Mädchenkram - Supernatural

Die Innenräume der renommierten Anwaltskanzlei in bester Lage der Bostoner Innenstadt sind genauso gestaltet, wie das Gebäude aus der Gründerzeit es von außen vermuten lässt. Edel und traditionell – protzig und verstaubt, wenn es nach Sams Meinung geht.
Genau wie die Leute, die hier arbeiten.
Nachdem sie – immerhin mit einer leicht abgewetzten Stoffhose und einem sauberen, weißen Polohemd unter ihrer Lederjacke gekleidet und ihre Haare ordentlich zurückgekämmt – ihre Unterlagen zur Überprüfung dem Anwalt gegeben hat, wartet sie ungeduldig. Die Verlockung, ihre Armeestiefel auf dem polierten Mahagonischreibtisch abzulegen ist groß, aber sie widersteht ihr. Diesen Kampf hat sie vor einer ganzen Weile schon auf unangenehme Weise verloren.
Kurz bedauert sie, keinen Kaugummi dabei zu haben, da räuspert sich der Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs und reißt sie aus ihren Gedanken. Er steht bereits, die Unterlagen, die sie ihm zuvor gegeben hatte in der Hand und schaut sie von oben herab an. Was ein Snob.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit“, meint er mit einem spöttischen, überheblichen Unterton. „Wie Sie sich sicherlich denken können, kann ich nur drei der von Ihnen beschriebenen Fälle bewerten. Das andere“, er schnalzt mit der Zunge und setzt sich Richtung Tür in Bewegung, „nun ja. Es ist Ihre Entscheidung, das Haus und das Grundstück zu behalten.“
Den letzten Satz spricht er aus, als er bereits die Tür zu öffnen begann. Jetzt eine Kaugummiblase platzen lassen, denkt sich Sam, aber erhebt sich nur wortlos von ihrem Stuhl, nickt ihm zu.
„Wie immer ein Vergnügen, Miss Hooper-Winslow“, verabschiedet er sie an der Tür zu seinem Büro. „Ihren Scheck erhalten Sie wie immer am Empfang. Wenn Sie sich noch einen Augenblick gedulden mögen?“
„Ja. Sicher. Wiedersehen, Mr. Goose… Grossmann, Sir.“
Sie nimmt den Hefter, den er ihr entgegenhält und wendet sich von der Bürotür ab.
Der holzvertäfelte Vorraum, den er eben als Lobby bezeichnet hat (eine viel zu moderne Bechreibung), ist bis auf die Sekretärin, die hinter einem wuchtigen Tresen fast verschwindet und den plüschigen Sesseln, die für wartende Besucher bereitgestellt sind, leer.
Erst als Sam vor dem Tresen steht und ihre Akte auf die Oberfläche fallen lässt, sieht sie, dass einer der Sessel doch besetzt ist. Sie reißt sich zusammen, ihr Gesicht nicht allzu sehr zu verziehen, wird aber von der Sekretärin direkt abgelenkt.
„Ich habe schon alles vorbereitet, Miss Hooper-Winslow“, sagt diese mit übertriebener Freundlichkeit, nimmt die Akte entgegen und überträgt etwas daraus noch auf den schon bereitliegenden Scheck.
Sam lugt herüber, den Blick der Besucherin in ihrem Nacken spürend. Mistkerl. Und dafür bin ich extra nach Boston. Reicht höchstens für ein paar Monate, wenn ich sparsam bin.
„Vielen Dank“, übertreibt nun auch Sam, deren Stimme viel höher klingt als normal. „Bis zum nächsten Mal!“
Mit der linken Hand zieht sie den Scheck zu sich und stopft ihn in ihre Tasche, während sie sich schon umwendet – in die Richtung, in der sich auch eine ihr zumindest flüchtig bekannte Person mit dem gleichen Namen aufhält.
“Sam?”
Die blonde Frau ist bereits aus dem Besuchersessel aufgestanden und hat sich auf den Tresen zubewegt, bis sie gemerkt hat, dass sie gar nicht angesprochen war. Ein Strahlen tritt auf ihr Gesicht, als sie ihre entfernte Verwandte erkennt. Mit ehrlicher Wiedersehensfreude streckt sie ihr die Hand hin, wenngleich ihr Lächeln ein Gutteil Verwirrung enthält.
“Wie schön Sie wieder zu treffen! Wie geht es Ihnen?… Ähm. Hooper-Winslow? Verzeihen Sie die Frage, aber ich habe mir eingebildet, Sie seien eine Blackwood. Lässt mich mein Gedächtnis so im Stich oder haben Sie geheiratet?”
Sie setzt ein freches Grinsen auf und breitet entschuldigend die Arme aus in einer Geste, die sagen soll “was habe ich nur für ein schlechtes Namensgedächtnis.”
Sam schaut auf, offensichtlich etwas verlegen aufgrund der ehrlich wirkenden, erfreuten Begrüßung. Zögerlich aber nicht unfreundlich schüttelt sie die hingehaltene Hand, wenn auch kürzer als es wohl üblich sein dürfte. Als wäre ihr diese Geste eher fremd.
„Irene? Ich… habe nicht damit gerechnet, jemanden wie… Sie hier zu treffen.“
Sie schiebt den Scheck noch tiefer in ihre Tasche, schaut die im Vergleich zu ihr ältere Frau nachdenklich an, auf ihre Worte kaum reagierend.
„Ich habe nie behauptet, Blackwood zu heißen“, erwidert sie mit einem Schulterzucken und weicht Irenes Blick aus, schaut sich um. „Es gibt Leute, die sind so vehement einer Meinung… da habe ich gelernt, dass sie nicht gerne korrigiert werden. Ist oft einfacher so.“
Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Mundwinkel und sie schaut wieder zu Irene. Nun auch die zweite Hand in ihre Jacke steckend, schaut sie kurz zum Ausgang und dann wieder zu Irene.
„Damit meinte ich hauptsächlich Mr. Blackwood“, fügt sie noch eilig hinzu.
Irene quittiert die Erklärung erst mit einer, dann mit zwei hochgezogenen Augenbrauen.
“Oh. Ja, natürlich. Oh, das tut mir leid,” stottert sie, bemüht das verbale Glatteis schnell zu verlassen. “Nun, ich kann es nicht ganz von mir weisen, dass ich in dieser Beziehung bisweilen Mr. Blackwood ähnele.” Ein weiteres schuldbewusstes Lächeln, das schnell breiter wird. Offenbar hat die Engländerin kein großes Problem damit, ihre Unzulänglichkeiten einfach mit einem Schulterzucken hinzunehmen.
“Aber sagen Sie, wenn Sie eine Hooper-Winslow sind, wer sind denn dann Ihre Eltern? Sie müssen mir mehr über sich erzählen! Gehen Sie mit uns essen! Francis müsste gleich auftauchen. Kennen Sie ihn schon? Unser englischer Anwalt, Banker und Cousin. Er behauptet, er wäre hier für ein Sabbatical.”
Wie auf Kommando steht hinter ihr ein junger Mann in exklusivem Tweed. Seine weichen Züge und die offene Herzlichkeit, die er zur Schau trägt, stehen in krassem Gegensatz zu Grossmanns Geiergesicht, seiner verbiesterten Kälte.
“Irene.” Seine melodische Stimme lässt erahnen, dass er seine Erfolge damit erzielt, seine Gegenüber um den Finger zu wickeln, bis sie ihm lammfromm aus der Hand fressen. Er und Irene begrüßen sich mit Komplimenten und Küsschen auf beide Wangen. Dann streckt er Sam die Hand hin und mustert sie aus wachen blauen Augen. “Und wer ist deine Freundin?”
Einige Augenblicke starrt Sam den Mann, den Irene als Francis vorgestellt hat, wortlos an, bevor sie sich aus ihrer Trance löst und ihre Hand, die er in der Zwischenzeit geschüttelt hat, wieder zurückzieht.
Oh Shit. DAS ist Francis? DER Francis. Oh mein… was mache ich denn jetzt?
Sam geht überhaupt nicht auf Irenes Frage nach ihren Eltern ein, sondern richtet ihren Blick weiter auf Francis.
„Sam… Samantha“, stammelt sie, räuspert sich dann und fährt sich durch die Haare. „Hooper-Winslow. Wir… ich… habe vor einigen Jahren einen Brief von dir… Ihnen bekommen.“
Verdammt Sam, reiß dich zusammen. Vielleicht ist es nicht DER Francis. Diese komischen Briten nennen ihre Kinder doch gerne nach sich selbst.
„Samantha! Aber sicher, ich erinnere mich sehr gut.“ Mist, er ist es.
Francis verkürzt den Abstand zu Sam ein wenig, näher als ihr normalerweise recht wäre, aber aus irgendeinem Grunde weicht sie nicht zurück. Er strahlt sie an.
„Walters und Evelyns Tochter. Tragische Geschichte. Aber Samantha, es freut mich so sehr dich endlich einmal persönlich kennen zu lernen!“ Begeistert schaut er Irene an. „Und ihr kennt euch auch? Irene, das hast du mir vorenthalten. Du musst mit uns Essen gehen, Samantha. Ich will alles erfahren, wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist, was deine Pläne sind.“
Die Worte veranlassen Sam, ihre Augen kurz zu schließen und sich zu sammeln. Jedes Mal, wenn er ihren vollen Namen nennt, läuft ihr ein kleiner Schauer über den Rücken. Er scheint ihr Zögern zu bemerken und mustert sie, wobei sich seine Stirn langsam in Falten legt, als er den Zustand ihrer Kleidung und ihr ganzes Auftreten analysiert.
Langsam holt die Realität sie wieder ein. Ihre Gesichtszüge werden wieder härter, ihr Blick bleibt aber weiter unentschlossen.
„Essen? Oh… ich weiß nicht. Ich hab’s eigentlich eilig.“
“Och, wenigstens einen kleinen Snack,” insistiert der Anwalt. “Wenn wir uns schon endlich kennenlernen. Wer weiß, wann wir wieder eine Gelegenheit haben.” Seine fröhlichen Augen blitzen. Er weiß genau, dass ihm niemand widerstehen kann.
“Hier in der Nähe ist ein Running Sushi, in dem wir auf keine Bestellung warten müssten. Oder wenigstens ein Hot Dog unten am Stand. Der ist wirklich gut. Irene kann man mit Hot Dogs immer kriegen.”
Die scharrt verlegen mit den Füßen und gibt zu, “hmm, ja. Genau deshalb war ich auch schon am Stand, ehe ich hier rauf kam. Was ist mit dem Teehaus? Immerhin sind wir in Boston.”
“Kein Tee, bitte. Es ist doch erst zwölf. Tee kann ich zuhause immer haben. Aber ich weiß was. Wenn wir uns beeilen, bekommen wir noch einen Tisch im Mamma Mia. Das werdet ihr lieben!”
Francis legt einfach seinen Arm um Sams Schulter. Sein Aftershave ist ebenso weich und einschmeichelnd wie seine Stimme.
Irene entzieht sich ihm, bevor er sie ebenfalls zum Ausgang dirigieren kann und hält ihren Rucksack hoch. “Moment, Moment. Ich habe hier noch etwas fürs Archiv, das ich nicht mit zum Essen schleppen will. Kannst du das für mich an Charles weiterleiten?” Sie zieht ein schwarzes Kästchen von der Größe einer Schmuckschatulle hervor und reicht es ihrem Cousin, der neugierig am Verschluss herumfingert.
“Kann ich es aufmachen? Ist es gefährlich?”
“Nicht mehr. Ist versteinert.”
Der junge Mann dreht die Kiste so, dass auch Sam einen guten Blick hineinwerfen kann und öffnet den Deckel. In mehreren Lagen Verpackungsmaterial liegt eine Hand. Francis drückt Irene die Knipsfolien in die Hand, während er begierig die Trophäe auswickelt. Mit langen schlanken Fingern fährt er bewundernd über den glasigen Stein, dreht die schwarze Hand um und offenbart auf der Innenfläche eine Art Maul mit mehreren kreisrunden Reihen kleiner spitzer Zähne. Ein paar davon sind abgebrochen.
“Was ist das?”
“Die Hand eines Schwarzen Mannes. Ich kann dir sagen, von dem Ding gebissen zu werden ist eine Erfahrung, die ich kein zweites Mal machen muss.” Zur Verdeutlichung ihrer Worte zieht Irene ihren Hemdzipfel hoch und zeigt auf die kreisrunde Narbe in ihrer Taille, neben einer rot gezackten Linie, die sich quer über ihren ganzen Bauch zu ziehen scheint.
“Puh,” macht Francis. “Ich wusste gar nicht, dass es die Dinger noch gibt. Wo ist die zweite Hand?”
“Ich auch nicht. Vielleicht habe ich sie ja ausgerottet,” sinniert die blonde Frau mit nicht wenig Stolz in der Stimme. “Wäre mir recht. Das Ding hat die Bewohner eines Altersheims dezimiert. Die andere Hand hat der Bekannte, der mich auf das Monster aufmerksam gemacht hat. Ist seine erste Trophäe. Und ohne ihn hätte mich das Vieh umgebracht.” Ein schmales Lächeln huscht über ihre Lippen, als ihre Augen sich kurz auf einen Punkt in der Ferne richten. Doch schnell weicht es einem betroffenen Ausdruck, den sie mit einem Kopfschütteln verjagt.
“Jetzt aber essen. Italienisch klingt hervorragend. Kommen Sie mit, Sam? Ich würde Sie gern einladen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann, um mich zu dafür zu entschuldigen, dass ich Sie einfach in die Blackwood-Schublade gesteckt habe. Dich auch Francis, denn ich bin gekommen, um dich Nerven zu kosten. Die Hand war nur ein Schachzug, um dich milde zu stimmen.” Sie zwinkert ihm zu und ergreift den dargebotenen Arm.
„Ich… weiß nicht“, stottert Sam, die sich verkrampft, als er seinen Arm um sie legt, und die unsicher zu Irene schaut.
Als diese anfängt, mit dem Rucksack zu wedeln und Francis für die Inspektion der Trophäe seinen Arm wieder von ihr nimmt, macht sie langsam ein paar Schritte zurück. Zwar kommt sie nicht umhin, ein paar Blicke auf den Inhalt der Schachtel zu werfen, aber noch mehr beobachtet sie die Reaktion ihrer beiden Verwandten. Sie verzieht das Gesicht ob der fast entzückten Reaktion.
Das ist so widerlich. Grade noch habe ich mich gefragt, ob man der Familie nicht doch noch eine Chance geben soll, dann das. Bloß weg hier.
Grade als Sam sich davonstehlen will und beinahe schon die Tür erreicht hat, erklingt Irenes Stimme, die Essenseinladung wiederholend.
Mist. Wenn Francis nicht wäre… ich meine, vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit… besser nicht vor Irene. Und jetzt wo ich gesehen habe, dass ihm fast einer abging nur weil er eine dämliche versteinerte Hand gesehen hat, glaube ich nicht, dass er Verständnis dafür hat, an meiner Situation was zu ändern.
Ein leises, resigniertes Seufzen entfährt ihr, als Francis sie wieder am Rücken berührt und Richtung der Tür geleitet.
Nicht schnell genug. Andererseits sollte ich ein gutes Essen, das ich nicht selbst bezahlen muss, nicht ausschlagen. Die Nudelsuppenzeit kommt noch früh genug.
Mit einem leicht gezwungenen Lächeln, das Francis jedoch nicht zu stören scheint, nickt sie.
„Ja. Warum nicht. Klingt … ja ich denke ich kann auch später los“, murmelt sie noch, aber die beiden beachten ihre Einwände kaum noch, und sie verlassen zu dritt die Kanzlei.
Irene ist in Hochstimmung nachdem sie genug Bewunderung für ihre Trophäe empfangen hat. Sams Fluchtversuch entgeht ihr nicht, doch wenn sie sich darüber Gedanken macht, dann schiebt sie das Verhalten wohl auf generelle Schüchternheit.
Auf dem Weg die Treppe hinunter gesellt sie sich neben ihre Verwandte und flüstert hinter Francis’ Rücken, aber laut genug, dass er es hören kann: “So ein Paket nach England ist der engste Kontakt zu unserer Beute, den sich unser Vetter erlaubt. Er ist Pazifist, müssen Sie wissen. Das schwarze Schaf unserer Familie.”
Wer könnte es ihm verübeln. Beneidenswert, denkt sich Sam und nickt höflich als Antwort.
Irenes helles Lachen erfüllt das Treppenhaus, als von vorne ein “Das hab ich gehört!” schallt. Francis neigt spöttisch den Kopf nach hinten. “Und das schwarze Schaf hat euch alle in der Hand. Ohne mich seid ihr bald arm wie die Kirchenmäuse.”
Als ob das ein großer Unterschied zu jetzt wäre. Sam verkneift sich ein verächtliches Schnauben.
“Das ist wahr.” In gespielter Demut senkt seine Cousine den Kopf. “Außerdem wäre die Hälfte von uns im Gefängnis und die andere Hälfte würde sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Ausgerechnet unser Finanzhai ist der liebenswerteste, friedfertigste Hooper-Winslow, dem Sie je begegnen werden. Der Bestaussehende sowieso. Er hat es geschafft, dass mein Ex-Mann und ich noch miteinander reden.”
“Du schmierst mir Honig ums Maul. Weswegen bist du nochmal in die Kanzlei gekommen?”
Irene ist anzusehen, dass ihr der Grund ihres Besuchs ein wenig peinlich ist.
“Erst Essen, dann Geschäfte!”

Kurz darauf sitzen die Hooper-Winslows in einem wirklich winzigen sardischen Restaurant an einem grob gezimmerten Holztisch bei einer Flasche Rotwein und einer großen Karaffe mit Wasser, knabbern an köstlichem Pane Guttiau und erwarten gespannt das Menü. Die Sorge um einen Tisch war berechtigt, denn der Laden verfügt nur über drei Möbel, die den Namen verdienen. Sie hatten Glück. Eine Karte gibt es nicht, nur das Tagesmenü. Der Raum ist erfüllt mit dem Duft von Knoblauch, Schweinefleisch und Rosmarin.
“Ernsthaft,” fragt Irene gerade. “Du machst doch nicht wirklich ein Sabbatical. Was treibst du hier?”
Diesmal ist es an Francis, sich zu winden. Seine Miene verdüstert sich. Eine Weile sagt er gar nichts, dann quetscht er ein trübsinniges “Abstand gewinnen” hervor.
“Abstand? Wovon?”
“… Cedric.”
“Was?” Ganz offensichtlich hat Irene eine andere Antwort erwartet. Die Information scheint sie völlig kalt zu erwischen. “Francis! Oh, das tut mir so leid. Ihr zwei wart die letzte Bastion der Beziehungstauglichkeit auf Winslow Manor. Ich hätte gedacht, ihr zeigt uns allen, wie das richtig geht!” Bestürzt umarmt sie den in sich zusammengesunkenen Mann, als sich dessen Augen mit Tränen füllen. Er lässt es kurz zu, ehe er sich von ihr löst und sich über die Augen fährt.
“Es gibt doch noch deine Eltern.”
Irene schnaubt. “Nennst du eine Ehe, von der ein Ehepartner nichts mitbekommt, glücklich?” Sie vermeidet es, dabei irgendwen anzusehen.
Francis’ Blick richtet sich hilfesuchend auf Sam. “Können wir das Thema wechseln?”
Sams Augenbrauen wandern weit ihre Stirn nach oben, als sie nicht nur erfährt, dass es ein Mann ist, der Francis offensichtlich Liebeskummer beschert hat, sondern er auch noch so offen emotional reagiert. Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und trinkt einen großen Schluck Wein, als Francis’ Blick und Ansprache sie völlig aus dem Konzept bringt.
Mit großen Augen stellt sie das Weinglas langsam wieder ab.
„Ähm. Ja. Kein schönes Thema. Tut mir… leid für dich. Euch“, sie räuspert sich und zupft an der Serviette, die auf ihrem Schoß liegt. „Wohl noch so etwas, das mit dem Namen kommt?“
Sie reibt sich am Nacken, eine Geste, die sie häufiger macht, wenn sie sich unwohl fühlt.
“Amen,” kommentiert Irene trocken.
„Warum eigentlich Boston?“ Als sie die fragenden Gesichter sieht, fügt sie hinzu: „Naja, nur so ein Gedanke. Liegt ja schon nicht so günstig, wenn man viel unterwegs ist. Zumindest mit dem Auto.“
Oh Mann, das hier ist echt nicht mein Metier.
“Hmm, keine Ahnung.” Irene blickt fragend zu Francis, der jetzt wieder die Schultern strafft und eine professionelle Miene aufsetzt. Offenbar war die Frage genau richtig für ihn.
“Ich denke, das liegt daran, dass hierher die ersten Hooper-Winslows ausgewandert sind. Die Familie besaß früher wohl ein paar Handelsschiffe und einiges an Grundstückseigentum in der Gegend. Die ältesten noch bei uns archivierten Besitzurkunden datieren um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Früher war das hier mehr oder weniger unser zugänglichster Knotenpunkt. Wenn man die Seefahrt mit einrechnet. Heute ist es vor allem praktisch, weil die Kanzlei sozusagen schon immer da war, viele Finanzinstitute und hochklassige Bildungseinrichtungen vorhanden sind.”
Eine Schüssel mit dampfender Pasta wird aufgetragen. Francis häuft erst Sam, dann sich selbst einen Berg davon auf den Teller, ehe er das Besteck an Irene weiterreicht.
“Für Euch Autofahrer ist es tatsächlich etwas ungünstig gelegen. Ich könnte mal anregen, eine kleine Filiale an einer zentraleren Stelle des Inlands einzurichten. Da müssten wir nur jemanden finden, der sich mit den spezielleren Anforderungen der Familie auskennt und auch bereit ist, Boston zu verlassen.” Er richtet den Blick nach innen, als kalkuliere er bereits, ob sich der Aufwand eines solchen Unterfangens lohnen kann. “Muss ich mal drüber nachdenken.”
Irene beginnt, unruhig auf der kleinen Holzbank herumzurutschen, während er spricht. Sie setzt ein paarmal an, ehe sie tatsächlich das Wort an ihn richtet: “Wanderungsbewegungen sind ein gutes Stichwort. Weshalb ich dich kontaktiert habe… Hmmm. Ein freundlicher Mensch vom FBI hat mir kürzlich zu verstehen gegeben, dass ich illegal im Land bin. Bisher hat sich James immer um solche Belange gekümmert und mir war nicht bewusst, dass ein Touristenvisum so ein knappes Verfallsdatum hat. Hör auf zu grinsen!”
Verärgert zieht sie ihrem Vetter den Rotwein weg, als dieser danach greifen will.
“Das ist überhaupt nicht lustig. Ich habe hier jede Menge offener Fäden, die ich zuknüpfen muss, da kann ich mich nicht damit beschäftigen, einem Stempel hinterherzurennen. Ich habe es schon mit einem Telefonat bei der Ausländerbehörde versucht. Aber dort hat man mir mitgeteilt, dass ich sofort ausreisen muss, nur um in London ein neues Visum zu beantragen, damit ich vielleicht wieder einreisen darf, was aber nicht sicher ist, da ich bereits gegen Aufenthaltsrecht verstoßen habe. Du weißt, dass ich hier ein paar Besitztümer habe, die man nicht einfach irgendwo einlagert, geschweige denn aus- und wieder einführt. Das kann doch nicht wahr sein, was mir diese Beamten erzählt haben!”
Francis hat seine Heiterkeit wiedergefunden und lässt die Ältere mit sichtlichem Vergnügen noch ein wenig zappeln, ehe er gutmütig meint:
“Ich sehe es mir an. Lass mir deinen Reisepass da und eine Vollmacht. Möglicherweise musst du auch persönlich irgendwo erscheinen.” Er lächelt noch breiter. “Du kannst dir ja als Plan B schonmal überlegen, ob du lieber einen Amerikaner heiraten oder dich an einer Universität einschreiben möchtest.”
Aufmerksame Ohren können ein verdächtiges Geräusch aus Sams Magengegend vernehmen, als das Essen aufgetragen wird. Wieder zucken ihre Finger, offensichtlich fühlt sie sich etwas unwohl dabei, von Francis fast väterlich behandelt zu werden, aber sie fängt sofort an zu essen, sobald auch Irene zumindest ein wenig Pasta auf dem Teller hat.
Während des Essens schaut sie zwischen den beiden hin und her, offensichtlich sehr fasziniert von dem Austausch. Auch sie kann sich einen amüsierten Ausdruck nicht verkneifen, vor allem, als sie Irenes entsetztes Gesicht sieht, als Francis von Heirat und Studium spricht.
„Oh ein regelmäßiger Job kann auch helfen, habe ich gehört“, nuschelt Sam zwischen zwei Bissen. „Firmen können einem auch ‘ne Greencard besorgen. So ein schöner nine to five-Job…“
Schnell schaufelt sie sich die nächste Gabel mit Pasta hinein, um nicht laut loslachen zu müssen, als Irenes Gesichtsausdruck von entsetzt zu völliger Empörung umschwenkt. Francis lacht laut und herzhaft los. Das Lachen ist auch für Irene schließlich ansteckend, die zwar noch ein gepresstes „Nicht lustig“ von sich gibt, aber kurz darauf lachen alle drei Hooper-Winslows, so dass sich sogar die anderen Gäste schon nach ihnen umblicken.
So ist es Sam, die als erstes wieder ernster wird, sich mit ihrer Serviette den Mund leicht abwischt und sich wieder ihrem Essen widmet. Sie erweckt den Eindruck, dass es ihr unangenehm ist, dass Irene vor ihr diese Angelegenheit bespricht und sie hält sich zurück.
Irene hingegen ist es gewohnt von anderen Leuten ihre Alltagsprobleme lösen zu lassen. Und sie scheint der Meinung zu sein, dass Francis nur kurz seine Anwaltsmagie wirken muss, um das Problem schnellstens aus der Welt zu schaffen. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, sich dafür zu schämen, dass sie seine Hilfe braucht. Ein fehlendes Visum ist bloß ein weiteres Hindernis, das man überwinden muss.
“Deswegen gleich mein Leben umzukrempeln, halte ich für leicht übertrieben,” stellt sie fest und legt den Kopf schief. “Oder wünscht die Familie etwa eine neue Liaison zwischen den Häusern Hooper-Winslow und Blackwood, um unseren Einfluss zu stärken?”
Der Sarkasmus trieft aus ihrer Stimme, doch das erwartete Lachen von Francis bleibt aus. Bei der Nennung der Blackwoods verkrampfen sich seine Schultern. Wesentlich leiser als zuvor sagt er: “Die Blackwoods… Da gibt es etwas, das ich Euch erzählen muss. Nicht hier allerdings. Falsche Umgebung. Lasst uns nach dem Essen nochmal in die Kanzlei schauen. Es ist wichtig, dass ihr das möglichst bald erfahrt.”
Dann konzentriert er sich auf seinen Teller. Es gelingt ihm fast, wieder die sorglose Fassade aufzusetzen, mit der er vorhin schon seinen Liebeskummer überspielt hat. Doch ein Rest von Bedrückung bleibt. Er weicht Irenes fragendem Blick aus, die zwar nicht nachbohrt, aber in seinem Gesicht nach Hinweisen forscht. Schließlich gibt sie auf und wendet sich an ihre jüngere Verwandte.
“Das mit Ihren Eltern tut mir leid. Ich habe damals nicht viel davon mitbekommen. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mal genau, ob ich die beiden persönlich kennengelernt habe. Ich glaube, sie sind schon vor recht langer Zeit ausgewandert. Nicht wahr? Meine Tante Imogen, die relativ fruchtlos versucht hat, eine passable Fechterin aus mir zu machen, sprach immer mit Ehrfurcht von der Schwertkunst Ihrer Mutter. Und Sie führen seitdem ganz allein die Tradition weiter? Hatten Sie heute auch ein Paket fürs Archiv abzugeben?”
„Ehm…“ Sam lässt sich ein wenig Zeit, um auf die Fragen zu antworten, kaut den letzten Bissen noch zuende und lässt die Gabel sinken.
„Kann ich nicht sagen, ob ihr euch mal getroffen habt. Nicht dass ich wüsste. Sie haben nicht viel Kontakt zu anderen gehalten, soviel ich weiß.“ Ihr Blick verfinstert sich ein wenig. „Ja. Die Schwertkunst meiner Mutter.“
Wieder pausiert sie kurz. „Meine Mutter hat mir… sehr früh schon sehr ausführlich den Umgang mit dem Schwert gezeigt. Ja.“
Sie stellt wirklich ganz schön viele Fragen auf einmal.
„Und nein, ich gebe keine… Pakete an irgendein Archiv ab.“ Die letzten Worte kommen sehr gepresst von ihr und die Knöchel der Hand, mit der sie die Gabel hält, werden weiß von der Anspannung. Ihr Blick ist auf den Tisch gerichtet.
Francis hält bei diesen Worten inne, schaut stirnrunzelnd auf und tupft sich sorgfältig mit seiner Serviette die Mundwinkel ab.
„Ist das so, Samantha? Das ist äußerst interessant zu hören. Tatsächlich war es ein Thema, das ich mit Grossmann besprechen wollte während meines Aufenthalts. Ich hatte befürchtet, dass wir hier einem Missverständnis erlegen sind und er nicht alles so weiterleitet, wie es von ihm gefordert wird. Dabei ist es doch – zumindest in den verbreiteteren Teilen unserer geschätzten Familie“, er zwinkert Irene gutmütig zu, „tief im Blut verwurzelt, als Jäger und vor allem noch mehr als Sammler zu Ruhm und Anerkennung zu kommen. Kein echter Hooper-Winslow – selbst meine Wenigkeit nicht – kann letzterem Drang wirklich widerstehen.“
Seine Worte klingen gutgelaunt und sind gestenreich, daher entgeht ihm zuerst Ihre Reaktion, doch Irene scheint sie genau beobachtet zu haben. Das Blut ist fast vollständig aus Sams Gesicht gewichen, die Gabel in ihrer Hand zittert.
„Daher bin ich immer noch stolz auf unser Arrangement mit dir, Samantha. Eine herausragend gute Idee, die deine Eltern da hatten, nicht wahr? Besser hätte man einer Hooper-Winslow nicht entgegen kommen können. Geld erhalten durch das, was sie eh gerne tun. Das ist genial! Nicht, dass ich daran viel ändern könnte, da waren deine Eltern schon sehr gründlich, aber die Idee hätte von mir stammen können!“
Mit einem lauten Klirren fällt Sams Gabel auf den Teller. Mit beiden Händen krallt sie sich an den Tisch, als müsse sie sich daran festhalten. Der ganze Tisch zittert leicht mit ihr.
„Dann“, sehr leise, kaum aus den Geräuschen des Restaurants um sie herum wahrnehmbar spricht sie. Ruhig und leise. „Dann bin ich wohl unnormal und keine echte Hooper-Winslow. Nicht das erste Mal, dass man mir das sagt. Als hätte ich eine Wahl. Ihr … seid Monster. Das seid ihr. Keinen Deut besser als das, was ihr euch in irgendwelchen Archiven an die Wand hängt.“
Ein tiefer Atemzug folgt, sie schließt ihre Augen und entspannt sich langsam. Der Griff am Tisch lockert sich, der Blick ist immer noch auf die Mitte des Tischs gerichtet.
Entsetzt schaut Francis sie an. „Samantha…“ Seine Stimme ist sanft. Unglaube ist in jedem Buchstaben zu hören. „Was… warum? Was ist geschehen?“
Langsam hebt sich Sams Blick wieder, wandert von Francis zu Irene.
„Ihr wollt was von meinen Eltern wissen? Oh ich habe da was. Einmal haben sie mich vier Wochen lang im Keller eingesperrt. Stubenarrest. Weil ich von einem Rakshasa nichts übrig gelassen habe, was man zu einer Trophäe hätte verarbeiten können. Nachdem ich ihn getötet habe und fast selbst dabei drauf gegangen bin. Hattest du schonmal mit einem zu tun, Irene? Hindu-Gestaltwandler. Sehr selten. Sie fressen Menschen.“
Irene schüttelt den Kopf, die Lippen fest aufeinandergepresst.
Sams dunkle Augen fixieren wieder Francis, bei dem ihr nicht ganz klar ist, ob sein neu aufgeflammtes Entsetzen der entgangenen Trophäe geschuldet ist. „Ich war zehn Jahre alt. Seitdem habe ich mir geschworen, dass diese Familie nie auch nur eine einzige ihrer widerwärtigen Trophäen bekommen wird.“
Mit immer noch zittrigen Händen lässt sie den Tisch endgültig los, greift ihr Weinglas und leert es in einem Zug, bevor sie es wieder abstellt.
“Gestorben sind meine Eltern vor ein paar Jahren bei dem Versuch, eine Trophäe zu erhalten. Wären sie nicht so verbissen gewesen und hätten sich mit der Vernichtung dieses… Dings zufrieden gegeben, hätten sie es überlebt.”
Das Wort Trophäe spuckt sie fast aus, ihre Abneigung, nein ihr Hass ist nahezu greifbar.
“Falls ihr euch wundert, warum kaum etwas von ihnen in eurem ach so wertvollen Familienarchiv gelandet ist: Tja. Sie hatten ihr eigenes.”
Sowohl Irene als auch Francis sehen aus, als hätte Sam sie geohrfeigt.
Francis schüttelt nur immer wieder ungläubig den Kopf und macht den Eindruck, als warte er darauf, dass Sam zugibt, gelogen zu haben. Irenes Fassungslosigkeit ist deutlich in ihrem Mienenspiel zu lesen. Dazu kommt eine Portion wachsender Ärger. Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen, bis eine steile Falte ihre Stirn teilt. Sie schluckt schwer, holt knapp Luft, wie um etwas zu sagen, schlägt dann die Augen nieder und schenkt zunächst allen drei Hooper-Winslows Wein nach. Sam zuerst. Der Schwung, mit dem sie eingießt, lässt eine kleine rote Pfütze sich um den Fuß des Glases bilden.
“Das ist eine abscheuliche Geschichte,” befindet sie schließlich ebenso leise wie Sam zuvor schon. Ihre Augen werden schmaler.
“Aber ich verbitte es mir, als Monster tituliert zu werden.” Es fällt ihr nicht leicht, ihre Stimme neutral zu halten. Obwohl sie ihre Worte sehr sorgsam wählt, lässt sich eine deutliche Schärfe heraushören. “Ich verstehe jetzt, warum Ihnen daran gelegen war, sich lieber nicht als nähere Verwandtschaft zu outen. Offenbar sind Sie bestrebt, uns alle über einen Kamm zu scheren … mit Leuten, die eine Zehnjährige in den Keller sperren, weil ihr Ego gekränkt ist.”
Sie holt tief Luft, greift sich kurz an die Kehle und schüttelt den Kopf als müsste sie eine schmerzhafte Erinnerung zurückdrängen.
“Ich bin die Letzte, die sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen kann, es auf der Jagd schon übertrieben zu haben. Aber…” Ihr scheinen die Worte im Hals stecken zu bleiben. “Nein. Was Ihre Eltern sich da an … fragwürdigen Erziehungsmethoden geleistet haben, das ist die Ausnahme in unserer Familie, nicht die Regel.”
Irenes Finger trommeln in schneller Folge auf den Tisch.
“Jeder von uns hatte immer und zu allen Zeiten die Wahl, sich für oder gegen das Jagen zu entscheiden. Francis hier ist der beste lebende Beweis, dass kein Familienmitglied an Ansehen einbüßt, wenn es sich für ein normales Leben in einem geregelten Beruf entscheidet. Das einzige worauf wir verzichten, wenn wir das Sammeln lassen, ist unsere Chance auf das Erbe. Sie wissen doch, dass die Trophäen nicht nur Selbstzweck sind, oder?”
Nach dem Bericht über Sams Eltern könnte sich Irene wohl gut vorstellen, dass diese ihrer Tochter nicht einmal klargemacht haben, wozu die Jagdbeute dient.
„Tut mir leid. Das mit den Monstern hätte ich nicht sagen dürfen, ihr habt recht. Ich entschuldige mich dafür. Ihr… habt mir nichts getan.“
Sam hat die Hände in ihren Schoß gelegt, lässt Essen und Wein erst einmal unangetastet.
Auf Irenes Bemerkung zur freien Wahl schnaubt sie.
„Eine reale Chance? Ich denke zwar nicht, dass meine Eltern vorhatten, mich mit 16 zur Vollwaisen zu machen, aber in Erwägung gezogen, dass ich vielleicht etwas anderes mit meinem Leben anfangen möchte, haben sie nicht. Geld gibt’s dank Trust nur für Trophäen oder Berichte. Also kein Geld fürs College. Nicht, dass mich da jemand genommen hätte. Hab‘ selten länger als ein paar Monate an einer öffentlichen Schule bleiben können. Als sie dann… starben, hab ich’s ganz sein gelassen. Seitdem mache ich das einzige, was ich gelernt habe.“
Wieder fährt sie sich wie eben schon ein paar Mal vorher durch das kurze Haar.
„Ich habe keine Ahnung, was für einen Zweck dieses Archiv haben soll. Es interessiert mich auch nicht sonderlich. Ich schreibe Berichte. Ausführliche Berichte, wie man das Zeug töten oder loswerden kann, was nicht auf dieser Welt sein soll. Ich habe allerdings keine Ahnung, ob Grossmann das überhaupt richtig weiterleitet.“
Sie beginnt in ihren Taschen zu kramen und legt ein paar zerknüllte Dollarscheine, vermutlich nicht mehr als vielleicht fünf oder sechs auf den Tisch.
„Ich wollte euch das Mittagessen nicht verderben. Daher mein Anteil. Mehr habe ich grad nicht, muss da erst einen Scheck einlösen.“
Den Blicken der beiden ausweichend und offensichtlich verlegen steht Sam auf, noch bevor sie etwas sagen können.
„War… danke für das Mittagessen. Man sieht sich.“
Sie eilt aus dem Lokal und lässt sich ein paar Meter weiter an eine Häuserwand sinken. Ihr Atem geht schwer, die Augen geschlossen, keine Farbe im Gesicht. Der Blick verschwimmt.
Ganz ruhig Sam. Weiteratmen. Einfach weiter, das geht gleich vorbei.
Im Lokal blinzeln die zwei Zurückgelassenen sich ratlos an. Irene mustert das Häufchen zerknüllter grüner Scheine leicht angewidert. Ihre Lippen werden wieder schmaler.
“Ach, fuck!” entfährt es Francis, der nun ebenfalls aufspringt und zur Tür stürzt. “Du wolltest zahlen.”
Mit einer Geste bedeutet er Irene sitzen zu bleiben und ihr Versprechen einzulösen, als hätte sie irgendwelche Anstalten gemacht, ebenfalls zu folgen. Sie rollt mit den Augen und stützt das Kinn in die Hand.
“Lass sie rennen,” murmelt sie fast unhörbar. “Auch das liegt in der Familie, dass wir erst ein bisschen Abstand gewinnen müssen, ehe unser Denkorgan wieder tut, was es soll. Ich weiß, wovon ich spreche.” Doch Francis ist schon zur Tür hinaus.
Resigniert zückt die Jägerin einen Schein und hält ihn so lange zwischen Zeige- und Mittelfinger in die Luft, bis die Bedienung aufmerksam wird.

Auf der Straße erspäht Francis sogleich die schmale Gestalt seiner jungen Cousine. Mit wenigen schnellen Schritten ist er bei ihr und fasst sie mit beiden Händen an den Schultern.
“Sam. Samantha. Bitte lauf nicht weg!”
Voller Sorge nimmt er zur Kenntnis, wie blass sie geworden ist. Ihre Schultern beben unter seiner Berührung. Während ihres Aufenthalts in dem kleinen Restaurant haben sich draußen dunkle Wolken zusammengezogen, die genau jetzt beschließen, ihre Fracht über Boston auszukippen. Dicke Tropfen klatschen ringsum auf den Boden. Francis’ zuerst sanfter Griff wird stärker als er Sam zu sich heranzieht.
“Bitte! Es tut mir leid. Ich war taktlos. Ich… ich wusste nicht… es tut mir leid. Bitte verzeih! Wir können über alles reden. Wir müssen reden. So sollte das alles nicht laufen. Bitte bleib!” Er breitet hilflos die Arme aus. “Ich war so froh, als ich hörte, wer du bist. Ich dachte, der Himmel schickt dich. Bitte. Bleib!”
Seine strahlend blauen Augen flehen sie an, und er ergreift Sams Hände, um sie fest zu drücken.
“Ich brauche deine Hilfe.”
Unwillkürlich zuckt Sam zusammen, als sie die Berührung an ihren Schultern spürt. Die Worte dringen nur gedämpft zu ihr durch, das Prasseln des Regens tut sein Übriges. Sie spürt, wie sich Tränen in ihren Augen bilden. Reiß dich zusammen, verdammt noch mal!
Sie lässt zu, dass Francis sie zu sich zieht, merkt sogar nach wenigen Augenblicken, dass es sich weniger falsch anfühlt, als sie gedacht hat. Das Wasser, das mittlerweile ihre Kleidung tränkt, ignoriert sie und versucht, ihre Gefühle und Gedanken wieder in den Griff zu kriegen.
Erst langsam dringt Francis’ Bitte zu ihr durch, ihre Augen fokussieren sich wieder und sie schaut ihn an.
Zögerlich nickt sie, unfähig, Worte zu formen. Francis zieht sie in einen Häusereingang, wo ein Dach sie zumindest etwas vor dem Regen schützt.
„Komm mit. Lass uns ins Trockene gehen. Bitte. Lass mich nachdenken und hör dir an, was ich dir zu sagen habe. Ja? Du kannst jederzeit gehen, ok?“
Wieder nickt Sam langsam und wischt sich das Wasser aus dem Gesicht.
„Ok“, antwortet sie leise.
“Danke,” seufzt Francis erleichtert.
Ganz der englische Gentleman hält er sein Jackett über ihrer beider Köpfe, als sie am Restaurant vorbei zur Kanzlei zurückrennen. Nicht dass es viel bringen würde. Der Regen fällt wie eine Wand, die sie am Fortkommen hindern will. Im Treppenhaus hinterlassen sie kleine Wasserfälle auf den ersten Stufen.

Die Sekretärin springt auf, als sie die beiden sieht, und eilt in einen Nebenraum, aus dem sie einen ganzen Stapel kleiner Gästehandtücher holt. Sie entschuldigt sich tausendfach, dass die Kanzlei für diesen Fall nicht vorgesorgt hat und bietet an, sofort loszulaufen und dem Mangel abzuhelfen.
Dem Einwand, dass sie dann auch nass wird, begegnet sie mit einem Blick auf den Schirmständer aus Messing, in dem sechs identische schwarze Stockschirme auf ihren Einsatz warten. Vielleicht ahmt Francis nur unbewusst Sams Verlegenheitsgeste nach, sich über den Nacken zu streichen, vielleicht liegt auch das den Verwandten im Blut.
Ergeben nickt er und lässt die Angestellte ziehen, die heilfroh ist, der unangenehmen Situation zu entkommen, bevor sie ihre Ersatzbluse der aufsässigen Göre zur Verfügung stellen muss.
Kaum ist sie weg, fährt Francis ansatzlos fort: “Es ist Irene, weißt du. Sie neigt dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Wenn sie das hört, was ich euch erzählen muss, wird sie sich verpflichtet fühlen, das Problem zu lösen. Aber ich kann sie unmöglich alleine auf solch ein Unterfangen schicken. Nicht, wenn es so direkt die Familie betrifft.”
Er spricht schnell, als wollte er in möglichst kurzer Zeit den ganzen Text loswerden, den er sich zurechtgelegt hat, bevor jemand außer Sam dazukommt und ihn hört.
“Sie wird niemals zugeben, so emotional zu sein, aber wenn soetwas passiert, lässt das auch die Abgebrühtesten unter uns nicht kalt. Und das beeinflusst, wie sie jagen…”
Er bricht ab und tupft bestürzt mit einem der winzigen Frotteerechtecke auf seiner Kleidung herum. Offensichtlich kostet es ihn unendliche Kraft, auszusprechen, was denn nun eigentlich das Problem ist.
Sam schüttelt ihre Lederjacke aus, die zum Glück verhindert hat, dass ihr Poloshirt völlig durchnässt ist. Die Stoffhose klebt unangenehm an ihren Beinen und insgeheim sehnt sie sich ihre gewohnten Jeans herbei. Mit den Handtüchern trocknet sie notdürftig Gesicht, Arme und Haar und schaut verwundert zu Francis, als er seinen gehetzten Redeschwall beginnt.
Sie hört zu und legt dann mit Bedacht das nasse Handtuch auf den Tisch, die Stirn gerunzelt.
„Oooh-kay… das klingt“, sie räuspert sich und ihre Stimme klingt ab dann weniger rau, „das klingt…“, sie scheint nach einem passenden Wort zu suchen, was ihr aber wohl nicht einfallen mag.
„Und auch nachdem… ich erzählt habe, was ich grade erzählt habe denkst du, es sei eine gute Idee, mich in eine… Familienangelegenheit mit einzubinden?“
Mit leichtem Misstrauen schaut sie ihn an. „Das ist aber jetzt kein Trick, oder? Ich mein, ich will dir nicht zu nahetreten, aber… ich meine… hey. Ich laufe seit Jahren immer wenn es nicht mehr anders geht zu diesem… Anwalt hier und muss mir Vorträge darüber anhören, dass ich das Unwürdigste bin, was diese Familie je hervorgebracht hat. Schau nicht so entsetzt“, erwidert sie auf Francis empörten Gesichtsausdruck und seinen verkniffenen Blick auf die Tür zum Büro des Anwalts. „Ich bin ja nicht ganz dran unbeteiligt.“
Seufzend massiert sie sich die Schläfen und wischt sich noch ein paar Wassertropfen ab, die sich wieder an ihren Augenbrauen gesammelt hatten.
„In Ordnung. Ich hör‘s mir an, dann sehen wir weiter. Ok? Aber versprechen tu ich jetzt noch nichts.“
“Das ist nur fair,” stimmt Francis zu. Sein Blick durchbohrt weiterhin Grossmanns Bürotür. “Meine Bitte ist auch nicht ganz ohne. Aber ja, genau jemanden wie dich brauche ich. Emotionale Distanz zur Familie ist hier sogar förderlich. Ich brauche eine Jägerin. Beziehungsweise zwei davon. Besser wären noch mehr, aber es müssen Verwandte sein. Und … ich werfe keine von euch beiden gerne da rein, aber ihr seid die einzigen im näheren Umkreis, derer ich gerade habhaft werden konnte. Kennst du die Familie Blackwood?…Oh!”
Bevor Francis endlich zu einer Erklärung ansetzen kann, kommt Irene herein. Sie trägt einen Schirm mit dem prominenten Aufdruck “Mamma Mia” und drei Plastiktüten. Aus der ersten zieht sie zwei große hauchdünne Tücher aus Mikrofaser, die sie ihren durchnässten Familienmitgliedern wortlos hinhält. Die beiden anderen reicht sie Sam. Auf der einen steht “S”, auf der anderen “M”.
“Ich war mir nicht sicher, was Ihre Größe ist. Sehen Sie zu, dass sie aus den nassen Klamotten rauskommen. Ich will nicht mitschuldig sein, dass Sie sich den Tod holen.”
Verwundert schaut Sam Irene an, nimmt geistesabwesend beide hingehaltenen Tüten entgegen.
„Ähm nicht nötig, das geht schon“, entgegnet sie, aber sowohl Irenes als auch Francis’ direkt darauf folgende Blicke überzeugen sie vom Gegenteil. Seufzend steht sie auf und hebt die Tüten hoch.
„Danke. Ich bin dann mal…“, sagt sie noch und geht zur Tür, offensichtlich um sich in den Waschräumen der Kanzlei umzuziehen.
Dort angekommen holt sie den Inhalt aus den Tüten. Jeans, T-Shirt, sogar an Unterwäsche und Socken hat Irene gedacht. Irritiert schüttelt Sam den Kopf, zieht dann allerdings die jeweils größeren Kleidungsstücke an. Nur die Unterwäsche lässt sie unangetastet. Vermutlich hätte auch die kleinere Größe gereicht, aber sie bevorzugt, sie etwas lockerer zu tragen. Mit dem Tuch trocknet sie noch einmal ihr Haar und kämmt es mit den Händen einigermaßen in Form.
Ihre eigene, nasse Kleidung stopft sie in die leere Tüte und tritt dann wieder aus dem Waschraum hinaus in den Vorraum. Bevor sie das Besprechungszimmer, in dem Francis und Irene warten hineingeht, hält sie kurz inne und lauscht, ob und was die beiden gerade besprechen.
Leises Gläserklirren dringt an ihr Ohr.
“Scotch um diese Uhrzeit ist kein gutes Zeichen.” Irenes zweifelnder Tonfall.
“Nein.” Francis. “Ihr werdet ihn brauchen.”
Sam atmet noch einmal tief durch und betritt dann wieder das Zimmer.
Irene wirft ihr einen wohlwollenden Blick zu.
Francis räuspert sich, stellt sich hinter seinen Stuhl und legt die Hände auf die Lehne. Ein Ritual, dass er sich angewöhnt hat, wenn es darum geht, etwas wichtiges zu sagen. Nach einem kurzen, scharfen Durchatmen kommt er nun endlich zum Punkt.
“Die Blackwoods haben uns um Hilfe gebeten.”
Irene hebt eine Augenbraue.
“Ah. Brauchen sie jemanden, der handgreiflich wird?”
Ein strafender Blick ihres Vetters bringt sie zum Schweigen.
“Jeremiah Blackwoods Neffe Michael wurde zum Vampir gemacht. Es war ein gezielter Angriff. Der Verantwortliche hat ihn zu Jeremiah geschickt, um einen schönen Gruß an die Familie auszurichten. Der alte Mann kann froh sein, dass er selbst überlebt hat. Scheinbar hat der Fluchtinstinkt des Jungen seinen Hunger zu diesem Zeitpunkt noch überwogen."
Irene sitzt da wie vom Donner gerührt. Erst nach Sekunden schließt sie die Augen und atmet langsam und kontrolliert durch den Mund aus.
Auch Sam, die sich auf einen freien Stuhl ein klein wenig von den beiden anderen entfernt hingesetzt hat, hebt die Augenbrauen und schaut Francis an. Sie scheint noch vor Irene ihre Fassung wiederzufinden.
„Krass. Mit wem genau haben sie sich angelegt. Weiß er das? Sagt er das offen?“
Das Misstrauen ist eindeutig in ihrer Stimme zu hören und sie hebt abwehrend die Hände.
„Sorry. Bin in diese Familienbande zwischen Blackwoods und Hooper-Winslows nicht so ganz involviert. Daher die Frage…“ Sie schaut zwischen Irene und Francis hin und her. „Scheint mir nicht unberechtigt.“
“Gute Frage.” Der junge Anwalt zeichnet mit der Fußspitze das Teppichmuster nach und tut es seiner älteren Verwandten nach, die sich aus ihrer Erstarrung löst und einen bedächtigen Schluck von ihrem Whisky nimmt.
“Nach allem, was uns Jeremiah mitteilen konnte, war Michael gestern Abend erst wenige Stunden infiziert. Die Konfrontation war kurz und verwirrend. Der Junge mag einen dunkelhaarigen Mann erwähnt haben oder auch nicht. Jeremiahs Senilität ist bei der Aufklärung nicht gerade hilfreich. Er hat den Namen Viliam ins Spiel gebracht. Der Modus Operandi würde passen, aber es ist relativ müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn es Viliam war, ist er schon lang wieder weg. Unser Hauptanliegen sollte es erst einmal sein, Michael zu finden. Er… Jeremiah sagt, dass er seit sehr kurzer Zeit eine neue Freundin hat. Keine Frage, wohin ihn seine nächsten Schritte führen. … Sie lebt hier in Boston.”
Sam lehnt sich nach vorne, als ob sie sich in letzter Sekunde davon abhalten müsste, direkt aufzuspringen.
“Hier in Boston? Ein junger, hungriger Vampir, der hier noch Anlaufstationen hat?”
In Gedanken scheint sie durchzugehen, was nun zu tun ist.
“Mein Schwert ist im Auto. Wenn wir ihn vorher dazu bringen, Blut eines Toten zu trinken, wird’s einfacher. Wir sollten handeln, solange er noch jung und unerfahren ist.”
Zum wiederholten Male an diesem Tag hat sie ihre Verwandten sprachlos gemacht.
Irenes Blick wandert mehrfach an ihr herab und wieder herauf in einer Mischung aus Schock und neugewonnenem Respekt.
Francis streicht sich durch das nasse Haar, ehe er eilfertig einen Safe in dem Bücherregal aufschließt, das die ganze Wand bedeckt. Er stellt sich so davor, dass keine der Frauen den Inhalt sehen kann und entnimmt ihm ein kleines Fläschchen, gefüllt mit einer zähen roten Flüssigkeit, das er zu Sam trägt und ihr in die Hand drückt. Seine Finger sind eisig, seine Pupillen geweitet.
“Spinnst du?” entfährt es Irene. Da sie hinter Sam steht, wird nicht richtig klar, wen von beiden sie meint. “Das ist ein Verwandter! Einer, den wir beide kennen!” Lautstark stellt sie ihr Glas ab.
Als Sam sie ansieht, werden ihre Züge schlagartig weicher. “Sam, willst du dir das wirklich antun? Weißt du, was das mit dir macht?”
“Bitte, Irene.” Francis’ Stimme zittert. “Keiner macht das gern. Du kennst doch den Deal.”
“Ich kenne den Deal, ja. Und ich kenne auch all die miesen kleinen Tricks, die wir anwenden, um unsere Jüngsten aus der Verantwortung herauszubekommen. Als es Simon erwischt hat, hat sich die Nachricht zufällig genauso lange verzögert, bis Imogen und ich auf dem Kontinent waren und keine Fähre mehr ging. Warum willst du das Mädchen da reinziehen, Francis? Sie ist fast noch ein Kind!”
„Ähm sorry, wenn ich was Falsches gesagt habe. Aber wenn er ein Vampir ist, ist er kein Verwandter mehr, sondern… ein menschenmordender Vampir.“
Sam schluckt und schaut wie ein gehetztes Tier auf dieses Fläschchen in ihrer Hand. Offensichtlich hat sie Probleme, das Verhalten ihrer Verwandten richtig einzuordnen.
„Was ist los? Was soll das sein? Und könnt ihr mich bitte aufklären, von was für einem Deal ihr sprecht?“
“Das erklärst du ihr,” fährt Irene ihren Vetter an und stapft mit zusammengezogenen Schultern zu dem Teewagen voller Spirituosen. Während sie ihm und Sam den Rücken zuwendet, fängt Francis leise an, zu erzählen.
“Das hier ist das Blut eines Toten. Ich habe es besorgt, sobald ich erfahren habe, was sich bei den Blackwoods zugetragen hat. Der Deal, also, das ist eine Art unausgesprochenes Gesetz in der Familie. Wir haben uns zwangsläufig Feinde gemacht. Jagdunfälle passieren. Und wenn irgendetwas davon dazu führt, dass einer von uns zum Monster wird, dann tun wir uns alle zusammen, um ihn… zur Strecke zu bringen, möglichst bevor er Schaden anrichten kann. Und bevor ihn ein fremder Jäger erwischt. Das sind wir einander schuldig. Und… vielleicht haben wir dann zumindest irgendwas, das wir begraben können. So viel lassen andere selten übrig.”
“Meine Eltern waren damals bei der Gruppe, die Simon aufgestöbert hat,” wirft Irene von hinten ein. Sie fixiert Sam mit zusammengekniffenen Augen und leert ihr Glas in einem Zug.
“Mutter spricht heute noch nicht darüber, was damals passiert ist. Ich glaube, ich muss nicht betonen, dass die Frau nicht zimperlich ist.”
Sam lässt sich aufgrund des Austauschs zwischen den beiden Älteren wieder auf ihren Stuhl fallen und legt die Füße auf dem Tisch ab. Eventuelle missbilligende Blicke beachtet sie nicht, sie dreht nur das Fläschchen in ihrer Hand hin und her.
„Moment. Irene, ist das der junge Blackwood, der uns das Haus andrehen wollte? Der aus dem Krankenhaus?“
Irene nickt nur, während sie einen zuvor sorgfältig ausgewählten Whiskey trinkt.
„Oh Shit“, entfährt es Sam, die augenblicklich etwas blasser wird. „Aber wenn mich jemand zum Vampir machen würde, würde ich mir auch wünschen, dass das jemand für mich tut. Und das möglichst schnell.“
Entschlossen fasst sie die Phiole und steckt sie in die Brusttasche ihrer Jacke.
„Ich… möchte nachher mehr über diesen Deal erfahren. Der ist mir neu. Aber nicht jetzt. Jetzt sollten wir schnell handeln und nicht zu viel Zeit verlieren.“
Auf die weiteren Ausführungen von Irene geht sie erst einmal nicht ein. Simon? Was da wohl war? Das kann ich sie später einmal fragen.
“Uagh, Bourbon wird auch nicht besser, wenn man irgendwas mit Gentleman und Style auf die Flasche schreibt,” kommentiert Irene ihren letzten Tropfen. Dann strafft sie die Schultern und nickt Francis zu. “Gut, meinetwegen. Wenn du dir unbedingt schon jetzt dein Leben versauen willst, Mädchen, dann gehen wir. Hast du die Adresse, Francis?”
“Die und ein Luftbild der Wohnanlage. Ich danke euch. Und ich verspreche, dass ich mich sofort melde, wenn ich höre, dass er doch einen anderen Weg eingeschlagen hat.”
Irene greift sich ohne weitere Antwort die Ausdrucke, die er ihr hinhält, die Tüte mit dem großen “S” und ihre Jacke. Erst als sie die Tür fast erreicht hat, ruft Francis ihr nach: “Dein Reisepass!”
Sie hält kurz inne, zieht das Dokument aus ihrer Jackentasche und wirft es ihm zu wie ein Frisbee. “Was noch?” fragt sie. “Du schaust so als läge dir noch etwas auf der Zunge.”
“Ja. Der Deal. Ich musste alle informieren. Es könnte sein, das Ian auch unterwegs ist. Noch kam keine Antwort. Aber damit du vorgewarnt bist…” Nervös beginnt er, ein paar Akten auf seinem Schreibtisch zu sortieren.
“Das wird ja immer besser,” seufzt die Jägerin. Ihrer tatendurstigen Verwandten bedeutet sie mit einer Kopfbewegung, ihr nach draußen zu folgen und knallt die Tür lauter zu als nötig.
Auf der Straße reißt sie die Hecktüren des Landrover weit auf und gewährt so Sam einen Blick ins Innere des Wagens. An den Seiten reihen sich verschieden große Schränkchen entlang, die eine Campingeinrichtung darstellen könnten, wenn es nicht das Auto einer professionellen Jägerin wäre. Nichts deutet auf den ersten Blick auf Waffen hin. Doch jede einzelne Tür ist abschließbar. Eine davon öffnet Irene und legt die Tüte mit den Kleidungsstücken auf einen säuberlich aufgetürmten Stapel ähnlicher Tüten, bevor sie einen letzten, hoffnungslosen Versuch unternimmt, Sam umzustimmen.
“Letzte Chance auszusteigen. Niemand sollte so etwas tun müssen. Es kommt nicht von ungefähr, das Brudermord in jeder Kultur und Mythologie eine der schlimmsten denkbaren Sünden ist.”
Stirnrunzelnd schaut Sam Irene an. „Naja – er hat aufgehört ein Mensch und damit ein Verwandter zu sein, als er zum Vampir wurde, oder?“
Unsicher streicht sie sich wieder über den Nacken.
„So sehe ich das zumindest“, fügt sie noch mit einem Schulterzucken hinzu. Ich hoffe, es ist so. Mit sowas habe ich mich noch nie beschäftigt. Aber ich bin mir sicher, dass in den Büchern steht, dass sie besonders wenn sie jung sind so blutdurstig sind, dass man sie nicht mehr als Menschen erkennen kann.
“Darauf haben sich die Götter in der Vergangenheit erstaunlich selten festgelegt,” murmelt Irene, wischt ihren eigenen Einwand jedoch schnell wieder beiseite. “Ich hoffe nur, er selbst sieht das auch so.”
Der Regen hat glücklicherweise etwas nachgelassen, jedoch versprechen die dunklen Wolkentürme am Himmel nichts gutes.
„Darf ich?“ Sam greift nach den Ausdrucken und studiert sie kurz. „Mh. Keine gute Gegend. Ehm… Ich muss in jedem Fall zum Bus ein paar Sachen holen.“
Sie hält der älteren Jägerin die Papiere wieder entgegen und geht in Gedanken durch, was noch alles zu tun ist.
„Wenn er noch nicht da ist, kann’s sein, dass wir warten müssen, bis die Sonne untergeht. Ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber die Gegend, in der die Wohnung liegt, ist nicht grade die beste. Da würde dein Auto ziemlich viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn du verstehst, was ich meine.“
Mit leicht schiefgelegten Kopf erwidert sie Irenes Blick und hebt abwehrend die Hände.
„Nur eine Anmerkung. Wenn du das Risiko eingehen willst, bitte. Ansonsten können wir auch einfach meinen Bus nehmen. Er steht um die Ecke.“
“Nein, äh, ja. Ich meine, du hast recht. Irgendwann sollte ich mal was mit den Nummernschildern machen.”
Irene holt eine Machete und eine Garotte aus sehr feinem Draht aus einem der Fächer, schält sich aus ihrer Jacke, streift ungeniert das helle Polo über den Kopf und fischt nach einem schwarzen Rollkragenpullover. Auf ihren Schultern prangen je zwei Brandings, die sich einzig darin unterscheiden, verschieden stark verwachsen zu sein. Vier kreisrunde Symbole mit einem Pentagramm und etwas wie Strahlen darin. Über den Pullover zieht sie eine marineblaue Wachsjacke.
“Willst du den hier? Oder hast du etwas vergleichbares im Bus?” Sie deutet auf einen dunkelroten Regenponcho, wie ihn Radfahrer tragen.
Falls Sam die Brandings bemerkt, lässt sie es sich nicht anmerken. Auf das Angebot hin schüttelt sie den Kopf.
„Danke, lass mal. Hab was im Bus, wenn ich’s brauchen sollte.“
Sobald Irene bereit ist, setzt sie sich in Bewegung und tatsächlich steht eine Häuserecke weiter, so, dass man ihn nicht mit der Kanzlei in Verbindung bringen kann, der alte VW-Bus, den die Britin schon von ihrer ersten Begegnung her kennen dürfte. Mit dem Schlüssel schließt Sam die Fahrertür auf und beugt sich rüber, um für Irene die Beifahrertür zu entriegeln.
„Sorry – ist ein wenig unordentlich“, meint Sam entschuldigend und sammelt rasch einige Dinge zusammen, die noch auf dem Beifahrersitz lagen. Irene erkennt neben ein paar leeren Verpackungen asiatischer Nudelsuppen eine Straßenkarte und einige Batterien. Zu ihrer Erleichterung stellt sie jedoch fest, dass es nicht unangenehm riecht in diesem Bus. Im Gegenteil – bei genauerem hinsehen sieht sie, dass er zwar alt und genutzt aussieht, jedoch im Innenraum regelmäßig gereinigt wird.
„Mach’s dir bequem, ich bin mal kurz hinten.“
Sam klettert in den hinteren Teil des Busses, in dem Irene sogar eine kleine Küchenzeile erkennen kann.
Kurz scheint die junge Frau zu überlegen, den Vorhang zum Fahrerbereich komplett zuzuziehen, entscheidet sich dann aber dagegen. Sie klappt die Bank, die vermutlich ebenfalls eine Schlafgelegenheit sein kann, nach oben auf und beginnt, in dem Stauraum herumzuräumen. Nachdem sie je ein Messer in ihren Stiefeln verborgen hat und noch einige Kleinigkeiten in ihre Tasche geräumt hat, öffnet sie noch ein Fach an der Decke des Busses und holt das Irene ebenfalls bereits bekannte Schwert hervor. So vorbereitet klettert sie wieder auf den Fahrersitz.
„Okay, kann losgehen.“
Der Motor des VWs orgelt eine Weile bedenklich, bevor er schließlich anspringt. Sam verzieht das Gesicht und murmelt leise: „Ja Kleiner, wir schauen bald nach deinem Motor. Sobald ich das Geld zusammenhabe. Halt solange noch durch.“
“Ja Kleiner,” wiederholt Irene mit schmerzlich verzogenem Gesicht. “Bitte lass uns nicht im Stich, wenn wir den bösen Vampir durch Boston verfolgen müssen.” Sie beugt sich zu Sam herüber und späht auf die Tankanzeige. “Volltanken sollten wir auch noch.”
Verdammt, sie hat recht. Sam krallt ihre Finger um das Lenkrad und fädelt sich in den Verkehr ein. Erst liegt ihr eine trotzige Antwort auf den Lippen, aber dann schüttelt sie kurz den Kopf. Wir haben wichtigeres, über das wir uns Sorgen müssen.
„Ja. Besser wäre das. Aber unterschätz’ Beetlebum nicht. Der weiß, wann’s um was geht und lässt einen dann nicht im Stich. Ich… eh… hatte noch keine Gelegenheit, den Scheck einzulösen. Ich hoffe, die nehmen den an der Tanke oder…“
„Keine Zeitverschwendung, das übernehme ich selbstverständlich.“
„Danke. Nur bis ich wieder Geld habe, dann kriegst du es zurück. Ich mache keine Schulden“, erwidert Sam mit einem ernsten Blick in Irenes Augen.
“Und ich verleihe kein Geld,” erklärt Irene bestimmt. “Der Tank geht auf mich. Du kannst dich beizeiten anderweitig revanchieren.”
Kurz zuckt Sam zusammen und kneift die Augen zusammen. Den Kampf kannst du grade nicht gewinnen. Aber Gnade ihr Gott, wenn sie es wagt, dafür etwas einzufordern, was ich nicht geben will.
Nach kurzem Nachdenken fügt ihre Beifahrerin hinzu: “Es ist gut, dass du fährst. Du hast nur ein Glas Wein getrunken. Ich merke gerade, das die mediterrane Küche keine geeignete Grundlage für so viel Alkohol ist. Nicht mal die sardische. Ein Glück, dass wir bis zur Dämmerung noch ein paar Stunden haben.”
„Jetzt erzähl’ mir nicht, dass das auch etwas ist, was die HWs gemein haben?“ fragt Sam mit hochgezogenen Augenbrauen. „Na ein Glück, dass ich nur den Wein getrunken habe.“
Aus den Augenwinkeln heraus beobachtet sie Irene, ihre Mundwinkel zucken zu einem Schmunzeln. Vermutlich das erste Mal, dass die ältere der beiden bei ihr einen solchen Anflug von Humor zu einem Thema rund um die Familie beobachten kann.
Irene verzieht die Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. “Die HWs? Ihr Amerikaner immer mit euren Abkürzungen!” Auf die Stichelei geht sie demonstrativ nicht ein.
An der Tankstelle erwerben die Jägerinnen neben dem Sprit und ein paar Schokoriegeln auch noch einen großen Kanister Benzin zusätzlich, nachdem sie auf den unangenehmen Gedanken gekommen sind, Michael könnte seine Angebetete auch gleich zum Vampir gemacht haben. Sicher ist sicher.
Kurz darauf parken sie den Bus vor einem großen Apartmentkomplex in einem der etwas einfacheren Stadtteile Bostons, das nicht mehr viel mit der Seite der Stadt zu tun hat, wo die Kanzlei liegt. Sam zieht die Handbremse fest und sucht den richtigen Eingang.
„Dort ist es“, sie deutet auf einen überdachten Häusereingang, an dem viele Klingeln und überfüllte Briefkästen zu erkennen sind. Einige Jugendliche lungern herum, ansonsten ist es eher ruhig.
„Bringen wir es hinter uns.“
Die beiden steigen aus. Als niemand reagiert, nachdem sie auf den Knopf mit dem Namen von Michaels Freundin gedrückt haben, wählt Sam einen anderen, sehr abgewetzt ausschauenden aus und hat nach wenigen Sekunden Erfolg. „Klappt immer wieder“, murmelt sie vor sich hin und hält ihrer Begleiterin die Haustür auf.
Die Wohnung von Kayla Barnes liegt im 3. Stock am Ende eines langen Flurs mit zahlreichen Türen, aus denen teilweise laute Geräusche von Fernsehern, spielenden Kindern und streitenden Erwachsenen zu hören sind. An der Tür angekommen halten sie inne.
Fragend schaut Sam zu ihrer Verwandten rüber, legt dann einen Zeigefinger auf die Lippen und ihr Ohr an die Türe.
„Nichts“, meint sie nach einigen Augenblicken. „Soll ich sie öffnen?“
“Ich bitte darum.”
Skeptisch nimmt die Engländerin ihre Umgebung in Augenschein und stellt sich strategisch günstig auf, um möglichst viele Blicke von Sam abzulenken. Die Kleine braucht nur Sekunden, um das Schloss zu knacken.
Voller Anspannung treten die zwei Hooper-Winslows auf leisen Sohlen ein. Sam hat lautlos eines der Messer gezogen und hält es unauffällig an ihren Oberschenkel gepresst. Irene verbirgt die Machete unter ihrer weiten Regenjacke.
Die Wohnung ist so still wie ein Appartment mit papierdünnen Wänden sein kann. Ein sehr kurzer Flur führt geradewegs auf ein modern eingerichtetes kleines Badezimmer zu, dessen Tür offen steht. Rechts davon der einzige große Wohnraum, der alles umfasst, was eine Studentin braucht. Küchenzeile, Esstisch, Klappcouch, Computerwagen, Bücherregal. In einer Sekunde lässt sich überblicken, dass hier kein Kampf stattgefunden hat, niemand hat das Bett zerwühlt. Kein angefangenes Essen wird kalt. Es ist einfach ganz regulär keiner zuhause. Leere Stellen an strategischen Punkten lassen vermuten, wo die junge Frau üblicherweise ihre Handtasche, die Schlüssel, ihren Mantel ablegt.
Besorgt deutet Irene auf den Boden und die Wasserflecken, die sie beide hinterlassen.
“Wir tropfen immer noch ganz schön. Oder sie war während des gröbsten Wetters kurz da und ist dann wieder gegangen.”
Kurz starrt Sam auf die Tropfen, kniet sich hin, um sie von Nahem anzusehen.
„Die können kaum alle von uns sein. Aber die Wohnung ist leer.“
Sie geht zum Kleiderschrank rüber und öffnet ihn. Große Lücken klaffen sowohl in dem kleinen Teil, wo normalerweise Dinge hängen als auch im Regal daneben. Ebenso deutet Sam auf eine Lücke oben auf dem Schrank.
„Ich glaube, sie ist verreist. Gut für sie.“
Strategisch gehen sie noch einmal die kleine Wohnung ab, erlangen aber keine weiteren Erkenntnisse. Fragend schaut Sam zu Irene. Die zuckt mit den Schultern.
„Über kurz oder lang wird er hier auftauchen. Ich schlage vor, wir warten draußen auf ihn.“
Das Gefährt namens Beetlebum steht in einem günstigen Abstand zu Kaylas Haus, um die Straße weithin zu überblicken ohne selbst allzu auffällig zu sein. Es geht auf den späten Nachmittag zu, der Regen hört ein paarmal auf und setzt dann erneut wieder ein. Die beiden Frauen lehnen sich in den durchgesessenen Sitzen zurück und richten sich auf mehrere Stunden Wartezeit ein. Eine Weile knabbern sie schweigend Schokolade, dann hält es Irene nicht mehr aus.
“Erzähl’ mir irgendetwas. Vorhin warst du so aufgebracht. Waren deine Eltern wirklich so schlimm?”
Die Frage reißt Sam aus den Gedanken, in die sie grade vertieft war. Einige Augenblicke starrt sie auf das Armaturenbrett vor sich.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, antwortet sie abweisend. „Dass sie nicht normal waren, habe ich mittlerweile auch mitbekommen. Aber weißt du, sie sind… waren immer noch meine Eltern. Ich habe ehrlich gesagt noch niemanden getroffen, der nicht sowohl gute als auch… weniger gute Geschichten mit seinen Eltern erlebt hat.“
Ihr Blick geht wieder auf den Hauseingang, den sie beobachten.
„Und was ist schon normal? Erst recht, wenn man weiß, was da draußen wirklich abgeht. Eine normale Kindheit hattest du doch sicherlich auch nicht, oder?“
“Ich bin froh, dass du das sagst. Vorhin klang es, als wären sie ganz schreckliche Tyrannen gewesen. Es ist auch bestimmt keine leichte Sache, sein Kind auf ein Leben wie unseres vorzubereiten, wenn man weiß, was wir uns schon alles für Feinde gemacht haben. Ich beneide keinen, der das versucht.
Und nein. Ich gehe davon aus, dass meine Kindheit nicht als normal gelten kann. Ich kannte sie zwar nicht anders, aber üblicherweise geht man schon länger als drei Jahre auf eine öffentliche Schule und bekommt eher erklärt, dass man bei rot nicht über die Ampel rennt, als dass man niemals sein Schutzamulett abnehmen darf.”
Einen Moment lang streicht sie sich mit den Händen über die Schultern, als würde sie frösteln, dann spricht sie schnell weiter:
“Ich hatte Irvings Testament immer so verstanden, dass er für seine Nachfahren den größtmöglichen Schutz vor den Ungeheuern dieser Welt erreichen wollte, indem er sie dazu anhielt, die Gefahr auszurotten, Leben zu retten, Gutes zu tun. Auch damit wir den Namen Hooper-Winslow mit Stolz tragen können und nicht irgendwann dastehen wie die Hiltons. Dafür hat Irving die Bedingung an sein Erbe geknüpft, dass es nicht geteilt werden darf und nur dem zusteht, der den größten Jagderfolg nachweisen kann. Die Trophäen dienen eben vor allem als Beweis, das keiner von uns in dieser Anstrengung nachlässt.
Hier im Blackwoodland hat sich diese Vorstellung offenbar etwas verflüchtigt. Und Michael ist jetzt einer von denen, die den Preis dafür zahlen müssen. Ich habe keinerlei Verständnis für Jeremiah, der zugelassen hat, dass der Junge ohne die geringste Ahnung aufwächst. Seine altersbedingte Zerstreutheit ist da keine Entschuldigung. Er hatte über zwanzig Jahre Zeit, den Knaben einzuweihen. Jetzt lässt er uns seine Drecksarbeit machen.”
Sams Augen verengen sich zu Schlitzen und sie verbirgt sie hinter ihrer Hand, massiert mit Daumen und Zeigefinger. Sie atmet einmal tief durch, schüttelt dann aber den Kopf.
„Ja. Das stimmt. Er hätte ihn warnen müssen. Zumindest das. Aber eine Sicherheit, dass das nicht passiert, wär’s auch nicht gewesen. Und naja – einen… Vampir sollte man wenn man die Chance hat nicht frei laufen lassen. Egal, wer er vorher mal war.“
“Sicher ist niemand. Jemals. Wir können nur an den Wahrscheinlichkeiten arbeiten.” Die Worte klingen nicht wie Irenes eigene, eher als würde sie jemanden zitieren.
Sams Blick geht wieder zum Häusereingang, ihre Stirn ist gerunzelt und ihre Finger trommeln auf dem Lenkrad.
„Dieser ganze Trophäen-Mist ist also für das große Erbe? Echt jetzt? Ich fand die ganze Sache ja schon widerlich. Aber das nur für Geld zu tun? Das ist echt der Gipfel. Nichts für ungut, aber für kein Geld oder Einfluss der Welt werde ich mein oder das Leben anderer in Gefahr bringen, nur um einen Beweis in irgendeinen Keller in Großbritannien zu stecken oder durch Unwissenheit etwas zu bewahren, das zerstört gehört? Was ist, wenn da mal was landet, das ein paar Jahre später wieder aktiv wird und einen ganzen Landstrich leerfegt? Das ist doch Wahnsinn.“
Sie hebt abwehrend die Hände und es ist kein Zorn in Sams Gesicht zu erkennen, sondern echte Sorge.
„Wer sorgt dafür, dass das nicht geschehen kann? Kann man überhaupt dafür sorgen, dass das nicht passiert? Ich finde das ist verdammt viel Verantwortung.“
Fragend schaut sie Irene an.
„Und wenn ein Wort weniger gilt als ein Gegenstand, ist das eine weitere Bestätigung für mich, dass ich mich lieber einen Monat von Nudelsuppen ernähre, als den Irrsinn mitzumachen“, fügt sie noch leiser hinzu.
Bei Sams Erwähnung von Geld im Bezug auf das Erbe verzieht sich Irenes Mund zu einem spöttischen Grinsen. Doch sie verbeißt es sich, das Mädchen zu korrigieren, und ihr Lächeln wird weicher, während die junge Jägerin sich weiter ereifert.
“Stolz hast du jedenfalls für drei HWs.” Ein Moment stockt sie irritiert, als sie merkt, dass sie Sams Abkürzung übernommen hat. “Du musst uns auch nicht plötzlich ins Herz schließen, weil wir so ein harmonischer Haufen von Helden sind. Aber hast du schon einmal versucht, ein wirklich mächtiges Artefakt zu zerstören? Ist es dir gelungen?”
Anstatt auf eine Antwort zu warten, spielt die Britin am Außenspiegel herum, um bessere Sicht auf den rückwärtigen Teil der Straße zu bekommen.
“Manches, was besser vernichtet würde, geht nicht so einfach kaputt. Dann hast du die Wahl, ob du dich dabei aufreibst, doch einen Weg zu finden oder einfach auf das verdammte Zeug aufpasst, damit niemand Unsinn damit anstellt. Mit letzterem haben wir ein paar hundert Jahre Erfahrung. Bisher ist es gut gegangen und ich sehe keinen Grund, warum wir uns dabei in Zukunft dümmer anstellen sollten. Wir gehen mit der Gefahr um wie die Menschen, die auf Vulkaninseln leben.”
Während sie spricht, holt sie ihre Pistole aus dem Holster, prüft routiniert das Magazin, steckt die altgediente Browning wieder weg und verstellt erneut den Rückspiegel.
“Was meinst du denn damit, dass ein Wort weniger wäre als eine Sache? Mein Ex-Mann Charles würde dir sofort den Spruch von Feder und Schwert um die Ohren hauen.”
Sam schaut Irene eine Weile verstohlen an und lacht bitter.
“Naja, das was du da Trophäen nennst, haben meine Eltern Artefakt genannt. Eine Trophäe macht man aus ‘nem toten Monster. Das haben sie mir versucht beizubringen. Und da habe ich mich noch mit keinem angelegt, das man nicht irgendwie wegkriegt. Oder zumindest so gut es irgendwie geht. Manche kann man ja oft nur woanders hinschicken.”
Sie richtet den Blick ebenfalls wieder nach draußen.
“Laut Grossmann sieht das die Familie so. Ich schreibe Berichte, was ich gemacht habe und wie ich es gemacht habe. Und ich weiß von einigen Dingen, die da drin stehen, dass sie nicht jeder weiß, der draußen auf der Jagd ist. Und ich finde es auch wichtiger, das Wissen weiterzugeben an die, die mit uns und nach uns den Mist an der Backe haben als irgendwelche Überreste nach Europa zu schicken.”
Wie so oft schon am heutigen Tag fährt sie sich mit beiden Händen durchs Gesicht und das Haar, weicht eventuell folgenden Blicken von Irene aus.
“Ich habe mal überlegt, einen Blog zu schreiben oder so. Das Wissen zu teilen. Aber Grossmann kam dahinter und hat mir… naja er hat mir eindringlich klar gemacht, dass dies gegen die Interessen der Familie wäre und er für große Unannehmlichkeiten sorgen würde. Und damit ist niemandem geholfen. Dann hol ich mir lieber die $100 pro Bericht ab und schau, dass ich irgendwie noch mit anderen Jobs über die Runden komme.”
Mit zusammengekniffenen Lippen schließt sie kurz die Augen und krallt ihre Finger ans Lenkrad.
“Verdammt”, murmelt sie leise. Was machst du da? Wieso erzählst du ihr das? Du machst es alles nur noch schlimmer.
“Ich … äh… bin mal eben an der frischen Luft”, meint sie noch knapp und öffnet die Fahrertür.
Würde sie dabei nicht ihr Gesicht vor Irene verstecken, könnte sie sehen, wie deren Lippen lautlos ihre Worte nachformen. “Hundert Dollar…”
Statt irgendeine Reaktion auf Sams erneute Flucht zu zeigen, betrachtet Irene mit zusammengezogenen Augenbrauen ihre Hände. Es ist nicht nötig, der Kleinen hinterherzurennen. Sie braucht Abstand, um das Gesagte zu verarbeiten. Sie beide brauchen Abstand. Außerdem ist es ihr Bus. Sie wird zurückkommen. Bald. Spätestens, wenn es richtig dunkel wird. Vermutlich schon mit dem nächsten Regenguss.
Regen ist gut. Wäscht die Sorgen von der Seele.
Also zieht Irene nur die Beine an, legt den Kopf auf die Knie und behält stur den Hauseingang im Blick, während sie langsam aber sicher, ohne sich dessen so richtig bewusst zu sein, ihre Unterlippe blutig kaut.

Der nasse, kalte Wind zerzaust Sams Haar, doch ihr Bewegungsdrang ist stärker. Sie läuft einige Meter, bis sie an einer Hauswand stehen bleibt und sich mit der Stirn an sie lehnt.
Sie atmet einige Augenblicke tief durch, beruhigt ihre Nerven langsam wieder. Unschlüssig, was sie jetzt tun und Irene sagen soll, lässt sie eine Bewegung in ihrem Augenwinkel aufzucken. Zunächst scheint es nichts bedrohliches zu sein, nur ein Anwohner, der heimkehrt, aber ihr Instinkt sagt ihr etwas ganz anderes.
Die Gestalt, die sich gebeugt und leicht schwankend dem Hauseingang nähert, der zur Wohnung von Michaels Freundin gehört, kommt Sam vage bekannt vor. Dann ist sie sich sicher.
„Shit“, flucht sie leise, schmiegt sich an die Hauswand in der Hoffnung, dass er sie nicht entdeckt. Stumm flucht die junge Jägerin auf ihre Unbedachtheit. Ihr Schwert und andere, sinnvolle Waffen gegen einen Vampir hat sie im Auto gelassen. Das Wesen, was irgendwann einmal Michael war und immer noch in seinem Körper und seinen Erinnerungen herumläuft, bleibt an der Haustür stehen und klingelt wie zuvor die beiden Jägerinnen an mehreren Wohnungen. Als Sam sich sicher ist, dass seine Aufmerksamkeit auf der Tür liegt, eilt sie zurück zum Bus.
„Er ist da“, zischt sie aufgeregt und nestelt nach ihrem Schwert und dem Fläschchen Blut.
In dem Moment, in dem Michael durch die offene Tür tritt, erscheint jedoch auch noch eine andere Figur. Ein Mann, vor Selbstbewusstsein strotzend, schiebt sich, noch bevor sich die Türe wieder schließt, ebenfalls in das Gebäude.
Der Mann trägt ausgewählt teure Kleidung, einen schwarzen Rollkragenpullover und eine ganz ähnliche dunkle Wachsjacke wie sie Irene gerade wieder überstreift, als Sam die Tür aufreißt. Und er hat auch das gleiche blonde Haar wie sie. Da sie den Kopf zu Sam dreht, gerade als der Mann hinter Michael eintritt, sieht Irene ihn nicht.
Mit wenigen langen Schritten sind die Frauen über die Straße gegangen. Eilig, doch ohne zu rennen, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Bereits im Treppenhaus legen sie an Tempo zu. Noch schneller werden ihre Schritte, als sie aus dem Bereich ihres Ziels ein verdächtiges Rumpeln hören.
“Ein Mann ist ihm ins Haus gefolgt,” flüstert Sam heiser. Irene nickt angespannt, tritt mit gezogener Waffe leicht gegen die Wohnungstür, die lautlos aufschwingt. Ein lauteres Krachen, gefolgt von einem Poltern empfängt sie. Es kommt aus dem Wohnzimmer. Ohne weiter auf Heimlichkeit zu achten, stürmt Irene hinein, baut sich breitbeinig in der Tür auf und herrscht den Auslöser des Geräuschs an, auf den sie die Pistole richtet: “Michael! Lass ihn in Ruhe!”
Über ihre Schulter hinweg sieht Sam den Vampir in halb gebückter Haltung einfrieren und mit gebleckten Zähnen zwischen der Waffe und seinem Opfer hin und her starren. Er trägt immer noch den Ausdruck von Panik im Gesicht, den er schon im Krankenhaus zur Schau getragen hat, als er ihr die Besitzurkunde für ein verfluchtes Haus in die Hand drückte.
Halb unter einem Berg von Literatur begraben liegt auf dem Boden vor einem Bücherregal der blonde Mann und krümmt sich stöhnend.
“Wer seid ihr? Warum bedroht ihr mich? Ihr …. ihr habt mir aufgelauert!”
Zum Glück der Jäger wird der frisch erschaffene Blutsauger noch von Instinkten beherrscht, die ihm sagen, dass eine Schusswaffe gefährlich ist.
“Ihr wollt mich umbringen!”
„Michael?“ Sams Stimme ertönt hinter Irenes und sie legt ihr eine Hand auf die Schulter, als sie sich neben ihr durch die Tür schiebt. Das kurze Schwert, von dem ihre Cousine bereits weiß, dass es einst ihrer Mutter gehört hat, verbirgt sie hinter ihrem Rücken. Man sieht, dass sie dies nicht zum ersten Mal tut.
„Ich bin’s. Sam. Kennst du mich noch? Aus dem Krankenhaus. Wir haben über dieses Haus gesprochen und du hast mir die Urkunde gegeben. Wir sind verwandt.“ Eindringlich schaut sie ihn an, ihre Stimme klingt sehr ruhig.
Der gehetzte Blick bleibt, doch er scheint sich etwas zu beruhigen.
„Sam? Ja… was… was passiert hier?“ Verzweiflung ist in seinem blutunterlaufenen, glasigen Blick zu lesen. Doch immerhin starrt er nicht mehr wie ein zum Angriff bereites Raubtier auf Irene, sondern fixiert Sam mit seinem Blick. „Wo ist Kayla? Ich will sie sehen!“
„Kayla ist nicht hier, Michael.“ Wer genau hinhört kann feststellen, dass es ihr nicht leichtfällt, seinen Namen auszusprechen.
„Wo ist sie? Ich muss sie sehen. Ich… ich… habe so einen Hunger… Durst… ich weiß nicht. Was passiert hier? Wieso hat er versucht mir weh zu tun?“ Panisch schaut er sich wieder um, der Mann im Bücherregal regt sich etwas und der junge Vampir schrickt erst zurück, bevor es wieder so aussieht, als würde er ihn gleich anspringen. Irene folgt ihm mit ihrer Waffe, im sichtlichen Bewusstsein, wie kritisch die Situation derzeit ist.
„Bitte, Michael, bleib ruhig. Du bist verwirrt und dir sind unschöne Dinge passiert. Ich habe hier etwas, das dir helfen wird. Wir wollen nur dein Bestes. Glaub uns. Wir sind deine Familie. Du erinnerst dich an Irene? Sie hat dich auch im Krankenhaus besucht.“
Kurz ist es wieder als wolle er sie anspringen als Sam langsam mit ihrer freien Hand nach der kleinen Flasche greift und sie ihm zeigt. „Nimm das. Dann geht es dir erst einmal besser.“
Seine Augen fixieren das Fläschchen, und langsam macht Sam einen kleinen Schritt auf ihn zu. Er hält beide Hände hin und sanft wirft sie ihm aus etwa anderthalb Metern Entfernung das Totenblut zu, bevor sie sich wieder neben Irene zurückzieht. Die beiden Frauen tauschen einen kurzen, erleichterten Blick aus, als Michael die Flasche erst vorsichtig prüft, sie dann aber gierig öffnet und den gesamten Inhalt in seinen Mund schüttet.
Es ist kein schöner Anblick. Er versucht geräuschvoll noch den letzten Tropfen Blut aus der Flasche zu lecken und sein Gesicht ist bald blutverschmiert. Irene hört Sam laut schlucken, bemerkt aber auch, wie sich ihr Griff um das Schwert festigt und ihre Muskeln sich anspannen.
“Geht es Ihnen jetzt etwas besser,” fragt Irene vorsichtig. Sie sucht in Michaels Haltung nach Anzeichen, dass die Lähmung einsetzt. Der Mann auf dem Boden hält sich jetzt still. Sie schenkt ihm nur kurz einen unterkühlten Seitenblick. Er macht den Eindruck, wieder so weit bei sich zu sein, dass er sich der Gefahr bewusst ist, in der er schwebt.
“Nein. Mehr! … Es ist falsch, esfühltsichfalschannn…mmh…” Die Zunge ihres untoten Cousins will ihm nicht mehr recht gehorchen, seine Hände zucken unkontrolliert. Schwach.
In einer bedächtigen, fließenden Bewegung, steckt Irene die Browning weg und geht langsam auf Michael zu. Ihre Worte sind so sanft, dass sie wie eine Mutter klingt, die ihr weinendes Kind beruhigt. Ein krasser Gegensatz zum Inhalt des Gesagten: “Oh Michael, es tut mir so leid, was Ihnen passiert ist. Wenn wir geahnt hätten, dass Viliam wieder aktiv sein könnte, außerhalb Europas noch dazu, dann hätte ich Ihnen bereits damals im Krankenhaus das Wissen um die Gefahr eingeprügelt, Sie dummer, naiver Junge!”
Sachte greift sie seine Schultern, sieht ihm in die Augen. “Jetzt müssen wir damit leben…” sie schluckt, wandert hinter den Gelähmten, die Hände weiter auf seinen Schultern, drückt ihn nach vorne, einen Schritt, zwei. Michaels Bewegungen sind hölzern, seine milchig getrübten Augen suchen nach Sam.
“Lassen Sie uns ins Badezimmer gehen, wir müssen Sie reisefertig machen,” flüstert Irene nah an Michaels Ohr, weiter in dem Singsang, der auch sie selbst und Sam beruhigen soll. Ihre ganze Konzentration gehört dem Vampir. “Sie werden mit zu uns nachhause kommen. Wir kümmern uns um Sie und dämmen die Gefahr ein, die Sie in Ihrem momentanen Zustand für uns und andere, wie Kayla, darstellen.” Bei der Erwähnung von Kaylas Namen blähen sich Michaels Nasenflügel und sein Kiefer klappt leicht herunter. “Dafür ist das Beruhigungsmittel gedacht, dass Ihnen Sam gegeben hat. Es soll uns nur davor schützen, dass Ihre neuen Instinkte sich gegen Ihren Verstand durchsetzen.“
Als Sam Anstalten macht, einen Schritt in den Raum hinein zu tun, um für sie die Tür freizugeben, bittet Irene diese mit gefährlich ruhiger Stimme: “Samantha, könntest du bitte die Wohnungstür schließen. Ich danke dir.” Dann bugsiert sie den unbeweglichen Mann durch den Flur in das winzige, weiß gekachelte Bad.
Beiläufig pflückt sie einen Waschlappen aus dem Regal, befeuchtet ihn und wischt Michael die Blutspuren aus dem Gesicht, ungeachtet der Tatsache, dass sie womöglich gleich eine große Menge seines eigenen Bluts vergießen muss.
“Bitte denken Sie nicht, dass Sie schon aus dem Schneider sind. Es ist nicht leicht, mit Ihrem neuen Dasein fertigzuwerden. Ich habe nur von wenigen gehört, die genug Willenskraft besaßen, um sich dauerhaft mit dem Blut von Tieren zufriedenzugeben… Können Sie sich hinknien? Nein? Bitte verzeihen Sie mir, das könnte jetzt wehtun.” Ihre Stiefelspitze bohrt sich erst in seine eine, dann in die andere Kniekehle, um den beinahe Totenstarren in die gewünschte Position zu bringen.
“Aber es soll immer wieder vorkommen, dass jemand ungeahnte innere Stärke findet…”
Der Spiegel wird ihr zum Verhängnis. Während sie hinter Michaels Rücken den fadendünnen Stahl der Garotte entrollt, fällt ihr Blick dorthin. Sie sieht sich hinter ihrem Opfer stehen, so bleich, als wäre sie selbst der Blutsauger, das Mordwerkzeug in der Hand, im Hintergrund die ebenso blasse Sam, und ihre Stimme bricht. Michaels Gesicht ist verzerrt, als hätte er die Lüge hinter den vielen ausgesprochenen Wahrheiten spätestens in diesem Moment erkannt. Ruckartig wendet sie sich von ihm ab und stürzt zur Tür des engen Raums. während in den Vampir wieder Bewegung kommt.
Mit unbändiger Kraft, vom Blut des Toten zwar gedämpft, aber immer noch übermenschlich, stößt er mit einer wilden Geste Irene zur Seite, die sich am Waschbecken gerade noch abfangen kann. Sam weicht zurück in den Flur, reißt wie im Reflex ihr Schwert nach oben, als der junge Vampir, der eindeutig Probleme hat, sich zu koordinieren, aus dem Bad herausstolpert.
“Wiiees…ssoooo?” stöhnt er wieder, rauft sich die Haare und reißt sie sich damit in Büscheln aus. Das Schwert zittert in den Händen der jungen Jägerin und ihre Augen werden feucht. Ihr Griff festigt sich wieder und sie kneift ihre Lippen zusammen, als sie einen leisen Schmerzenslaut aus dem Bad hört.
Grade verlagert sie ihr Gewicht, um dem Schlag, der nun folgen muss, mehr Wucht zu verleihen, da spürt sie eine kräftige Hand an ihren Schultern und sie wird unsanft nach hinten gerissen. Der Mann, der eben noch im zertrümmerten Regal lag, drängt sich an ihr vorbei, eine Garotte in den Händen, die er mit tödlicher Präzision um den Hals des verlangsamten Vampirs legt.
Der Anblick und die Geräusche, die folgen, machen es Sam fast unmöglich, sich nicht abzuwenden. Aber sie kann nicht anders. Sie muss hinsehen. Blut spritzt über den gesamten Flur, ein Röcheln und Gluckern und dann ist es auf einmal still. Fast lautlos sinkt der Leichnam zu Boden.
“Es ist immer wieder höchst unerfreulich”, ertönt eine betont gelassene Stimme mit britischem Akzent, “Zeuge eurer kläglichen Versuche zu werden, auch noch das simpelste Monster zu erledigen.”
“Simpel? War das Bücherregal interessant? Ich dachte, ihr HW’s seid nicht so für Theorie”, murmelt Sam und funkelt ihn mit einem durchdringenden Blick an. Einige Augenblicke erwidert der blonde Mann stumm den Blick, kneift die Augen zusammen und wendet sich dann wieder ab.
Er schiebt Irene, die am Türstock lehnt, sich die Schulter hält und den Leichnam von Michael anstarrt, beiseite und beginnt, mit geübten Bewegungen, sich Blut von Händen, Gesicht und Wachsjacke zu waschen.
“Was haben wir denn gelernt, was wir in Gegenwart eines Vampirs niemals tun?”
“Zögern,” flüstert Irene monoton, schluckt schwer und beugt sich herunter, um die Kanten des Läufers zu packen, auf dem der kopflose Körper zum Liegen gekommen ist.
Sie zieht ihn in den Wohnraum des Appartements, holt auch Michaels Haupt, das sie in ein Handtuch wickelt und vor seinem Hals ablegt, aus dem noch Blut sickert. Die unsauberen Wundränder überdeckt sie mit dem Stoff. Er saugt sich schnell voll.
Dann wendet sie sich wieder an den Briten. Ihre Stimme klirrt vor Eis.
“Du kannst dich bei uns bedanken, Ian.”
“Oh, ja natürlich. Danke, dass ihr wenigstens das Aufräumen übernehmt. Ich werde solange die bedauernswerte Witwe trösten und euch vom Leib halten. Auf bald!”
Zum Abschied küsst er Irene auf die Wange, die erstarrt und das Gesicht verzieht, als müsste sie sich jeden Moment übergeben. Ihre Cousine mustert er noch einmal, lässt seinen Blick abschätzend von oben nach unten gleiten, bevor sich sein Mundwinkel zu einem Lächeln verzieht.
“Wir sehen uns sicherlich wieder, Miss…Werauchimmer. Viel Vergnügen noch.”
“Wie bist du denn im Bücherregal gelandet, wenn du nicht gezögert hast, unser eigen Fleisch und Blut zu töten?” fragt Irene voll kaltem Zorn. Mit einem humorlosen Lächeln wendet er sich ab und verlässt, sich an Sam vorbeischiebend, die Wohnung.
Irenes Schultern sinken. Sie wirft einen langen Blick auf die Leiche, wischt sich über die Augen und spricht: “Die große Aluminiumkiste, die ich in deinem Bus gesehen habe, können wir die verwenden, um ihn zu transportieren?”

Mehrere Stunden später sind Boden, Teppich und Wände gereinigt, alle Lappen und Handtücher gewaschen, getrocknet und wieder an ihrem angestammten Platz, haben die beiden Frauen zum x-ten Male überprüft, ob sie in irgendeiner Ritze einen roten Spritzer übersehen haben, ob auch wirklich kein Blut ins Parkett gezogen ist. Und obwohl der Wunsch, den Ort des Geschehens so schnell wie möglich hinter sich zu lassen fast übermächtig ist, zieht sie doch auch nichts vorwärts.
Die Aussicht, die schwere Kiste die Treppe hinunter zu bugsieren und im letzten Moment noch von einem der bislang unsichtbaren Nachbarn gesehen zu werden, hat sie schweigsam und nervös immer wieder auf ihre Uhren sehen lassen.
Inzwischen ist es tiefe Nacht. Sie wagen es und bringen die Kiste in den Bus. Körperlich und geistig gleichermaßen erschöpft lassen sie sich in die Sitze fallen. Langsam beruhigt sich der Atem. Nur ein paar weit entferne Sirenen, Hundegebell und sonstige Geräusche der Stadt sind zu vernehmen.
“Irgendwie unwirklich”, murmelt Sam vor sich hin und ihre ältere Cousine nickt nur.
“Fahren wir wieder zu Francis.”

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Timberwere

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