holen, aber ich kann einen von euch reinbringen. Dann müsste man morgen eine Ablenkung starten, bei der ich die Tür öffnen kann. Sagen wir, am Mittag. Vorher rede ich noch mit dem General.“
„Ich mache das. Ich lasse mich von Ihnen gefangen nehmen und rede mit Thomas“, sagt Aiden. Und fügt dann hinzu: „Warum schaut ihr mich alle so an? Wir sind beide Indianer, das klappt schon.“

John nimmt Aiden mit zur Polizeiwache. „Denkt dran, mittags muss was passieren, dass die Wachen weg lockt“, sagt er. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht der einzige bin, der dabei ein flaues Gefühl hat. Aber soll der Junge mal machen, so von Indianer zu Indianer.
„Kein Problem“, sagt Jo zu Johns Ermahnung und präpariert in der Nähe der Wache ein Auto so, dass es gegen Mittag in die Luft fliegt. Nicht schlecht.
Dann bleibt uns nur Warten. Immerhin weiß ich jetzt, dass Doctor Whitman eigentlich die lang verschollene Schwester von Doctor Sexy ist und Gonzuela illegal in den USA und dass der Doktor sich vielleicht doch für die jungfräuliche Krankenschwester aus der Klosterschule entscheiden wird.
Noch vor dem Mittag sind draußen plötzlich Geräusche zu hören. Ein schweres Fahrzeug nähert sich dem Haus. Ich schiebe den Vorhang ein Stück zur Seite und sehe, wie ein Militärwagen vorfährt.
„Scheiße“ sage ich. „Wir müssen verschwinden. Da kommen welche von Hagens Leuten.“
Ben nimmt Lea am Arm. „Komm, wir machen einen Ausflug“, sagt er. Sie schaut ihn unsicher an, aber sie folgt ihm.
Wir schlagen uns durch die Hinterhöfe und den Waldrand zu Ravens Trailer durch. Aiden ist schon dort, die Hände auf die Knie gestützt und völlig außer Atem.
„Dein Vater ist durchgedreht“, sagt er. „Er ist mit John ins Gefängnis gekommen und plötzlich, bumm, erschießt er John und gibt mir die Knarre. ‚Lauf’, hat er gesagt und ich habe auf ihn geschossen.“
„Ist er tot?“ frage ich und weiß nicht genau, ob ich mich freuen soll. Mein Kopf und mein Gefühl melden nur Leere.
Aiden schüttelt seinen Kopf. „Streifschuss, leider. Wir müssen noch mal zurück.“ Sein Blick schweift kurz zu Lea. Leiser sagt er: „Thomas ist noch drin. Ich hatte keine Zeit mehr, ihn zu befreien.“ Er muss nicht sagen, dass er keine Zeit hatte, weil er auf den General geschossen hat. Und dass er diese Entscheidung bereut.
„Ich bleibe hier bei Lea“, sagt Ben. „Und versuche, ihr ein bisschen zu helfen. Ihr schaut nach Thomas.“

Dazu brauchen wir nicht lange. Vor der Polizeiwache stehen jede Menge Soldaten und einige Zivilisten. Mein Vater hat einen Arm verbunden und erzählt gerade laut, wie er nur knapp dem mörderischen Indianer entkommen ist.
Zwei Leichensäcke liegen vor ihm auf dem Boden.
Scheiße.
Aiden ist angespannt. Seine Hände schließen und öffnen sich und er macht unwillkürlich eine Bewegung in Richtung der Soldaten. Jo hält ihn am Arm fest.
„Nichts mehr zu tun für uns“, sage ich. „Verschwinden wir.“

Bei Ravens Trailer wartet Ben mit Lea auf uns. Sie sitze zusammengekrümmt auf der Kante einer Gartenliege und murmelt vor sich hin.
Ben schaut uns an. Ich schüttele meinen Kopf.
Ben nickt knapp und sieht zu Lea hinüber. Sie ist jetzt unsere einzige Hoffnung.
„Was ist mit meinem Vater?“ fragt sie. „Wo ist er?“
„Es ist alles in Ordnung“, sagt Ben. „Mach dir keine Sorgen. Denk daran, was wir besprochen haben: Du hilfst uns und sprichst einmal mit den Geistern, danach lassen sie dich in Ruhe.“
„Ich… Kann das nicht mein Vater machen? Wo ist er?“ Lea sieht sich um.
Ben zögert. „Du kannst deinen Vater bald wiedersehen, keine Angst.“ Seine Stimme ist ruhig, aber ich kann die Anspannung in ihr hören.
„Wirklich? Ich muss nur mit den Geistern sprechen und dann sehe ich meinen Vater wieder? Wirklich?“ Ihre Augen sind ängstlich und groß.
Ben macht seinen Mund auf und wieder zu und dann sagt er: „Nein… Nein, nicht wirklich. Dein Vater ist tot. Sie haben ihn erschossen.“ Er spricht widerwillig. Es hat ihn viel gekostet ihr die Wahrheit zu sagen. Er wirkt immer so beherrscht, manchmal vergesse ich, wie jung er noch ist und wie viele derartige Entscheidungen noch vor ihm liegen.
Leas Augen werden noch größer. Sie kippt nach vorne, beide Hände auf die Seiten ihres Gesichts gepresst. „Dad… Dad… Dad…“ flüstert sie.
Ben atmet tief durch und kniet sich neben sie. „Jetzt kannst nur noch du mit den Geistern reden. Sie können dir helfen, dich zu rächen.“
„Ich kann… Ich muss…“ Ihre Atmung wird ruhiger. „Ja, ich muss mit den Geistern reden. Sie werden mir helfen.“ Lea fletscht ihre Zähne und sieht für einen Moment verdammt wie ein Wolf aus.

Plötzlich hört man Kampfgeräusche. Eine tiefe Stimme, die sagt: „Lass mich los, verdammt noch mal.“ Und Aiden: „Sag einfach, was du hier willst.“
Raven stößt einen Fluch aus und springt auf. Sie verschwindet in ihrem Trailer und kommt gleich darauf mit einer Schrotflinte wieder hinaus.
Ein paar Meter entfernt hält Aiden einem jungen Mann sein Messer an den Hals. Der Kerl ist kräftig – richtig, richtig kräftig – und eindeutig angepisst.
„Lass meinen Sohn los!“ sagt Raven. „Du bekommst nur eine Warnung.“
„Lass ihn los“, sage ich auch noch mal an Aiden gerichtet. Wie sein Vater. Denkt nie nach.
Aiden tritt einen Schritt zurück und, war ja klar, der Kerl semmelt ihm eine.
Aiden hält sich den Kiefer, der noch von meinem Schlag gestern blau ist. „Ich habe dich losgelassen“, faucht er Ravens Sohn an.
„Du hast mich mit einem Messer bedroht!“ keift der zurück.
„Ruhe jetzt!“ sagt Raven. „Proust, warum bist du nicht auf der Baustelle?“
Mit unwirschem Gesichtsausdruck dreht sich Proust zu ihr um, dann durchfährt ihn ein Ruck. „Ach ja! Die wollen sprengen! Heute Abend!“
„Was?“ sagen Raven und ich gleichzeitig.
Scheiße, scheiße, scheiße.
„Ich kann euch zu einem Ort bringen, von dem aus ihr die Geister kontaktieren könnt“, sagt Raven. „Eigentlich bräuchte man mehr Zeit, aber… Ach, ihr wisst das ja selbst.“ An Aiden gewandt, sagt sie: „Dann solltest du erst mit Bär sprechen. Er ist gefährlich, aber vielleicht brauchen wir jetzt ein bisschen Gefahr auf unserer Seite. Er sollte dir sagen können, was Lea tun muss.“ Sie wendet sich an ihren Sohn: „Und du gehst los und bringst deine Brüder her. Das wird ungemütlich.“
Der Muskelberg nickt und rennt los.
Aiden hebt sein Kinn. „Gehen wir“, sagt er. Ich kenne den Ausdruck. Er will auch Rache.
Raven führt uns ein Stück den Berg hinauf zu einer Lichtung. Sie nickt Aiden zu.
Er zieht sein Hemd aus und öffnet mit einem Messer die Narben auf seiner Brust, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Blut tropft über seinen Bauch, während er etwas auf Cheyenne murmelt.
Es raschelt im Gebüsch. Zweige brechen und ein riesiger Grizzly tritt auf die Lichtung. Ich kenne das Biest. Seine Zähne und Klauen, die mich zerreißen… Ich schüttele die verschwommenen Erinnerungsfragmente ab. Die kann jetzt überhaupt nicht brauchen.
Der Bär trottet über die Lichtung und bleibt vor Aiden stehen. Heißer Bärenatem schlägt Aiden ins Gesicht. Er spricht das Tier auf Cheyenne an und Bilder formen sich in unseren Köpfen: Lea, die in einen Pelz gekleidet, mit blutigem Mund gen Himmel heult.
Aiden spricht weiter. Diesmal zeigt uns der Bär sich und Wölfe, die über blassen Menschengestalten auf einer Baustelle herfallen und sie zerfetzen. Dann ein Bild von Bär, wie er die Baustelle umkreist, sie aber nicht betreten kann.
„Die Geister wollen alle auf der Baustelle töten und so das Tor schließen“, sagt Aiden auf Englisch. „Aber ein Schutzkreis hindert sie daran.“
Scheiße. Den Geistern wird scheißegal sein, ob sie einen Zivilisten, einen Zwangsarbeiter oder einen Soldaten töten. Mal abgesehen davon, dass nicht jeder der Soldaten wie mein Vater ist. Ein paar davon werden auch normal sein. Hoffe ich.
„Was machen wir jetzt?“ fragt Jo.
„Wir können immer noch nicht aus vollen Rohren feuernd da reinstürmen“, sage ich. „Das sind gut vierzig Mann und ein Engel. Die hauen uns um, ehe wir am Zaun sind.“
„Drei Engel“, korrigiert mich Raven.
„Was?“ Ich starre sie an.
„Da ist diese Rothaarige und zwei Begleiter. Die springen aber immer wieder in unterschiedliche Körper“, sagt sie.
Ich atme tief durch. Drei Engel. So ein Scheißdreck. Die können uns mit einem Fingerschnipsen von der Erde fegen.
„Wir müssen ja nur den Zaun öffnen und die Geister durchlassen“, sagt Jo.
„Nein“, sage ich. „Du glaubst doch nicht, dass der und seine Freunde einen Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten machen.“ Als hätte er mich verstanden, brummt der Bär und sieht mich an. Er leckt sich über seine Zähne. Ich fühle mich wie ein besonders leckerer Cheeseburger. „Das sind Naturgeister. Die denken nicht wie Menschen, wenn sie angreifen, zerreißen sie dort alles, was lebendig ist.“
„Na ja, manchmal muss halt…“ Jo zuckt mit den Schultern. „Wir können ja versuchen, die Zivilisten da raus zu holen. Die Soldaten haben’s verdient.“
Ich hebe ein bisschen die Oberlippe. „Haben sie? Kannst du sie ansehen und entscheiden, ob sie Psychopathen sind wie mein Vater oder einfach nur Typen, die in einer dummen Situation stecken? Kannst du entscheiden, wer gut und wer böse ist?“
„Wir sind die Guten“, sagt sie.
Ich muss für einen Augenblick wegsehen. Ich weiß, dass sie dieses Selbstbild nicht für immer behalten können wird. Nicht nach solchen Aktionen, wenn man sieht, was die eigene Entscheidung angerichtet hat. Ich bin mit Sicherheit keiner von „den Guten“.
„Nein“, sage ich. „Wir lassen keinen Haufen Zivilisten als Kollateralschaden über die Klinge springen.“
„Und was können wir dann tun?“ fragt Ben.
„Wir müssen sie irgendwie rausholen, bevor die Geister zuschlagen“, sage ich. „Zivilisten, Soldaten, so viele wie möglich. Ich werde mit den Soldaten reden und vielleicht können deine Söhne helfen.“ Dabei schaue ich Raven an. „Und für die Engel…“ Für die Engel muss ich jemanden rufen. Die letzte Person, mit der ich sprechen will. Aber es gibt niemand anderen, der mir helfen könnte.
„Was soll ich jetzt tun?“ fragt plötzlich Lea. Sie steht ganz ruhig da, aber ihre Augen sind groß und leer. Tot.
Ein weiteres Grollen von Bär überbricht unsere Diskussion. Er will nicht weiter warten.
Aiden sagt: „Lea muss sich ein Fell umlegen, sie muss rohes Fleisch verzehren und durch ihr Heulen die Wölfe zu sich bringen. Und am besten bekommen sie und Bär noch ein Opfer, damit sie stärker werden…“ Er schaut Bär an, der kurz sein Maul aufklappt und mich hungrig anschaut.
Aber Aiden zieht wieder sein Messer und schneidet sich in seinen Arm. Blut rinnt auf die Erde vor Bärs Schnauze und das riesige Tier leckt es hungrig auf. Dann schüttelt er sich und brummt zufrieden.
Irgendwie wirkt er noch größer als vorher.

Während Aiden sich um frisches Wild für Lea kümmert, spreche ich mit Ravens Söhnen. Sie sind keine große Hilfe. Sie wollen nicht mehr zurück zu Baustelle und sie wollen nicht helfen, mit den Zivilisten zu reden. Gut, dann muss ich das alleine schaffen.

Auf dem Ritualplatz zieht sich Lea aus. Sie macht das völlig unberührt, als wäre nichts dabei, sich vor einer Gruppe Fremder zu entblößen. Es wirkt nicht im Geringsten sexuell, im Gegenteil, aber trotzdem fühle ich mich schmutzig, wenn ich sie ansehe.
Sie legt sich ein Hasenfell um die Schultern und reißt mit Zähnen und einem kleinen Messer Fleischstriemen von dem blutigen Kadaver, genauso unberührt wie sie sich ausgezogen hat. Als würde sie das jeden Tag machen.
Dann legt sie ihren Kopf in den Nacken und stößt ein tiefes Geheul aus. Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf. Nach und nach fallen andere Stimmen in ihr Geheul ein. Graue Schatten bewegen sich zwischen den Bäumen. Gelbe Augen reflektieren das Licht.
Bär grollt eine Begrüßung, tief wie ein Erdbeben, und dann ist Lea umringt von Wölfen, riesigen Biestern, die wie eine Meute begeisterter Hunde um sie herumspringen und versuchen, das Blut von ihrem Mund zu lecken.
Ganz unberührt hebt Lea das kleine Messer und schlitzt sich den Arm auf, tief und entlang der Adern. Rot sprudelt ihren Arm herunter, bespritzt die Wölfe, die es gierig japsend mit ihren Mäulern fangen.
Lea schwankt, aber ehe sie fallen kann, ist Aiden bei ihr und hilft ihr auf den Boden. Die Wölfe drängen näher, aber er wehrt sie ab und sie greifen nicht an. Hat wohl seinen Vorteil, zu Bär zu gehören.
Aiden versorgt die Wunde an ihrem Arm. Gut sieht sie nicht aus, aber ich denke, dass Lea daran nicht sterben wird.
Jedenfalls nicht ihr Körper.

Jetzt muss ich ran und etwas tun, was ich auf keinen Fall tun wollte. „Erinnert ihr euch an A.C.? Den Typen aus Harlan und Billings? Der ist auch ein Engel. Ich kenne seinen Namen. Ich kann ihn rufen. Ich vermute, er und Sally stehen nicht auf der gleichen Seite“, sage ich.
Jo schaut mich skeptisch an. „Woher weißt du das?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Er ist ein Joker. Vielleicht hilft er uns. Vielleicht arbeitet er mit Sally zusammen und wir sind hin. Die Sache ist, dass wir nicht mit drei Engeln fertig werden. Selathiel ist ein Erzengel, wer weiß, was die alles draufhat.“
„Dann machen wir das“, sagt Aiden. „Sonst fällt mir nichts ein.“
Ich nicke. Eigentlich habe ich keine Ahnung, wie ich A.C. kontaktiere. Ich setze mich auf einen Baumstumpf und konzentriere mich auf mein Inneres. Wie so ein Meditationsscheiß. Ich fühle mich total lächerlich. Aber ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Inneren etwas Schmerzhaftes, Heißes berühre und ich sage: „Aziraphel… Scheiße, wir brauchen deine Hilfe.“
Motorgeräusche. Ich öffne meine Augen und tatsächlich fährt A.C.s Wagen vor
Er steigt aus. Hat immer noch diesen bescheuerten Hut.
„Cal“, sagt er. „Ich hoffe, es ist wichtig. Ich komme nicht immer gleich gesprungen, wenn einer von meinen Dienern was von mir will.“
„Diener?“ höre ich Jo leise sagen.
Ich grinse. Oder ich fletsche meine Zähne. Oder eine Mischung aus beidem. „Ich hätte dich nicht gerufen, wenn es nicht wichtig wäre. Hier gibt es ein Höllentor, ein verdammt großes Höllentor, das gesprengt werden soll. Und Selathiel ist hier. Glaube nicht, dass die aus der Güte ihres Herzens das Tor schließen will.“
A.C. schluckt und sieht sich um. „Selathiel ist hier? Wirklich? Verdammt noch mal…“ Dann sieht er mich wieder an und runzelt die Stirn. „Sicher, dass es ein Höllentor ist und kein Nephilimtor?“
Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung. Bisher hieß es immer ‚Höllentor’. Warum?“
„Kurzfassung: Selathiel will die Apokalypse auslösen. Und weil das mit Luzifer nicht geklappt hat, will sie seine Busenfreunde befreien, die anderen gefallenen Engel. Belial, Baphomet, Moloch, Astarte und Asmodeus. So weit ich weiß, wollte sie schon mal jemand befreien und es hat nicht geklappt.“ Keiner von uns sagt etwas. In Crossroads muss es auch so ein Tor gegeben haben, ein Tor, das wir unter einen Stausee begraben haben. Zusammen mit der Stadt. A.C. fährt fort: „Und dann gibt es eine Apokalypse. Es kann sein, dass es sich um ein Höllentor und ein Nephilimtor handelt und dann… Nun, ich will keine Apokalypse. Ihr?“
Ich fahre mir mit dem Daumen über die Stirn. „Okay. Kannst du Selathiel ausschalten? Ihr seid doch beide Erzengel?“
A.C. lacht. „Danke, aber ich bin kein Erzengel. Mit ihr werde ich nicht fertig.“
„Mit ihr und ihren beiden Gefährten“, sage ich.
„Drei Engel…“ Er schüttelt seinen Kopf. „Das wird ja immer besser.“
„Was ist mit der Blutrune?“ fragt Jo.
A.C. zieht eine Augenbraue hoch. „Gut mitgedacht, Mädchen. Diese Rune kennen nicht viele. Damit könntet ihr die beiden Engel loswerden, aber nicht Selathiel. Ein Erzengel ist zu stark für so ein Spielzeug.“
Als sie unsere Blicke bemerkt, sagt Jo: „Das habe ich in einem Buch gelesen. Man zeichnet eine bestimmte Rune…“ Sie zieht ein Stück Papier aus ihrer Tasche und zeigt uns das Symbol darauf. „…mit Blut und aktiviert sie, indem man die Hand darauf legt. Dann werden Engel in der Nähe verbannt.“
Hm. Gut zu wissen, falls ich A.C. mal schnell loswerden will.
„Aber löst das Ding nicht aus, wenn ich in der Nähe bin“, sagt A.C. „Sonst bin ich auch weg.“ Er schiebt seinen Hut etwas zurück und lächelt Jo an. „Du hast nicht zufällig Lust, mit mir in den Himmel zu kommen und mir bei der Recherche zu helfen?“
Jo hebt ihre Hände. „Ähm, danke für das Angebot, aber wir haben hier noch einiges zu tun…“
A.C. tippt sich an den Hut. „Wie du willst. Aber das Angebot steht. Also, falls du jemals mit mir einen Handel eingehen willst und in den Himmel…“
Es ist nicht zu glauben, Jo sieht tatsächlich interessiert aus.
„Wir haben jetzt wichtigere Probleme“, sage ich sehr laut und habe wohl schon wieder meine Zähne gefletscht, denn Jo schaut ein bisschen verschreckt. Ich zwinge mich, ruhiger zu sagen: „Wir haben etwas Hilfe. Eine Menge Naturgeister wartet darauf, das Tor zu stürmen und es zu versiegeln. Mit dem Blut aller, die sich dort herumtreiben.“
„Klingt doch vernünftig“, sagt A.C. „Ich könnte sicher Sally so lange beschäftigen, bis ihr den Kreis gebrochen habt.“
„Da sind Unschuldige drin“, sage ich. „Die werden nicht geopfert.“
Er verdreht die Augen. „Ach, immer diese menschlichen Sensibilitäten. Aber deshalb mag ich euch ja.“
„Wir müssen die Zivilisten da raus zu holen, bevor die Geister zuschlagen“, sage ich. „Wir können die nicht einfach sterben lassen.“
„Mach nur so weiter, dann wirst du noch ein Heiliger und dein Seele noch nützlicher für mich“, sagt A.C. und grinst.
Ich ein Heiliger. So weit kommt es noch.
„Seele?“ sagt Jo und starrt mich an. Sie starren mich alle an.
„Ach“, sagt A.C. „Du hast ihnen nichts von unserem Handel erzählt?“ Er schüttelt seinen Kopf. „Also wirklich.“
„Das ist jetzt egal“, knurre ich. „Wir haben wirklich Wichtigeres zu tun.“
„Bitte… Ich kann Sally nur etwa zehn Minuten beschäftigen und in der Zeit…“ Er verstummt abrupt und schaut in den Wald. „Und wo, bitte, kommen die ganzen Dämonen her?“
„Dämonen?“ Wir alle folgen seinem Blick.
„Da ist auf einmal eine große Gruppe Dämonen aufgetaucht, die in Richtung des Tores läuft“, sagt A.C.
„Keine Ahnung“, sage ich. „Aber vielleicht haben wir ähnlich Interessen.“
„Mit Dämonen? Mit denen sollen wir zusammenarbeiten?“ sagt Aiden.
„Macht mir auch keinen Spaß, aber sie sind nun mal da. Wenn sie uns helfen können, müssen wir es wenigstens versuchen“, sage ich.
Aiden schüttelt seinen Kopf, sagt aber nichts mehr.
„Okay“, sage ich. „Ich rede mit meinem Vater und versuche, so viele wie möglich dazu zu bringen, abzuhauen.“
„Ich komme mit“, sagt Ben und stellt sich neben mich. Ganz egoistisch zuckt kurze Freude durch mich. Klar will ich, dass er in Sicherheit ist, aber wenn ich in die Höhle des Löwen gehe, dann am liebsten mit meinem Sohn.
Sohn. Hört sich immer noch komisch an.
„Dann gehen wir zu den Dämonen“, sagt Jo und ignoriert Aidens finstere Miene.
„Ja, dann macht das“, sagt A.C. „Ich gehe Hilfe holen und beschäftige die gute Sally für einen Augenblick.“

Ich lege alle meine Waffen ab, bevor ich zur Baustelle gehe. Seltsam nackt fühlt sich das an. Aber wenn man unbewaffnet in ein Militärcamp geht, wissen die Jungs, dass man es mit dem Reden ernst meint. Dann knallen sie einen nicht sofort ab.
Sofort fangen uns zwei Soldaten ab und bringen uns in das Zentrum des Kreises. Mein Vater steht dort mit Caulder und Matthew. Scheiße, ich hoffe, ich kann den Jungen da irgendwie rausbringen.
Den Jungen. Meinen kleinen Bruder.
Scheiße.
„Was willst du denn schon wieder?“ fragt mein Vater. „Ich habe gerade keine Zeit für dich.“
„Wo sind die Engel?“ frage ich.
Sein Gesicht zuckt kurz. „Sie werden da sein, wenn wir sie brauchen.“
„Du kannst ihnen nicht vertrauen“, sage ich und spreche laut genug, damit auch alle um ihn herum mich verstehen können. „Selathiel will das Tor nicht schließen. Sie will einen gefallenen Engel befreien. Sie will die Apokalypse auslösen.“
Der General schüttelt seinen Kopf und lacht. „Die Apokalypse.“ Er legt eine Hand auf seine Brust. „Wie dramatisch. Etwas Besseres ist euch nicht eingefallen?“
Ich stecke mir eine Zigarette an. „Kannst du das riskieren? Sterben? Den töten und den und den…“ Ich zeige mit der glühenden Spitze auf die Soldaten und die Zivilisten. „Nur weil du mich hasst, Dad?“
Sein Gesicht wird hart. „Hör auf mit den Spielchen, Caleb. Du bist und bleibst ein Verlierer. Und nenne mich gefälligst Vater.“
„Wir haben selbst einen Engel auf unserer Seite, der weiß, was Selathiel vorhat“, sagt Ben und ich zucke innerlich zusammen, als mein Vater seine Aufmerksamkeit auf ihn richtet.
„Und wo ist der plötzlich hergekommen? Nein, so einfach könnt ihr mich nicht gegen Selathiel aufbringen.“ Der General sieht zu seinen Männern hinüber. In den Gesichtern von einigen spiegelt sich Zweifel.
„Außerhalb dieses Zaunes versammeln sich Naturgeister, Wölfe, Bären und jetzt sind auch noch Dämonen aufgetaucht. Die wollen jeden hier umbringen. Die sind nicht einfach so hierher gekommen. Die wissen, dass hier was Schlechtes abläuft.“ Ich schaue nur ihn an, aber ich weiß, dass die Soldaten alle zuhören.
„Das reicht jetzt“, sagt der General und wirft mir diesen Blick zu, den er so gut kann, diesen Blick, der sagt „Du bist nichts, weniger als eine Kakerlake, und du kannst froh sein, dass ich dich nicht sofort zertrete.“ Er machte eine kurze Handbewegung. „Du warst schon immer ein schlechter Lügner und du bist nicht besser geworden. Bringt sie weg, zu den Zivilisten.“
Matthew nickt und begleitet uns. Keiner der anderen Soldaten rührt sich. Scheiße. Na ja, ich war noch nie ein besonders guter Redner.
„Matthew“, sage ich, als wir ein Stück weg sind. „Jetzt ist der Zeitpunkt, dass du das Richtige tun musst. Hilf uns, die Zivilisten wegzubringen. Die werden hier zerfetzt.“
Er schaut mich an. Ich weiß nicht, ob Schmerz in seinen Augen liegt oder ob ich mir das nur einbilde.
„Nein“, sagt er. Dann nimmt er die Pistole aus seinem Schulterholster und gibt sie mir. „Ich kann nicht. Ich muss bei meinen Kameraden bleiben. Mein Vater…“
„Du schuldest ihm gar nichts“, sage ich.
Er sieht weg. „Trotzdem kann ich die anderen nicht im Stich lassen. Los, ihr habt nicht viel Zeit.“
Ich würde ihn am liebsten Schütteln und anschreien. Ben berührt mich am Arm und zwingt mich, ihn anzusehen. „Gehen wir“, sagt er.
Ich werfe Matthew noch einen Blick zu, aber er dreht sich um und geht. Mein Blick wandert weiter zur Mitte des Tores, wo mein Vater steht und beginnt, das Ritual durchzuführen. Die Sprengladungen sind um ihn herum angebracht. So oder so wird er es nicht überleben.
Ich könnte schießen, jetzt, und das Ritual verhindern. Meinen Vater endlich töten.
Aber ich kann nicht. Angst, Moral, Dummheit, was weiß denn ich. Ich drehe mich und renne hinter Ben her.
Die Bewohner von Oak Creek wurden in einem Container untergebracht. Ich stelle mir vor, wie der Bär den Container wie eine Sardinendose aufschlitzt und schüttele den Kopf.
Ich habe gerade den Container geöffnet, da bricht die Hölle los. Wölfe fliegen über den Zaun, überall Knurren und Heulen. Irgendwo zerbricht der Zaun und Bär brüllt, tief genug, um die Erde zu erschüttern.
Schwarzäugige Menschen greifen die Soldaten an. Schüsse, Schreie, Blut. Krieg von seiner hässlichsten Seite. Mitten im Chaos sehe ich eine hübsche, dunkelhaarige Frau, die mich aus ihren schwarzen Augen anstarrt. Ihr Mund scheint sich zu bewegen, als wolle sie etwas zu mir sagen. Scheiße. Ich muss jetzt nicht noch wegen der bescheuerten Rune auf meiner Seele von Dämonen angefallen werden.
Ich treibe die Zivilisten an, so schnell wie möglich zum Zaun zu kommen. Es sind vor allem Männer, einige Frauen. Alle in Panik. Nicht jeder wird die Nacht unbeschadet überstehen, geistig oder körperlich.
Der Zaun lässt sich schnell durchschneiden und die Gruppe hinausbringen. Wir kommen ein Stück weit die Straße hinunter, als es ohrenbetäubend donnert. Die Erde bebt. Feuer und Rauch steigen auf. Für einen panischen Augenblick glaube ich, das Tor wäre auf. Aber es war nur die Sprengung.
Nur. Ich habe ein beschissenes Gefühl im Magen.
„Ben“, sage ich. „Nimm die Leute und sichere ein Haus. Salz und so. Du kennst das ja.“ Ich muss ihm das nicht sagen. Er hat genug drauf, ich kann ihm vertrauen. „Ich suche Jo und Aiden.“
„Alles klar“, sagt er. „Pass auf dich auf.“

Noch vor der Baustelle treffe ich auf Jo und Aiden. Sie sehen richtig scheiße aus. Schusswunden, Kratzer. Sie stützen sich gegenseitig. „Alles klar?“ frage ich. Was für eine bescheuerte Frage.
Jo streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Nichts Lebensbedrohliches.“
„Aber dein Vater…“, sagt Aiden. „A.C. hatte recht. Sally wollte den Engel unter dem Tor befreien. Es hat geklappt. Baphomet ist da raus. Er hat ein paar Dämonen zerrissen und ist dann verschwunden. Und er hat sich deinen Vater als Gefäß ausgesucht.“
Ich lache rau. „War vielleicht eine Verbesserung.“ Mein Vater als Bringer der Apokalypse. Eindeutiger Beweis, dass es einen Gott gibt und der Spaß daran hat, uns Menschen so richtig reinzureiten.
„Ben ist in die Richtung weg“, sage ich. „Folgt ihm. Ich muss Matthew suchen.“
„Wir helfen…“ setzt Jo an, aber ich wische ihren Einwand zur Seite. „Seht euch an. Ihr braucht Ruhe. Ich schaffe das schon. Das Schlimmste dürfte vorbei sein.“
Sie atmet tief durch und humpelt dann zusammen mit Aiden weiter.

Ich finde Matthew halb begraben unter einem Stück Trümmer. Seine Seite ist von Krallen aufgerissen. Er ist totenbleich, aber er atmet. Schwach. Ich stemme den Stein zur Seite und nehme seine schlaffe Gestalt auf den Rücken. Blut sickert durch meine Jacke auf meine Haut.
Ich weiß, dass er nicht der Einzige ist, der Hilfe braucht. Es ist nicht der Einzige, der halb zerfetzt oder verbrannt wurde.
Es ist jedes Mal bitter, aber man kann nicht jeden retten. Noch bitterer, wie schnell ich diese Erklärung runterschlucke.

Aiden und Jo sind schon in den Autos untergebracht.
„Sind die Leute in Sicherheit?“ frage ich Ben.
„So sicher, wie sie sein können“, sagt er.
Wir schauen uns an. Ja, wir müssten bei ihnen bleiben, bis alles endgültig vorbei ist und der letzte Wolf und Dämon weg sind. Aber wir haben drei schwer Verwundete, die ohne unsere Hilfe keine weitere Stunde durchstehen.
Also fahren wir zum Krankenhaus.

Matt ist am schlimmsten dran. Aiden und Jo werden zusammengeflickt und wie immer unter Protest der Ärzte und freiwillig gehen gelassen.
Es ist sonnig in Steamboat Springs, so ein Wetter, zu dem Vögel singen und Kinder draußen spielen. Alles viel zu schön für die Ereignisse der letzten zwei Tage.
Wir setzen uns ein Stück vom Krankenhaus entfernt in den Außenbereich eines Dinners.
„So, jetzt müssen wir mal reden“, sagt Jo und ich verziehe unwillkürlich mein Gesicht. Das war ja klar. Aber dann dreht sie sich zu Aiden und sagt: „Was war das eigentlich mit diesem Falken? Der, der mit den Dämonen geflogen ist und sie vor den Tiergeistern beschützt hat? Du kanntest den doch!“
Aiden schaut auf den Boden. „Das ist meine Mutter.“
„Deine Mutter?“ Jo blinzelt.
„Sie… sie kommt manchmal vorbei und spricht mit mir. Hilft mir. Im Gefängnis ist sie auch zu mir gekommen und hat mit Thomas geredet. Ich weiß nicht, was sie ist. Ich dachte immer, dass sie ein Geist ist, aber was sie mit diesen Dämonen zu tun hat…“ Er schüttelt seinen Kopf. „Keine Ahnung.“
Jo nimmt seine Hand, drückt sie und sagt: „Wir finden es schon raus.“
„Und was ist mit dir und A.C.? Hast du ihm wirklich deine Seele verkauft?“ sagt sie plötzlich. Sie sieht wütend aus. Ist ja auch nicht ganz ungerechtfertigt.
„Ich muss was für ihn tun. Mache ich das nicht, bekommt er meine Seele“, sage ich. Scheiße. Ich wollte sie aus der ganzen Sache doch raushalten. Kein himmlischer Bürgerkrieg für Jo, Aiden und Ben.
„Warum?“ fragt Aiden. „Wie konntest du deine Seele verkaufen?“
„Ich hatte keine Wahl“, sage ich, die Zähne leicht zusammengebissen.
„Man hat immer eine Wahl“, sagt Jo.
„Schön wär’s.“ Ich zünde mir eine Zigarette an. Leider reicht das nicht, um sie von ihren Fragen abzulenken. Ich atme den Rauch ein und aus und sage: „In Billings, bei der Sache mit dem Speer… Da war auch eine Frau, Sofia, die Tochter eines, meines…“ Ich zögere und zucke mit den Schultern. „Ihr Vater war auch für mich auch so was wie ein Vater. Er hat mir geholfen, nachdem ich von meinem echten Vater weg bin. Geister haben ihn angegriffen, Geister, deren Knochen schon zerfallen sind. Der Speer wäre die einzige Möglichkeit gewesen.“
„Es hätte immer eine andere Möglichkeit gegeben.“ Jo beugt sich über den halben Tisch. „Wir hätten eine Möglichkeit gefunden, gemeinsam.“
„Welche denn?“ sage ich. „Er wäre innerhalb eines Tages tot gewesen. Bär wollte das Ding und hätte sicher nicht gewartet, bis ich gerade mal nach New York reise und einem alten Mann helfe. Ich konnte nur zu A.C. oder einen noch fieseren Deal machen.“
„Irgendwas hätte man sicher machen können“, sagt Jo, aber leiser. Und Aiden sagt: „Also hast du das für… Ohne dich wäre…“ Dann verschränkt er die Arme und lehnt sich zurück.
Dann sagt für eine Weile keiner etwas. Warum hat Ben dazu nichts gesagt? Ich will es gar nicht wissen.
Ein Auto hält auf dem Parkplatz des Dinners. Als hätte er unser Gespräch gerade mitbekommen, steigt A.C. aus und kommt auf uns zu.
„Na“, sagt er. „Das hat ja nicht so gut funktioniert.“
Da ich keine Lust habe, mich mit ihm über „menschliche Gefühlsduseligkeit“ zu unterhalten, frage ich: „Und wie werden wir Baphomet wieder los?“
Er schiebt seinen Hut in den Nacken. „Ich weiß es nicht. Es gab eine Kette, die ihn in der Grube festgehalten hat, aber die wird nicht mehr dort sein. Aber wie man ihn tötet…“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich muss hoch und weiter nachforschen. Und wir müssen Sally daran hindern, noch mehr Gefallene zu befreien. Noch ist es nur einer…“ Er schaut Aiden an. „Ihr habt doch einen Draht zu den Naturgeistern. Schaut mal, ob die helfen können. Mehr kann man im Augenblick nicht tun.“
„Wo schon mal alle Karten auf dem Tisch sind“, sage ich. „Was willst du eigentlich? Sally will die Apokalypse und alle Menschen töten, aber du?“
Er grinst. „Ich will die Apokalypse verhindern. Und der neue himmlische Herrscher werden, nachdem die letzten eher weniger Erfolg hatten und Gott weg ist. Aber keine Angst, ich finde euch Menschen ja ganz knuffig, ich will euch nicht umbringen.“
Aiden schnaubt. „Toll, jetzt muss man sich schon freuen, weil man ‚ganz knuffig’ ist.“
„Immerhin besser, als wenn man euch für Ungeziefer hält. Wie es Sally tut“, sagt A.C. Er schaut mich an: „Na gut, mach du deinen Teil und halte mich auf dem Laufenden.“
Ich nicke. Ich vertraue ihm nicht weiter, als ich ihn werfen kann, scheint aber so, als hätten für den Moment die gleichen Ziele.

Matt liegt noch im Krankenhausbett, eine Infusionsnadel im Arm. Er sieht blass aus und verloren.
„Wie geht’s?“ frage ich.
Er macht eine schwache Bewegung und sinkt dann zurück ins Bett. „Könnte besser sein. Aber auch schlimmer.“
„Was hast du jetzt vor?“ sage ich und meine eigentlich: „Jetzt bist du frei.“
„Ich muss zurück ins Basislager. Wenn das ist wie bei Dämonen, dann weiß Baphomet, wo wir uns aufhalten. Wir müssen weiterziehen.“ Er zerknäult und glättet die Bettdecke zwischen seinen Fingern.
„Du kannst gehen, wohin du willst. Was schuldest du ihnen?“ sage ich.
„Es sind immer noch meine Kameraden“, sagt er. „Egal, was mit Vater ist…“
„Geh einfach. Ich bin weg, als ich sechzehn war“, sage ich.
Er nickt. „Mein anderer Bruder, er ist zum Militär, sobald er konnte und er wollte, dass ich auch gehe. Aber da war noch Agnes, meine Schwester, und Mutter. Ich konnte sie schlecht alleine lassen.“ Er schaut auf die Decke zwischen seinen Fingern. Ich weiß genau, was ihn diese Entscheidung gekostet hat. Trotzdem verstehe ich sie.
„Meine Mutter hat sich umgebracht“, sage ich. „Wegen ihm.“
„Ich weiß. Er hat manchmal darüber geredet“, sagt Matt und sein Tonfall macht klar, dass mein Vater nichts Gutes dazu zu sagen hatte. Wut flammt in meinem Bauch auf.
Matt spreizt seine Hände und legt sie flach vor sich. „Jetzt wo Vater weg ist, brauchen wir einen neuen Anführer“, sagt er. „Du hast doch Anführerqualitäten bewiesen, da unten. Willst du nicht die Truppe übernehmen?“
Ich mache automatisch einen Schritt rückwärts. Anführerqualitäten. Ich. Der manchmal wochenlang mit niemandem auch nur ein Wort gewechselt hat.
Mir liegt das ‚Nein’ schon auf der Zunge, aber vielleicht… Nicht, dass ich ein besonders guter Anführer wäre. Aber was ist die Alternative? Der fieseste Drecksack aus dem Stall meines Vaters übernimmt eine paramilitärische Einheit?
„Ich denke drüber nach“, sage ich. „Ich komme aber vorbei und schaue, wie ich helfen kann. Okay?“
„Klar“, sagt Matt, aber ich habe den Verdacht, dass er die Ablehnung in meinem Gesicht erkannt hat.
Verdammt noch mal. General Fisher. Ha.

Als ich zu den anderen zurückkomme, sagt Aiden: „Ich will zum Grab meines Vaters fahren. Kommst du mit?“
„Ich habe Matt versprochen, bei den Militärs zu helfen“, sage ich.
„Hat das nicht einen halben Tag Zeit?“ fragt er.
Na gut. Warum auch immer ihm das so wichtig ist.

Im Auto gibt er mir eine Stange Zigaretten. Ich starre sie an und frage: „Wofür soll das denn sein?“
„Nimm’s einfach. Alkohol würde ich dir halt keinen kaufen“, sagt er.
Keine Ahnung, was er von mir will. Kann nur Bestechung sein.
Wir fahren los und nach einer Weile sagt er: „Das ist, weil… Du hättest den Speer auch einfach nehmen können. Du hast mir das Leben gerettet und dabei auch noch deine Seele verkauft.“
Ich schaue aus dem Fenster. „Das war nur meine Entscheidung.“
„Nein, wirklich.“ Er umklammert das Lenkrad. „Du bis immer für uns da und hilfst uns. Und, na ja, da wollte ich danke sagen oder so.“
„Jetzt hör aber mal auf, auf die Tränendrüse zu drücken“, sage ich. Aiden ist echt ein größeres Mädchen als Jo.
Glücklicherweise kommen wir beim Friedhof an und er hat keine Gelegenheit, sich noch mal zu bedanken. Vor dem Grabstein bleiben wir stehen. Ich verzichte darauf, Whiskey auf Quentins Grab zu vergießen. Nicht nur, weil ich keinen dabei habe.
„Sag mal“, mein Aiden. „Bin ich meinem Vater ähnlich?“
Ich streiche mir mit dem Daumen über die Stirn. Ist ja nicht so, als hätte ich mich das nicht auch mal gefragt, zu meinem Vater, und Angst vor der Antwort gehabt.
„Ihr denkt beide nicht nach“, sage ich. „Ihr fühlt Kram und dann tut ihr was. Folgt euren Emotionen und so. Ich weiß nicht, ob das schlecht ist.“
Er nickt und wir stehen schweigend vor dem Grab. Und dann, ganz unvermittelt, sagt er: „Ich habe Jo betrogen.“

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Nocturama

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