Mädchenkram - Supernatural

Das Wachsfigurenkabinett in Billings

Lyle, Coco und Chloe

Es war nicht schwierig, von Victoria nach Billings zu kommen. Hatte ein paar Wochen gebraucht, klar, aber so eilig hatte es Lyle gar nicht. Es gab ja niemanden, der ihn angetrieben hätte. Er verbummelte ein paar Tage hier, ein paar Tage da, machte Tagelöhnerjobs oder half einem Bauer mit seiner Kuh. Ehrlich, der Kerl hatte keinen Schimmer von Kühen – warum er unbedingt Bauer sein wollte, war Lyle schleierhaft. Aussteigen, hatte er gesagt. Weg vom Stress der Großstadt. Jetzt hatte er halt Stress mit Kühen, aber er war wild entschlossen, das alles großartig zu finden. Waren ein paar lustige Tage, und Lyle wusste jetzt, was eine Playstation ist.

Danach fuhr er mit einem Trucker bis zu einer Tankstelle in der Nähe von Billings. Dort traf er einen jungen Mann in einem geschniegelten Anzug, der ihn ein bisschen an Agent Saitou erinnerte. Der hatte ein Problem, weil das Kreditkartengerät nicht ging, und er kein anderes Geld hatte. Der Tankstellenmensch meinte zwar, die Polizei könnte das klären, aber der Anzugmann hatte es eilig und wurde immer nervöser.
Lyle hatte gerade ein bisschen Geld in der Tasche und bot ihm an, das Benzin zu bezahlen, wenn der andere ihn mit nach Billings nehmen würde. Der schaute erleichtert drein und nickte enthusiastisch. Unterwegs erfuhr Lyle, dass Thomas Controller war (den Begriff kannte er bis dahin nur von der Playstation, aber das war sicher nicht dasselbe), dass er ein sehr wichtiges Vorstellungsgespräch hatte und deswegen so nervös war, dass Thomas‘ Verlobte nicht sicher wusste, ob sie nach Billings ziehen wollte, und dass Thomas sich fragte, ob er in Montana überhaupt einen guten Soy Latte bekommen könnte. Als Thomas mitbekam, dass die Tankfüllung fast Lyles gesamtes Geld aufgebraucht hatte, hielt er an einem Geldautomaten an, holte viel mehr Geld, als Lyle für ihn gezahlt hatte, und gab es dem Jungen. Netter Kerl. Hoffentlich bekam er den Job, und seinen Soy Latte auch.

Es war eigentlich ganz einfach, nette Menschen zu treffen. Man musste nur wissen, wie man die Leute nehmen musste – manche wollten reden, andere wollten zuhören, manche wollten nur ihre Ruhe. Lyle war ziemlich gut darin, Leute zu verstehen und sich so zu benehmen, dass er bekam, was er wollte. Das hatte selbst damals auf der Farm funktioniert, nur nicht bei Elder Winters. Dem konnte er es nie recht machen. Aber der saß jetzt im Gefängnis, und Agent Saitou hatte gesagt, sie würden den Schlüssel zu seiner Zelle wegwerfen.

Billings war eine ziemlich große, lebendige Stadt. Das Café bei der Universität, in dem Lyle mit Allie verabredet war, fand er leicht. Leider war Ally gar nicht da, stattdessen war Coco gekommen. Lyle war ein bisschen enttäuscht. Er hatte sich auf Ally gefreut, aber Coco war auch nett. Sie erzählte, Ally wäre krank, und als Lyle besorgt fragte, was sie denn hat, meinte sie, „Männerschnupfen“. Diese Krankheit kannte Lyle nicht, also fragte er, ob das gefährlich wäre. Coco verdrehte die Augen und sagte „Tödlich“, aber ganz offensichtlich meinte sie das nicht ernst.
Gemeinsam besuchten sie Ally, die eine ganz normale Erkältung hatte – kein schwerer Husten, kein hohes Fieber – und die eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte. Trotzdem, es war schön, sie gesehen zu haben.

Nachdem die beiden wieder draußen standen, schlug Coco vor, einen Jahrmarkt besuchen zu gehen. Lyle erinnerte sich daran, wie Elder Hassalee über Jahrmärkte als Pfuhl der Sünden und Abgrund der Abscheulichkeiten gewettert hatte, also sagte er natürlich ja.

Lyle hatte noch nie einen Jahrmarkt gesehen. Das war vielleicht interessant! So viele Sachen, die man anschauen konnte! Eine Fahrbahn, auf der man versuchen konnte, sich gegenseitig umzufahren. Eine Bude, an der man auf Rosen schießen konnte, und wenn man traf, durfte man die Rose behalten. Ein Spiegel, in dem man sehr unförmig aussah, und ein Hammer, mit dem man auf eine kleine Plattform hauen durfte, um zu sehen, wie stark man war.
Es roch richtig gut, vor allem nach Popcorn. Popcorn hatten sie auf der Farm auch gemacht, aber nur ganz selten. Coco allerdings fand Popcorn langweilig und kaufte Lyle stattdessen eine Tüte Churritos. Die waren extrem scharf, und Coco lachte Lyle aus, weil der so rot anlief. Aber nachdem er sich ein bisschen daran gewöhnt hatte, schmeckten sie eigentlich ganz gut.
Schließlich kamen sie bei der Hauptattraktion an: Das Wachsfigurenkabinett, das heute wiedereröffnet werden sollte. Lyle hatte zwar nur eine vage Idee, was das sein könnte, aber das würde er ja sehen.

Zunächst sah er eine Traube Reporter, die um einen Mann herumstand. Das war der Besitzer des Jahrmarkts, Clifford Jones, der munter erzählte, dass das Kabinett eine tolle neue Attraktion für seinen Jahrmarkt wäre, der ohnehin schon ziemlich großartig sei, aber jetzt eben noch besser. Eine magere junge Reporterin fragte ihn, warum das Kabinett so lange geschlossen gewesen sei, und er erklärte, er habe die Figuren wohl vergessen und vor kurzem wiederentdeckt. Dann redete er noch ein bisschen weiter über die Figuren, die man hier sehen konnte: Die Berühmtheiten Montanas, der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt. Coco wusste aber auch nicht, was für berühmte Leute es in Montana gegeben hatte. Endlich war Mr. Jones fertig und die Leute durften rein – Reporter mit Presseausweis hatten freien Eintritt.
Coco drückte Lyle kurzerhand Allys Presseausweis in die Hand und sagte ihm, vermutlich würde niemand auf das Bild achten. Besonders ähnlich sah Lyle Ally nämlich nicht. Das war aber kein Problem: Lyle redete ein bisschen mit Mr. Jones, während er den Ausweis kurz zeigte, und der Jahrmarktdirektor beachtete die Plastikkarte gar nicht.

Drinnen standen überall Figuren aus Wachs – lebensgroß und lebensecht. Direkt im Eingang sah Lyle als erstes eine Gestalt, die Mr. Jones bis aufs Haar glich, sie hatte sogar fast die gleichen Kleider an. Nur die Augen waren nicht lebendig.
Außer Mr. Jones gab es noch etwa zwei Dutzend andere Figuren. Manche hatten moderne Kleidung an, andere eher altmodische oder sehr merkwürdige. Lyle erkannte keine davon, außer Abraham Lincoln. Über den hatte Elder Saffron auf der Farm geredet: Ein jüdischer Präsident, der Gott und die Freiheit hasste und Nigger liebte. Der Süden hatte sogar Krieg gegen ihn geführt, weil er ihnen vorschreiben wollte, wie sie zu leben hatten. Aber nach allem, was auf der Farm so passiert war, fand Lyle ein paar Vorschriften gar nicht so schlecht.

Coco lief herum und machte lauter Fotos von den Figuren. „Gruselig“ sollten die werden, für ihren Abschlussfilm. Na, ein bisschen gruselig waren Dinger ja schon, weil sie so lebensecht aussahen und so unbeweglich herumstanden, wie Tote. Aber Lyle spürte keine Geister.
Während Coco ihre Bilder schoss und Aufnahmen machte, streifte Lyle durch die Gegend und versuchte, unauffällig die Schilder bei den Figuren zu lesen. Er stand gerade bei Sherlock Holmes und entzifferte das Wort „Privatdetektiv“, als ihn die magere Reporterin ansprach. Die wäre echt hübsch gewesen, wenn sie etwas mehr Fleisch auf den Knochen gehabt hätte. Hatte Mr. Blackwood nicht gesagt, die Leute hätten normalerweise genug zu essen? Die hier schon mal nicht.

Sie hieß Chloe und hatte den Ausweis gesehen, mit dem Lyle in die Ausstellung gekommen war. Nun war sie aber hier, um sich mit Ally zu treffen, weil ihre Kamera merkwürdige Dinge fotografieren konnte, Dinge, die man mit bloßem Auge nicht sah. Coco schien das interessant zu finden, schaute auch durch den Sucher und behauptete dann, Lyle würde irgendwie leuchten. Aha. Lyle zuckte die Achseln und wechselte das Thema. Er hatte keine Lust, darüber zu diskutieren, warum das so sein könnte. Glücklicherweise waren die beiden Frauen leicht abzulenken.

Später machte das Kabinett zu und Mr. Jones scheuchte Chloe, Coco und Lyle nach draußen. Die Frauen tauschten noch Telefonnummern aus, Chloe fragte nach einem Hotel und Coco empfahl ihr eins. Lyle bot sie an, er könnte bei ihr übernachten, wenn er sich im richtigen Moment umdrehen würde. Das verstand er nicht, aber sie meinte lachend, das werde er schon merken.
So ganz wohl war ihm ja nicht in dem winzigen Zimmer mit der jungen Frau zusammen. Wenn Männer und Frauen zusammen im Zimmer waren, konnten grausige Dinge passieren – angeblich war das nur dann Sünde, wenn sie nicht verheiratet waren, aber nach allem, was seine kleine Schwester erzählt hatte, war es auch dann schlimm. Lyle hatte als kleiner Junge mal seinen… Elder Winters und seine Stiefmutter dabei gesehen, und daraufhin musste er sich die Augen mit Seife auswaschen.

Nach einer unruhigen Nacht, zumindest für Lyle, hörten sie beim Frühstück im Radio von Vandalismus beim Jahrmarkt. Sie waren nicht die einzigen, die das interessant fanden, denn kurz nach der Meldung rief Chloe bei Coco an und fragte, ob sie sich nicht treffen wollten. Klar, wollten sie, also ging es wieder zum Jahrmarkt.

Dort stand Mr. Jones und zeterte ein paar Polizisten an. Auf den ersten Blick sah nichts besonders kaputt aus, aber Chloe meinte, sie hätte einen Riss in dem Haus gefunden, in dem die Wachsfiguren untergebracht waren. Seltsam!
Nachdem die Polizisten weg waren, sprach Lyle Mr. Jones an. Was denn passiert wäre, fragte er. Schreckliche Dinge, erklärte Mr. Jones, schreckliche Sachen: Üble Vandalen waren ins Wachsfigurenkabinett eingedrungen und hatten dem Abbild von Mr. Jones den Kopf abgeschlagen. Der Jahrmarktdirektor war sehr aufgebracht, aber für die neugierigen jungen Leute war das nur gut, denn er erlaubte ihnen, sich schon jetzt im Kabinett umzuschauen.

Ohne Leute und richtiges Licht war der Raum mit den Wachsfiguren einigermaßen unheimlich. Die sahen einfach so echt aus! Während Chloe und Coco Bilder machten (vor allem von dem abgeschlagenen Kopf), sah sich Lyle um. Ihm fiel auf, dass die Sherlock-Holmes-Figur sich verändert hatte: Die Pfeife steckte nicht mehr im Mund des Wachsmannes, sondern in seiner Tasche. Die rechte Hand, mit der er sie gehalten hatte, hing jetzt locker neben seinem Körper herunter. Außerdem entdeckte Lyle, dass die Feueraxt, die gestern noch an der Wand hing, fehlte.

Er berichtete den beiden Frauen von seiner Entdeckung. Natürlich wollten sie sich das auch ansehen, und nach ein paar Minuten fand Chloe tatsächlich die Feueraxt, die versteckt an der Wand lehnte. Das Axtblatt war mit einer feinen Schicht Wachs verschmiert. Das stammte vermutlich von dem Hals der Jones-Figur – Coco meinte, das müsste die Tatwaffe sein.
Dann fand Chloe weitere Wachsspuren am Griff der Axt. Lyle vermutete, dass es vielleicht eine Wachsfigur gewesen sein könnte, die Mr. Jones‘ Abbild geköpft hatte. Chloe und Coco brauchten einen Moment, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, aber das war zumindest eine Erklärung, die zu den ganzen Fakten passte.

Mr. Jones äußerte die Vermutung, sein Konkurrent Matthew Gideon könnte hinter dem Angriff stecken. Das war ja nicht von der Hand zu weisen, daher machten sich die drei jungen Leute auf, um Mr. Gideon einen Besuch abzustatten. Aber sie fanden nicht viel heraus, außer dass Gideon ein schmieriger Kerl war, der verzweifelt versuchte, sympathisch zu wirken. Er tat Lyle ein bisschen leid, weil ihm das überhaupt nicht gelang. Die beiden Frauen fanden ihn armselig.

Gegen Abend versteckten sich Lyle, Chloe und Coco im Wachsfigurenkabinett. Es leuchtete ja ein, dass da nachts Dinge vor sich gingen. Chloe wurde zwar dabei erwischt, wie sie versuchte, sich hinter einer Säule zu verstecken – sie war zwar mager, aber nicht so mager – und aus dem Haus komplimentiert, aber Lyle und Coco ließen sie später einfach wieder rein.
Sie mussten eine Weile warten. Lyle war sehr erleichtert, dass die jungen Frauen ihre Kleider anließen und nur Fotos von dem dunklen Raum machten. Junge, war das gestern peinlich gewesen! Allein bei dem Gedanken schoss ihm das Blut ins Gesicht.
Sie untersuchten die Sherlock-Holmes-Figur erneut. Dabei nahm ihm Chloe die Pfeife weg und steckte sie Dirk Benedict in die Tasche. Der trug eine ziemlich absurde Jacke und hielt einen komischen Helm unter dem Arm, aber offenbar war er ein Schauspieler. Soweit Lyle wusste, trugen die gern merkwürdige Kleidungsstücke.

Schlag Mitternacht tat sich dann etwas: Es kam Leben in die Wachsfiguren. Das waren immer noch keine Geister, aber trotzdem fingen sie an, sich zu bewegen und von ihren Podesten zu steigen.
Coco erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht, und Chloe schrie erschrocken auf. Als die Wachfiguren den Schrei hörten, drehten sie sich um und kamen auf die drei Eindringlinge zu.

Lyle trat ihnen entgegen. Das war wirklich eine Situation, wo Reden wichtig war. Er begrüßte sie also höflich und erklärte, sie wären hier, um die Sache mit der geköpften Figur aufzuklären. Sherlock Holmes ergriff das Wort und sagte, der hätte es schon verdient. Evel Knievel lachte höhnisch auf.
Aber die meisten Wachsmenschen waren friedlich. Es stellte sich schnell heraus, dass Evel Knievel die Clifford-Jones-Figur geköpft hatte, weil er eifersüchtig war. Erst vergaß Mr. Jones die ganzen Wachsleute im Keller, und dann setzte er ihnen auch noch dieses Ding vor die Nase, ausgerechnet auf den besten Platz! Das wollte sich Evel Knievel nicht bieten lassen!
Andere Personen waren besonnener. Mit der Unterstützung von Sherlock Holmes und Abraham Lincoln konnten Lyle, Chloe und Coco den aufgebrachten Wachsmann schließlich überzeugen, dass Gewalt hier die falsche Lösung war. Nachher hatte Mr. Jones die Nase voll von der ganzen Sache und stellte sie wieder in den Keller! Oder warf sie gar auf den Müll! Das wollte nun wirklich keiner.

Nachdem sie die Sache mit der Feueraxt und dem abgeschlagenen Kopf geklärt hatten, durften Coco und Chloe noch einen Haufen Bilder von den Wachsleuten machen. Das freute vor allem Coco immens, weil das für ihren Abschlussfilm ganz großartiges Material war; vor allem, als Evel Knievel sichtlich vergnügt Sherlock Holmes würgen durfte.

Um ein Uhr nachts kletterten die Wachsfiguren schließlich wieder auf ihre Podeste und erstarrten. Mal schauen, ob morgen jemand merken würde, dass Dirk Benedict jetzt die Sherlock-Holmes-Pfeife im Mund hatte.
Lyle und die beiden anderen versprachen den Figuren, bald wieder zu Besuch zu kommen, und mit Mr. Jones wegen dem besten Platz zu reden. Vielleicht könnte er ja ab und zu eine andere Figur auf die Position stellen.

Das Gespräch mit Mr. Jones verlief soweit ganz gut. Der Jahrmarktdirektor glaube zwar nicht so recht, dass seine Figuren zum Leben erwachen, aber er war trotzdem bereit, hin und wieder eine andere Wachsgestalt an die Stelle ganz vorn am Eingang zu stellen. Außerdem gab er Lyle einen Job als Hilfsarbeiter auf dem Jahrmarkt – also konnte Lyle noch eine Weile in Billings bleiben und dort vielleicht sogar überwintern. Und Ally treffen. Darauf freute er sich am meisten.

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Timberwere

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