Mädchenkram - Supernatural

Das Horn von Jericho, Teil 2

Ich blinzele. Mein eines Auge will nicht richtig aufgehen. Ich schmecke Blut und kann meine Hände nicht richtig bewegen. Es klickt. Handschellen. Langsam wird meine Umgebung wieder schärfer. Ich sitze im Bad eines billigen Motelzimmers auf dem Boden, an die Heizung gefesselt.
„Wann kommt sie endlich?“ sagt jemand.
„Halt deine Klappe und iss noch was. Sie kommt schon, wir haben einen Deal“, antwortet eine bekannte Stimme. Die Titten-Bikerin.
Ein Motelzimmer voller Ghoule. Es riecht nach Schlachtbank und das kommt nicht von mir. An mir ist noch alles dran, Gott verdammt noch mal sei Dank.
Mitten im Raum liegt der Sheriff. Tot. Halb aufgefressen. DeVries haben sie auf einen Stuhl gefesselt und ihm ein Messer zwischen die Rippen gesteckt. Blutbläschen bilden sich regelmäßig vor seinem Mund. Lebt noch, der Arsch.
Es klopft. Die Ghoule schrecken auf. Titten geht an die Tür. Ein Mann kommt rein, ein echtes Wiesel.
Ein Wiesel mit schwarzen Augen.
Scheiße. Aber wenn’s nicht Engel sind, die die Tröte wollen, müssen es wohl Dämonen sein.
„Ich bin hier für die Lieferung“, sagt er.
„Hey“, sagt ein Ghoul mit Ziegenbärtchen und baut sich vor ihm auf. „Mit dir haben wir keinen Deal gemacht. Das war mit der Frau!“
Der Dämon seufzt. „Sie ist verhindert. Ich kann das Päckchen genauso annehmen. Machen wir das nicht ungemütlicher als es sein muss, ja?“
Titten hat plötzlich ihren Dolch in der Hand. „Wir können auch ungemütlich werden.“ Sie zeigt ihm die Zähne.
Der Dämon verengt die Augen und hebt eine Hand.
Ziegenbärtchen geht dazwischen. Schade eigentlich. „Okay, okay. Hauptsache, wir werden bezahlt. In Ordnung?“
Der Dämon und Titten weichen etwas zurück. Der Dämon streicht sich über seinen Anzug und sagt: „Ein Deal ist ein Deal. Gehen wir?“
Und das tun sie.

Ein Ghoul bleibt zurück und spielt auf dem Bett mit seinem Handy. Schon besser. Einen kann man schaffe.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass DeVries sich bewegt. Er hat sich das Messer aus der Seite gezogen und schneidet damit an den Seilen. Autsch. Na ja, zu zweit haben wir eine Chance.
Ich spucke Blut auf die weißen Kacheln. Der Ghoul sieht zu mir rüber.
„Hey“, krächze ich.
„Was ist denn?“ sagt er und schaltet den Fernseher an.
„Ich will nicht gefressen werden“, sage ich. „Ist nur natürlich. Vielleicht können wir uns irgendwie einigen?“
„Hmm.“ Er schaltet den Fernseher an. „Klar, ich könnte den anderen essen… aber die religiösen Typen, die schmecken immer so scheiße.“
„Bei meinem Kippen-Verbrauch bin ich sicher auch nicht so lecker.“
Motorengeräusche. Fährt da draußen ein Auto vor?
„Ach so ein bisschen Raucharoma…“ Er leckt sich die Lippen. Toll. „Ich glaube nicht, dass du mir was anbieten kannst.“ Er wechselt das Programm auf ‚Slutty Housewives IV’. „Magst du Porno sehen, bevor wir dich fressen?“
Dass ich das mal gefragt werde…
Ich rüttele an den Handschellen. „Ohne freie Hände ist das irgendwie nichts. Kannst mich ja losmachen.“
„Ist klar. Nene, und helfen tue ich dabei dir auch nicht.“
Genau. Das war schon immer mein geheimer Traum. Und ich hoffe, dass ich vor meinem Ende nicht sehen muss, wie ein Ghoul es sich selbst besorgt.
Draußen knirscht Kies. Da ist wirklich ein Auto. Vielleicht hat Kitty Hilfe geholt. Beim Sheriff… Scheiße.

„Mach mal lauter“, sage ich. „Hat er sein Rohr schon verlegt?“
„Ist grad voll dabei.“ Er dreht wirklich den Ton auf. Lautes Stöhnen erfüllt den den Raum.
DeVries hat endlich die verdammten Seile durchgesägt und steht auf. Der bescheuerte Ghoul ist voll mit den Hausfrauen beschäftigt und merkt nichts.
DeVries kickt das Messer zu mir hinüber und wirft mir einen Blick zu.
Verstehe schon. Du gottverschissener Bastard willst mich hier lassen. Für seine Scheißtröte lässt er jemand anderen von einem Ghoul fressen.
Ich muss echt meine Zähne aufeinander beißen, um ihn nicht sofort zu verpfeifen. Stattdessen warte ich, bis er durch die Tür ist und einen kleinen Vorsprung hat.
„Hey“, sage ich. „Deine Vorspeise macht sich gerade davon.“
Der Ghoul schaut erst den Sheriff an und dann auf DeVries leeren Stuhl. Nicht der Schlauste, was? Immerhin springt er auf und rennt hinter DeVries her.
Ich reiße an der Heizung. Ein, zwei Mal, dann löst sie sich.
„Oooh“, stöhnt die Frau im Fernseher. „Dein Rohr, es ist soooo groß und hart…“
Ich widerspreche ihr nicht, als ich mit dem Heizungsrohr hinter dem Ghoul herschleiche. Ich kann ihn schon durch die Tür sehen, ebenso wie DeVries, der wie ein Idiot in der Gegend herumsteht.

Und dann rauscht was Pelziges zwischen meinen Füßen durch. Ich will mich noch abfangen, aber die verdammten Handschellen sind mir im Weg. Der Boden kommt sehr schnell näher und ich werde sehr deutlich an die Blutergüsse überall an meinem Körper erinnert.
Direkt vor meinem Gesicht taucht eine Hundezunge auf und leckt mich voller Begeisterung ab. Miffy bellt und springt um mich herum.
„Agent White! Agent White! Oh mein Gott, was ist denn mit ihnen passiert! Ich helfe ihnen!“ Kitty zieht mich auf die Füße und quietscht dabei weiter vor sich hin.
Vor der Tür schlägt sich DeVries mit dem Ghoul. Ich bin echt versucht, ihn einfach alleine zu lassen. Aber natürlich schiebe ich Miffy mit dem Fuß zu Kitty hinüber: „Halt den Hund fest.“
Dann nehme ich mein Rohr und gehe nach draußen.
Der Ghoul ist inzwischen auf dem Boden gelandet und DeVries tritt nach ihm. Eine blonde Frau steht etwas entfernt neben einem teuren Auto und zielt auf den Ghoul.
Ich mache mit und ein paar Schläge und Tritte später ist der Ghoul-Kopf hinüber.

Er hatte die Schlüssel für die Handschellen in der Tasche. Scheiße. Ich reibe meine Handgelenke und sehe DeVries an. Er sieht ziemlich mies aus. Die Wunde an seiner Seite blutet immer noch.
Ich sehe ihm kurz in die Augen, dann schlage ich ihm voll auf die Wunde und er geht mit einem Grunzen in die Knie.
Gewalt kann so heilsam sein.
Kitty steht neben ihrem Auto, den Mund offen, eine Kamera in der Hand.
Genau das, was ich jetzt brauche. Ein Video, wie ich einen Kerl den Schädel zu Klump prügele. Ich reiße ihr die Kamera aus den Händen, schmeiße sie auf den Asphalt und trete noch mal ordentlich drauf.
Kitty explodiert. „Meine Kamera! Die ist von meiner Freundin! Die war echt teuer! Sie können doch nicht… Agent White!“
Ich ziehe das Päckchen Kippen aus meiner Brusttasche und suche mir eine, die weder voller Blut noch abgeknickt ist. Ich inhaliere tief den Rauch und atme langsam wieder aus.
Kitty schimpft immer noch. „Ich habe Ihnen das Leben gerettet, Agent White!“
Das stimmt zwar nicht ganz, aber immer hat sie’s versucht. Ich biete ihr eine Zigarette an.
„Das ist ungesund“ sagt sie und hat dabei diesen verkniffenen Nichtraucher-Ausdruck.
Gut, dann halt was anderes. Ich mache die Tür zu meinem Auto auf, lasse die blöde Töle aus Versehen wieder raus und ziehe meine Reserveflasche „Old Crow Kentucky Whiskey“ unter dem Sitz hervor.
Immerhin nimmt Kitty etwas davon und fängt prompt an, fürchterlich zu husten.
Old Crow ist absolut widerlich, ja.
Während Kitty noch um Atem ringt, klopft mir die Blondine auf die Schulter.
„Irene Hooper-Winslow“, sagt sie in einen britischen Akzent und streckt ihre Hand aus.
Ich überlege eine Sekunde, mich als „Agent White“ vorzustellen, aber ich habe wirklich keine Geduld mehr, eine dünne Coverstory aufrecht zu erhalten.
„Cal“, sage ich.
„Sind Sie ein Freund von… Agent Black?“ fragt sie.
„Partner“, sage ich. Und das ist schon übertrieben.
„Ach“, sagt sie und zieht eine Augenbraue hoch. „Wie lange denn schon?“
„Zu lange.“ Und damit gehe ich mal rüber zu DeVries. Er ist noch nicht tot, also klebe ich seine Wunde provisorisch zu.
Er stöhnt und öffnet die Augen. Seine Lippen bewegen sich.
„Halt die Klappe oder ich mache das noch mal“, sage ich und er macht seinen Mund wieder zu.
„Du da, hilf mir mal, ihn ins Auto zu bringen“, sage ich zu der Blondine. Sie dreht sich zu Kitty um: „Helfen Sie dem Mann.“ Kitty schaut sie nur an und trinkt noch mal aus der Flasche. Die Blondine presst ihre Lippen zusammen und hilft mir.
„James, das Erste-Hilfe-Paket“, sagt sie und sieht sich noch mal DeVries Wunde an. Hinter ihr taucht ein älterer Herr auf, der ihr das Paket in die Hände drückt. Sympathisch. Dass sie DeVries anschaut, als hätte sie mal was mit ihm gehabt, macht es nicht besser.
Statt Desinfektionsmittel kippt sie ihm Weihwasser in die Wunde. Er sagt: „Ich wartete des Guten und es kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht, und es kommt Finsternis.“ Dann bespritzt er sie ebenfalls mit Weihwasser.
Keiner fängt an, zu schwelen.
Dann stieren sie sich ein bisschen an.
„Warum bist du nicht tot?“ fragt die Blondine.
„Mein Überleben habe ich nicht dir zu verdanken, Kreatur der Dunkelheit“, sagt DeVries.
Ehe die Beiden sich richtig an die Gurgel gehen können, schicke ich die Blondine weg und fahre DeVries ins Krankenhaus.
Dort wird er erstmal auf die Intensive gekarrt.

„Sagen sie Nein zu einem Tee?“ fragt mich die Blondine.
Ich schaue sie an, als wäre sie verrückt. Tee. Aber gut, wenn wir Nationalklischees leben wollen, nehme ich eben meine Old Crow mit.
Kitty, die sich inzwischen ordentlich was hinter die Binde gekippt hat, kommt auch mit. Die kaputte Kamera breitet sie auf dem Tisch aus und bastelt ein bisschen daran herum.
„Du kennst DeVries?“ frage ich die Blondine. Schluss mit irgendwelchen Lügen.
„Ja, unter dem Namen kenne ich ihn auch“, sagt sie. Kaum ein Jäger spricht freiwillig über seine Vergangenheit, kann ihr also nicht böse sein, dass sie nicht sofort mit ihrem kompletten Leben rausrückt. Und ehrlich, der Gedanke an eine Liebesgeschichte mit DeVries sorgt dafür, dass ich einen neuen Schluck aus meiner Old Crow nehmen muss.
„400 $!“ sagt plötzlich Kitty. Ich schaue sie an. „Die Kamera hat 400 $ gekostet“, sagt sie und zieht einen Flunsch. Ihre Wangen sind ziemlich rot. „Sie kaufen mir eine neue.“
„Nö“, sage ich.
Sie quietscht wieder los und die Blondine sagt: „Miss Munroe, ich kaufe ihnen eine neue Kamera.“
„Woher kennt ihr beide euch eigentlich?“ sage ich.
„Über das Internet“, sagt die Blondine. „Miss Munroe hat eine gut besuchte Website zu übernatürlichen Phänomenen.“
Ich zucke mit den Schultern. Bitte. So lange ich Kitty keine Kamera kaufen muss – nicht, dass ich das könnte.
„Was ist eigentlich mit Ihrer Speicherkarte, Miss Munroe?“ fragt die Blondine.
„Keine Ahnung“, sagt Kitty. „Die muss kaputte gegangen oder rausgefallen sein.“ Und schaut ganz unschuldig.
„Wenn der Film jemals an die Öffentlichkeit kommt, mach ich mit dir das Gleiche wie mit der Kamer“, sage ich zu Kitty. Aber sie ist völlig drohresistent.
„Sie sind doch FBI-Agent? Was soll denn das jetzt? Meinungsfreiheit, schon mal was von gehört? Steht in der Verfassung?“ Sie kreuzt die Arme vor der Brust.
Die Blondine geht rüber zu ihr und lächelt. „Aber Miss Munroe, wir wollen doch hier alle die Wahrheit sagen, nicht?“ Sie legt ihre Hände auf Kittys Schultern.
Plötzlich hüpft Kitty hoch. „Sie haben mir an die Titten gefasst!“
Die Blondine nimmt ihre Hände weg. „Oh, Entschuldigung! Ich wollte nicht…“
Hmm. Auch wenn ich es gerne glauben will, absichtlich hat sie dem Mädchen nicht an die Brust gefasst. Die Lady will noch was anderes, aber was soll man von einem Freund von DeVries auch erwarten?
„Kaufen Sie mir wenigstens die Kamera“, sagt Kitty.
„Schluss mit der Scheißkamera, wir haben echt wichtigere Probleme“, sage ich.
„Ach, welche Probleme haben Sie denn, Agent White?“ fragt die Blondine und lächelt anzüglich.
Ich zögere, weil ich nicht von der Tröte erzählen will. Am Ende sinkt sie in die Arme von DeVries und der Fanatiker hat seine Tröte.
Aber ich habe auch keine Ahnung, wo der Dämon hin ist. DeVries könnte was gesehen haben.
„Da sind immer noch mindestens acht Ghoule“, sage ich. „Und der Sheriff ist einer davon. Aber sehen wir erstmal, ob DeVries noch lebt.“

Er lebt und sieht ungewöhnlich gut dafür aus, dass ihm gerade jemand ein Messer zwischen die Rippen gerammt hat.
„Hast du gesehen, wo der Dämon hin ist?“ frage ich ihn ohne Vorspiel.
„Dämon?“ Kitty schaut uns groß an. „Dämonen gibt es auch?“
„Ja“, sage ich und DeVries fängt an: „Es gibt mehr Dinge zwischen…“
„FRESSE HALTEN“; sage ich. Gottverdammt, muss jeder Volltrottel den Scheiß zitieren?
„Also, wo ist der Dämon hin?“
„Grüner VW mit Flammen an der Seite. Das Nummerschild konnte ich auch sehen und er ist Richtung Stadtausgang gefahren“, sagt DeVries.
Ich schaue auf dem Stadtplan und versuche mir zu überlegen, wo der Dämon und die Ghoule hingefahren sein könnten.
„Ich kenne da jemanden“, meldet sich Kitty. „Mein Onkel, der arbeitet im DMV, da könnte man vielleicht…“
Sie ruft also ihren Onkel an. „Ja, ja, es geht um einen Jungen… Was? Ja, ich bin vorsichtig und werde immer, du weißt schon…“ Sie wird knallrot, was ganz nett aussieht. Nah. Sie ist zu jung und zu naiv. Immer noch mit glühenden Wangen sagt sie uns, dass das Auto zu einer Fabrik für Feuerlöscher gehört.
„Also los“, sage ich.
„Ich muss erst meine Sachen vom Bahnhof holen.“ DeVries schmollt.
„Keine Zeit. Der könnte schon sonst wo sein.“ Ich drehe mich um und gehe zum Auto. Ich will nicht, dass der Fanatiker gut ausgestattet in die Schlacht zieht. Man kennt ja seinen Ruf.
Er darf sich aber eine Pistole aus meiner Sammlung nehmen. Kitty wünscht sich eine Schrotflinte, also gebe ich ihr meine Benelli. Hoffentlich trifft sie auch was.

Die Fabrik ist nicht sehr groß. Der grüne VW und die Ghoul-Motorräder stehen vor dem Gebäude. Innen schreit jemand.
Die Blondine bringt ein paar Kabel aus dem Auto mit. „Die Flüssigkeit, aus der Feuerlöscherflüssigkeit hergestellt wird…“ fängt sie an und hält dann einen kurzen Vortrag über die Chemikalien. Blah, Ergebnis: Wenn man weiß, wie man es macht, kann man ein großes Bumm erzeugen.
Und das will sie machen.
Ich nehme Kitty mit zur Feuerleiter an der Seite. Von da oben kann man sicher Feuerschutz geben, während DeVries den Exorzismus durchführt.
Drinnen ist Titten dabei, sich mit dem Dämon zu bekämpfen. Ein anderer Ghoul ist noch übrig geblieben, der Rest liegt in Einzelteilen im Raum verstreut. Kitty quietscht ein bisschen bei all dem Blut. Ich denke noch über den besten Plan noch, da geht die Vordertür auf und Ziegenbärtchen kommt rausgerannt.
Ehe wir die Treppe runter sind, haben DeVries und die Blondine ihn schon beseitigt.
Na gut. Wenn der Dämon von Titten abgelenkt ist, können wir auch vorne rein.

Titten und der Dämon ignorieren uns erstmal. Er packt sie am Arm, dreht sich und hat ihn in der Hand. Ihr anderer Arm fehlt schon, so dass sie ihm jetzt… ins Gesicht spucken muss? Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Ich lege erstmal Feuerschutz mit meiner Kalaschnikow, um den Dämon wenigstens so weit abzulenken, dass er DeVries nicht problemlos angehen kann.
Blondie fängt ebenfalls an, einen Exorzismus zu rezitieren, lauter als DeVries. Der Dämon findet das gar nicht lustig und macht eine Handbewegung in ihre Richtung. Sie fliegt durch die Luft und knallt gegen ein paar Maschinen.
Sie kennt den Deal. Da muss man durch.
Titten stolpert jetzt von dem Dämon weg in Richtung der Tür. Sie stürzt und schiebt sich wie eine verdammte Ghoulschlange weiter.
Plötzlich höre ich Kitty schreien. Der andere Ghoul hat sich auf sie gestürzt und, verdammt noch mal, Scheiße, deshalb nimmt man so jemanden nicht mit in einen Kampf.
DeVries muss selbst mit dem Dämon klarkommen. Er weiß, wie’s läuft: Sie nicht.
Ich feuere eine rasche Salve auf den Kopf des Ghouls, der sich in blutige Stückchen auflöst und Kitty besprüht.
Neben mir fliegt DeVries durch die Luft, aber man muss es ihm lassen: Er hört keine Sekunde auf, seinen Exorzismus aufzusagen, selbst dann nicht, als er auf den Betonboden trifft.
Der Dämon wirft den Kopf in den Nacken. Schwarzer Rauch quillt aus seinem Mund und verschwindet zwischen den Ritzen des Daches.
Sein Wirtskörper fällt zu Boden. Den Kerl hatte es spätestens im Kampf mit Titten erwischt.

Titten hat sich irgendwie wieder auf die Beine gerappelt und rennt nach draußen. Da die anderen sich nur anstarren, verfolge ich eben den Ghoul. Keine Ahnung, wie sie sich das vorstellt – mit den Beinen ihr Motorrad lenken? Ich nehme ich das Problem ab, trete sie von hinten nieder und schieße ihr in den Kopf. Schade. Die Original-Titten war echt ganz ansehnlich.

Als ich wieder in die Halle komme, höre ich gerade, wie die Blondine sagt: „…der Gral ist an einem sicheren Ort. Wo du ihn nie finden wirst.“
„Der Gral ist da, wo er hingehört.“ DeVries Mund zuckt. „Nicht bei dir, Hure von Babylon.“
Die Blondine zuckt mit keiner Wimper.
DeVries macht einen Schritt und plötzlich hat er seine Pistole in der Hand und ich lege automatisch an. Er setzt der Blondine die Mündung auf die Brust. Sie weicht nicht zurück, sondern lehnt sich nach vorne, gegen die Waffe.
„Das Horn nehme ich mit“, sagt er. „Es ist meine letzte Chance.“
„Niemals“, sagt sie.
Und ich: „Zwing mich nicht, dich zu erschießen, DeVries.“
Er schnaubt. „Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heils, mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland. Er führt meine Hand, weil ich glaube. Nicht so wie du, der Gott verleugnest.“
Ich versuche so etwas wie ein Grinsen. Wird mehr ein Zähnefletschen raus. „Ich glaube schon an Gott. Ich glaube, dass er ein Arschloch ist.“ Wenn ich an Gott denke, sehe ich das Gesicht meines Vaters, sehe ich jemanden, der Leid verursacht, um sich dann einen runter zu holen.
DeVries dreht sich nicht mal zu mir um. „Kein Wunder, dass Gott dich verlassen hat. Du bist seiner Liebe nicht wert.“
Was soll ich dazu noch sagen?
Irgendwo weiter hinten in der Halle räuspert sich Kitty. „Ihr… ihr wollt euch doch nicht wirklich erschießen, oder?“
„Das hängt ganz von Marcus hier ab“, sagt die Blondine.
„Dann nehme ich eben das Horn mit! Das gehört sowieso in ein Museum“, sagt Kitty und macht einen Schritt.
„Miss Munroe“, sagt DeVries. „Bleiben Sie, wo Sie sind. Wenn Sie das Horn an sich nehmen, werde ich Sie bis ans Ende der Welt verfolgen und Sie zur Strecke bringen wie ein elendes Tier. Verstehen wir uns?“
Hol mich der Teufel, etwas macht ihr doch Angst. Sie zögert.
Und ich merke, wie mein Finger sich dem Abzug nähert. Der verdammte Bastard. Die Grenze, Mann. Du hast sie weit überschritten.
Aber dann beißt sich Kitty auf die Lippen und huscht hinter Irene. Sie taucht mit einem Objekt wieder auf, das in ein Tuch geschlagen ist.
Das Horn.
Sie sieht das Ding an und macht einen Schritt in Richtung Ausgang.
„Miss Munroe“, sagt DeVries ruhig. „Bleiben Sie stehen. Sie müssen das Horn in die richtigen Hände geben. Meine.“
Ich lache. „Klar, deine. Der Fanatiker ist genau der Richtige dafür.“

Aber wessen Hände sind die Richtigen? Nicht die von DeVries, der mit dem Ding die Feinde seines Gottes töten könnte – wen auch immer, Schwule, Muslime, Leute die Spaß im Leben haben.
Über die Blondine weiß ich nichts, aber sie hat mit DeVries zusammengearbeitet und schon einen Gral gebunkert (der Heilige Gral? Na klar.). Nein, ihr kann man nicht vertrauen.
Kitty? Würde zwar keine Ungläubigen zerschmettern, aber das wäre, wie einem Kleinkind einen Flammenwerfer zu geben.
Bleibe also ich, der unbestechliche Caleb Fisher, der natürlich nur verhindern will, das jemand das Horn für die falschen Zwecke einsetzt. Der strahlende Held.
Ha. Sicher.
Natürlich bin ich genauso egoistisch wie die anderen und natürlich sind meine Hände auch die Falschen. Ich würde das Ding nehmen und zu A.C. rennen und hoffen, dass er die Rune von meiner Seele nimmt und verschwindet. Scheiß drauf, ob A.C. damit Hunderte tötet, Hauptsache, ich habe was davon.
„Hören Sie nicht auf ihn“, sagt DeVries. „Wissen Sie überhaupt, wer der Mann ist? Wie er gesündigt hat? Er hat einen Mann vor den Augen seiner Familie abgeschlachtet. Trauen Sie ihm nicht.“
Mein ganzer Körper verkrampft sich. Wo, verdammt noch mal, hat er das her? Es war so leicht, das Messer in Mitchells Herz zu drücken. Es musste sein. Es hat mich nichts gekostet. Es macht mir nichts aus. Es ist nichts in mir gestorben, was nicht sowieso schon tot war.

Scheiß drauf. Scheiß auf dem Mist. Ich presse durch meine Zähne hindurch: „Mach das Ding kaputt, Kitty. Mach es einfach kaputt.“
Sie sieht mich an, mit diesem Blick, verurteilt mich. Soll sie doch. Ich kann es aushalten. Dann hebt sie das Horn…
…und setzt es an die Lippen. Wir alle erstarren. Aber kein Ton kommt aus dem verdammten Ding. Schweiß läuft mir über die Stirn.
Sie hebt das Horn noch einmal, diesmal mit beiden Händen über den Kopf.
„Miss Munroe, wollen Sie, dass Irene stirbt?“ sagt DeVries, aber sie hält nicht Inne.
Das Horn fällt, DeVries Finger krümmt sich und ich reagiere, instinktiv. Ein Schuss knallt. Irene sackt zusammen. Dann eine Salve, meine eigene. Blut, Fleisch, Knochensplitter fliegen aus DeVries Schulter. Den Arm wird er vergessen können.
Aber er bleibt stehen, der Bastard, und zielt auf Irene. Aus dem Liegen schlingt sie ihre Beine um seine. Er knallt auf den Boden, aber es löst sich noch ein Schuss.
Ich ziele und schieße und endlich bleibt er liegen. Eine rote Lache breitet sich um seinen Arm herum aus. Er murmelt etwas und verstummt dann. Aber seine Brust hebt und senkt sich noch.
Soll ich das ändern…? Ach, Scheiße, nein.

Erstmal gehe ich hinüber zu Irene und knie mich bei ihr hin. „Alles klar?“ frage ich.
Sie verzieht das Gesicht, aber nur für eine Sekunde. Dann sieht sie wieder völlig ruhig aus. „Ja, war nur ein Streifschuss.“ Sie blutet ein bisschen, muss sich aber weggedreht haben. als er abgedrückt hat.
Also DeVries. Ich klebe ihn so notdürftig zusammen, wie nötig und schleppe ihn ins Auto. Ein Teil von mir hätte nichts dagegen, wenn er einfach auf dem Rücksitz verreckt.
Aber der Bastard verträgt mehr als eine Kakerlake. Ich lasse ihn am Hintereingang des Krankenhauses liegen. Gleich darauf entdeckt ihn ein Sanitäter und er wird rein gebracht.

Als ich zu meinem Auto zurückkomme, ist Irene schon weg. Das Horn fehlt auch. Ich habe keine Kraft mehr, wütend zu sein. Klar, das wäre auch viel zu einfach gewesen. Mich aus dem Deal mit A.C. freikaufen. Nichts für ihn tun müssen… War’s ne gute Show, Gott? Hattest du deinen Spaß?
Aber ich merke sie mir, die blonde Schlampe. Für wenn ich mal mehr Zeit habe.

Kitty ist auch nicht begeistert über den Verlust des Horns.
„Du hast versucht, das Ding zu blasen. Damit bist du die Falsche für so was Gefährliches“, sage ich. Eigentlich sollte ich sie verprügeln, so richtig, ein zwei Finger brechen und sie von diesem übernatürlichen Scheiß abbringen. Auf lange Sicht wäre es… Scheiße nein, es wäre nicht besser. Ich sollte gut genug wissen, wie so was einen Menschen kaputt macht.
Also sage ich: „Hör zu, du hättest hier leicht abkratzen können. Nächstes Mal ist vielleicht keiner da, der dich beschützen kann. Der Ghoul hätte dir den Kopf abgerissen, deine Leiche gefressen und wäre dann mit deinem Aussehen zu deinen Freunden marschiert. Die hätte er auch zerfetzt.“
Ich befürchte, dass nichts davon bei ihr ankommt. So wird sie es nicht lange machen. Vielleicht sollte ich mal Ben auf sie ansetzen, ist ja die gleiche Uni.
Sie will mir meine Schrotflinte wiedergeben. „Schon gut. Behalte sie. Wirst sie noch brauchen“, sage ich.

Ich hinterlasse DeVries eine Karte aus dem Krankenhausladen, einen Teddy mit Tränen in den Augen und gebrochenem Arm: “Lieber Marcus, komm mir noch mal unter die Augen oder in die Nähe von Kitty und ich bringe dich um. Viele Grüße, Cal.”

Dann fahre ich los. Nach Hause?
Ich halte auf einer Seitenstraße an und mache die Tür auf. Langsam rauche ich eine Zigarette und sehe mir die Landschaft an, ebenes Land zu allen Seiten. Miffy rollt sich auf meinem Schoß zusammen. Ich denke an den toten Mitchell und den lebenden DeVries. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn nicht zum letzten Mal gesehen habe und dass beim nächsten Mal einer von uns tot sein wird.
Ich denke an das Horn, an eine vertane Chance, mich zu retten. Ich denke an A.C. und an die Rune auf meiner Seele.
Ich muss damit fertig werden. Alleine.
Bald.
„Komm“, sage ich zu Miffy. Sie stellt ihre Ohren auf und sieht mich an. „Fahren wir zu den anderen.“

Comments

Marganma

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