Mädchenkram - Supernatural

Hexenschatten

Intermezzo: Barry

Hexenschatten

„Irgendwas stimmt mit ihrem Schatten nicht“, sagte Katie und deutete auf das Mädchen an der Kasse. Die Kleine war vielleicht 13 oder 14, ein bisschen älter als meine Tochter, weiß, dunkelhaarig, mit einem grünen Hoodie. Nervös und verkrampft.
Ihr Schatten war mir bisher nicht aufgefallen, weil ich auf den Kerl geachtet hatte, mit dem sie unterwegs war: Ein Schwarzer mit gelähmtem rechten Arm und einer Waffe unter seiner speckigen Armeejacke. Der kam mir bekannt vor, vage. Aus einem der Roadhouses, wo die Monsterjäger abhängen. Ziemlich christlicher Typ, glaube ich. Martin deVries? Marcus? Irgend sowas. Hatte viel über Jesus und Engel geschwafelt. Das Mädchen war mit ihm hier, aber sie sah nicht aus, als wäre sie sehr glücklich. Eher wie eine Gefangene. Ich konnte an ihrem Schatten nichts entdecken, aber meine Tochter sieht hin und wieder mehr als ich.
„Da stimmt sowieso irgendwas nicht“, antwortete ich. Was machte dieser deVries mit so einem jungen Mädchen? Hatte er sie vor irgendwas gerettet? Aber als er seine Einkäufe ungelenk auf seinen linken Arm nahm, sah ich ihren Blick. Ängstlich. Verstört. Wozu brauchte deVries wohl Ketten, Schürhaken und Grillanzünder?
Katie überlegte. „Ich glaube, du solltest ihr helfen, Dad“, sagte sie schließlich, als das ungleiche Paar den Baumarkt verließ. „Der Typ… ich glaube, der wird es nicht besser machen.“
Ich zögerte. „Was ist mit dir?“, fragte ich. Was auch immer da los war, ich wollte meine Tochter nicht in der Nähe haben, aber ich wollte sie auch nicht alleine zurücklassen.
„Brian fährt mich bestimmt nach Hause“, sagte sie. „Ich hab ihn in der Elektroabteilung gesehen.“
„Also gut“, sagte ich und gab ihr den Korb mit unseren Einkäufen. „Mach nicht bei seinen Experimenten mit.“
Katie grinste und schüttelte den Kopf. Dann wurde sie wieder ernst. „Pass auf dich auf, ja? Da ist was mit ihr… sie braucht echt Hilfe.“

*

Der Typ hatte kein Auto. Der fuhr mit dem Mädchen Bus. Auto fahren macht mit einer Hand nicht so viel Spaß. Mit einem gelähmten Arm vermutlich noch weniger.
Die beiden stiegen mitten in der Pampa aus. Ich kannte die Gegend, und das einzige, was es da gab, war Clearys Gästeranch. Die war allerdings letztes Jahr abgebrannt, nach der Sache mit den sieben Ziegen. Brian und Tam haben mir nicht genau erzählt, was da eigentlich passiert war.
Ich parkte also mein Auto in einiger Entfernung von der Farm. Das Familienauto, nicht so ein alter Pick-ups, wie ihn Tam und ich benutzen, wenn mal wieder irgendwas ansteht. Das gute Auto sollte lieber keine Dellen bekommen.
Im Schuppen von Clearys Ranch brannte noch Licht. Als ich näher kam, hörte ich Stimmen: Ein Mann, der laut den Herrn pries und etwas von seinem Zorn faselte, und eine leisere Mädchenstimme, die ihn anflehte, sie gehen zu lassen. Mir schoss durch den Kopf, dass die Kleine vielleicht ein Monster war und ich deVries einfach machen lassen könnte… Nein. Ich bilde mir nicht ein, dass ich ein netter Mensch bin, aber bei sowas kann ich nicht einfach wegschauen.
Da ich nicht gut darin bin, mich irgendwo anzuschleichen, ging ich einfach in die Scheune rein. Der heruntergekommene Raum wurde von einigen Scheinwerfern ausgeleuchtet, außerdem brannte in einer Tonne ein Feuer. Es roch nach Benzin und… Myrrhe? Weihrauch? Irgendwie nach katholischer Kirche, jedenfalls.
Das Mädchen stand auf den Zehenspitzen. Ihre schmalen Handgelenke waren mit den Ketten aus dem Baumarkt gefesselt und nach oben gezogen worden. Die Decke verlor sich in der Dunkelheit, denn alle Scheinwerfer waren auf sie gerichtet. Um sie herum hatte deVries ein Symbol aus weißlichem Pulver gestreut. Salz war das nicht, viel zu feinkörnig. Phospor vielleicht? Keine Ahnung, ich bin kein Chemiker.
Vor dem Mädchen stand deVries und las laut aus einem Buch vor. Neben ihm im Feuer steckten ein paar Eisen, die langsam anfingen zu glühen. Seine Augen waren geweitet und glänzten fanatisch. An seiner rechten Seite stand eine Schrotflinte.
„Nicht ist dir Teil noch Los an dieser Sache, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Kehre also um von dieser deiner Schlechtigkeit…“
„Hey“, unterbrach ich ihn. „Was wird das hier?“ Ich blieb nicht stehen, sondern ging in die Scheune hinein.
DeVries erschrak und fuhr herum. Instinktiv griff er nach seiner Schrotflinte, aber der Instinkt verriet ihn: Er versuchte es mit dem gelähmten rechten Arm und schaffte es nur, die Waffe umzuwerfen. Etwas fahrig tastete er nach der Pistole unter seiner Jacke, aber dann erkannte er mich.
„Diese hier“, sagte er und deutete auf das Mädchen. „Sie ist eine Hexe und sie muss brennen!“
Oh, großartig. Ich warf einen Blick auf die Kleine. Sie weinte und sah mich flehentlich an.
„Bitte…“, flüsterte sie. „Bitte…“
„Er ist ein Jäger, er wird sich von dir nicht täuschen lassen, Jezebel!“, erklärte deVries kategorisch. „Die Feuer der Hölle brennen in diesem Weib, und wenn sie noch nicht verdorben ist, so wird sie es bald schon sein.“
„Ah“, machte ich, nickte und stellte mich zwischen ihn und das Kind. Er entspannte sich einen Moment und nahm die Hand herunter. Gut. Ich zog meine Waffe und richtete sie auf ihn.
Dann sagte ich: „Nein.“
DeVries erstarrte einen Moment. Es war offensichtlich, dass er überlegte, ob er seine Waffe ziehen sollte. Ich schüttelte leicht den Kopf, ohne meine Augen von ihm zu nehmen. Probier es nicht, Marcus.
„Wir müssen ihr Einhalt gebieten“, erklärte er mir in einem Tonfall, den er möglicherweise für vernünftig hielt. „Bevor sie Verderben über uns alle bringt. Der Herr befiehlt es!“
Das war mir einigermaßen egal. Meine Waffe blieb auf sein Gesicht gerichtet.
„Jackson, versteh doch: Ein Engel spricht zu mir. Ein Engel des Herrn, und sie sagt, das Böse muss ausgerottet werden!“ Seine Stimme klang verzweifelt. Fast bittend. „Gott will, dass ich das tue!“
Ganz langsam ließ ich meine Waffe sinken und richtete sie auf seine linke Schulter. Es war eine großkalibrige Waffe und ich stand nicht weit weg von ihm. Wenn ich traf, würde von der Schulter nicht mehr viel übrig bleiben.
Er verstand. Schluckte. Seine Augen irrlichterten wild. Fanatismus kämpfte mit Angst. Was auch immer in ihm kaputt gegangen war, als er den rechten Arm verlor, gewann schließlich. Vielleicht wäre deVries für seinen Gott oder seinen Engel gestorben, aber ohne Arme leben? Nein. Langsam wich er zurück.
„Das wirst du bereuen, Jackson“, sagte er leise. Er zitterte, vor Angst oder Wut oder beidem. „Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alle Gottlosen und Ungerechten! Er wird seine Engel aussenden!“
Er hatte immer noch die Pistole unter der Jacke. Wollte ich wirklich, dass der Kerl da draußen rumlungerte? Bevor ich mich dazu durchringen konnte, ihn doch noch zu erschießen, fuhr er abrupt herum und rannte laut betend nach draußen.
Und hinter mir wuchs der Schatten eines Scheusals empor.

*

Es war größer als ich. Viel größer, mit schlangenartigen, wild peitschenden Haaren und langen, gekrümmten Klauen. Der Oberkörper wurde mit jeder Sekunde breiter, die Haare wilder. Es roch durchdringend nach Sumpf und Gebein.
Aber ich hörte hinter mir eine Stimme. Leise, wie von sehr weit weg, die Stimme einer alten Frau: „Nein, Bianca. Du musst stark sein, mein Kind. Du darfst den dunklen Weg nicht beschreiten. Tu es nicht, Bianca.“ Das war weder das Mädchen noch das Scheusal. Ist eine Weile her, dass ich zuletzt einen Geist gehört habe, aber die alte Frau sprach eindringlich genug.
Der Schatten hinter mir flackerte.
„Bianca“, sagte ich und ließ die Waffe bedächtig an meine Seite sinken. „Ich zähle jetzt bis drei, und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Ich drehe mich um und du bist nichts als ein Mädchen. Dann bringe ich dich in Sicherheit. Zu deiner Familie, wo auch immer du hin willst. Aber du wirst sicher sein.“
Hinter mir waberte der Schatten wild. Die Finger krümmten sich bedrohlich.
„Oder du versuchst etwas. Greifst mich an, während ich dir den Rücken zudrehe oder wenn ich mich umgedreht habe.“ Ein Schattenarm hob sich, und die Muskeln in meinem Rücken versteiften sich in der Erwartung eines Angriffs. „Dann wirst du sterben. Glaubst du mir nicht, Bianca? DeVries ist ein harter Mann, aber er ist nicht ohne Grund gewichen. Vielleicht wirst du ein Monster, wenn du den dunklen Weg beschreitest, aber du wirst niemals so tödlich sein wie ich.“
Die alte Frau flüsterte: „Bitte, Bianca.“
„Bitte, Bianca“, wiederholte ich. „Hör auf deine Großmutter.“
Der Schatten erstarrte in der Bewegung.
„Eins.“
Die Arme sanken herab. Aus den Klauen wurden Fingernägel.
„Zwei.“
Die Haare glätteten sich. Der Geruch nach Schlamm und Knochen verwehte.
„Drei.“
Der Schatten schrumpfte zusammen.
Als ich mich umdrehte, stand Bianca da und zitterte wie Espenlaub. Ihre Arme waren nicht mehr gefesselt und ihre Augen waren groß, verzweifelt und voller Tränen.
„Ich will…“, flüsterte sie leise. „Ich will das nicht.“
Ich nickte und steckte die Pistole weg.
„Du musst das nicht“, antwortete ich ernst. „Du entscheidest, welchen Weg du gehst. Das hast du gerade eben geschafft, und das schaffst du wieder.“
Sie nickte unsicher und schlang ihre Arme um sich. Ich hätte sie jetzt gern berührt und beruhigt, aber… sie hatte immer noch Angst vor mir.
„Komm, Bianca“, sagte ich schließlich. „Lass uns hier verschwinden.“

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Marganma

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