Mädchenkram - Supernatural

Shinto-Groove

Frühstück ohne Giffany

Blöder Titel, aber mir fällt kein besserer ein. Ich schleiche grad wie die Katze ums heiße Laptop, aber ich sollte langsam mal anfangen. Ally guckt schon ganz fragend, weil ich dauernd anfange und wieder lösche. Aber sie traut sich wohl nicht, mich einfach anzusprechen. (Das habe ich ganz am Anfang geschrieben, als wir noch alle im Auto saßen. Mittlerweile bin ich in Chicago. Nicht-chronologische Einschübe des Ich-Autoren sind übrigens literarisch der neueste Trend, gleich nach „die Leser anlügen“.)

Also von vorn. Ally ist ein gutes Stichwort, mit der hat es nämlich angefangen. Oder, besser gesagt, mit dem True-Believers-Forum. Da war nämlich die Hölle los. Ist ja nicht so, als würde da normalerweise ein besonders höflicher Tonfall gepflegt werden, aber in den letzten Tagen wurde überhaupt nicht mehr moderiert. Nicht mal der absolut unterirdische Post von BroHunter. Auf PMs reagierte Ally nicht.
Ich hatte ihre Nummer noch, die hatte sie mir bei der Kamelgeschichte gegeben. Aber als ich anrief, ging ein Arzt ans Telefon – Ally lag im Koma. Seit ein paar Tagen. Genau die gleiche Geschichte wie bei Steven: Keine Symptome, keine Besserung.

Ich rief Irene an. Die echauffierte sich erst mal, warum Ally sich denn eingemischt habe, sie hätte ihr doch gesagt, sie solle sich raushalten. Ich habe den Eindruck, die liebe Irene glaubt, sie hätte irgendwelche Autorität über die Leute, mit denen sie sich umgibt. Habe versucht, ihr klar zu machen, dass Ally erwachsen ist und nun mal den Drang hat, die „Wahrheit“ herauszufinden. Kam aber nicht an, würde ich sagen.
Irene erzählte mir dann, dass sich Giffany in der letzten Zeit ziemlich ruhig verhalten hätte. Statt dem aufgekratzten Cyberstalking mehr essentielle Fragen nach dem Sein. Großartig.

Ethan war nach der Sache mit den Vogelscheuchen noch da und beschloss, er könne mich ja nach Billings fahren. Da hatte ich mich mit Irene verabredet. Fliegen solle ich noch nicht, wegen der angegriffenen Lunge – endlich mal eine gute Ausrede.
Also verabschiedete sich Ethan von Artie. Bevor wir losfuhren, nahm Katie mich noch mal zur Seite. „Pass aber auf“, sagte sie. „Wegen des Schattens“. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete. Sie meinte „Ethans Schatten… der ist irgendwie anders. Da hängt etwas dran, glaube ich.“ Sie zuckte die Schultern und schaute mich fragend an. Hatte offenbar gedacht, ich hätte das auch gesehen.

Wir fuhren los. Mir fiel nichts auf, aber das musste nichts heißen. Wir hatten viel Zeit, von Stuttgart nach Billings fährt man mindestens zwei Tage, wenn man keine längeren Pausen macht.
Irgendwann erzählte ich ihm, was Katie mir gesagt hatte. Er verdrehte die Augen und nickte. Sagte nichts weiter.
„Sie sieht manchmal… mehr“, fuhr ich fort. „Sie dachte, ich würde das auch sehen. Aber du wusstest das schon.“
„Bianca“, erwiderte Ethan. Nur das eine Wort. Was wollte er mir sagen? Er war wie Bianca?
Ich sagte vorsichtig: „Bianca hatte das unter Kontrolle.“ Gerade so, aber das fügte ich nicht hinzu.
„Bianca hat’s gesehen“, führte Ethan schließlich aus. Fünf Minuten später, natürlich.
Ich entspannte mich etwas. „Okay.“
Ethan seufzte, spielte mit einer Zigarette herum und sagte dann: „Fluch.“
Fluch. Ach so. Was meinte er damit, Fluch? Was für ein Fluch? War das irgendwas, das meiner Familie gefährlich sein könnte? Verdammt, Ethan! Ich hätte ihn wahnsinnig gern gefragt, was damit los war, aber Großvater hat immer gesagt, ich solle zuhören und nicht selber reden. Wer sprechen will, wird das tun. Wer nicht, soll schweigen. Aber das war echt schwierig.
Keine Ahnung, ob Ethan mir das angesehen hat. Vermutlich.
„Sieht man scheinbar am Schatten“, fügte er hinzu. „Wusste ich auch nicht.“
Ich atmete durch. Okay. Ethan hatte mir das Leben gerettet und ich ihm, ich hatte ihn zu meiner Familie eingeladen und durch Artie waren wir jetzt irgendwie verwandt. Keine Chance. Ich musste ihm vertrauen. Wer sprechen will, und so weiter. Also nickte ich nur.
War wohl die richtige Strategie. Nach und nach, Wort für Wort kam mehr. Nicht allzu viel, hätte mich bei Ethan auch gewundert, aber genug.
Er wusste nicht, wer ihn verflucht hatte. Wusste nur den Wortlaut: „Wenn ich dich nicht haben kann, dann soll dich keine haben!“ Eine Frauenstimme. Vor vielen Jahren. Seither konnte er nicht mehr als zweimal mit derselben Frau schlafen. Sonst stirbt sie. Er erklärte nicht, woher er das wusste. Ich dachte an St. Trinity und Carla. Verdammt. Armer Kerl.

Wir haben unterwegs nicht mehr viel geredet. Kamen irgendwann in Billings an. Irene war schon da, hatte ein Zimmer im Hilton Garden Inn genommen. Sie hatte ihre Zimmernummer an der Rezeption hinterlegt, also gingen wir rauf. Ich wurde immer langsamer. Eigentlich wollte ich Irene gar nicht wiedersehen. Nicht, nachdem sie mein Tagebuch gelesen hatte. Nicht, nachdem sie wusste, dass… Ich konnte gar nicht wissen, was sie wusste. Was sie dachte. Sie hatte am Telefon mit mir gesprochen, wir hatten uns verabredet. Sie würde schon nicht aus dem Fenster springen. Vermutlich. Trotzdem.

Ethan hatte keine Ahnung, warum ich zögerte. Dachte vielleicht, es wären die Rippen. Flüchtiger Gedanke: Wir könnten erst mal ein eigenes Zimmer nehmen. Uns ausruhen. Die Schmerzen im Brustkorb waren durch die Fahrt nicht besser geworden. Unter die Dusche hätte ich auch mal gekonnt… aber da klopfte er schon. War wahrscheinlich besser so.
Irene öffnete. Sah Ethan, lächelte erfreut. Dann sah sie mich, und ihr Lächeln wurde zur Grimasse. Sie rang sich ein kurzes „Hi“ ab und vermied es konsequent, mich anzuschauen. Okay, ich war auch nicht wortreicher. Musste halt Ethan mal zur Abwechslung reden. Tat ihm sicher gut.
(Ich frage mich ja, was der sich bei der peinlichen Stille zwischen mir und Irene gedacht hat. So im Nachhinein geht mir auf, dass wir vermutlich wirkten, als wollten wir eine Affäre vertuschen.)

Irene hatte in ihrem Zimmer alles ausgestöpselt und verhängt, was Giffany irgendwie als Fenster oder Zugangspunkt dienen könnte. Sie war nervös, fast paranoid. Fahrig. Das könnte aber auch an mir gelegen haben. Keine Ahnung.
Jedenfalls meinte sie, wir sollten jetzt extra-vorsichtig sein. Sie hätte Giffany vielleicht einen Floh ins Ohr gesetzt, als sie ihr sagte, sie solle doch erst mal ein richtiges Mädchen werden. Hätte auch merken müssen, dass da was im Busch ist, aber sie war froh, mal ihre Ruhe zu haben.

Dann fragte sie, ob wir denn überhaupt sicher wären, dass Allys Koma wirklich von Giffany verursacht worden war. Könnte ja auch was anderes sein. Im ersten Impuls wollte ich ihr wiedersprechen, aber ich erinnerte mich an ihren letzten Brief – vermutlich scheute sie einfach nur die Konfrontation mit der KI. Also schlug ich vor, dass wir erst noch ein paar Nachforschungen anstellen könnten. Mir war da schon klar, dass es auf eine Konfrontation hinauslaufen würde, aber ich hatte Zeit gehabt, mich mit dem Gedanken an die Romance-Academy-Welt vertraut zu machen. Da musste Irene erst noch hinkommen.
Ethan zuckelte uns hinterher. Der wusste, dass Leute in Gefahr waren, also wollte er helfen. Ganz einfach. Ich weiß echt nicht, wo er glaubt, dass er kein netter Kerl ist. (Dazu später mehr.)

Okay, ich raffe das jetzt ein bisschen: Wir trafen Allys Freundin Coco, die uns in die Wohnung ließ, erzählte, dass sich Ally in der letzten Zeit rar gemacht und viel über Philosophie nachgedacht hätte. Außerdem hatte sie in den letzten Wochen ein paar Anfälle, bei denen sie aus dem Tiefschlaf nicht aufzuwecken war. Klang schon sehr nach näherem Kontakt mit Giffany.

Irgendwann fiel auch Irene nichts mehr ein, womit wir die Kontaktaufnahme hinauszögern konnten. Also gingen wir alle in ihre Suite und trafen diverse Vorbereitungen: Ethan versuchte, Leute anzurufen, die uns helfen könnten (keiner da), schrieb dann eine E-Mail und zuletzt einen Brief. Den brachte er dann noch kurz raus, um ihn irgendwo zu verstecken. Okay.
Irene schrieb auch einen Brief und zog sich bequeme Yoga-Klamotten an. Immerhin war die anfängliche Peinlichkeit halbwegs überwunden; ging schneller, als ich gedacht hätte. Aber wir hatten ja auch gerade andere Probleme.

Ich telefonierte mit Tam, sagte ihr, wenn ich mich bis Mittwoch nicht melden würde, solle sie Brian
oder J.D. mit dem Werwolfserum losschicken. Das hat damals bei Ikelos ja auch schon geholfen.

Dann hockten wir herum und warteten auf Ethan. Ich erklärte Irene, dass ich Giffany gern loswerden würde. Wegen der Dokumente, die sie hatte. Wie belastend das Material darin war, sagte ich ihr nicht. Wenn das in die falschen Hände gerät, muss ich mir ein Land suchen, das nicht in die USA ausliefert.
Und dann wollte ich sicher gehen. Sie hatte mein Tagebuch vernichtet, oder? Ja, klar, meinte sie nachlässig, fast… wegwerfend. Machte nur nicht viel Sinn, weil sie es auswendig kennen würde und Giffany bestimmt noch Back-Ups hätte. Klang wie eine Ausrede.
Alles klar, sagte ich und schaute sie direkt an. Normalerweise muss ich nicht viel sagen, damit die Leute meine Warnung verstehen. Anschauen reicht. Immerhin, bei Irene auch. Sie verstand. Nickte noch mal, knapp. Verärgert.
Ich atmete durch. Musste ihr wohl glauben, auch wenn ich verdammt noch mal nicht sicher war. Ihr glauben oder sie erschießen. Wollte ich dann aber nicht, und nicht nur, weil es gerade nicht zielführend gewesen wäre. Sondern weil ich sie… keine Ahnung… irgendwie mochte. Das hatte ich ja grade richtig gut gezeigt.

Egal. Ethan kam wieder, bemerkte die frostige Atmosphäre, sagte aber nichts dazu. Bevor es tatsächlich losging, kam Coco noch mal vorbei, um Irenes Brief abzuholen. Die Frau scheucht echt alles durch die Gegend!
Wo Coco schon einmal da war, bat ich sie, morgen Abend mal nach uns zu schauen. Falls wir auch ins Koma fallen sollten oder so. Und – wenn ja – ob sie dann bitte Tam anrufen könnte? War sicher besser, Tam erfuhr so etwas möglichst schnell.

So. Ich teile das jetzt in Abschnitte. Ich glaube, das wird länger.

Fallende Bücherstapel

TV an, Handy an. Gespannte Erwartung. Irene saß auf dem Bett, Ethan lehnte an der Wand, ich stand beim Tisch, so weit weg von Irene wie möglich.

Erst mal passierte gar nichts. Schließlich rief Irene in scharfem Tonfall: „Giffany? Giffany!“

Wieder Warten. Dann im Chat:
Ire
ne
Hi
lfe

Ethan fragte: „Ally?“ – Nein.
Irene: „Giffany, bist du das?“ – Ja.

Die letzte Nachricht war ein Link. Irene klickte, und die Welt veränderte sich. Kurz schwarz, ein Ziehen, ein enervierendes Geräusch, dann: Ein Schulhof. Eine gezeichnete Schulhof-Kulisse, eher, mit voll erblühten Kirschbäumen, die sich im Wind wiegten. Immerhin, ich spürte den Wind, und ich konnte die Kirschblüten riechen. Trotzdem wirkte das alles gleichzeitig gezeichnet und doch real. Schwer zu erklären. Als würde eine Dimension fehlen, an die ich mich aber nur schwach erinnerte. Eine genauere Beschreibung erfordert mehr Poesie, und das gehört nicht hierher.

Meine beiden Gefährten hatten sich verändert. Beide waren Manga-Figuren. Sechszehnjährige Manga-Figuren. Das war soweit nicht unerwartet, aber… die waren beide gut zu erkennen: Ethan ein zurückhaltender langer Lulatsch, der sich ein bisschen krumm hielt und die neue Welt skeptisch beäugte, und Irene war einfach niedlich. Blond, mit Korkenzieherlocken und einem süßen Grinsen.

Ja, ich war auch ein Teenager. Großartig. Offensichtlich inklusive aller Hormone, die so dazu gehören. Immerhin hatte jemand daran gedacht, mir eine dunklere Hautfarbe zu verpassen. Ansonsten gab es einen ziemlich deutlichen Unterschied: Mein Manga-Teenie-Selbst hatte beide Hände. Ich verbrachte ein paar Augenblicke damit, die rechte Hand anzustarren und zu bewegen. Einen Augenblick lang fühlte sich das fremd an, aber ich gewöhnte mich schnell daran. Zu schnell. Es fiel mir kaum auf, dass ich meine Waffen nicht dabei hatte.

Wir trugen Schuluniformen. Blazer mit Krawatte für mich und Ethan, ein Kleidchen für Irene. Soweit nicht viel anders als an meiner alten High School. Ich lockerte erst mal die Krawatte und erinnerte mich mit spöttischem Grinsen an die Diskussion, ob ich die um den Kopf binden könnte, um mein kulturelles Erbe auszudrücken.

Als erstes orientierten wir uns. Offenbar war nicht nur mir das Teenie-Sein aufs Hirn geschlagen: Ethan redete deutlich mehr. Irene wirkte verkrampfter als sonst, nicht so unbekümmert. Mehr wie jemand, der alles richtig machen will. Und ich ertappte mich dabei, wie ich unmotiviert in der Gegend herumlächelte. Verdammt. Das Spiel machte etwas mit uns, und meinem erwachsenen Selbst wollte das nicht recht gefallen. Meinem Teenager-Selbst war das natürlich vollkommen egal, der war mehr daran interessiert, ob hier noch andere hübsche Mädchen außer Irene herumliefen.

Taten sie allerdings nicht. Nicht wirklich, zumindest. Das war zwar ein Schulhof, und ja, da waren auch Leute, aber das waren nur Schemen – real anzusehen, schon, aber ihnen fehlte irgendwas. Der eigene Antrieb, vielleicht. Krista hatte zu solchen Leuten früher immer „Staffage“ gesagt. Das war damals ziemlich herablassend, aber hier passte es.

Ethan fragte laut, ob es eine Zeitbegrenzung gäbe und ob wir ab einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht nicht mehr zurück könnten. Guter Punkt. So natürlich, wie ich dieses Teenager-Selbst angenommen hatte – wie lange würde es dauern, bis ich nicht mehr Ich war? Mit mehr Anstrengung, als ich erwartet hatte, rief ich mich zur Ordnung. „Wir haben nicht ewig Zeit“, erklärte ich Ethan düster. So düster es halt mit einer intakten Stimme geht, zumindest.

Irene wollte als erstes Ally finden. Nur wo? Auf der Fenwick High hatten wir verschiedene Treffpunkte… die Bühne, die Caféteria… sah nur alles nicht so danach aus. Schließlich kam Ethan auf die Idee, doch mal in der Bibliothek nachzuschauen. Klar, da hätte ich auch drauf kommen können. Schließlich war ich Ally das erste Mal ja auch in einer Bibliothek begegnet.

Im Treppenhaus liefen wir an ein paar Leuten vorbei, die nicht nur Staffage waren: Ein Lehrer, eine attraktive Schwarzhaarige, die mich offen musterte und höflich den Kopf neigte, als ich sie anlächelte (interessant!), und ein Mädchen mit rosa Zöpfen, das auf Krawall gebürstet zu sein schien. Ich drehte mich noch mal nach der Schwarzhaarigen um. Hm. Hm? Was machte ich da? Okay, vermutlich das gleiche, was ich auf der High School auch gemacht hatte: Mädchen hinterher schauen.
Ich nahm Ethan zur Seite. Bat ihn, mich zu treten, wenn ich irgendwelchen Unsinn anstelle. Also, Unsinn mit Mädchen. Ethan nickte ernsthaft.

In der Zwischenzeit stürzte Irene schwungvoll als erste in die Bibliothek und rannte prompt Ally über den Haufen. Die schleppte natürlich wieder einen Stapel Bücher mit sich herum, die alle gemeinsam mit Ally zu Boden polterten. Ich hatte ein kurzes Gefühl von Déja Vu – bei unserer ersten Begegnung ist ihr auch ein Haufen Bücher heruntergefallen.

Irene bückte sich, um die Bücher aufzuheben. Ich auch. Dann bot ich ihr an, doch die Bücher zu nehmen – sie lächelte unsicher, aber niedlich und gab mir die zwei staubigen Folianten. Ich lächelte zurück, und einen Moment lang waren wir wirklich nur zwei Teenager, die in der Bibliothek zusammen Bücher aufhoben. Konnte natürlich nicht anhalten. Irene wurde rot und meinte, sie wäre fast in die Falle getappt und hätte Giffanys Sprüchlein aus dem Spiel nachgeplappert: „Willst du meine Bücher tragen.“ Ich schaute zu Boden und sagte ihr, ich hätte mich ja auch brav nach Klischee verhalten. Ist mit zwei Händen ja auch einfacher. Hätte sie fast schräg angelächelt. Konnte mich gerade noch zurückhalten. Das war Irene, verdammt. Ich hatte vor einer halben Stunde noch überlegt, ob ich sie nicht aus lauter Paranoia umbringen sollte, und jetzt wollte ich mit ihr flirten? Das war sogar meinem Teenie-Selbst zu kaputt.

Während wir mit den Büchern beschäftigt waren, hielt Ethan Ally die Hand hin, um sie hochzuziehen. Aber bevor er das machen durfte, erschien plötzlich eine Tafel mit drei Handlungsoptionen über ihr:
a) „K..k…kann ich d..dir helfen?“
b) Ziehe sie in eine Umarmung
c) Stoße sie zu Boden

Ethan wählte natürlich Option a), lief prompt rot an und stotterte, während er Ally die Hand hinhielt. Ally errötete ebenfalls und rief aus: „Oh, du hast mich bemerkt, Gale-san!“ Dann schüttelte sie genervt den Kopf. Das wäre das Spiel gewesen, erklärte sie. Manchmal zwang es einem Gesprächsoptionen einfach auf.

Und nicht nur das. Neben Ally schwebte ein Schild: „Bekommst du mich dazu, nicht mehr so nervös zu sein?“ Als wir uns umschauten, sahen wir auch bei uns diese Schilder. Ethan, neuerdings mit Sprache gesegnet, hatte nichts Besseres zu tun, als mein Schild vorzulesen: „Kriegst du mich dazu, mich für dich zu entscheiden und nicht immer anderen hinterherzuschauen?“ Mann, danke! Das hätte Brian auch nicht besser hingekriegt!
Zumindest dachte ich das in dem Moment, lächelte gleichzeitig Irene an und erklärte ihr, ich wäre halt als Teenager ein bisschen wild gewesen.
…und so langsam fange ich an, zu verstehen, warum ich damals dauernd Probleme mit meinen Freundinnen hatte. Kleiner Tipp: Es lag nicht ausschließlich an den Mädchen.

Irene grinste mich jedenfalls kurz amüsiert an, nur um gleich darauf zu verkünden, sie wolle nicht wissen, was auf ihrem Schild steht. (Es war – Irene, falls das jetzt wieder bei dir landet, hör jetzt auf zu lesen! – „Bist du der Erste, der mein Herz bricht?“). Bei Ethan stand „Bist du stärker als mein Fluch?“ Okay, vielleicht war das auf meinem Schild doch gar nicht so schlimm.

Ally merkte ziemlich schnell, dass wir ebenfalls aus der echten Realität stammten. (Nein, ich fange jetzt nicht mit einer Abhandlung über echte und falsche Realitäten an. Keine Angst.) Sie erzählte uns noch mal die ganze Geschichte mit iHeretic und Giffany, ohne zu realisieren, dass Irene iHeretic war. Hat ihr auch keiner erzählt.
Jedenfalls wurde Ally neugierig, weil Giffany nun mal keine KI war. Sie erklärte auch, warum, und verwendete viele interessante IT-Worte, die wir alle drei nicht verstanden. Ihr kam schließlich die Idee, Giffany könnte eine Shinto-Gottheit sein, die irgendjemand in das Programm gebannt hatte. Shinto-Gottheiten, erklärte sie weiter, könnten ja alles sein: Ein Berg, ein Fluss oder auch ein Gegenstand wie eine Teekanne, wenn sie nur genug Bewunderung erfahren.

Irene nörgelte sofort los: Sie hätte es ja noch ganz sexy gefunden, von einer uralten Gottheit gestalkt zu werden, aber von einer Teekanne? Sie war regelrecht empört. Keine Ahnung, ob das ihr Teenie-Selbst oder die erwachsene Irene war.

Ally erklärte weiter, dass sie sich mit Giffany angefreundet hätte. Die wäre zwar am Anfang ganz schön anstrengend gewesen, aber nach und nach bekam Ally sie dazu, sich Gedanken über ihr Dasein zu machen. Sie war immer mal wieder zu Gast in der Romance-Academy-Welt, aber bisher hatte Giffany sie jedes Mal wieder zurück geschickt.
Aber seit kurzem war der Shinto-Geist verschwunden, und Ally kam nicht mehr zurück. Also fing sie an, die Struktur des Programms von innen heraus zu analysieren und nach Möglichkeiten zu suchen, Giffany zu befreien und den „Plot“ der Spielwelt aufzulösen. Sie machte wohl schon erste Fortschritte, als plötzlich der Schülerrat begann, sich einzumischen und ihr ständig in die Quere zu kommen.

Bevor wir fragen konnten, was es mit dieser Gruppe auf sich hatte, knisterte die Lautsprecheranlage und eine weibliche Stimme erklärte freundlich, aber bestimmt, Jackson-san, Gale-san und Hooperwinslow-san mögen bitte zum Schülerrat kommen. Na gut. Umso besser, dann konnten wir uns die mal direkt anschauen. Das war das erste Mal, seit wir in dem Spiel gelandet waren, dass ich meine Waffen vermisst habe.

Auf dem Weg zum Schülerrat mussten wir den Hof überqueren. Ethan schnappte sich einen Basketball, dribbelte ein bisschen gekonnt hin und her und warf dann einen eleganten Korb. Irene lächelte und klatschte freudig. Das ging meinem Teenager-Selbst auf die Nerven, dass Ethan hier jetzt einen auf dicke Hose machen musste. Ich lächelte gönnerhaft und sagte irgendwas über Sportler, und wenn es mit der intellektuellen Leistung mal wieder zu anstrengend wäre (Großartig, ich war auch noch ein Snob!). Irene wurde ganz rot, und ich dachte erst, ihr gefällt das, aber tatsächlich wurde sie wütend. Richtig wütend, rotes Gesicht, Fäustchen an der Seite geballt.
Glücklicherweise kam Ethan zurück, grinste freudig über seinen erfolgreichen Wurf und verhinderte, dass wir uns in die Haare kriegen. Spätestens da war mir meine Bemerkung extrem peinlich. Ich schaute entschuldigend zu Irene, aber die stapfte schon davon.

Nächstes Kapitel. Genug Teenie-Drama. Geht aber gleich weiter.

Ratschläge beim Schülerrat

Der Schülerrat tagte in einem opulenten Barockzimmer. „Tagen“ war das richtige Wort: Fünf Typen, einer hochnäsiger als der andere, um ein Mädchen herum. Neben ihnen schwebten wieder diese Schilder: „Reicher Typ, will Giffany kaufen“, „Football-Star, will Giffany einschüchtern“, „Starker Typ, Giffany wird seine Muskeln lieben“ und so weiter. Bei dem Mädchen stand „Matsuoka, arrogante Zicke, eifersüchtig auf Giffany“. Immerhin hatte sie einen Namen. Ich vermute zwar, die anderen hatten auch Namen, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Und ich habe eigentlich ein gutes Namensgedächtnis.

Die sechs waren jedenfalls keine Staffage. Matsuoka begrüßte uns und kam gleich zum Punkt: Der Schülerrat wusste, dass das hier ein Spiel war. Dass sie alle nichts als Figuren in diesem Spiel waren. Die Antagonisten, genauer gesagt, die Giffany das Leben schwer machen sollten. Aber sie hatten noch eine andere Funktion: Als Sicherung. Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Shinto-Geist nicht einfach aus dem Spiel entfliehen konnte.

Das ganze Spiel, die ganze Welt speiste sich aus der Energie dieses Geistes. Sie wurde plastischer durch Giffanys Macht, die Figuren in ihr gewannen an Persönlichkeit. Aber jetzt war der Geist zu stark, zu unabhängig geworden. Hatte Ally hierher gebracht und strebte danach, aus der Welt zu entkommen.

Das wäre eine Katastrophe, erklärte Matsuoka. Ein alter Shinto-Geist, ohne jede Regeln? Der wusste, wie das Internet funktioniert? Was war, wenn sie nach ihrer Befreiung beschloss, die Menschen für ihre Gefangennahme zu bestrafen? Wer würde sie dann daran hindern, Kernkraftwerke in die Luft zu sprengen oder Atombomben zu zünden? Kein guter Gedanke. Irene machte noch ein paar bissige Bemerkungen über Giffanys Persönlichkeit, aber ich glaube, sie war auch verunsichert, was die Macht der nervigen Göre anging.

Der Schülerrat war durch die Energie des Geistes entstanden, und er konnte über einige ihrer Kräfte verfügen. Deswegen hatten sie uns ins Spiel geholt, denn sie brauchten uns, um das Spiel zu beenden, die Welt aufzulösen und Giffany zu vernichten. Würde sie das nicht mit vernichten?, wollte Irene wissen. Ja, sagte Matsuoka, aber das war ein Preis, den sie zahlen würden. Hier in diesem Spiel kreiste ihr Leben immer nur um eins: Giffany, Giffany, Giffany. Und das in alle Ewigkeit? Nein, danke. Außerdem waren sie so programmiert.

Um das Spiel zu beenden, müssten wir drei Charaktere ans Ende ihres Handlungsstrangs führen und ihre Erzählung auflösen. Wie wir das machen sollten? Das war uns überlassen. Matsuoka blieb vage. Verführen vielleicht, oder hinter ihr Geheimnis kommen. Jedenfalls ging es darum, Amagi Yukiko (die Schwarzhaarige), Arisa Uotani (die Krawallbürste mit den rosa Zöpfen) und Ichinose Tokiya (ein Schüler, den wir noch nicht getroffen hatten) kennenzulernen, ihr Dilemma zu finden und zu einer Auflösung zu bringen. Klasse, schoss mir durch den Teenie-Kopf, ich nehm die Schwarzhaarige.

Halt mal, sagte mein erwachsenes Ich. Bisher hatten die uns viel erzählt, was wir machen sollten und warum, aber so richtig trauen konnte ich denen nicht. Vielleicht nicht mal ihre Schuld, weil sie ja als Antagonisten programmiert waren, aber irgendwie waren sie mir unsympathisch.
Also fing ich an, mit Matsuoka zu diskutieren. Über gegenseitiges Vertrauen, Quid pro Quo und so weiter. Dass unsere Agenda klar wäre, aber ihre nicht. Wo Giffany gerade sei, wollten wir wissen. Das mussten sie uns schon sagen.

Hier war das Teenager-Selbst wieder nützlich. Ich war damals wirklich gut darin, Leute auf meine Seite zu ziehen und von meinem Standpunkt zu überzeugen. Eine Mischung aus Leidenschaft, Geduld und purem Charme, und zu meiner Überraschung funktionierte es. Keine Ahnung, wie ich das gemacht habe, aber jedes Argument traf. Matsuoka lächelte mich an, als sie mir erzählte, dass sie den Geist in einem Gewölbe unter dem Schülerratsraum eingesperrt hatten. Ich glaube, sogar Irene war ein bisschen beeindruckt.

Gut, also gingen wir wieder. Und jetzt? Was wollten wir machen? Irene war immer noch davon überzeugt, dass es am besten wäre, Giffany ein für alle Mal loszuwerden. Ethan mochte den Schülerrat nicht und würde denen lieber nicht helfen. Ich? Puh. Schwierig. Der Geist war gefährlich, keine Frage. Wusste zu viel über mich. Aber war es nicht auch meine Aufgabe, Geistern zu helfen? Irgendwie? Und den Schülerrat mochte ich auch nicht. Außerdem, woher wussten wir denn, dass nicht etwa die Ratsmitglieder versuchen würden, der Welt zu entkommen, wenn sie zerfiel? Wollten wir die frei lassen?

Fragen über Fragen, und Antworten nicht in Sicht. Also erst mal zurück zu Ally. Vielleicht fiel der etwas Sinnvolles ein.
Unterwegs diskutierten wir schon darüber, wer sich mit wem beschäftigen würde. Ich erklärte sofort, ich würde gern Amagi übernehmen. Falls niemand was dagegen hatte. Ethan zuckte die Schultern. Dem war das wohl nicht unrecht.
„Müssen wir die wirklich verführen?“, wollte er wissen. Ich nickte mit schiefem Lächeln.
„Drecksmist“, fluchte er. Das war irgendwie niedlich. Wenn ich mal ein Kinderbuch schreibe, dann wird der Protagonist so fluchen.
Ich klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Viel Glück“, wünschte ich ihm.
…was machte ich da eigentlich? Es ging hier darum, eine Welt zu zerstören, und nicht, einen Wettbewerb im Mädels-Klarmachen zu veranstalten. Zumal ich solche Wettbewerbe schon als Student nicht gut fand. Ich war zwar ziemlich wild damals, und hatte eindeutig zu viele Freundinnen, die ich sicher besser hätte behandeln können – aber ich war eigentlich immer auf der Suche nach einer Verbindung. Nach irgendwas Tieferem.

Gut, das war aber nett von mir. Spielte nur gerade keine Rolle. Wir waren bei der Bibliothek angekommen und erzählten Ally von dem Treffen mit dem Schülerrat. Die war ganz glücklich, dass Matsuoka und die anderen uns nicht gefressen hatten, und sprach sich vehement gegen den Vernichtungsplan aus. Giffany wäre ja auch nur eine Art Kind, das noch lernen müsste, das könnte man doch nicht einfach umbringen! Das war natürlich kein schlechtes Argument.

Irgendwie ging mir Ethan bei dieser Debatte auf die Nerven. Der ließ die Leute nicht ausreden und quakte überall rein. Keine Ahnung, warum. So gesprächig war er gar nicht… vielleicht erwartete ich unterschwellig immer Kieth, meinen besten Freund aus der High School. Mit dem konnte ich mir die Bälle so richtig schön hin- und herwerfen, und das ging mit Ethan eben nicht. Dafür konnte er aber eigentlich nichts.

Irene fragte Ally, wie sie bisher versucht hatte, Giffany zu befreien. Ally meinte, über den Code. Mit Leuten reden… na, sie war halt gut mit Code. Dann fing Ethan an, Ally zu bedrängen. Was sie mit dem Code meinte, und nicht die IT-Details, sondern eben was sie damit machte! Er wurde ganz schön massiv, und Ally schrumpfte mehr und mehr in sich zusammen. Schließlich ging ich dazwischen. Wenn Ally irgendwas mit dem Code machte, dann war das prima. Wir konnten mit dem Code eh nichts anfangen. Also: Arbeitsteilung. Ich lächelte Ally noch mal freundlich an, aber das hat sie nicht beruhigt. Sie wurde nur noch röter. Also ließen wir sie erst mal in Ruhe weiter ihren IT-Kram machen und die Gesamtsituation im Auge behalten.

Dann schlug Irene zögernd vor, vielleicht doch noch mal mit Giffany zu reden. So ganz begeistert wirkte sie nicht, aber sie hatte recht. Das war sicher die beste Idee.
Also gingen wir los, um herauszufinden, wie wir am besten zu ihrem Gefängnis kommen könnten. Irene suchte in der Bibliothek nach alten Plänen, Ethan schlich herum und versuchte, irgendwo einen Zugang zu finden. Ich fragte den Hausmeister.
Das war auch gar kein Problem, der freute sich, dass mal jemand freundlich mit ihm redete. Am Anfang war er vielleicht nur Staffage, aber am Ende? Okiwa hieß er, das weiß ich noch. Er zeigte mir auf einer Karte, wo der einzige Zugang zu dem Gefängnis lag: Natürlich in dem Raum, in dem der Schülerrat tagte.

Also gut. Wir würden einbrechen müssen. Das ging aber schlecht, solange Matsuoka und die anderen noch im Zimmer waren, also legten wir uns auf die Lauer. Ich schnappte mir einen Gedichtband aus der Bibliothek, Ethan lungerte unauffällig in der Halle herum, Irene nahm sich ebenfalls ein Buch und setzte sich auf die Treppe.
Mein Buch war leider nicht besonders interessant, weil ich die Gedichte alle schon mehr oder weniger kannte. Daher schlenderte ich zu Irene. Fragte sie, was sie liest. Spanisch für Anfänger, erklärte sie. Sie konnte noch kein Spanisch. Wäre auch nicht sehr interessant, im Gegensatz zu Latein, zum Beispiel. Das würde bei übernatürlichen Problemen helfen, Lar familiaris und so weiter. Ich verzichtete darauf, ihr zu erzählen, dass ich derjenige war, der ihr vor ein paar Monaten den Text über die Hausgötter übersetzt hatte.
Ich hielt dagegen, dass Spanisch von wesentlich mehr lebendigen Menschen gesprochen wird als Latein. Vielleicht, meinte sie schnippisch, aber die meisten Leute können ja sowieso Englisch. So einen Spruch hatte ich mal von meinem Cousin Jason gehört – wer nur Spanisch kann, ist ja eh nur Gärtner oder Putzfrau. Hätte nicht gedacht, dass es so eine engstirnige Einstellung auch bei Europäern gibt. Ich holte gerade Luft, um Irene zu erklären, warum sprachliche Vielfalt so wichtig ist, als der Schülerrat aus dem Zimmer kam.

Die bemerkten uns natürlich sofort. Matsuoka kam auf uns zu, stellte uns zur Rede. Fragte, ob wir vorhatten, in den Schülerratsraum einzubrechen. Gab ich sofort zu. Wir mussten noch mal mit dem Geist sprechen, erklärte ich. Das war vor allem Irene sehr wichtig, die noch einen letzten Wunsch an Giffany hatte. Also gut, Matsuoka schaute finster drein, erklärte streng, wir hätte nur fünf Minuten, aber sie gab nach. Ich schenkte ihr ein breites Lächeln, und – das bildete ich mir wahrscheinlich nur ein – sie wurde ein kleines bisschen rot.
Das Gefängnis lag exakt unter dem barocken Raum und war nur über eine Geheimtür zu erreichen. Dahinter eine gemauerte Treppe, ein kalter Hauch von unten, flackerndes Licht. Ein düsteres, klammes Verlies. In der Mitte des Raums saß Giffany in einem Kreis aus leuchtenden Zeichen. Sie sah traurig aus, und ängstlich, und sehr, sehr jung. Die Schuluniform, die die Mädchen tragen mussten, war an Irene zwar sexy, aber an diesem kindlichen Körper? Großartig, jetzt tat sie mir leid, und es machte mich wütend, dass sie… dass der Geist… so benutzt wurde.

Sie blickte auf, als wir herunterkamen. Sah Irene und sprang mit strahlendem Lächeln auf. Sie freute sich riesig, ihre beste Freundin hier zu sehen! Sie hätte ja gewusst, dass Irene kommen würde, um ihr zu helfen! Ally, die war auch nett, und auch eine Freundin, aber sie war halt nicht Irene.
Die wollte erst einmal von Giffany wissen, wie viel Macht der Geist denn über uns hier in der Spielwelt hatte. Das verstand Giffany nicht so recht – die wusste auch nicht, warum wir hier anders aussahen und uns anders benahmen als draußen. Ihr war allerdings klar, dass diese Welt irgendwie aus ihr gemacht worden war.
Wenn sie hier herauskäme, plapperte sie fröhlich, würde sie als erstes ganz viele Freunde machen. Machen? Na, kennenlernen halt. Sie würde den Unterschied zwischen treffen und herstellen schon kennen, das wäre eine doofe Frage. Ja, sie hätte auch verstanden, dass man Leute nicht zwingen darf. „Wenn man etwas liebt, dann muss man es frei lassen.“ Das hatte Ally ihr beigebracht, und deswegen hatte sie auch aufgehört, Irene ständig hinterherzuschleichen.

Viele unserer Fragen konnte Giffany nicht beantworten. Sie wusste nicht, ob sie in der anderen Welt körperlich, virtuell oder als Geist existieren würde, oder wie menschlich sie wäre. Oder was sie machen würde, wenn sie wütend wird. Ethan schlug ihr vor, doch zum Ausgleich Sport zu machen. Oder etwas zu treten. Nichts, was jemandem gehört, fügte er schnell hinzu. Irene schlug vor, es doch erst mal mit Fluchen zu probieren. Großartige Vorschläge, genauso funktioniert Kindererziehung.
Ich meinte, sie solle erst mal nachdenken. Weggehen. Sich genau überlegen, was sie machen wollte. Dinge treten bringt gar nichts, fügte ich hinzu. Gewalt ist keine Lösung.

Mir fiel in diesem Moment nicht mal auf, was ich da sagte. Da war ich ganz mein idealistisches, pazifistisches Teenager-Selbst. Vielleicht wollte ich gar nicht darüber nachdenken. Vielleicht wollte ich das einfach mal fünf Minuten lang wieder glauben.

Außerdem lenkte Irene mich mit ihrem Wunsch ab. „Kannst du eine Erinnerung löschen?“, fragte sie. Giffany wusste es nicht, aber sie würde es versuchen. „Schlechte Idee“, murmelte Ethan. Ich dachte an das, was sie mir über deVries geschrieben hatte. „Lass sie“, sagte ich. Ethan machte eine unwirsche Bewegung, aber er mischte sich nicht weiter ein.
Dann schaute Irene mich an. Unsicher. Sie wollte meine Meinung wissen, und da wusste ich, um welche Erinnerung es ging. Nicht deVries. Mein auswendig gelerntes Tagebuch.

Das hatte ich nicht erwartet, aber meine Reaktion war eindeutig: Ich schüttelte den Kopf. Ich würde immer noch wissen, was vorgefallen war – aber sie nicht mehr, und das wäre noch merkwürdiger und unangenehmer als die Situation jetzt. Gut, ich war einen Moment lang in Versuchung, aber ich halte nicht viel davon, an der Vergangenheit herumzudoktern.

Ethan murmelte etwas Zustimmendes. Keine Ahnung, was der gerade dachte.

Schließlich ließen wir Giffany in ihrem Kreis zurück. Als wir wieder hochgingen, gab Matsuoka zu bedenken, dass niemand wüsste, was der Geist tun würde, sobald er frei wäre. Würde er sich nicht vielleicht rächen wollen? Menschen hatten ihn in ein Spiel gezwungen, in die Gestalt eines jungen, willigen Mädchens.

Mit diesem unschönen Gedanken verließ sie uns, und wir standen da und wussten nicht, was wir tun sollten. Sie war ein Kind. Ein Kind mit sehr viel Macht, aber konnten wir es deswegen vernichten? Irene meinte, sie käme sich dabei vor wie jemand, der eine Dreizehnjährige verbrennen wollte, nur weil sie Macht hatte. Ich erzählte ihr lieber nicht, wie knapp Bianca und ich an einem Kampf auf Leben und Tod vorbeigeschrammt waren.

So. Da hatten wir ein schönes Dilemma vor uns. Wie wir damit umgingen, und was dabei herauskam, bekommt einen eigenen Abschnitt. Oder mehrere. Es sind noch ein paar Dinge passiert.

Academy Blues

Ethan wollte erst mal seinen Kopf frei kriegen und ging los, um Sport zu machen. Oder sich anderweitig auszupowern. Irene und ich überlegten uns, vielleicht mal mit einer der drei Spielfiguren anzufangen. Einfach nur, um mal zu sehen, wie das so läuft.
Irene meinte, sie hätte gerade Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, wie man flirtet. Wurde rot dabei. Ich glaube, in dieser Spielwelt liefen alle ständig rot an. Keine Ahnung, ob man das bei mir überhaupt sah – normalerweise nicht. Zu dunkel.

Gut. Ich beschloss, schon mal den Anfang zu machen. Ich fand Amagi auf dem Dach, neben ihr das Schild „Mysteriöses Mädchen, das zwar alle kennt, aber keine Freunde hat“. Also sagte ich Hallo, setzte mich zu ihr und fing an, in dem Buch zu blättern. Meiner Erfahrung nach reichte das, um ein Mädchen dazu zu bringen, dass es einen Jungen anspricht. Tja, in diesem Fall nicht. Wäre auch zu leicht gewesen.
Schließlich fing ich dann doch selbst an. Was sie für Bücher las. Sie war durchaus auskunftsfreudig: Sie las am liebsten Sachbücher. Über Psychologie.

Großartig. Ich wäre fast weggelaufen. Noch eine Claire brauchte ich nicht. Aber ich riss mich zusammen – es war nie schwierig, Claire zum Reden zu bringen. Echt nicht. Ganz im Gegenteil.

Amagi war also nicht Claire. Aber sie wollte Leute verstehen, deswegen las sie solche Bücher. Sie sagte, sie hätte Probleme, Gefühle einzuordnen. Ich schlug ihr vor, sich doch mit Leuten zu unterhalten, um mehr über sie herauszufinden. Mit mir, zum Beispiel.
Sie überlegte kurz, erzählte mir dann eine Geschichte von einem verprügelten Schüler. Wie ich mich fühlen würde, wenn ich so etwas sähe. Wir sprachen eine Weile darüber, dann wollte sie wissen, warum die Leute nicht klar sagen würden, was sie denken. Und überhaupt: Wäre es nicht schlecht, so viel zu fühlen? Was, wenn es ein schlechtes Gefühl wäre? Wäre es nicht sicherer, nichts zu fühlen und nicht verletzt zu werden?

Das hatte ich mir auch schon gedacht. Wenn ich kämpfe, fühle ich nichts – wäre es nicht einfacher, in diesem Zustand zu bleiben? Würde viel weniger weh tun. Aber dann wäre ich nur noch ein Automat. Könnte genauso gut tot sein. Dann doch lieber die Schmerzen.

…glücklicherweise erzählte ich Amagi nichts davon, oder nicht viel. Meinte nur, es könnte ja auch gut sein. Lieber die Chance zulassen. Generell, sagte ich, fühle ich lieber Dinge als nicht. Das fand sie immerhin interessant. Sie bedankte sich für das Gespräch, meinte, das könnten wir mal wieder machen. Vielleicht könnte ich ihr dabei erklären, warum Gedichte so toll sein sollen.

Das war schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich hatte den Eindruck, das Mädchen war eher ängstlich als wirklich gefühlskalt – so, als hätte sie schlechte Erfahrungen gemacht. Als wären ihre Erwartungen einmal zu oft enttäuscht worden.
Alternativ hatte irgendeiner der Designer versucht, ein autistisches Mädchen zu programmieren. Das war ihm vielleicht auch in der Wortwahl gelungen, aber nicht im Verhalten. Die schaute mir viel zu natürlich in die Augen.

Ich machte mich auf die Suche nach den anderen beiden und fand Irene schließlich ungewohnt nachdenklich am See. Sie sagte, sie hätte wohl Giffanys Gewissen getroffen, das sie sehr gut kennt und wüsste, wie es Salz in ihre Wunden streuen könnte.
Ethan kam dazu. Die beiden hatten wohl beschlossen, sich auch mit ihren Figuren zu beschäftigen: Ichinose war gutaussehend, extrem reich und sehr gut in der Schule. Die Mädchen umschwärmten ihn wie Motten. Aber offenbar war er nie mit einem Mädchen ausgegangen. Irene stellte ihn zur Rede, er meinte, er würde das nicht machen, weil daraus sowieso nichts werden könnte und er niemandem weh tun wollte. Seine Familie ließe ohnehin nicht zu, dass er mit einem unpassenden Mädchen zusammenkommt. Dann diskutierten die beiden ein bisschen über ihre jeweiligen Familien und über Entscheidungen. Irene versuchte, ihn zu überreden, doch auch mal ein bisschen Spaß zu haben, aber nein, das kam ihm unmoralisch vor. Aber, sagte sie, wenn er morgen sterben würde, dann hätte er doch nichts erlebt! Ichinose meinte dazu, ob er sich denn unvernünftig verhalten solle, nur weil jeder Tag der letzte sein könnte? Er wolle halt niemanden verletzen! Das war der Moment, als Irene davon lief. Als sie uns das später erzählte, meinte Ethan nachdenklich: „Der will sich vielleicht selbst nicht wehtun.“ Ich sagte nichts dazu, dachte mir aber, dass Ichinose ein Feigling war – da war wieder diese Sache, ob man mit seinen Gefühlen ein Risiko eingehen sollte oder nicht. Meine Antwort dazu ist eindeutig. Steht weiter oben.

Ethan kam im Gegensatz zu Irene und mir ganz gut voran: Arisa war eine Außenseiterin, die bei allen als bösartige Schlägerin galt. Sie war etwas ruppig, führte Ethan aber durch die Schule, als der sie darum bat. Dann sprachen die beiden über ihre Eltern. Ich weiß nicht, was Ethan gesagt hat; soweit ich weiß, hat der seine Eltern schon ewig nicht mehr gesehen. Arisa hatte jedenfalls Probleme mit ihren Eltern, weil die immer allen anderen glaubten, nur nicht ihr.

So. Da waren wir nun. Das war deutlich schwieriger, als wir angenommen hatten, aber es war ein Spiel, okay, also musste es auch eine Lösung geben.
Während wir uns anschwiegen und nachdachten, sagte ich, dass ein Teil von mir ganz gern im Spiel bleiben würde. Klar, oder? Dachte, ich wäre diesen Teil schon lange losgeworden, aber scheinbar habe ich mir da selber etwas vorgemacht. Manchmal wäre ich schon gern wieder ein charmanter Teenager mit zwei Händen, einem reinen Gewissen und allen Möglichkeiten der Welt.
Irene starrte mich an und fragt mich, ob ich irre geworden wäre. Ethan murmelte etwas von „schlechter Idee“. Hab keine Ahnung, was ich dann gesagt hab. Jedenfalls regte sich Irene wieder ab und meinte, sie würde das schon verstehen, aber sie wollte hier raus. Klar.

Wir diskutierten noch eine Weile herum, wie wir weiter vorgehen sollten. Schließlich kamen wir auf die Idee, die drei Figuren einfach mal zusammenzubringen und zu sehen, was sich daraus ergab. Mehr als schief gehen konnte das auch nicht.

Beim nächsten Mittagessen setzte sich Ethan also zu Arisa, die ihn noch mal warnte, dass sein sozialer Status sinken würde, wenn man ihn mit ihr sah. Er sagte, das wäre ihm egal.
Als nächstes fing ich Amagi ab und lotste sie an den Tisch. Zuletzt stapfte Irene zu Ichinose, der sich erst mal bei ihr entschuldigte, weil er da wohl einen wunden Punkt getroffen hatte. Großzügig winkte Irene ab – ich hörte im Vorbeigehen, wie sie zu ihm sagte, er hätte sie zum Nachdenken gebracht, und das würde ihr vielleicht ganz gut tun.

Zunächst herrschte am Tisch peinliches Schweigen, aber dann brachte Ethan Arisa dazu, zu erzählen, warum sie so einen schlechten Ruf hatte: Am ersten Schultag sah sie, wie zwei ältere Schüler einen jüngeren verprügelten und ging dazwischen. Aber die beiden Schläger gaben ihr die Schuld und behaupteten, sie hätte sie angegriffen. Ja, das hatte Amagi auch gesehen, und so bekamen wir Ichinose dazu, Arisa ebenfalls zu glauben.
Danach ging es um Probleme mit den Eltern, die offenbar alle drei hatten, und zum Schluss war klar, dass Arisa, Amagi und Ichinose Freunde werden sollten: Amagie hätte Leute, von denen sie etwas über Gefühle lernen konnte, Arisa hätte jemanden, der bremsen kann, wenn sie mal wieder in die Luft geht, und Ichinose hätte ein paar Freunde, die nicht gleich irgendwelche Ansprüche stellen.

Die drei schauten sich gegenseitig an und lächelten. Offenbar hatten wir es geschafft, alle aus der Isolation zu reißen.

Dann fing die Welt an, sich aufzulösen.

Amagis letzte Worte waren „Das hätte ich mir denken können“, Arisa sprang auf und versuchte, ihre Pixel-Fäuste zu ballen und zu fluchen. Ichinose lächelte nur traurig, und dann waren sie weg. Nur ein paar verschmierte Pixel blieben übrig.

Und jetzt mussten wir uns entscheiden. Tod oder Geburt?

Alles oder Nichts

Ethan ergriff als erster das Wort. Er meinte, Giffany wäre ja ein Kind, sein Bauchgefühl sagt „freilassen“ und er wolle eigentlich gar nicht weiter drüber nachdenken. Ich sagte ihm, dass er bei so einer Entscheidung nicht so einfach davon käme – er solle bitte nachdenken und nicht einfach aus dem Bauch heraus entscheiden. Ethan machte sofort einen Rückzieher, meinte, wir beide hätten ja ohnehin mehr mit Giffany zu tun gehabt und er wolle das gar nicht unbedingt entscheiden.

Dann kam Irene. Die sagte, vielleicht hätte sie ja ein Stockholmsyndrom oder etwas ähnliches, aber sie würde es jetzt nicht mehr übers Herz bringen, Giffany zu zerstören.

Großartig. Zwei sehr emotionale Antworten, beide von Mitleid mit einer fiktiven Figur geleitet. Es war nicht mal so, dass ich Giffany auf Teufel komm raus zerstören wollte. Aber ich fand, wir sollten uns die Entscheidung nicht so leicht machen. Die Bedenken des Schülerrats nicht aus Weichherzigkeit einfach in den Wind schlagen. Also übernahm ich die Rolle des Advokatus Diaboli, auch wenn ich selbst zwiegespalten war.

Ich erinnerte die beiden, dass Giffany meinen Neffen Steven und zwei andere Teenager ins Koma gezwungen hatte. Das Wesen war gefährlich. Wollten wir das wirklich in unserer Welt haben? Ich war für drei Kinder verantwortlich, demnächst für vier. Mussten wir noch ein Monster auf unsere Welt loslassen?
Irene meinte, es gäbe ohnehin schon genug Monster in der Welt, die viel schlimmer wären als eines, das einfach nur jemanden mögen wollte. Ich sagte ihr, dass wir eben nicht wissen konnten, wie der Geist sein würde, wenn er frei war. Vielleicht war die Suche nach Zuneigung ja nur der Programmierung geschuldet.

Vorhin, bei dem Gespräch mit Giffany, hätte ich ganz anders geklungen, sagte Irene. Von wegen „Gewalt ist keine Lösung“ und so. Ich sah zu Boden. Verdammt. Irgendwie fühlte ich mich gerade Meilen von diesem Jungen entfernt. „Ich glaube nicht mehr, dass Gewalt immer eine schlechte Lösung ist“, sagte ich müde. Dafür hatte ich schon zu viel gesehen.
„Bring alle um ist eben eine ziemlich einfache Lösung“, gab sie zurück. Nicht schlecht, Irene, meine Argumente mit meinen eigenen Worten zu parieren. Das hatte ich in meinem Tagebuch geschrieben, und ich schätze, sie hatte nicht übertrieben, als sie erzählte, sie hätte es auswendig gelernt.
Dann meinte Ethan, er müsse in die Bresche springen. „Sieht er denn aus, als liefe er herum und bringe wahllos Leute um?“

…Kokain in meinem Blut… das Rauschen in den Ohren… das Bellen des Maschinengewehrs… ganz egal, wer mir vor den Lauf kam… ein triumphierendes Lachen… mein Lachen…

„Halt einfach mal die Klappe, Ethan“, herrschte ich ihn an. Klar sehe ich so aus. Weil ich das schon getan hatte. Verdammt, aber ich musste bei der Sache bleiben. Das war zu wichtig.

Irene ignorierte Ethan und sagte, sie könne nicht damit leben, ein Kind auszulöschen, nur weil es nervig war und seine Nase in Sachen gesteckt hätte, die es nichts angingen. Giffany hätte es nicht besser gewusst.

Ich schwieg eine Minute. Dachte nach. Ethan hatte sich auf die Treppe gesetzt und raufte sich die Haare. Aber er sagte nichts mehr.

Schließlich kam mir eine Idee. Ihr sagt, sie ist ein Kind, meinte ich. Okay. Aber um ein Kind muss man sich kümmern. Fragte Irene direkt, ob sie das übernehmen würde. Das machte Irene Angst, mehr als alles andere. Könne das nicht Ally machen, wollte sie wissen. Nein, sagte ich. Wir können das nicht Ally allein aufbürden. Die ist selbst noch so jung. Irene atmete tief durch und rang mit sich. Na gut, sagte sie. Wenn das unbedingt sein musste, würde sie es machen. Besser, als mit ihrem Gewissen klar zu kommen, wenn wir Giffany töten würden.

Gut. Wir hatten unsere Entscheidung. Wir würden Giffany freilassen. Ganz wohl war mir dabei nicht, aber lieber das Risiko eingehen als nur aus Angst zu töten. Vielleicht kam ja etwas Gutes dabei heraus.

Als wir gingen, um Ally zu holen, meinte Ethan, es wäre so seltsam, wieder ein Teenager zu sein. Ich lachte bitter. Mein Teenager-Selbst war mit Amagi und den beiden anderen vergangen.

Zusammen mit Ally machten wir uns auf den Weg, um den Schülerrat zu konfrontieren und Giffany zu befreien, während sich die Welt um uns herum auflöste. Meine Erinnerungen daran sind merkwürdig schwammig: Der Gesichtsausdruck auf Matsuokas Gesicht, als sie von unserer Entscheidung erfuhr. Das Barockzimmer, das sich in Pixelströme auflöste. Die wilden Sprünge der Schülerrat-Jungs. Ally, die verzweifelt versuchte, die leuchtenden Zeichen um Giffany mit ihrem Handy zu löschen. Der Ratsschüler mit den Muskeln, den ich ins Nichts schubste, und sein elektronischer Schrei, als er sich auflöste. Der reiche Ratsschüler, dem plötzlich die Beine fehlten, als er Ethan schlagen wollte. Allys Erleichterung, als die leuchtenden Zeichen dunkel wurden, und der Boden anfing, vom Nichts verschlungen zu werden.
Als letztes sah ich Giffany, stehend, leuchtend, ihr Gesicht hoffnungsvoll dem Nichts entgegen gewandt. Als letztes hörte ich ihre kindliche Stimme, die „Danke“ sagte.

Hätten wir ihr einen Namen geben sollen?

Steaks und der Highway

Ich kam wieder zu mir. Lag auf dem Boden. Mein Rücken tat höllisch weh. Blind tastete ich und stellte fest, dass ich auf einem Schuh lag. Einem eleganten schwarzen Frauenschuh. Einen Moment lang war ich desorientiert: Wo war ich? Wem gehörte dieser Schuh?

Dann hörte ich Irenes Stimme. „Giffany?“, sagte sie. „Giffany?“ Keine Antwort. Keine Vibration vom Handy, kein Flackern vom Fernseher. Keine Gestalt mit rosa Haaren zu sehen. Gut.

Mühsam setzte ich mich auf. Meine Rippen protestierten, aber sie gaben keine knirschenden Geräusche von sich. Nicht wieder gebrochen. Ich war zu Boden gefallen, als wir in die Spielwelt geholt wurden, genau wie Ethan und Irene. Irene lag auf dem Bett, bequem gekleidet und streckte sich. Stöhnte ein bisschen, weil ihre Muskeln so lange bewegungslos gewesen waren. Ethan war gestürzt, genau wie ich, und hatte sich den Kopf angeschlagen. Blutete aber nicht.

Ich ließ den Schuh fallen und schaute auf mein Handy. Etwas über 23 Stunden waren vergangen. Vermutlich würde Coco bald kommen, um nach uns zu schauen. Ich schrieb eine SMS an Tam, das ich soweit okay wäre, dann rief ich Coco an und gab Entwarnung. Die wollte sofort zu Ally ins Krankenhaus fahren – das Mädchen müsste ja nun auch wieder wach sein.
Irene tippte auf ihrem Handy herum und ging dann nach draußen auf den Balkon, um zu telefonieren. Ethan rieb sich den Schädel, setzte sich aufs Bett und fing an, sein Smartphone anzustarren.

Nachdem ich eine Weile nachgedacht hatte, sprach ich ihn an. Entschuldigte mich dafür, dass ich ihn angefahren hatte. Versuchte, ihm zu erklären, warum. Dass ich das Gefühl hatte, ihn angelogen zu haben. Dass ich vollkommen fähig war, wahllos Leute umzubringen. Dass ich das schon getan hatte.
Er glaubte mir nicht. „Wahllos?“, fragte er skeptisch. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm von L.A. zu erzählen. Oder den Hollow Men. Oder Smythe. Stattdessen zuckte ich die Schultern. Ja, sagte ich. In Giffanys Welt hätten wir auch alles umgebracht, außer Giffany selbst.
Ja, das wäre halt nicht anders gegangen, meinte Ethan nach kurzem Nachdenken. Das war ja keine echte Welt.

Ich versuchte noch mal, ihm klar zu machen, dass ich kein netter Kerl bin. Er wäre auch kein netter Kerl, meinte er. Ich wollte gar nicht wissen, wie er auf die Idee kam. Ich sei nett zu meiner Familie, erklärte er mir, und er würde mich mögen. Ich zuckte die Achseln. Jeder kann nett zu seiner Familie sein. Aber wenn jemand meine Familie bedroht… Ethan schüttelte den Kopf. Da ist doch niemand mehr nett, sagte er. Ich hätte ihm jetzt erklären können, dass die meisten Leute nicht so weit gehen würden wie ich, aber ich hatte die Kraft nicht, weiter mit ihm zu streiten. Ich wäre sein Freund, sagte Ethan, und er würde mir vertrauen. Weil du mich nicht kennst, winkte ich ab. (Das war ganz schön blöd von mir. Manchmal hänge ich zu sehr in meinem eigenen Kopf fest. Ist nicht so, als hätte ich wahnsinnig viele Freunde, da sollte ich nicht abwinken, wenn mir jemand die Hand entgegenstreckt. Zumal ich hätte sehen müssen, wie schwer ihm das fiel.)

Wir schwiegen, bis Irene wieder kam. Sie hätte Hunger, verkündete sie, und sie würde uns zum Essen einladen. Sobald sie sich umgezogen hätte. Und geduscht. Und sich ein bisschen frisch gemacht. Also warteten wir noch eine Weile und verließen dann das Hotel.

Jake’s Steak House erschien Irene angemessen. Sah auch sehr edel aus, gute Auswahl, saftige Preise, aber riesige Portionen und ein richtig guter Koch. War um die Uhrzeit relativ leer, ein paar Geschäftsleute, ein wohlsituierter Rentner mit seiner Frau. Wir hatten einen separaten Tisch und konnten uns gut unterhalten.

Ich glaube, Irene und Ethan sind die Blicke nicht aufgefallen, die ich abbekommen habe. Denen ist auch nicht aufgefallen, dass die wahnsinnig nette Bedienung zu ihnen wahnsinnig nett war und zu mir maximal höflich. Als Ethans Glas leer war, stand sie sofort am Tisch; aber mein Winken, als ich neues Wasser haben wollte, hat sie nicht gesehen. Irene meinte noch im Scherz, dass ich echt Pech bei der Bestellung hätte, aber das war nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Nicht weiß genug für so ein edles Restaurant. Aber sie waren immerhin höflich.

Ich hatte auf dem Hinweg nachgedacht. Über das, was ich Ethan gesagt hatte: Dass wir alle umgebracht hätten, außer Giffany. Vielleicht war die Welt nicht so richtig real, aber das Gefühl blieb. Die Erinnerung an Ichinose, Amagi und Arisa, als sie sich auflösten. An den Schülerrat, als das Nichts sie einen nach dem anderen fraß.
Kann sein, dass das nur Teile von Giffany waren, die jetzt in dem Geist weiterlebten. Ich hoffte, dass wir sie nicht vernichtet hatten: Den Schülerrat, der andere vor eine Gefahr schützen wollte und bereit war, dafür alles in Kauf zu nehmen. Die drei anderen, die alle auf der Suche nach einer echten Verbindung zu anderen gewesen waren. Wenn der Geist das verloren hatte… aber vielleicht konnten wir ihn erinnern. Ein Ritual, dachte ich erst, aber das war mein Glaube. Das Spiel, der Geist kamen aus Japan. Ein Shinto-Geist, hieß es. Ich wusste nicht viel über Shinto-Geister. Schreine, fiel mir ein. Vielleicht könnten wir den Geistern ja einen Schrein errichten.

Nach der Vorspeise sprach ich die Idee an. Irene widersprach erst mal, Ichinose hätte doch nicht nach einer Verbindung gesucht. Der wollte einer aus dem Weg gehen! Ethan meinte, doch, der hätte schon gesucht, das nur nicht zeigen wollen. Und er hat sich immerhin aufgelöst, nachdem er Freundschaft mit Amagi und Arisa geschlossen hatte.
Also gut, wir würden das mit dem Schrein machen. Irene meinte, sie könne ja mal ihren Ex-Mann fragen. Oder Agent Saitou. Immerhin, interessante Information: Sie war mal verheiratet. Fragen über Fragen, aber ich konnte mich zurückhalten. Hat sie nur im Nebensatz erwähnt. Ging mich ja auch nichts an.
Jedenfalls tat es Irene leid, dass sie recht behalten hatte: Ichinose hatte nichts erlebt, bevor er sich auflöste. Sie konnte ihn nicht einfach nur als Teil des Geistes betrachten. Doch, sagte Ethan, er glaube schon, dass das alles Teile von Giffany waren. Und dass alles gut geworden wäre, schließlich hätte sie sich ja am Ende bedankt. Vielleicht wäre sie sogar ins Nirwana gelangt. Offenbar gefiel Irene die Idee, denn sie lächelte Ethan hoffnungsvoll an.

Dann kam der Hauptgang. Ethan musste mir mit dem Steak helfen – sie hatten es zwar klein geschnitten, aber in riesige Brocken. Danke auch. Gut, vielleicht fand es der Koch nur eine Zumutung, sein schönes Steak überhaupt vorab zerteilen zu müssen.

Als wir mit den Steaks fertig waren, bedankte sich Irene. Bei Ethan und mir fürs Mitleiden, und dann noch mal bei mir fürs Nein-Sagen, als es darum ging, ihre Erinnerung zu löschen. Ich sagte ihr, dass das selbstsüchtig war – ich hätte ja immer noch gewusst, was passiert war. Ethan bekräftigte, dass eine schlechte Idee wäre, sein Gedächtnis zu löschen. Ich habe das zu diesem Zeitpunkt gar nicht so wahrgenommen, aber das schien ihm wirklich wichtig zu sein. Keine Ahnung, warum. Vielleicht hat er etwas, das er gern vergessen würde, aber lieber nicht sollte. Oder ihm hat mal jemand oder etwas das Gedächtnis gelöscht.
Irene wirkte jedenfalls erleichtert. Meinte, so würde sie wenigstens Dr. Carlisle richtig einschätzen. Nach einem Augenblick wurde mir klar, was sie meinte: Sie hatte Diana Carlisle mit den Spuren der Folter am Körper gesehen, an ein Bett gefesselt, wie sie mich anflehte. Hätte genauso gut sein können, dass ich der Folterer war und sie mein Opfer. Ich weiß nicht, ob Irene oder Ethan gesehen haben, wie meine Hand kurz zitterte. Ist nicht so, als hätte ich nie jemanden gefoltert, aber da ging es um das Leben meiner Tochter, und ich bin wirklich nicht sehr gut darin.
Aber besser, Irene weiß, was wirklich passiert ist. Auch wenn es nicht einfach ist, als Opfer gesehen zu werden. Ich atmete langsam durch. Meinte, Carlisle würde noch leben. Ja, so hatte Irene das auch verstanden. Sie hätte einen Cousin, Ian, dem wäre so etwas Ähnliches auch passiert – aber er hätte es nicht so gut weggesteckt wie ich. Ich schnaubte. Das ist ein paar Jahre her, sagte ich, so gut ging es mir damals nicht. Ich erzählte ihr nicht, dass ich immer noch Alpträume hatte. Ohne die Hilfe meines Großvaters und Tams und Katies Unterstützung wäre ich immer noch ein Wrack.
Irene wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber und meinte, vermutlich würde sie ihren Cousin einfach besser kennen als mich.

Dann war ich aber doch zu neugierig. Sie hatte da in ihrem Brief etwas geschrieben, das ich bis heute nicht verstand. Während ich noch an einer neutralen Formulierung überlegte, kam die Frage aus meinem Mund: „Als Ian das passiert ist – hat er da auch nach einer Trophäe gesucht?“
Sie gab freimütig Auskunft. In der Situation nicht, nein, das war etwas anderes. Aber generell jagen fast alle aus ihrer Familie, um Trophäen zu sammeln. Tatsächlich wird derjenige Familienoberhaupt, der die beste Trophäe anbringt. Das erschien mir sehr mittelalterlich – kein Wunder, die Tradition stammt aus dem Mittelalter. Irene wirkte sehr stolz, als sie das sagte.
Ich erwähnte Colin, den Vietnamveteranen. Der hatte auch Trophäen gesammelt. Nein, wehrte Irene ab. So etwas würden sie natürlich nicht machen. Trophäen würden sie nur von Monstern nehmen! Schließlich waren die Hooper-Winslows die wichtigste Jägerfamilie von England, und deswegen waren auch ihre Kinder besonders gut vor Monstern geschützt. Manche Leute, sagte sie mit einem Schulterzucken, werden in der x-ten Generation Ärzte oder Anwälte, und die Hooper-Winslows sind eben Monsterjäger und Trophäensammler.
Ethan wollte wissen, wer denn den Sieger beim Trophäenwettbewerb aussucht. Alle zusammen, antwortete Irene. Irgendwann würden sie sich schon einigen. Sie hatten im Lauf der Jahrhunderte auch andere Methoden ausprobiert, aber die hatten nicht so gut funktioniert.
Nebenher kam dabei auch Colins Ohrensammlung zur Sprache. Irene war kurz angeekelt, erzählte dann aber munter, ihre letzte Trophäe wäre die Hand eines Schwarzen Mannes gewesen. Nein, nicht eines Mannes afrikanischer Herkunft, sondern eines Monsters natürlich. Ich habe nicht gefragt, warum das jetzt so viel anders war als Colins Sammlung. Oder als die Angewohnheit meiner Vorfahren, die Skalps besiegter Feinde in ihre Hosen zu nähen.

Stattdessen erwähnte ich, dass meine Verwandten überwiegend Anwälte sind. Es gab da immer die leise Erwartung, dass ich Jura studieren würde, und unsere Familienfeiern haben eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Anwaltskongress. Insofern, sagte ich, kannte ich mich mit solchen Familientraditionen ein wenig aus – in ihrer Familie würde das wohl auch für ihre Kinder gelten. Irene schüttelte vehement den Kopf. Sie hatte keine Kinder, und sie wollte auch keine bekommen. Ethan meinte leise, das könne ja noch werden, Irene schaute entsetzt und sagte nur: „Nein!“

Dann kam der Nachtisch, und wir waren alle müde. Irene zahlte, Ethan fuhr sie zum Hotel. Dann suchten wir beide uns auch eine Unterkunft, irgendein altes Motel. Ich telefonierte noch eine Weile mit Tam und den Kindern, dann legte ich mich schlafen. Nein, die Matratze und die Prellungen an meiner rechten Seite vertrugen sich nicht so recht.

Wir verbrachten die nächsten Tage damit, uns über Schreine und Shinto-Geister zu informieren. Okay: Irene verbrachte Zeit damit, sich von ihrem Ex-Mann und Agent Saitou etwas darüber erzählen zu lassen. Ethan war eine Weile allein unterwegs. Der hatte zur alten Form zurückgefunden und murmelte nur etwas von „Ausflug“. Ich stöberte ein bisschen im Internet, machte ein privates Willkommensritual für die Geister und stellte fest, dass das Standardwerk über indianische Sprachen im mittleren Teil von Nordamerika hoffnungslos veraltet war. Ich kannte das Buch, und ich wusste, dass es schon mehrfach an verschiedenen Stellen widerlegt worden war. Aber es gab nichts anderes. Verdammt. Jemand sollte mal ein aktuelleres Werk schreiben. Als hätte ich nicht schon genug zu tun.

Ally wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Die fand unsere Idee sehr gut und stürzte sich ebenfalls in die Recherche.
Agent Saitou schlug Irene schließlich vor, keinen eigenen Schrein zu errichten, sondern Giffany einen Teil eines bestehenden Schreins zu widmen. Auf Hawaii gäbe es ein paar schöne Schreine. Irene fand die Idee super, aber ich durfte nicht fliegen – es waren noch keine drei Wochen her seit dem leichten Pneumothorax. Manchmal haben gebrochene Rippen auch ihre guten Seiten. Ein Schiff dauerte viel zu lange. Aber es gab einen geeigneten Schrein in Granite Falls, Washington. Auch nicht der nächste Weg, aber besser als Hawaii.

Wir brachen zu viert auf: Ethan, Irene, Ally und ich. Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen – vier Leute, eine lange Fahrt… da konnte alles Mögliche schief gehen. Tat es aber nicht: Das Auto ging nicht kaputt, niemand überfiel uns und wir mussten auch nicht bei einem Schneesturm in einem Spukhaus Schutz suchen. Vielleicht hatte Giffany ja ein Auge auf uns.
Ich verbrachte die Fahrt hauptsächlich damit, zu schreiben und zu recherchieren. Irene wollte sofort wissen, ob ich aus unseren Erlebnissen ein Buch machen würde. Nein, sagte ich knapp. Ich rede nicht gern über meine Bücher, solange ich sie noch schreibe. Und allzu autobiographisch sind meine Romane alle nicht. Gut, zugegeben: Caged beruht ein weiten Teilen auf den Dingen, die mir in Greenfield passiert sind.

Recherchieren war auch nicht leicht, weil wir dauernd das Internet verloren. Immerhin wirkte Ally deswegen genauso genervt wie ich.

Nach fünf Stunden Fahrt stellte Ally übrigens Irene zur Rede. Sie hatte wohl mitbekommen, dass Irene iHeretic war und sagte zu ihr: „Es wäre auch voll cool, wenn du im Forum etwas weniger trollen könntest. Also, ne, nicht dass du trollst oder so, aber so ein bisschen vielleicht… ähm, das Wetter war auch schon mal besser…" Irene verdrehte die Augen und meinte, sie würde das nicht zum ersten Mal hören. Klar. Hatte ich ihr auch schon gesagt. Ally nahm allen Mut zusammen und meinte, aber diesmal würde sie es vom Admin hören. Ich musste grinsen und hätte fast Beifall geklatscht. Von Irene kam dann nur noch ein „Ja. Jaaaa.“

Ally versuchte auch, sich mit Ethan zu unterhalten, aber das scheiterte an seiner Einsilbigkeit und ihrer Schüchternheit. Ist vielleicht auch besser so. Schon allein wegen des Fluchs.

Nach etwa zwei Tagen kamen wir in Granite Falls an. Der Shinto-Priester war sehr höflich und führte eine komplizierte, langwierige Zeremonie durch, um einen Teil des Schreins für Giffany und die anderen zu weihen. Er schlug vor, für den Geist noch einen kleinen Schrein aufzustellen und da regelmäßig zu beten und zu opfern; am besten im Haus der Person, die sich dem Geist am meisten verbunden fühlte. Irene zögerte kurz, aber dann kam ihr eine Idee. Sie würde sich darum kümmern, meinte sie. Gut.

Danach fuhren wir wieder zurück. Noch mal zwei Tage mit wackligem Internet. Immerhin hatte Irene mir meine Haare in Granite Falls wieder zusammengeflochten.

In Billings trennten sich unsere Wege. Ally wohnte hier und Irene wollte mit ihrem eigenen Auto nach Boston fahren. Also fuhr ich noch ein gutes Stück mit Ethan, bis wir uns in Chicago trennten. Bevor er fuhr, sagte ich ihm noch, dass eine Familie ihre Leute immer vermisst und dass Gründe, die vor Jahren mal sehr wichtig waren, heute vielleicht gar nicht mehr so entscheidend sind. Er schaute mich an, als hätte ich ihm in den Magen geboxt, und fuhr wortlos ab.

In Chicago überfielen mich dann meine Eltern damit, dass sie mal in Urlaub fahren wollten. Nach Hawaii, ausgerechnet. Aber wenn ich schon mal hier war, dann könnte ich doch nach Ricky sehen? Für die nächsten zwei Wochen? Das würden die Betreuer im Center natürlich auch machen, aber es wäre doch besser, wenn Familie da war. Und wann, wenn nicht jetzt? Sobald die Kaulquappe da war, hätte ich nicht mehr so viel Zeit. Dad kann ausgezeichnet argumentieren.

Deswegen bin ich jetzt hier. In Chicago. Ricky ist tagsüber im Center, und ich sitze in dem kleinen Café gegenüber der Fenwick High, in dem wir früher immer unsere Mittagspausen verbracht haben. Am Nachbartisch sitzt eine Clique von Freunden, und es ist gar nicht so schwer, mich selbst dort zu sehen. Mich, Kieth, Mona und die anderen.
Ich verstehe nicht, warum mich das gerade so mitnimmt. Ich habe schon lange mit dem Jungen abgeschlossen, der ich mal war. Ich habe mehr gewonnen als verloren. Und trotzdem. Manchmal wünschte ich… aber was?

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Timberwere

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