Mädchenkram - Supernatural

Das Goldene Vlies

Helena, Montana. So klein und schon Hauptstadt. 30.000 Einwohner. Shrewsbury hat mehr als doppelt so viele. Billings hat etwa 150.000. Helena also. Eine Stadt, die von Wanderern, unzähligen Yoga-Retreats und ihrer Kulturbeflissenheit lebt.

Ein Museum, an dem ich erst einmal vorbeigefahren bin, weil ich es für eine Schule hielt. Hier sollte eigentlich das Goldene Vlies ausgestellt werden. Das echte, angeblich. Nach allem, was ich erfahren habe, gehörte es einer griechischen Mäzenin, die hier heimisch geworden ist. Verständlich. Die Stadt ist einfach niedlich. Theoretisch gehört es der Frau auch immer noch, also, sie ist die Eigentümerin, aber die Besitzverhältnisse sind derzeit, sagen wir, ungeklärt.
In der Außenwand des Museums prangt auf Höhe des ersten Stocks ein übermannshohes Loch. Die eiserne Skulptur eines Büffelschädels wurde gewaltsam beiseite geräumt, beschädigt und liegt jetzt seitlich verdreht in der Gegend wie ein Mahnmal für die zahllosen edlen Tiere, die von den weißen Siedlern ausgerottet wurden. Wahrscheinlich auch von meinen Vorfahren. Worauf haben wir jemals nicht geschossen?

Die Gerüchteküche brodelt wild. Von einem schlauen Einbruch ist hier die Rede, dort von einem brutalen Überfall, den mehrere Räuber mit einem Bulldozer begangen haben sollen. Ein Wachmann kam dabei zu Tode. Soviel stimmt.

Eigentlich wollte ich ganz die brave Touristin bleiben, mir das Vlies einmal ansehen und, hätte ich die Hoffnung gehabt, dass es wirklich das legendäre Original ist, Kontakt zu der Griechin aufnehmen, um zu eruieren, ob sie es denn verkaufen würde. Die Umstände lassen mich meine Meinung ändern. Ich begebe mich gleich in die Rolle der Versicherungsdetektivin und hoffe, dass hier noch kein echtes Exemplar dieser Spezies aufgekreuzt ist. Dem Polizisten nach zu urteilen, der vor dem Museum Wache schiebt, bin ich die erste. Zumindest schöpft er nicht erkennbar Verdacht.
Ich bin gerade dabei, den Uniformierten zu bezirzen, und stelle fest, dass ich automatisch Worte wähle, die von Charles kommen könnten, als der Blick des Polizisten an mir vorbei wandert und an einer Person hängenbleibt, die in höflichem Abstand darauf gewartet hat, bemerkt zu werden. Er musste nicht lange warten. Sein blendendes Aussehen sichert ihm überall die Aufmerksamkeit seiner Umwelt. Zwanzig Jahre älter, ein paar graue Schläfen, und er würde mir den Atem rauben. So ist er einfach nur eine Augenweide. Mein Special Agent.
Ich ertappe mich bei einem Strahlen, obwohl ich befürchte, dass er mich gleich wieder auffliegen lässt und mir eine Standpauke hält, weil ich ihm in seine Ermittlungen pfusche.
Doch er ist gnädig und nimmt mich ohne Umschweife mit zum Tatort.

Die Verteilung des Absperrbandes ist… kreativ. Oder sparsam. Man hat praktisch die offensichtlichsten Spuren eingekreist und alles andere freigelassen. Nicht einmal der Eingang zum Museum wurde blockiert. Special Agent Jonathan Saitou wäre nicht der Profi, der er ist, wenn er seinen Unmut deutlich zur Schau tragen würde. Doch sein zwischen dem Museum und dem müllcontainergroßen Schädel hin und her schnellender Blick gibt mir genug Aufschluss darüber, dass er keinen der hiesigen Gesetzeshüter für eine Beförderung vorschlagen würde. An der Stelle, wo der Eisenschädel gelandet ist, trampeln ein paar Handwerker herum, die das Konstrukt lieber heute als morgen an seinen ursprünglichen Platz zurückschaffen wollen. Jonathan bemüht sich mit mäßigem Erfolg, ihnen beizubringen, dass das der Spurensicherung nicht förderlich ist.

Eine rostrote Schleifspur, die vom Ausstellungsort wegführt, sticht ins Auge. Bedrückt teilen uns die Arbeiter mit, dass es sich dabei vermutlich um das Blut – und mehr – von Joe, dem toten Museumswächter handelt. Seine Leiche ist ca. 100m vom Museum entfernt aufgefunden worden. Unvollständig. Sie soll regelrecht auseinandergerissen worden sein und, nun, Teile von ihm fehlen.

Bevor wir genaueres über die Art der Verletzungen in Erfahrung bringen können, erweckt eine junge Frau unsere Aufmerksamkeit, die sich schamlos am Absperrband vorbeimogelt und das gleiche Problem hat wie Agent Saitou. Sie ist zu hübsch, um heimlich zu sein. Höflich, aber bestimmt weist der Fed sie darauf hin, dass sie mitten in einem Tatort steht. Ihr gespieltes Erstaunen ist herzallerliebst anzusehen, hat aber nicht ganz den gewünschten Erfolg. Jonathan will sie trotzdem vom Rasen haben.
Als hätte jemand alle eingeladen, doch mal dem FBI ein bißchen auf die Nerven zu gehen, fährt just zu diesem Zeitpunkt ein Pickup vor, den ich zu kennen glaube. Und tatsächlich springt mein junger Freund Ethan aus dem Wagen. Ethan Gale. (Man muss sich nur ein paarmal von jemandem das Leben retten lassen, und schon erfährt man seinen Familiennamen.) Ich winke ihn herbei. Er lächelt, zwar ein bißchen verhalten, aber immerhin ein echtes Lächeln, zögert aber, als er meinen Begleiter sieht. Na, komm schon Ethan. Zier dich nicht so. Ihr zwei habt schon Seite an Seite gekämpft, und du siehst doch, dass ich auch nicht in Handschellen hier stehe.
Schulterzuckend folgt er meinem Wink.
Offenbar habe ich es mit der Einladung übertrieben. Ich würde Ethan gerne als Sicherheitselektroniker “meiner Versicherung” ausgeben, damit er uns bei den Nachforschungen unterstützen kann, doch Agent Saitou wird merklich kühler und nörgelt herum, dass er hier sinnvolle Ermittlungen führen will, auch wenn die junge Dame, die sich als Chloe Bush vorstellt, interessante Hilfe anbietet. Sie sei Journalistin und folge einer Spur von Geldwäsche im großen Stil, die mittels gefälschter Kunstwerke betrieben würde. Ich finde das spannend und schlage daher vor, dass Ethan, der abwehrend die Hände gehoben hat und vor dem FBI-Mann gleich wieder den Rückzug antritt, sie doch über diese Sache aushorchen könnte, während Jonathan und ich den übrigen Spuren folgen. Der Junge wirkt zwar von der Aussicht, mal die Zähne auseinanderzunehmen, leicht überfordert, aber auch erleichtert, dass er schnell wieder aus der Reichweite der Bundesbehörden kommt.

Nachdem die beiden brav abgezogen sind, sehen wir uns an, ob dieser Schädel von einer Maschine entfernt worden ist, finden aber keine Hinweise darauf, dass hier ein entsprechend großes Gefährt war. Auch wie die Wand des Museums demoliert worden sein könnte, ist eher rätselhaft. Dem Geröll nach zu urteilen, hat etwas einen Teil der Mauer von außen herausgerissen. Von dem Loch aus führt eine Spur der Verwüstung über mehrere Gärten aus der Stadt. Auf bis zu vier Metern Höhe sind Äste von Bäumen gerissen, mehrere Fenster der zugehörigen Häuser eingeschlagen, ein paar Zäune umgedrückt und Blumenrabatten zerquetscht, aber nicht von etwas, das gerollt ist. Ungleichmäßiger. Wie von Schritten. Etwas sehr Großes ist hier entlang gelaufen. In den ersten Ausläufern des Mount Ascension Park verliert sich die Spur.
An einem der zerborstenen Fenster findet der Agent ein Stück Schafsfell. Ich halte mein EMF-Gerät dagegen. Keine Resonanz.

Wir betreten erst einmal das Museum, um den Schaden von innen zu begutachten. Das ist nicht weiter schwer, denn die Pforte steht sperrangelweit offen. Saitou schüttelt leise den Kopf. Nachdem wir einige Räume durchquert haben, landen wir in einer kleinen Sicherheitszentrale, in der gerade der Kurator des Museums Ethan und der Reporterin das Überwachungsvideo vom Tag des Einbruchs vorspielt.
“… und hier sieht man, wie der Kronleuchter wackelt. Der Wachmann, der dort davonläuft ist Ben Grady. Hier wackelt der Kronleuchter nochmal.”
Wie kann man eine einzelne Kamera möglichst ungünstig aufhängen, um ein ganzes Museum zu überwachen? Zum Beispiel so, dass sie nur das Foyer abdeckt und auf gar keinen Fall auf das teuerste, verdammt nochmal weltberühmte Exponat im ersten Stockwerk gerichtet ist. Mir kommt der Gedanke, dass die Herrschaften gewollt haben könnten, dass das Ding gestohlen wird. Wenn ich wirklich für eine Versicherung arbeiten würde, wäre es das bei diesen laschen Maßnahmen mit der Prämie gewesen. Wer zum Henker ist hier für die Sicherheit zuständig?
Auch der Special Agent zieht eine Augenbraue hoch. Er fragt den Kurator, wo zu dem Zeitpunkt der Tote gewesen sei. Der deutet auf eine Stelle außerhalb des Bildes. Wohl irgendwo da, wo sich das Loch in der Wand befinden dürfte. Dann stellt uns der Mann, der unser Gespräch vor dem Museum ja nicht mitbekommen hat, einander vor. Irgendetwas hat ihn dazu verleitet, die Frau und Ethan für ein Ehepaar zu halten. Beide verbeißen sich das Lachen, als er von “den Gales” spricht, sind aber offensichtlich zu amüsiert, um ihn zu berichtigen. So wie ich das den Worten des Historikers entnehme, wurde Mr. Gale tatsächlich ursprünglich damit beauftragt, die Sicherheitstechnik des Museums für die Ausstellung zu optimieren. Er hat es nur zu spät erfahren. Und dann haben diese blauäugigen Bücherwürmer eben einfach einmal ohne seine Hilfe losgelegt. Jonathan gibt sich nocheinmal förmlich als FBI-Agent zu erkennen und wird fortan richtiggehend hofiert von dem Wissenschaftler, der sich nur wundert, warum alle Ermittler hier ihre Frauen mitbringen müssen. Ich bin ein wenig sprachlos. Saitou grinst verschmitzt, sagt aber ebenfalls nichts. Bitte, wenn er meint. Dann korrigiere ich das jetzt auch nicht. Das schützt mich vor Peinlichkeiten, wenn ein echter Versicherungsmensch aufkreuzt. Es gibt bestimmt schlimmere Schicksale, als Mrs. Saitou zu sein.

Auf seine Bitte hin bringt uns der Kurator zum Ort des Verbrechens, während “die Gales” noch ein paar Fragen der elektronischen Sicherheitssysteme abklären. Wir schlüpfen unter dem Crime Scene Tape in den verwüsteten Ausstellungsraum. Die thematisch passenden Stücke, die sich um den zerstörten Panzerglaskasten in der Mitte gruppieren, ein Bild von Medea mit dem Vlies, ein Sternbild des Widders an der Decke und ähnlicher Schnickschnack, sind noch vollständig vorhanden. Nur das Vlies wurde entwendet. Da wusste jemand, was er wollte. Abgesehen von Geröll und Scherben finden wir einen weiteren Fetzen Schafsfell am Rand der gewaltsam geschaffenen Öffnung und eine eingetrocknete, sehr große Blutlache bei der Tür. Jemand hat sie mit einer Plane abgedeckt, die Jonathan hochhebt. Ein Fußabdruck kommt zum Vorschein. Ein großer Fußabdruck. Über einen Meter in der Länge, würde ich spontan sagen. Nur eine große Zehe, die anderen Zehen zusammengewachsen. Ich pfeife leise durch die Zähne und mache ein Foto, das ich an Charles sende. Auch der Agent fotografiert. Es klingt immer noch ein wenig stockend, wenn er mich nach übernatürlichen Wesen fragt, aber lange nicht mehr so ungläubig wie noch auf Hawaii. Ob ich Erfahrung mit Riesen habe. Die habe ich, theoretisch. Normale Riesen haben nach meinem Wissen richtige Füße. Also mehr oder weniger menschliche. Daher telefoniere ich mit Charles. Welche Freude.
Der will nicht nur weitere Informationen zu dem Foto, sondern auch wissen, wo ich mich aufhalte. Geht das jetzt schon wieder los? Als ich es ihm sage, wird er schnell kurz angebunden. Ich solle doch Ian einen schönen Gruß sagen. Noch ehe ich fragen kann, was zum Teufel er damit meint, legt er auf. Was für ein… Ganz ruhig, Irene. Soll das eine Warnung sein, dass mein Vetter auch hinter der Trophäe her ist? Na super.

Die Bestätigung kommt gleich, als wir unten wieder auf Ethan und “seine Frau” stoßen. Die haben gerade Ian und seinen Gorilla Gallagher dabei beobachten dürfen, wie sie den Kurator bedrängten, der sie nicht ins Museum lassen wollte. Hmm. Für so mutig hätte ich diesen Intellektuellen gar nicht gehalten. Er hat es fertig gebracht, dass die beiden Unruhestifter unverrichteter Dinge wieder abgezogen sind. Miss Bush will von mir wissen, wer Ian sei. Ich sage ihr die Wahrheit. Ein unangenehmer Zeitgenosse ist er, von dem sie sich lieber fernhalten sollte. Doch ganz offensichtlich hat sie wirklich Reporterblut in den Adern. Sie möchte ihn lieber im Auge behalten. Soll sie meinetwegen. Solange sie es aus sicherer Entfernung tut.
Ethan will wissen, ob Ian Ärger bedeutet. Oh ja! Ich ringe mir noch das Zugeständnis ab, dass es hauptsächlich privater Ärger ist. Er verschränkt die Arme und knurrt ein so grimmiges “Okay”, dass ich ihn dafür küssen möchte. Doch mir fällt rechtzeitig ein, dass er ja einen Fluch mit sich herumschleppt. Da ich nicht herausfinden möchte, ob – und wie – der Zauber auch schon gegen gewöhnliche Freundschaften wirkt, bedanke ich mich nicht einmal. Man muss das Schicksal ja nicht auf dumme Ideen bringen. Sorry, mein Bester.
Auch Jonathan fragt, ob der Mann gefährlich ist. Ich frage lieber nicht zurück, wie genau er das wissen will. Er bekommt zur Antwort meine Vermutung, dass Ian ebenfalls versuchen wird, an das Goldene Vlies heranzukommen. Warum, das muss ich ihm nicht erklären. Er versteht.

Der Jäger und die Journalistin haben aus dem Museumsmenschen zwischenzeitlich die Adresse von Wachmann Grady herausbekommen, den wir als nächstes befragen wollen. Da es nun erwiesen ist, dass wir es mit keinem gewöhnlichen Einbruch zu tun haben, wehrt sich Agent Saitou auch nicht mehr gegen Ethans Anwesenheit. Ich rege an, Miss Bush mitzunehmen, da ich ihre Geldwäschegeschichte hören möchte. Die Erzählung aus Ethan zu extrahieren, ist mir zu anstrengend. Außerdem hätte ich sie auch gerne etwas länger beobachtet. Die Frau ist mir nicht ganz geheuer. Sie sieht aus und benimmt sich wie eine griechische Göttin, trägt auch einen Beinamen von Demeter – Chloe, die Grünende -, taucht hier zufällig auf, nachdem ein Artefakt aus der griechischen Mythologie von einem überdimensionierten barfüßigen Wesen geraubt wurde, und ist viel zu wenig entsetzt über das Foto des Fußabdrucks, das ich ihr und Ethan zeige. Erschreckt, ja. Aber sie sucht mit keinem Wort eine natürliche Erklärung. Ich habe keine Lust, sie alleine machen zu lassen, nur um dann hinterher festzustellen, dass mir eine mythologische Gestalt meine Trophäe vor der Nase weggeschnappt hat. Ihr scheint es zu gefallen, dass ich mich für sie einsetze. Umso besser.

Als hätte er meine Gedanken weitergesponnen, fängt Ethan auch gerade jetzt an, über Zyklopen zu sinnieren. Warum nicht? Ein Stück griechische Mythologie, gestohlen von einem anderen Stück griechischer Mythologie. Würde ins Bild passen.

Chloes Bericht von dem Geldwäschering, den sie verfolgt, hat viel mit US-Politik, Geldströmen und Jura zu tun. Nicht langweilig, aber ich frage mich doch ziemlich schnell, ob uns das auf der Suche nach dem Vlies irgendwie weiterbringt. Es geht vor allem darum, dass gefälschte Kunstwerke herumverkauft werden, bis das Geld aus dem Verkauf “sauber” ist. Wenn wir natürlich einer Fälschung hinterherlaufen, dann ist der mystische Dieb mit den großen Tretern das interessantere Ziel.

Ben Gradys Frau versucht erstmal, uns abzuwimmeln, weil ihr Mann aufgrund des Schocks krankgeschrieben ist. Der FBI-Ausweis überzeugt sie davon, ihn doch für uns an die Tür zu holen.
Der Mann ist fertig. Wirft uns auch gleich hin, dass er PTSD hat. Und ich werde zum ersten Mal als Zuschauerin Zeuge, wie Special Agent Saitou jemanden zum Reden bringt, der nicht zugeben möchte, warum er völlig durch ist. Es ist beeindruckend. Er ist die Vertrauenswürdigkeit in Person und lässt sein freundliches Gift so lange Tropfen für Tropfen einziehen, bis der Damm bricht. Am Ende heult sich der Sicherheitsmann buchstäblich an Jonathans Schulter aus. Zuvor bekommt dieser aus ihm heraus, dass eine riesige einäugige Gestalt durch die Wand gebrochen sei und vor Gradys Augen den zweiten Wächter umgebracht habe. Er habe von seinem Kopf abgebissen wie von einem Brötchen. Mir stehen die Nackenhaare auf. Ethan hat recht.
Wir bedanken uns bei Grady, nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst hat. Er hätte uns sehr geholfen. Wenn möglich, solle er ein Trauma-Counseling in Anspruch nehmen. Aber dazu hat er kein Geld. Mein Hinweis, dass für solche Schäden der Arbeitgeber aufkommen sollte, wird mit allgemeinem Erstaunen quittiert. Offenbar erwarte ich zuviel von den hiesigen Behörden. Jonathan blickt mich fast so mitleidig an wie den Wachmann. Okay, okay. Nicht mein Metier. Ich bin schon still. Aber was nicht perfekt ist, kann reformiert werden, ja? Das wäre ein guter Startpunkt für Reformen. Hmmm. Vielleicht sollte ich mal einen Versorgungstrust für ausgebrannte Jäger ins Auge fassen, wenn ich Ian im Wettstreit um das Erbe ausgestochen habe.
Ich ziehe mich ein Stück aus dem Gespräch zurück und nehme Miss Bush zur Seite, will wissen, ob sie dem Kerl glaubt, was er erzählt hat. Ja, das tut sie. Auf meinen Hinweis, dass es selten vorkommt, dass jemand so etwas einfach glaubt, lächelt sie hintergründig und bekräftigt ihre Aussage von vorhin. Sie will helfen, auch wenn es gefährlich ist. Also, entweder sie ist wirklich nicht einfach nur eine harmlose Schreibtante oder eine sehr mutige.

Während wir zum Auto zurückkehren, kommt die Sprache wieder auf die Spuren, die zum Red Mountain führen. Agent Saitou fragt, was für ein Zyklop das sein könnte. Die Frage nach der Sorte irritiert sowohl Ethan als auch mich. Wir füttern den Mann mit unserem wenigen zyklopenspezifischen Wissen. Ethans klassische Bildung ist gar nicht so schlecht. Wir ergänzen uns ein bisschen gegenseitig in den Ausführungen über die Einäugigen, deren berühmtestem Vertreter Polyphem, der indirekt an Odysseus Irrfahrt schuld war, dass dieser auch vermutlich in Schafsfell gekleidet war, da seine Herde eine prominente Rolle in der Geschichte spielte. Hier fällt mir auch wieder ein, dass in der Literatur Chloe ein häufiger Name von Schäferinnen war. Noch verdächtiger.

Ich äußere gerade die Vermutung, dass sich die hellenischen Riesen vielleicht tarnen können, wie so viele andere Mythenwesen, da ruft mich Charles zurück. Zunächst erzählt er mir ziemlich genau das, was wir gerade Jonathan gesagt haben, und lässt mich damit einmal mehr wissen, für wie ungebildet er mich hält. Zusätzlich erfahren wir noch, dass sie auf den griechischen Inseln beheimatet waren, dort über die Jahre von der Bevölkerung fast ausgerottet wurden, weil sie es nicht lassen können, immer wieder Menschenfleisch zu fressen. Und ja, sie können sich verwandeln, haben aber auch in diesem Zustand immer nur ein Auge und großen Appetit auf Menschen. Wenn sie keine Leute fressen können, nehmen sie auch anderes Fleisch, aber die Präferenz ist klar. Verletzen kann man sie mit jeder Waffe, besonders gut aber mit Feuer, das sie sehr fürchten.
Meine Begleiter wollen wissen, ob das eine Auge in der verwandelten Form mittig oder seitlich im Gesicht sei. Darauf zitiert Charles eine Stelle aus dem Tagebuch unseres Vorfahren Algernon, der gleich drei Zyklopen, drei Brüder, erlegt haben will. Der eine hätte sich gar nicht verwandeln können, der zweite wäre ein Mensch mit einem Auge in der Mitte gewesen, der dritte hätte ausgesehen wie ein Mensch, der ein Auge verloren habe. Na, das ist ja hilfreich.
Meinen Mithörern, die über meinem Telefon die Köpfe zusammenstecken, erläutere ich, dass es sich bei Algernon um einen Ururururonkel gehandelt hat, der irgendwann im 17. Jahrhundert gelebt und sehr gern und viel geschrieben hat. Wenn man ihm Glauben schenken möchte, war er ein ziemlicher Held. Und auch wenn er nicht alle seine vorgeblichen Abenteuer selbst erlebt haben mag, sind sie zumindest sauber recherchiert und ausgesprochen exakt im Detail.

Da wir nun wissen, wie sich die Zyklopen ernähren, schlage ich vor, herauszufinden, ob hier überdurchschnittlich viele Wanderer verschwinden oder besonders viel Vieh gerissen wird. Ethan kommt in diesem Zusammenhang auf die Idee, dass es vielleicht an anderen Orten, wo das Vlies bereits ausgestellt wurde, ebenfalls eine Häufung von Todesfällen oder Vermisstenanzeigen gibt. Man könnte ja mal die Griechin fragen, an welche Museen sie es in der Vergangenheit verliehen hat. Er teilt uns auch gleich ihren Namen mit. Sophia Barbas. Denn sie gehört als Alte Dame der jagenden Studentenverbindung Bones Gate an, die Ethans Arbeitgeber ist, und er hätte sie sowieso treffen sollen, wegen der Sicherheitsvorkehrungen für die Ausstellung. Ach, dann war das soweit gar kein Bär, den er dem zerstreuten Menschen im Museum aufgebunden hat? Schau einer an!

Damit wir schneller zu Ergebnissen kommen, wollen wir uns aufteilen. Ich würde zwar gerne noch etwas mehr über diese Chloe herausfinden, aber so viel Abstand, wie Ethan zu unserem FBI-Freund hält (der auch die meiste Zeit tut, als wäre der Jäger nur Personal), sehe ich die beiden nicht zusammenarbeiten, ohne dass jemand mit einer Waffe hinter ihnen steht.
Gut. Dann gehe ich mit Ethan zu Miss Barbas, ein Gespräch unter reichen Mädchen führen, und Jonathan darf mit Miss Bush die Polizeistation unsicher machen.

Das Anwesen von Sophia Barbas ist ein selbst für amerikanische Verhältnisse ein wenig überladenes Schlösschen am Stadtrand beziehungsweise eigentlich schon in den Vorbergen. Schon als wir die Straße zu ihrem Tor hochfahren, sticht mir die Luxuslimousine in der Auffahrt ins Auge. Ian.
Verdammt, das hätte mir klar sein müssen, dass der sich nicht damit abgibt, einem traumatisierten Museumsangestellten beim Heulen zuzusehen. Wir haben zu viel Zeit verschwendet. Warum hat Ethan nicht eher etwas von seiner Bekanntschaft mit der Barbas gesagt? Wir hätten uns schon früher aufteilen können. Dann wären wir vielleicht vor Ian hier gewesen. Ich merke, wie ich die Karre anstarre, als könnte ich sie dadurch in die Luft jagen.
Ethan wirft mir einen fragenden Blick zu. Tja, klingeln oder die Konfrontation vermeiden? Ich weiß, was ich lieber täte. Nur verschaffe ich meinem Vetter damit noch mehr Vorsprung. Hat nicht vielleicht Ethan eine fundierte Meinung dazu? Einen Rat?
Er wiegt ein bisschen den Kopf.
“Kenn den nicht.” Überlegt weiter. “Aber hast recht. Sollten vielleicht rein… Hmm, mal lauschen? Versuchen jedenfalls?”
Pff. Ich lausche nicht an Türen, hinter denen Ian lauert. Was ist, wenn er mich dabei ertappt und ich dastehe wie ein dummes kleines Mädchen? Und überhaupt, wer weiß, mit welchen Methoden er die arme Frau zum Reden bringen will. Vielleicht betet sie schon um Rettung.
Also reiße ich mich zusammen. “Ach, was soll’s! Gehen wir rein.“

Gallagher öffnet und will uns, wie überraschend, nicht hereinlassen. Ethan lässt sich auf ein kleines Kräftemessen mit dem Goon ein und riskiert dabei seinen Fuß. Den Gorilla wie einen begriffsstutzigen Butler zu behandeln, fruchtet überhaupt nicht. Ich sehe ein, dass es keinen Sinn hat, meinen Zorn auf Ian an dessen Personal auszulassen, auch wenn es allein schon gegen die guten Sitten verstößt, sich bei diesem Mann zu bewerben. Darum halte ich ihm einfach meine Karte hin. Er möge mich bei Ian anmelden. Ethan knurrt etwas Ungehaltenes in meinem Rücken, was wie “Hausherrin” klingt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Stumme uns entweder bei Ian meldet oder gar nicht. Bisher höre ich keine Schmerzensschreie, also besteht noch Hoffnung, dass wir eine zivilisierte Tasse Tee mit der Dame trinken können, für fünf Minuten so tun, als würden wir uns vertragen, und dann beide mit der gleichen Menge an Information zum gleichen Zeitpunkt dieses Haus verlassen.
Etwa eine Minute darf ich träumen, dass es so einfach wird. Dann steht Ian in der Tür, mit gelockerter Krawatte und einem unverschämten Grinsen im Gesicht. Er bedankt sich spöttisch, dass ich ihn um Erlaubnis bitte, die Dame des Hauses sehen zu dürfen, aber sie habe keine Zeit für uns. Da hat er aber in das Schweigen seines Bodyguards ein wenig viel hineininterpretiert. Von Erlaubnis war nie die Rede. Immerhin dudelt im Hintergrund irgendwelcher Kitsch, und die Art, wie Ians Finger auf den Türrahmen trommeln, sagt mir, dass er uns schnell loshaben möchte, ehe die Stimmung flöten ist. Leider fällt mir nicht schnell genug eine Gemeinheit ein, mit der ich ihm die Laune verderben kann. Ich habe eben nicht sein Talent für Boshaftigkeiten. Ich sage ihm, dass er mit der griechischen Schickse machen kann, was er will, solange sie einverstanden ist. Sein Balzverhalten will ich mir auf keinen Fall ansehen müssen, sonst muss ich mir die Augen mit Seife auswaschen. Er teilt mir freundlich mit, dass Sophia in zwei Stunden für mich Zeit hätte und knallt mir die Tür vor der Nase zu. Arschloch.
Zwei Stunden!

Zum Glück ist Ethan da. Seine beruhigende Präsenz verhindert, dass ich mich dazu hinreißen lasse, die scheußliche Limousine zu perforieren. Ist wahrscheinlich sowieso kugelsicher. Angeber.

Ich habe nicht den Nerv, zwei Stunden zu warten, bis Ian sich bequemt, das Feld zu räumen. Stattdessen rufe ich die zur Zeit meistgewählte Nummer in meinem Telefonspeicher an und verabrede mit Agent Saitou, dass wir uns im nächstbesten Restaurant zum Essen treffen.

Er und Chloe hatten immerhin mehr Glück. Die Leute, die sie sehen wollten, haben sie empfangen und mit ihnen gesprochen. Folgende interessante Hinweise sind dabei zutage gekommen:
Ein Wanderer wird vermisst. Die beiden hatten Gelegenheit, direkt mit seiner Verlobten zu sprechen, die sagt, er sei am Tag seines Verschwindens in der Gegend des Red Mountain unterwegs gewesen, weil er sich für den Goldfund interessierte, den ein Schäfer dort kürzlich gemacht habe. Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal, die wie Spuren zu unserem Zyklopen aussehen.
Wir fackeln nicht lange und machen uns auf den Weg zum Schäfer, solange Ian noch mit seiner Nymphe beschäftigt ist. Nur ein kleiner Zwischenstopp im Outdoorladen noch, um uns mit Leuchtspurmunition zu versorgen, dann treten wir in die Fußstapfen des Odysseus. Hoffentlich nur zum Teil. Karte und GPS-Gerät haben wir auch.

Der Red Mountain ist eine wilde Gegend. Es weht ein ziemlich frischer Wind. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Wetterjacke bis zur Nasenspitze zu. Zuerst sehen wir die Schafe, dann den Hirten. Er hat über die Straße zu seinem Stück Land einen windigen Zaun improvisiert, an dem er lehnt und uns misstrauisch beäugt. Aus beiden Augen. Was er sich wohl denkt, was wir vier ungleichen Gestalten für eine Truppe sind? Immobilienmakler vielleicht, denn er lässt uns gleich wissen, dass das Land nicht zu verkaufen ist, als wir nach der Goldgeschichte fragen. Mein Verdacht, dass es sich bei dem Gold um das Vlies handelt, bestätigt sich nicht. Seinen Fund hat er schon vor dem Einbruch ins Museum gemacht. Den vermissten Wanderer will er auch nicht gesehen haben. Ja, ein paar Schafe verliert er schon gelegentlich. Es gibt eben Bären hier. Die sind gefährlich. Damit muss man rechnen, wenn man sich hier aufhält.
Aus dem Gewühl der Schafe löst sich schwanzwedelnd ein Hund, der sich zu seinem Herrchen gesellt und uns aus einem Auge interessiert mustert. Das andere ist…. Sieh mal einer an! Das andere Auge ist irgendwie verwachsen. Vernarbt. Oder vielleicht auch nie richtig aufgegangen.

Meine Begleiter äußern ein paar mitleidige Worte über den armen Hund. Ob der denn keine Schwierigkeiten habe, seine Arbeit zu verrichten, mit nur einem Auge? Nein, die habe er nicht. Der Murgatroyd sei ein ganz Lieber und schon seit Jahren ein hervorragender Hütehund. Chloe richtet ihre Kamera auf ihn und wird merklich blasser. Der Hund starrt sie unverwandt an. Sie zieht sich mit einem eleganten Schritt hinter die beiden Männer zurück. Jetzt fällt mir auch auf, dass die anderen Hunde des Schäfers ohne jedes Interesse an uns weiter ihren Job machen und dabei immer respektvollen Abstand zu ihrem vermeintlichen Artgenossen halten.
Obwohl die Töle freundlich wedelt, traue ich ihr nicht über den Weg. Vielleicht versucht der hier die Show vom Aussteiger abzuspulen, der doch nur in Frieden leben will. Aber dann hätte er sich weiter an Schafe halten müssen. Ich zwinge mir einen liebevollen, möglichst nostalgischen Blick auf und behaupte, ich hätte früher einen ähnlichen Hund gehabt, frage, ob das Tier verkäuflich sei. Aber das wäre ja zu einfach. Natürlich ist der Schäfer empört. Natürlich wiegle ich schnell wieder ab. Heuchle Verständnis. Meinen eigenen Hund hätte ich auch nie verkauft. Wenn ich je einen gehabt hätte. Wir hatten früher ein paar Wachhunde. Bulldoggen. Auf der ältesten durfte ich als ganz kleines Kind manchmal reiten, bevor ich ein eigenes Pony hatte.

Wir verziehen uns erst einmal wieder zum Wanderparkplatz. Kriegsrat.
Chloe erklärt, dass ihre Kamera einen speziellen Sucher hat, mit dem sie Monster identifizieren kann. Leider nur der Sucher, nicht die Linse. Auf Fotografien wirkt die Tarnung also weiter. Aber das Gerät hat ihr mit hundertprozentiger Sicherheit verraten, dass der Hund der Zyklop ist. Der Schäfer ist keiner. Auch den hat sie durch den Sucher betrachtet. So, so. Eine Journalistin mit einer derart enthüllenden Kamera? Interessant.

Da wir das Ungeheuer nun lokalisiert haben, müssen wir uns eine Methode ausdenken, wie wir es erlegen. Wir sollten es zunächst von dem Schäfer und seiner Herde separieren. Jonathan ist der Meinung, dass der Hirte und entweder etwas verschwiegen oder uns angelogen hat…
Ein Motorengeräusch kündigt Gesellschaft an.
Ah. Die zwei Stunden sind um.

Ians Karosse hält in ein paar Wagenlängen Abstand zu uns. Er grüßt in die Runde, bedenkt mich mit einem herablassenden Lächeln und verkündet, dass Sophia jetzt Zeit für mich hätte. Ich teile ihm freundlich mit, dass ich es mir anders überlegt habe, unterstützt von Ethan, der kühl hinzufügt, “hat sich erledigt.”
Jonathan mustert meinen Cousin ausdruckslos, Miss Bush tut es mit unverhohlener Neugier. Ian grinst überheblich, streift sich Wanderschuhe über und entschwindet mit Gallagher im Wald. Zum Schäfer geht es in die andere Richtung. Ich verkneife mir den Hinweis und erfreue mich an dem Gedanken, dass er stundenlang im Kreis irrt, ehe er ihn findet.

Die Fragen der anderen bringen mich wieder zurück zum Kernthema. Wie locken wir den Zyklopen an? Mit unwiderstehlichem Menschenfleisch. Woher nehmen wir das? Ich schlage den Friedhof vor, doch Agent Saitou argumentiert, dass die Monster wohl eher auf Frischfleisch aus sind. Also, ich habe nicht vor, ein Pfund von mir zu opfern, um es über eine Fallgrube zu hängen. Ethan hat einen staubtrockenen Humor. Er nickt vielsagend in die Richtung, in die sich Ian aufgemacht hat. Das hebt meine Laune immens. So ein kleines Opfer unter Blutsverwandten wäre auch sehr griechisch. Aber die Albernheiten helfen uns nicht weiter. Irgendwer schlägt vor, dass wir doch einfach einen “Verletzten” dekorativ im Wald hindrapieren könnten, den der Zyklop dann schon aufstöbern wird.

Den Lockvogel kann ich selbstverständlich mimen. Die Rolle bin ich gewohnt. Ethan will zwar zuerst einmal überhaupt niemanden so nah an den Zyklopen heranlassen, bietet sich aber dann doch bereitwillig an, da er sowieso noch ein paar Blessuren von einer anderen Jagd hat. Miss Bush wäre ebenfalls bereit, da sie meint, sie wäre keine Kämpferin, doch ich weise sie darauf hin, dass die Person, die der Gefahr aus nächster Nähe ins Auge blicken muss, auch gut kämpfen können sollte. Das spricht tatsächlich für Ethan. Er ist kräftiger gebaut als ich. Und er muss nur etwas Schorf abkratzen, um erneut zu bluten. Da der Special Agent sich zurückhalten kann, seinen Hut auch noch in den Ring zu werfen, ist es damit beschlossene Sache. Wir umgeben unseren Köder mit einem Ring aus Benzin und legen uns auf die Lauer.

Es dauert eine Weile. Damit mir keine Gliedmaßen einschlafen, wechsle ich ein paarmal leise die Position. Chloe zappelt mir immer wieder ein bisschen zu aktiv herum, stellt sich aber auch nicht völlig unmöglich an. Sie hat die ganze Zeit die Kamera im Anschlag. Von Jonathan ist kein Mucks zu hören. Wenn ich ihn nicht sehen würde, könnte ich Angst bekommen, dass er nicht mehr da ist.

Es beginnt mit einem Rascheln in den Blättern. Zuerst hören wir, wie sich ein kleineres Geschöpf auf schnellen Pfoten nähert. Dann scheint es zu wachsen. Seine Schritte werden dumpfer und langsamer. Ein lautes Schnüffeln dringt zu uns. Erst im Zickzack, dann immer zielsicherer, bewegt sich das Etwas auf den Benzinkreis zu. Ethan schüttelt sich kurz. Ich spüre es auch. Adrenalin. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen. Hoffentlich behindert ihn die blutende Wunde nicht zu sehr.
Bäume erzittern. Ich kann einen großen grauen Schemen zwischen den Stämmen ausmachen. Nicht weit von mir kracht ein Ast auf den Boden, als sich das Ding zur Gänze zeigt.

Es sieht widerlich aus. Keineswegs wie ein großer Mensch mit einem Auge über der Nase, sondern unwirklicher, insektenartiger. Mir fallen keine passenden Worte ein. Es erinnert mich an den Schwarzen Mann und seine Mäuler in den Händen. Als wären die beiden Wesen vom gleichen kranken Geist ersonnen. Seine Haut ist dunkel. Grau oder braun, das kann ich bei diesen Lichtverhältnissen nicht mehr erkennen. Er hat kein einziges Haar auf dem Körper. Der eiförmige Kopf geht über in einen kantigen, gefurchten Hals voller sehniger Auswüchse. Ohren sind nicht zu erkennen. Das einzelne, glänzend schwarze Auge befindet sich direkt über dem Maul, das scheinbar gleichzeitig als Nase dient. Keine Lippen. Die spitzen gelben Zähne greifen ineinander. Seine groben Pranken hat das Wesen gierig nach vorne gestreckt, obgleich es noch vorsichtig in alle Richtungen wittert. Ganz so hirnlos, wie wir es gerne hätten, ist es möglicherweise doch nicht. Es steht zögernd vor Ethan. Dreieinhalb, vier Meter hoch. Speichel tropft von seinem gedrungenen Kinn.

Mein junger Freund liegt stocksteif in seinem Kreis, angespannt wie eine Feder. Es fehlen nur zwei Schritte des Monsters, dann kann er das Benzin entzünden. Nach einer kleinen Ewigkeit, in der mich die Erinnerung an den Schwarzen Mann mit einer großzügigen Extraportion Adrenalin segnet, siegt die Gier. Der Zyklop stürzt sich auf Ethan, der aus seiner Reichweite schnellt wie eine Klapperschlange. Im Nu brennt der Ring aus Benzin und der Riese dreht sich wild im Kreis, mit fuchtelnden Armen. Ein unmenschliches Grollen und Kreischen dringt aus seinem Maul. Chloe springt vor und blitzt ihm mit der Kamera genau ins Auge. Beinahe zeitgleich schießt Jon ihm eine Leuchtrakete in die Beine. Die Flammen züngeln in Sekunden an der öligen Haut des Ungeheuers hoch. Ich nehme mir einen, zwei Herzschläge Zeit, um zu zielen, schieße ihm direkt in den Solarplexus. Funken sprühen aus seiner Brust, als er zu Boden geht. Seine Zuckungen bringen das Erdreich unter unseren Füßen zum Beben. Das brennende Fleisch raucht und qualmt.

Sobald seine Bewegungen langsamer werden, hechte ich zu seinem Kopf, den die Flammen ebenfalls einzuschließen drohen und stoße ihm mein Messer seitlich ins Auge. Ein kurzes Hebeln und der nachtschwarze Ball gehört mir. Chloe und Jonathan haben gerade noch Zeit, ein paar Fotos von dem Ungetüm zu machen. Während ich mir auch einige Zähne aneigne, schneidet Saitou eine Probe unverletzten Fleisches aus dem Fuß des Dings und steckt es in eine Plastiktüte. Ich lasse mir ebenfalls eine der Tüten aushändigen und versenke meine Trophäen darin.
Miss Bush sieht mich mit großen Augen an.
“Was wollen Sie denn damit?”
“Nach England schicken,” antworte ich kurzangebunden. Keine Lust jetzt auf Diskussionen und Erklärungen.
Ausgerechnet Ethan fragt, wofür ich das mache. Hat ihm der Kampf so aufs Hirn geschlagen?
“Wissen Sie doch.”
Er runzelt kurz die Stirn, dann: “Wahr.”

Obwohl ich der Höflichkeit halber ein paar Zähne übriggelassen habe, verspüren weder er noch die Reporterin den Drang, sich ein greifbares Andenken zu verschaffen. Ihr genügen wohl die Fotos, ihm das Wissen, dass die Gefahr gebannt ist. Der Gute.

Nachdem wir uns versichern konnten, dass wir keinen Waldbrand ausgelöst haben, machen wir uns auf die Suche nach der Höhle des Zyklopen. Dank Rand McNally und einer gewissen Erfahrung mit Topographie, die man sich mit der Zeit aneignet, ist deren Lage nicht schwer zu ermitteln. Der Geruch leitet uns die letzten Meter.
In der Höhle finden wir viele Skelette von Schafen und Menschen, einen halbgefressenen Bären, die Überreste des vermissten Wanderers Tom, aber kein Goldenes Vlies. Als er Toms Leiche sieht, greift Saitou sofort zum Telefon und ruft die Polizei an. Der Schäfer taucht auf, völlig aufgeregt, weil sein Hund weg ist. Und sein Gold. Als Jonathan ihm jedoch zur Menge und Beschaffenheit des Goldes auf den Zahn fühlt und den Claim sehen will, macht der Mann schnell einen Rückzieher.

Eigentlich war es völlig klar, dass Ian sich in aller Seelenruhe das Vlies aus der Höhle holt, während wir ihm heldenhaft den Zyklopen vom Leib halten. Ich lerne es einfach nicht. Vor Wut über Ian und mich selbst hämmere ich meine Faust in den nächstbesten Baum. Meine Haut gibt mehr nach als die Rinde. Au. Das habe ich mir verdient, ich Dummkopf.
Ethan, der Wohlmeindende, legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter. Ich hasse das!
Er bekommt zu hören, dass er einen gebrochenen Kiefer riskiert, wenn er mich noch einmal anfasst, wenn ich wütend bin, quittiert es mit einem gelassenen Schulterzucken, will es wohl darauf ankommen lassen.

Jonathan ist auch keine größere Hilfe. Er meint, wenn ich Beweise hätte, dass Ian in dem Diebstahl drinsteckt, könnte er gegen ihn ermitteln, eventuell veranlassen, dass Ian am Flughafen abgefangen wird. Ich denke bei mir: Ja, und dann? Glaubt er vielleicht, dass Ian das Goldene Vlies im Handgepäck transportieren würde? Und selbst wenn. Das ist Familie.

Da ist sie wieder, die Kluft zwischen dem Fed und der Jägerin. Und dabei hätte ich Sie wirklich gerne zum Freund, Agent Saitou!

Ich schüttele resigniert den Kopf und frage ihn, ob er hier irgendwo Beweise sieht. Ian war einfach nur Wandern, nach allem, was wir wissen. Ethan überlegt noch herum, ob es wenigstens einen plausiblen Verdacht geben könnte, aber nicht mal dazu reicht es. Gut so. Sonst müsste ich mir noch Tricks einfallen lassen, Ian aus der Klemme zu helfen. Dann könnte ich nicht mehr in den Spiegel sehen.

Miss Bush ist die erste, die mir einen Hoffnungsschimmer bietet. Sie verkündet, noch mehr in der Geldwäschesache recherchieren zu wollen, und ich erinnere mich daran, dass sie von gefälschten Kunstwerken sprach. Wenn sie es schafft, einen Beweis beizubringen, dass das Goldene Vlies eine Fälschung war, versichere ich ihr, dann überschütte ich sie mit Gold.
Ethan bezweifelt, dass es gefälscht ist. Ein Schafsfell in ein galvanisches Bad zu werfen, müsste zwar funktionieren, meint er, aber die Flügel daran zu befestigen? Ich frage zurück, ob er weiß, was ein Wolpertinger ist. Weiß er. Die ausgestopften Exemplare, die man in Deutschland an allen Ecken und Enden erwerben kann, haben sich bisher allesamt als hohe Handwerkskunst von Präparatoren herausgestellt. Ein paar Flügel in ein Stück Fell zu integrieren, sollte keinem Profi schwerfallen. Allerdings hat er recht, als er meint, das Ian den Betrug schnell durchschauen würde.
“Ach, Ethan! Lass mir doch mein Wunschdenken!”

Jonathan nimmt die schwere Bürde auf sich, Nicole, der Verlobten des toten Wanderers, von unserem Fund in der Höhle zu erzählen. Offiziell wird es wohl ein Bär werden, dem er zum Opfer gefallen ist. So hart es sein mag, immerhin kann sie ihn dann begraben und weiß, dass er ihr nicht davongelaufen ist.

Stichwort Davonlaufen: Langsam wird es knapp mit Boston, wenn ich meinen Termin mit Francis halten will.
Ich überlasse es den anderen dreien, herauszufinden, inwieweit der Schäfer in die Machenschaften des Zyklopen beim Museum involviert war. Chloe bekommt noch meine Karte. Irgendwann will ich ihr Geheimnis herausfinden. Aber jetzt ruft erst einmal die Familie. Und Papierkram. Unsinniger, nervenaufreibender, unverständlicher Papierkram. Wie ich es liebe.

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Timberwere

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