Mädchenkram - Supernatural

Die Zehn Plagen und der Serienmörder

Zu Pessach kommt ein Tischdämon

Der Pessach-Dämon

Lyle war unterwegs nach New York, als er die Geschichte im Radio hörte.
„Bill, was meinst du, sind das die zehn biblischen Plagen?“
„Tja, Maisie, sieht so aus: Erst läuft bei Ferrington Chemicals ein Tank leer und färbt den Hudson rot…“
„…blutrot…“
„…blutrot, dann treibt das die Frösche aus dem Fluss und sie krabbeln überall herum, danach hauen da auch die Mücken ab… und weißt du, was heute passiert ist?“
„Meinst du die Wildtiere, die aus dem Zoo ausgebrochen sind, Bill?“
„Ja, Maisie – Löwen und Tiger und Bären, oh weh!“

Die Truckerin, bei der Lyle im Führerhaus saß, lachte mit den Radiomoderatoren um die Wette. Er lächelte auch, aber ihm war ganz anders zu Mute: Blut, Frösche, Ungeziefer, Wilde Tiere. Die ersten vier Plagen. Danach kam eine Viehseuche, Eiterbeulen, Hagelschlag, Heuschrecken, Finsternis und schließlich Tod der Erstgeborenen.

Das Radio verriet nicht viel mehr, sondern beschäftigte sich als nächstes mit einem Serienmörder, der fromme Juden umbrachte. Lyle runzelte die Stirn. Wenn er den Elders glauben wollte, waren alle Juden geldgierige, gottlose Raffsäcke, die Jesus umgebracht hatten. Und New York ein Sündenpfuhl, der längst der Hölle verfallen war. Er zuckte die Achseln. Nein, er wollte den Elders nicht glauben.

Kurz nach seiner Ankunft in New York traf Lyle Irene. Die wusste noch gar nichts von den Plagen – sie war hier, weil ihre Familie einen Tisch versteigert hatte, und jetzt stimmte etwas nicht damit. Das wollte Irene zuerst angehen. Gerade, als die beiden vor dem kleinen jüdischen Laden mit dem eingeschlagenen Fenster standen und Irene mit ihren Verwandten in England über den Tisch redete, sprach ein gutgekleideter Mann die blonde Jägerin an. Er stellte sich als Flann Breugadair vor und sagte, er würde sie aus einem Roadhouse kennen. Er hätte zufällig etwas von ‚merkwürdigen Vorkommnissen‘ gehört – vielleicht könnte er helfen?

Zu dritt besuchten sie also den neuen Besitzer des Tischs, Ben Druker. Der wohnte über dem Laden und feierte gerade einen hohen jüdischen Feiertag, Pessach. Dabei gab es strikte Speisevorschriften, bei denen Krümel aus gesäuertem Material nicht erlaubt waren, und Mr. Druker bat Lyle, seinen Müsliriegel bitte im Treppenhaus zu lassen. Natürlich tat der Junge ihm den Gefallen. Das war ja nur höflich.
Drinnen erklärte Druker, dass bei der Pessachfeier etwas schief gelaufen war. Er und seine Familie hatten ganz normal gefeiert, als auf einmal eine Stimme ertönte: „Es ist Gesäuertes im Haus!“ Natürlich fingen sie alle an, nach Krümeln zu suchen, aber sie fanden keine. Als sie sich wieder hinsetzten, um weiter zu feiern, erklang die Stimme wieder: „Es ist Gesäuertes im Haus!“ Wieder haben sie gesucht, wieder nichts gefunden. Das Ganze passierte noch ein drittes Mal, aber als sie diesmal aufstanden, hörten sie an der Tür ein lautes Schaben und Kratzen. Das ging ein paar Minuten, dann verstummten die Geräusche. Kurz darauf klirrte unten die Fensterscheibe.

Das klang in der Tat einigermaßen merkwürdig. Lyle untersuchte die Tür und den Laden unten nach Spuren, und tatsächlich: Etwas hatte krallenartige Scharten an der Tür hinterlassen, und auf dem Boden fanden sich Abdrücke wie von Hufen. Irene entdeckte an der zerbrochenen Fensterscheibe ein paar grünliche, ledrige Fetzen, die vielleicht Haut sein könnten.
Krallen, Hufe, grüne Haut: Ben Druker meinte, das könnte vielleicht ein Dämon sein. Auf Flanns weitere Nachfragen erklärte er sich bereit, nachzusehen, ob er ein Werk über die Kabbalah besaß. Er ging nach oben, und in der Zwischenzeit untersuchten Flann, Lyle und Irene den Tisch, mit dem alles angefangen hatte.

Der Tisch war alt, wuchtig und mit vielen Schnitzereien verziert: Die zehn Plagen und noch ein paar andere. Auf Flanns Hinweis sah sich Lyle den Tisch genauer an und fand heraus, dass es einen geheimen Mechanismus gab und er die Tischplatte wie bei einem Pult aufklappen konnte. In dem Pult lagen allerdings nur die Überreste von ein paar getrockneten Pflanzen, die nicht aus den USA stammten.
Auf der Innenseite der Tischplatte fand Flann ein paar weitere Zeichen, die zwar vage hebräisch aussahen, es aber nicht waren. Lyle hatte solche Symbole allerdings schon gesehen – solche Zeichen benutzten die Elders der Weisen von Endor bei ihren Beschwörungen von Dämonen oder von Engeln.

Das hatte eine unerwartete heftige Wirkung auf Irene: Sie sprang dem Jungen fast an die Gurgel und forderte ihn auf, ihr alles, aber auch alles darüber zu erzählen. Lyle war von ihrer Vehemenz ziemlich überrascht, allerdings konnte er die Zeichen ohnehin nicht lesen. Das hatten die Elders ihm nicht beigebracht, und er hatte keine Gelegenheit, es anders zu lernen. Nachdem er ihr das erklärt hatte, ließ sie wieder von ihm ab und entschuldigte sich sogar. Aber sie wollte schon noch wissen, wo diese Elders denn waren. Lyle zuckte die Achseln. Soweit er wusste, waren die im Gefängnis und wurden hoffentlich bald hingerichtet. Dann holte Irene aus, und der Junge zuckte zurück, in Erwartung eines Schlags. Das war aber wohl gar nicht ihre Absicht gewesen – vielleicht wollte sie ihm nur einen aufmunternden Klaps geben?

In diesem Moment meldete sich Charles, ein Bekannter von Irene aus England. Er erzählte, dass der Tisch von einem Vorfahren der Hooper-Winslows aus der Ukraine mitgebracht wurde, nachdem es dort an einem Pessachfest ein schreckliches Massaker gegeben hatte. Der Rabbi hatte das Monster, das die Familie angriff, nur dadurch aufhalten können, dass er den Namen Gottes sagte. Dabei war er allerdings selbst gestorben, weil der Name so heilig war. Lyle musste sich beherrschen, seine Meinung über Gott nicht laut zu äußern. Sein … Elder Winters hatte ihm ja immer gesagt, dass es bei Gottes Strafgericht keine Ausnahmen und keine Nachsicht gab.

Im Gespräch stellten Irene, Lyle und Flann fest, dass es eine Überschneidung zu dem Serienmörder gab, von dem im Radio berichtet worden war: Der erste Mord geschah in der Pessachnacht, gar nicht weit weg vom Laden der Drukers. Seither wurden in jeder Nacht Juden ermordet, nicht nur besonders fromme, aber größtenteils.

Oben hatte Druker mittlerweile ein Buch über die Kabbalah gefunden und erzählte, dass der Tisch einer Untergruppe von Juden gehörte, die hier in der Gegend ein Begegnungszentrum hatten: Chabad Lubawitsch. Über die Morde konnte er sagen, dass der Serienkiller sich pro Nacht ein Viertel heraussuchte, in dem er Juden umbrachte. Mit Brooklyn wäre er fast fertig – als nächstes wäre wohl Kew Gardens in Queens an der Reihe.

Gerade, als sie gingen, bekam Irene einen Anruf von einem weiteren Bekannten, der am Übernatürlichen interessiert war: Dr. Akintola. Der wurde gleich zum Essen eingeladen, und alle vier trafen sich in einem Café. Als erstes brachten Irene und Flann Dr. Akintola auf Stand, dann bat Irene ihn, sich das Buch über Kabbalah mal anzuschauen. Als Universitätsprofessor konnte er sicher besser lesen als die anderen. Jedenfalls besser als Lyle, wobei der mittlerweile auch nicht mehr laut mitlesen musste.
Dr. Akintola fand schnell ein Bild von einem Dämon, der auf die Spuren im Laden der Drukers passte. Der hatte allerdings keinen Eigennamen wie „Klaus-Günther“, sondern nur eine Bezeichnung. Das erschien Lyle merkwürdig. Er hatte bisher nur Dämonen getroffen, die eigene Namen hatten (wenn auch keinen Klaus-Günther), aber eingedenk Irenes letzter Reaktion hielt er sich mit diesem Wissen lieber zurück. Jedenfalls behauptete das Buch, der grünliche Dämon setze sich aus Kräutern zusammen, und zwar genau den Kräutern, deren Überreste Lyle und Flann in dem Pessachpult gefunden hatten.
Lyle äußerte die Vermutung, dass der Dämon gekommen war, um die Leute zu bestrafen, die sich nicht an die Regeln gehalten hatten. Und die Plagen? Die betrafen ja nicht nur Juden, es sei denn, der Hudson River wäre irgendwie jüdisch. Oder die Frösche. Aber eigentlich sollte es dabei ja ohnehin Ägypter treffen und eben keine Juden. Lyle wollte wissen, ob Dr. Akintola Ägypter war, aber der verneinte nur amüsiert. Na, Amerikaner war er keiner – hätte also sein können.

Währen die anderen herumspekulierten, hatte sich Flann umgezogen und tauchte jetzt im professionellen Anzug auf. Er sah ein bisschen aus wie Special Agent Saitou – das war auch kein Zufall: Er wollte sich als FBI-Agent Robert Taylor ausgeben, um an die Informationen heranzukommen, die die Polizei über die Serienmorde gesammelt hatte. Irene war etwas neidisch, weil sie mit ihrem ausländischen Akzent eine solche Täuschung nicht versuchen konnte. Immerhin würde Lyle das irgendwann können. Der könnte ja sogar richtig zum FBI gehen, wenn er wollte. Lyle wandte ein, dass er dafür wohl einen High-School-Abschluss bräuchte, aber Irene sagte ihn, den könne er ja nachmachen. Wie das gehen sollte, erklärte sie ihm aber nicht, und Lyle verzichtete darauf, ihr seine Zweifel zu unterbreiten.

Sie klapperten die Tatorte ab. Während Flann – Special Agent Taylor – mit den Polizisten sprach, fand der Rest an jeder Stelle, an der ein Mord passiert war, Hufspuren und Kräuterfetzen. Offenbar war es wirklich der Pessachdämon.
Von den Polizisten – Detectives Bleaught und Blwb – erfuhr Flann nicht viel Neues, aber immerhin bekam er die Profile der Opfer.

Das nächste Ziel war das Gemeindezentrum Chabad Lubawitsch. Flann hielt nicht viel davon, den Leuten dort die Wahrheit über den Dämon zu erzählen, also erzählte er dem Rabbi Mordechai Palgon, er wäre ein Romanautor, der für sein nächstes Werk recherchiere. Der Rabbi war davon recht angetan und half bereitwillig weiter. Er bestätigte die Geschichte mit den Morden in der Ukraine und erwähnte, dass der Dämon hauptsächlich dann auftauchen soll, wenn besonders fromme Menschen die Gebote übertreten. Außerdem hatte er einen sehr hilfreichen Hinweis: Man müsste das ‚Wort‘ (also den Namen Gottes) nicht laut aussprechen, um den Dämon zu besiegen. Vielleicht reichte es auch, wenn man den geschriebenen Namen in ihn einritzte oder ähnliches. Dank Flanns Überredungskunst zeigte der Rabbi dem Jäger sogar, wie dieser Name geschrieben wird.
Es gab noch ein paar weitere Möglichkeiten, den Dämon zu verlangsamen, zum Beispiel mit einer bestimmten Melodie auf einem Widderhorn. Flann fragte, ob er das ausleihen könnte, weil sein junger Zeichner – er deutete auf Lyle – das Horn für das Cover des potentiellen Romans abmalen könnte. Aufs Stichwort strahlte der Junge Rabbi Palgon an, versicherte mit aufrichtiger Miene, sehr vorsichtig damit umzugehen und „Sir, das ist ein ausnehmend schönes Horn und keine Frage“. Der arme Mann hatte dem nicht viel entgegenzusetzen und verlieh das Shofar-Horn an die Jäger, mit einem Büchlein, in der die Abfolge der korrekten Tonlängen drin stand. Na, da hatte es sich ja mal gelohnt, dass Lyle auf der Farm lernen musste, wie man auf so einem Horn bläst. Bei den Weisen von Endor hatten sie damit immer die „Mauern Jerichos“ umgeblasen, also die Mauern der gottlosen, verdorbenen westlichen Zivilisation. Er erinnerte sich daran, wie sein jüngerer Bruder Jeremiah … nein. Jeremiah war tot. Keine Erinnerungen. Das hier war ein anderes Horn, und ein ganz anderer Dämon.

Das war ein Dämon, der die Dunkelheit liebte und gern in den Schatten blieb. Lyle fiel ein, dass er auf einer Baustelle mal einen sehr hellen Scheinwerfer gesehen hatte. Glücklicherweise hatte Irene solche Scheinwerfer in ihrem Auto eingebaut. Vielleicht konnte man damit ja sogar den Namen als Schatten auf den Dämon projizieren. Für den Fall, dass das nicht klappte, besorgte Flann noch ein paar Aufkleber mit den entsprechenden Buchstaben.

Blieb nur noch das Problem, den Dämon zu finden. Irgendjemand schlug einen Puff vor, als Ort der Sünden. Das führte zu einer Diskussion über Bordelle, in deren Verlauf Dr. Akintola Lyle anbot, ihm ein paar Dinge darüber zu erklären. Nur theoretisch, natürlich. Lyle nickte und beschloss, nach dieser Sache möglichst schnell zu verschwinden. So viel wollte er über solche Sachen gar nicht wissen.
Abgesehen von Bordellen kannte sich Dr. Akintola aber auch mit Magie aus: Er wirkte ein merkwürdiges Ritual, bei dem er in Zungen sprach, und rief dadurch er die Kräuter, die der Dämon verlor, deutlicher an die Oberfläche. So fiel es Lyle viel leichter, die Spur aufzunehmen und zu verfolgen. Und als die Sonne unterging, kamen die vier Jäger gerade rechtzeitig an eine schattige Seitenstraße, um zu beobachten, wie der Pessachdämon aus den Kräutern entstand.
Irene zog sofort einen Salzkreis um ihn, der ihn aber nicht weiter störte. Flann schoss, Dr. Akintola startete die Lichtanlage des Autos und Lyle hob das Horn, um die Tonfolge zu blasen. Er konzentrierte sich vollständig darauf und schenkte dem Kampf nur wenig Beachtung. Als er fertig war, lag der Dämon auf dem Boden, in der Mitte sauer durchtrennt, gelähmt von den Tönen. Flann klebte ihm einen Aufkleber auf die Schulter, und die Kreatur zerfiel zu einem Haufen Kräuter. Die wurden schnell eingesammelt und verbrannt, und damit war der Pessachdämon erledigt.
Die zehn Plagen übrigens auch, denn am nächsten Morgen wachte niemand mit Eiterbeulen auf. Weitere Morde blieben aus.

Nach der Kräuterverbrennung wollte Flann noch mit Irene sprechen. Danach musste sie dann telefonieren, wohl wieder mit Übersee. Lyle nutzte die Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. Eigentlich wollte er sich nicht von der aggressiven Jägerin ausfragen lassen. Er hatte den Eindruck, sie sah in ihm nur ein Werkzeug, ein Mittel, um ihre Ziele zu erreichen, und solche Leute hatte er schon zu viele gekannt. Außerdem wollte er nicht mehr an die Zeit auf der Farm denken. Immer nach vorn schauen, nicht zurück. Da lagen nur Schatten, die ihn fressen würden, wenn er zu genau hinsah.

Kurz bevor er ging, wurde ihm aber klar, dass es vielleicht um etwas wirklich Wichtiges ging. Dass er vielleicht etwas dazu beitragen konnte, Leute wie die Elders aufzuhalten. Also hinterließ er ihr einen Zettel mit der URL vom True-Believers-Forum und seinen Spitznamen. Wenn sie zu vehement wurde, konnte er immer noch gehen.

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Timberwere

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