Mädchenkram - Supernatural

Indio-Ugrische Geisterstunde

aus Barrys Tagebuch

Flugzeuge sind böse.

Gut, das wisst ihr schon, aber ich will es noch mal sagen. Landete vor ein paar Tagen am LAX, zittrig vom Adrenalin und benommen von den Beruhigungstabletten. Wäre ja lieber mit dem Auto gefahren, aber so lange wollte ich Tam und die Kinder nicht allein lassen.

Warum ich schon wieder in der Gegend herumreiste? Zwei Gründe: Erstens, Tam hatte sich das Bein gebrochen und fand, das wäre doch eine gute Gelegenheit für mich, mal an die UCSB zu fahren und mit ein paar Leuten wegen des Buchprojekts zu reden. Zweitens, mein Dad brauchte eine Operation am Knie. Nichts Wildes, aber er hatte eine Einladung zu einer Gala, die unbedingt jemand wahrnehmen sollte. Don hatte keine Zeit, Belle hatte keine Zeit, Phil hatte keine Lust (warum kommt der eigentlich mit sowas durch?), Kim war auf einem Lehrgang und so weiter und so fort. Als Alternative hatte Jason angeboten, zu fahren, aber das wollte Dad nicht. Dann doch lieber ich, und das sollte euch alles über Jason sagen, was ihr wissen müsst.
Als nächstes machte ich den Fehler, die Einladung gegenüber Rachel zu erwähnen. Die kriegte gleich so einen lauernden Tonfall – galt die nur für eine Person? Konnte sie vielleicht mit? Auf diese Gala? Da liefen haufenweise Produzenten herum, das wäre doch eine tolle Gelegenheit, mal eine Verfilmung von „Action Movie Novel“ anzugehen. Ich öffnete meinen Mund, um zu protestieren, aber… naja. Dafür hatte ich eine Agentin, damit ich mit meinen Büchern Geld verdiente. Also nickte ich brav, packte den Smoking ein und machte mich auf den Weg.

An der UCSB traf ich ein paar Leute, die ich kannte. Lernte noch ein paar Linguisten und etliche Bürokraten kennen. Kam mit dem Buchprojekt an ein paar Stellen weiter. Das nahm langsam konkrete Formen an. Sehr schön.

Okay, genug mit dem wissenschaftlichen Kram, das hier ist ja das Action-Tagebuch. Also direkt zum Ende meines Besuchs an der Universität. Das war ein Donnerstag, trüber Abend, ich wollte noch mal in die Bibliothek, um ein paar Dinge herauszufinden. Der Lesesaal war zwar schon zu, aber die Verwaltung hatte meine alte Zugangskarte wieder aktiviert, also sollte das kein Problem sein.
Das Problem stand vor dem Lesesaal und redete auf die studentische Hilfskraft ein, die gerade noch an der Informationstheke stand.

„…Doktor der Kunstgeschichte, und ich muss wirklich, wirklich dringend zu den Büchern. Ist eine Sache von Leben und Tod!“ Der Sprecher gestikulierte wild und lehnte sich eindringlich vor. Ich kannte die Stimme. Stinger. Der Profi aus dem Bayou.
Was wollte denn der hier? Wollte ich das überhaupt wissen? Aber bevor ich verschwinden konnte, entdeckte mich die Studentin und nahm mir die Entscheidung ab.
„Dr. Jackson!“, rief sie erleichtert und winkte. „Können Sie Dr. Stinger hier vielleicht helfen?“
Stinger drehte sich um, um zu sehen, mit wem sie redete. Als er mich erkannte, grinste er breit und zwinkerte mir zu.
„Danke, Süße“, sagte er zu der Studentin und hob den Daumen in ihre Richtung. „Vielleicht kann ich dir ja mal Nachhilfe geben… oder so.“ Ihr Blick war eher alarmiert als begeistert, aber das schien er nicht zu merken.
„Hey“, sagte er, als er neben mir stand und das Mädchen uns nicht hören konnte. „Arbeitest du hier? Cool. Was für ein Doc bist du? Arzt ja wohl nicht, was?“ Er lachte und klopfte sich auf die Schulter, wo ich seine Wunde vernäht hatte. Ich war kurz versucht, „Schönheitschirurg“ zu sagen.
„Linguist“, antwortete ich stattdessen. „Sprachwissenschaftler.“
Stingers Gesicht hellte sich auf. „Echt? Geilo!“ Er musterte mich von oben bis unten. „Indianer bist du auch, oder?“
Ich nickte vorsichtig.
„Hah!“, machte er triumphierend. „Dann kannst du mir helfen! Ich habe hier diesen Zettel“, er wühlte in seiner Jacke und zog ein graues Blatt Papier hervor, „und seit ich den habe, jagt mich ein Monster. Vielleicht ist er verflucht oder sowas.“ Auffordernd hielt er mir den Zettel hin. Ich sah, dass etwas darauf geschrieben stand, aber ich griff nicht danach. Ich wollte eigentlich nicht von einem Monster gejagt werden.
Stinger sah meinen skeptischen Gesichtsausdruck. „Okay, pass auf, du glaubst mir nicht“, erklärte er mir. „Kein Problem. Musst du nicht. Aber ich habe mit einem echten Schamanen geredet, nämlich mit Eagle Eddie. Der konnte das nicht lesen, aber er meinte, das wäre ein alter indianischer Dialekt. Also lies mir einfach vor, was da steht, ja? Immerhin hab ich dir das Leben gerettet!“
Eagle Eddie. Alles klar. Ich hatte von ihm gehört – er hatte versucht, Tam ein ‚Sonnentanz-Ritual‘ anzudrehen, bei dem sie nackt vor ihm hätte herumtanzen sollen. Der Typ war ungefähr so indianisch wie ein in China hergestellter Gummi-Tomahawk.
Ich bezweifelte außerdem, dass Stinger mir das Leben gerettet hatte, aber ich nahm den Zettel trotzdem. Ich war neugierig, welche Sprache da drauf stand.
Das Papier war ziemlich schwer und fühlte sich rau an, als wäre es von Hand geschöpft worden. Es war etwas größer als ein normaler Briefbogen, unregelmäßige Kanten, mit ein paar Falzen da, wo Stinger es gefaltet hatte. Jemand hatte es auf einer Seite mit schwarzer Tinte eng von Hand beschrieben. Gleichmäßige Buchstaben ohne Schnörkel.
Die Sprache war… nun ja, „indianisch“ war nicht so falsch, wie ich gedacht hatte. Der Text war nicht in einer Sprache geschrieben, sondern in über zwei Dutzend verschiedenen. Jeweils nur ein paar Worte in einer Sprache – ich erkannte auf Anhieb Dakota, Navajo, Cherokee, aber nicht alle. War das Cahuilla? Oder Luiseño? Hochinteressant.

„Und, was steht da?“, unterbrach Stinger meinen Gedankengang.
Ich schüttelte langsam den Kopf. „Kann ich noch nicht sagen. Ist kompliziert.“
Stinger verdrehte die Augen. „Aber du kriegst es raus, oder?“
„Bestimmt“, erwiderte ich. „Braucht aber Zeit.“ Und Literatur. Mit dem Zettel in der Hand machte ich mich auf den Weg in den Lesesaal, Stinger im Schlepptau.
„Cool“, sagte Stinger. „Du kriegst das schon hin, Doc.“
„Jackson reicht“. Ich stand mit dem Doktortitel immer noch auf Kriegsfuß – kam mir vor, als würde ich angeben, wenn ich ihn benutzte. Dabei war meine Dissertation schon fast zwei Jahre her.
Stinger grinste nur. „Nee, lass mal. Ich kenn viel zu viele Leute, die Jackson heißen, aber nur einen echten Doc.“

Etwas ungelenk öffnete ich die Tür zum Lesesaal mit meiner Chipkarte, weil ich den Zettel nicht loslassen wollte. Suchte mir einen Tisch, leere Blätter, ein paar Stifte. Zeigte Stinger die Kaffeemaschine und sagte ihm, er solle jetzt mal eine Weile die Klappe halten.
Vertiefte mich in den Text. Einige Stellen waren einfach. An anderen musste ich zuerst rausfinden, welche Sprache das hätte sein können. Immerhin waren keine toten Sprachen dazwischen. Dann musste ich grammatische Zusammenhänge herstellen. Gar nicht so einfach, wenn die eine Sprache fast alles über Verben ausdrückt und die nächste ihre Substantive mit Suffixen überhäuft. Puh. Gut, dass die Bibliothek von Santa Barbara ziemlich viele Bücher über indianische Sprachen hatte.
Während ich hin- und herlief, Bücher studierte, Notizen machte und auf den Zettel starrte, fing Stinger wieder an, mir irgendwelche Geschichten zu erzählen. Jäger, Bankräuber, sein Auto, Nathaniel Boone, eine heiße Schnecke, wieder sein Auto. Ich hörte überhaupt nicht zu. Irgendwann war er dann weg. Ich glaube, er wollte uns etwas zu essen holen.

Weiter im Text. Geburt? War das ein Motiv? Aber dazu passten diese ganzen Wetterbegriffe nicht. Und einige grammatische Konstruktionen waren sehr, sehr seltsam. Regnen wird doch in Dakota normalerweise nicht in der aktiven Form benutzt. Ich lehnte mich zurück und starrte an die Decke. Was war das für ein Schriftstück?
Jäh fiel mir auf, dass ich Stinger überhaupt nicht gefragt hatte, wo der Zettel eigentlich her kam. Ich schaute wieder auf das Blatt, und sofort fiel mir diese Konstruktion auf Navajo ins Auge… „bewegt den Berg“, aber mit der Vorsilbe, die bedeutet, dass er ein stoffartiges Objekt bewegt… war hier gemeint, dass eine Lawine ausgelöst wurde…
Verdammt. Wieder abgelenkt. Schnell drehte ich das Blatt um, bevor mir noch mehr interessante Dinge ins Auge fallen konnten. War das jetzt nur meine eigene Schwäche für alles, was mit Sprache zu tun hatte? Oder steckte da mehr dahinter?
Misstrauisch starrte ich den Zettel an. Handgeschöpft, okay, aber was waren das für Fasern? Und was war das für ein Geruch? Ich hatte das vorher überhaupt nicht bemerkt, aber das Papier roch schwach nach Kräutern. Rosmarin und noch etwas… was war das? Ich kannte den Geruch… Tränenschön. Lateinischer Gattungsname Alchemilla, Kleine Alchemistin. Damit hatte Brian neulich herumgespielt – angeblich wollte er Tam einen Schwangerschaftstee brauen, aber dann fand er in seinem Alchemiebuch ein Rezept. Und eine Legende: Wenn man Tränenschön mit Rosmarin mischte, konnte man mit der Tinktur einen Gegenstand tränken, der dann einen Turul – einen mystischen ungarischen Vogel – anlockte. Der kam dann in der Stunde vor Mitternacht und versuchte, den Besitzer des Gegenstands zu töten.

…in der Stunde vor Mitternacht. So spät konnte es doch nicht sein. Oder? Ich schaute mich um, während ich nach meinem Handy tastete. Das rettete mir das Leben: Direkt neben mir stand eine große Gestalt, die zum Schlag ausholte. Instinktiv ließ ich mich fallen, und ihr… Arm? Flügel? verfehlte mich knapp.
Es war riesig, vielleicht zwei oder drei Köpfe größer als ein Mensch, ein Alptraum aus schwarzen Federn. Aus dem beinahe menschlichen Gesicht stach ein langer Schnabel aus dunklem Horn, auf dem an einigen Stellen Zähne wuchsen. Die Augen waren geweitet, verzerrt, viel zu groß für das Gesicht. Wie Flügel bogen sich die Arme nach hinten, aber sie waren lang und beweglich. An den Spitzen, wo die Hände sein müssten, ragten schuppige Klauen wie Hühnerfüße aus dem Federkleid. Das Monster roch penetrant nach Kompost und altem Blut. Es machte leise, fiepende Geräusche, als würde ihm jede Bewegung weh tun.

Ich hatte keine Ahnung, ob das ein Turul war oder nicht, aber es sah gefährlich aus. Und aggressiv. Es setzte mir nach, als ich unter dem Tisch durch rollte und auf der anderen Seite wieder auf die Beine kam. Großartig. Ich war unbewaffnet, weil die Universität mit einem Metalldetektor ausgestattet war und man da nicht mit Waffen herumlaufen durfte. Nein, auch nicht mit einer Lizenz.
Also erst mal weg hier. Aber nicht ohne den Zettel. Besser, der Turul legte sich mit mir an als mit einem Doktoranden, der nachts noch mal in den Lesesaal wollte. Fast hätte das Monster mich erwischt, als ich danach griff, aber ich war schnell genug. Dann rannte ich raus, in den Gang. Sah eine Feueraxt. Schlug das Glas mit dem Haken ein und war bewaffnet. Gut.

Hinter mir kam der Turul aus dem Lesesaal. Blieb in den Schatten, aber er folgte mir. Sonst war niemand im Gang, also positionierte ich mich vor der Feuertür und wartete auf ihn.
Er war ziemlich schnell heran. Täuschte einen Schlag an, trat dann nach mir. Erwischte mich am Oberschenkel, aber nur ein paar blutige Kratzer. Ich schlug nach seinem Arm, traf. Federn flogen. Der Turul stöhnte auf, und schwarzes Blut tropfte in einem zähen Rinnsal zu Boden. Gut. Wenn es blutete, konnte ich es umbringen.
Es schlug ein paar Mal mit dem gesunden Arm nach mir, mehr, um mich auf Distanz zu halten, als um mich zu verletzten. Ich setzte mit der Axt nach, konnte keinen guten Treffer landen, aber ich schaffte es, mich auf seiner schwachen Seite zu positionieren – dachte ich zumindest. Bis der Turul eine blitzschnelle Bewegung mit seinem verwundeten Arm machte und mir die linke Seite aufschlitzte. Sein Arm blutete nicht mehr.

Okay, Fehleinschätzung. Ich hieb ein paar Mal ungezielt mit der Axt um mich, Rückzug zur Feuertür und dann raus. Erst mal weg. Meine Seite blutete heftig, aber es schien nichts gebrochen oder durchtrennt zu sein. Glück gehabt. Ich rannte aus dem Gebäude. Draußen war es dunkel, keine Menschenseele unterwegs. Der Turul folgte mir, aber nur langsam. Von seiner Wunde war nichts mehr zu sehen.

Ich rannte weiter. Raus aus der South Hall, erst mal in Richtung Storke Tower. Dann zur Lagune, noch ein paar Minuten laufen, bis ich an der Saint Nicolas Hall vorbei war. Kein Monster in Sicht, aber ich hatte den Zettel noch. Das würde wieder auftauchen.
Okay. Ich klemmte die Axt unter den rechten Arm, zog mein Handy heraus (23:07 Uhr, sagte das Display) und rief Brian an.
„Hi Barry“, meldete er sich, „Hör mal, ist grad…“
Ich unterbreche nicht gern Leute, aber die Situation war kritisch, und Brian ist ohnehin eine Ausnahme.
„Turul“, sagte ich. „Ungarischer Vogel, wird von Tränenschön angelockt. Ist hinter mir her. Hab ihn verletzt, ist wieder geheilt.“
„Oh, wow“, kam vom anderen Ende der Leitung. „Was ist denn passiert? Wie kommt denn ein ungarischer Vogel an die UCSB? Hast du Streit mit einem Ungarn? Das ist eigentlich ein Wappentier, quasi der Urahn der Ungarn…“
„Brian“, unterbrach ich noch mal. „Weiß ich alles nicht. Sieht aus wie Mensch, der mit einem Vogel verschmolzen ist. Schwarzes Blut. Ziemlich groß. Ist eine Stunde vor Mitternacht aufgetaucht. Will mich umbringen.“ Ja, so schreibt man keine Sätze, ich weiß. Aber ich hatte keine Zeit – an einer Laterne weiter hinten war ein Schemen vorbeigehuscht. Ein sehr großer Schemen.
„Bist du verletzt?“, wollte Brian als nächstes wissen. Mann!
„Geht so“, antwortete ich. Konnte sich aber gleich ändern.
Immerhin kannte mich Brian gut genug, um zu wissen, was ‚Geht so‘ heißt. „Ich muss nachschauen“, sagte er. „Ich schicke dir eine Whatsapp, sobald ich was weiß.“ Dann legte er auf.

Ich steckte das Handy weg (23:10 Uhr) und rannte wieder los. Der Turul sprang aus dem Schatten hervor, die Armflügel ausgestreckt, aber er war kein Vogel und konnte nicht fliegen. Kam nicht weit genug, um mich zu erwischen. Also weiter. Einmal um die Lagune herum. Die Uhr schlug einmal. 23:15 Uhr.
Noch eine Runde. 23:30 Uhr. Ich blieb ab und zu stehen, damit das Monster aufholen konnte. Wäre nicht so clever gewesen, ihm bei einer Runde in die Arme zu laufen. Außerdem brauchte ich ab und zu eine kurze Pause – ich war normalerweise ein ausdauernder Läufer, aber normalerweise habe ich auch keine blutende Wunde in der Seite.
Um 23:42 Uhr vibrierte das Handy endlich. Ich legte noch einen kurzen Spurt hin und rannte zurück zum Storke Tower, vielleicht verwirrte das den Turul ja.
„Falscher Turul“, stand in der Whatsapp, „verschwindet um Mitternacht (vielleicht Ursprung des Aschenbrödel-Mythos?). Kommt am nächsten Tag wieder. Ausnahme: Wenn er um Mitternacht blutet. Dann verschwindet er ganz. Pass auf dich auf! Brian.“

Okay. Der Storke Tower schlug dreimal, als ich das Handy wieder wegsteckte. Also hatte ich noch eine knappe Viertelstunde, um Haschmisch mit dem Monster zu spielen. Das sollte sich machen lassen. Hoffentlich.
Direkt zurück zur Lagune konnte ich nicht, also zwischen den beiden Kunstgebäuden durch in Richtung Theater. Eigentlich wollte ich zum Faculty Club Green und zurück zur Lagune, aber ich verschätzte mich bei den Abzweigungen und kam beim Verwaltungsgebäude wieder heraus. Was? Wo war ich? Da drüben war der Thunderdome, da wollte ich eigentlich nicht hin. Da waren auch jetzt noch Leute unterwegs. Auf dem Besucherparkplatz aber auch. Verdammt, wo kamen die alle her. Ich rannte schneller, am Thunderdome vorbei in Richtung Sportplätze. Ein paar Leute sahen mich, aber ich blieb im Schatten und hielt die Axt verdeckt. Den Turul schien niemand zu bemerken, aber ich hörte seine fiependen Geräusche hinter mir. Er holte auf – kein Wunder, mein Kopf drehte sich, mir war schwindelig und ich kriegte kaum noch Luft.

Als ich an der Ampel über die El Colegio Road ankam, schlug die Glocke das erste Mal. Beinahe Mitternacht. Ich blieb stehen. Presste kurz den Haken auf die Wunden an der Seite, um noch ein bisschen Adrenalin zu bekommen. Funktionierte. Halbwegs.
Ich stand keuchend da, nach vorne gebeugt, als hätte ich keine Kraft mehr. Der Turul sprang aus der Dunkelheit, aber statt direkt auf mich loszugehen, näherte er sich vorsichtig von der Seite. Schade, aber das war der gleiche Trick, mit dem er mich vorher erwischt hatte.
Ich richtete mich auf. Jetzt, wo der Turul vor mir stand, verschwanden alle Beschwerden, Bedenken, Gefühle. Der einzige Fokus war mein Feind. Er täuschte nach links, ich blieb einfach stehen. Er schlug von rechts, ich wich aus. Wir tänzelten ein paar Schritte hin und her, bis ich den siebten Glockenschlag zählte. Dann sprang ich ihn an.
Er wich zurück, das hatte ich erwartet. Hackte mit dem Schnabel nach mir, und ich fing ihn mit dem Haken ab. Riss den Arm zurück, der Haken fand Halt, ich zerrte seinen Kopf ein Stück zur Seite. Nicht weit, aber genug, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann schlug ich mit der Axt zu, tief, in die Seite seines Nackens. Schwarzes Blut spritzte. Jäh hob er seine Flügelarme, erwischte mich am Kopf, aber ich spürte es gar nicht richtig. Sprang von ihm zurück und rannte wieder los. Beim zehnten Glockenschlag kam ich auf der anderen Seite der Straße an.
Beim elften Glockenschlag richtete er sich wieder auf. Taumelte auf die Straße. Blutete immer noch. Wollte mich immer noch umbringen.
Ein Auto näherte sich. Ein großes Auto mit einem ganzen Haufen Scheinwerfer. Blendete plötzlich alle auf, die Reifen quietschten und das Fahrzeug schoss auf das Monster zu. Fuhr es in dem Moment um, als die Glocke im Storke Tower Zwölf schlug.

Das Auto hielt an. Die Seitentür öffnete sich, und Stinger sprang heraus. Musste der ausgerechnet jetzt auftauchen?
„Hey, Doc“, rief er aufgeregt. „Hast du das gesehen? Ich hab‘ erwischt!“ Er machte eine triumphierende Geste mit der Faust. „Das war das Monster, Mann! Ich hab’s erwischt! Da hast du aber Glück gehabt!“
Ich nickte und lehnte mich gegen einen Poller. Ließ die Axt fallen, während Stinger noch die Straße nach Spuren untersuchte.
„Schau mal, hier ist Blut!“, verkündete er schließlich. „Ganz frisch! Sieht menschlich aus, aber das muss nichts heißen.“
Menschliches Blut? Das war vermutlich meins. Aber auf der Straße war eine lange schwarze Schliere gewesen, die nur langsam verblasste.
„Bist du in Ordnung?“, fragte er, als er sah, wie ich mich am Poller festhielt. „Was sind denn das für Flecken auf deiner Jacke, hat dich das Ding etwa erwischt?“ Besorgt kam er auf mich zu und kramte seinen Nylonbeutel hervor.
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte mich in der letzten Zeit ein paar Mal zu oft von irgendwelchen Amateuren verbinden lassen.
„Ist nur Schweiß“, erklärte ich. „Ich musste eine Weile vor dem Ding davonlaufen.“
Stinger schüttelte den Kopf. „Mann, da hast du aber Glück gehabt… ich kam zurück und du warst nicht da – ich hab mir voll Sorgen gemacht! Ich bin dann mit Yvette“, er deutete auf sein Auto, „losgefahren, um dich zu suchen, aber kein Zeichen, nichts… bis ich das Monster gesehen habe. Da wusste ich natürlich, was Sache ist.“ Er grinste mich erleichtert an. „Hab es voll umgeheizt! Bäm! Stinger, der Todesbringer!“
„Hm“, ich nickte. „Der Zettel… du hast gesagt, du hast ihn gefunden?“
„Ja, das war ziemlich seltsam. Ich kam vom Einkaufen, da sah ich dieses Eichhörnchen, das auf Yvette herumturnte. Als wäre das sein Auto! Ich hab’s also weggescheut, und da hing dieser Zettel hinter dem Scheibenwischer. Echt merkwürdig!“
Ein Eichhörnchen. Ich musste an Malgorzata und ihre Armee von Nagetieren denken. Aber wie hatte sie es zustande gebracht, mich und Stinger da hinein zu ziehen? Oder war das nur für Stinger gedacht und ich war zufällig hineingeraten? Meine Paranoia erzählte mir die schönsten Schauergeschichten. Ich schaute mich hektisch um. Keine Eichhörnchen oder Mäuse zu sehen.
„Hast du den Zettel noch?“, fragte Stinger. Ich griff in die Tasche meines Jacketts, aber ich fand nur noch graue Brösel, die entfernt nach Rosmarin rochen. Schade. Dieser Text… ich hatte immer noch das Gefühl, dass da eine Bedeutung drinsteckte. Ich musste zurück in den Lesesaal und meine Notizen holen. Aber vielleicht nicht sofort.
„Ist ein gutes Zeichen, dass der kaputt ist“, verkündete Stinger. „Hey, ich hab was zu essen mitgebracht – sogar einen Veggieburger, wenn dir das lieber ist.“ Er lächelte stolz.
Ich war nun kein Vegetarier, aber ich esse kein Fleisch von Fast-Food-Ketten, wenn ich nicht muss. Also ließ ich mich von Stinger zum Hotel fahren, trank dabei einen halben Liter Cola und verspeiste einen Veggieburger, der exakt nach gar nichts schmeckte. Stinger spielte in der Zwischenzeit Countrymusik und grölte lauthals mit. Konnte überraschend gut singen.

Trotzdem war ich froh, als ich nach fünf Minuten aussteigen konnte. Die Sitze waren glücklicherweise schwarz, und meine Seite blutete auch nicht mehr großartig. Hatte keine Lust auf eine Diskussion wegen meiner Verletzungen.
Musste mich kurz an der Tür festhalten. Reiß dich zusammen, Jackson, sonst versucht Stinger, dich wiederzubeleben. Der Gedanke gab mir den nötigen Schub.
Drehte mich noch mal um. Trottel oder nicht, eine Warnung hatte er verdient.
„Stinger“, sagte ich. „Sei vorsichtig. Die Hexe ist noch nicht fertig mit uns.“
Stinger sah mich überrascht an. „Die Hexe? Du meinst diese alte Schlampe aus dem Moor?“ Er lachte. „Mann, wenn die mir zu nahe kommt, zünd ich die einfach an.“ Er hob seine Hände mit den Kreuzen drauf. Warum hatte ich ihn noch mal warnen wollen?
„Wenn was ist, ruf mich an“, sagte ich nur und warf ihm eine Visitenkarte ins Auto. Eine von denen für die Uni, mit „Dr. Bernard Jackson“ und der Mailadresse vom Familiennetz. Ich hatte ohnehin grad keine von den anderen.
Stinger steckte sie ein, krakelte seine Telefonnummer auf einen alten Kassenzettel und gab ihn mir.
„Hey, Doc“, sagte er dann. „Wollen wir nicht noch einen trinken gehen? Feiern und so?“
Bloß nicht. Ich schüttelte den Kopf. „Zu müde.“
Einen Moment lang sah er enttäuscht aus. Traurig. Hatte vielleicht nicht so viele Leute, mit denen er etwas unternehmen konnte. Tat mir ein bisschen leid, aber nur ein bisschen.
Dann zuckte er die Schultern, startete den Motor, grinste mich an und sagte: „Mach’s gut, Doc. Du weißt ja, wen du anrufen musst, wenn du mal einen Profi brauchst!“

Comments

Marganma

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