Mädchenkram - Supernatural

Kentucky Fried Christians

Ein klassischer Diner Shootout

Auf Reisen bevorzuge ich Franchise-Ketten. Da weiß man, was man hat. Nie wieder Lebensmittelvergiftung von schlechtem Salat aus dubiosen Highway-Restaurants. Im Commonwealth of Kentucky (das heißt wirklich so, hat man mir versichert) mache ich mir einen Spaß daraus, täglich Huhn zu essen. Aus Prinzip und weil ich die Woche zuvor fast nur Burger und Pancakes bekommen habe. Vielleicht sollte ich anfangen, auf meinen Wagen ähnlich liebevoll zu achten, wie auf meinen Körper. Irgendetwas stimmt nicht. Gerade hat es im Motorraum einen Schlag getan, dann hatte es keinen Effekt mehr, aufs Gaspedal zu treten. Ich lasse die Karre an den Straßenrand rollen und öffne die Motorhaube. Hmm, ja, das in der Mitte wird wohl der Motor sein. Da an der Seite füllt man das Wasser für die Scheibenwischanlage auf. Oder Öl. Oder beides. Ich klappe die Haube wieder zu, ehe noch ein anderes Auto kommt und jemand glaubt, ich bräuchte Hilfe.
Ich brauche Hilfe. Ich brauche Hilfe von jemandem, der sich nicht über ein Waffenarsenal aus vier Jahrhunderten und genug Streusalz für einen halben Highway wundert. Dieser Junge, den ich im Krankenhaus kennengelernt habe, der kann doch basteln. Ich hoffe, er hat gerade Zeit, gegen eine Aufwandsentschädigung eine hilflose englische Touristin von der Straße zu pflücken. Nach einem kurzen Telefonat breite ich meine Picknickdecke auf einem Flecken Wiese aus und verkürze mir die Wartezeit mit dem Cursus Latinus I. Lieber würde ich den einen oder anderen Forenuser aus der Fassung bringen, um die gefährlicheren Diskussionen auf Miss Munroes Spinnerseite gleich an der Entstehung zu hindern. Doch der Bluegrass State ist zumindest hier das Zentrum von Edgeland.
Viele Vokabeln später, ich habe mich im Auto ein wenig schlafen gelegt, klopft es an der Scheibe. Keine Polizei. Ethan. Wie schön. Dann kann’s ja weitergehen.
Mein Hab und Gut wird in einem Pickup verstaut, der mich mit intensivem Rauchgeruch und ein paar zerknüllten Burgerpapieren willkommen heißt, den Landrover nimmt mein Retter in Schlepp. Wider Erwarten hat der Mechaniker der nächstgelegenen Werkstatt keine Einwände, das britische Fabrikat zu reparieren. Muss nur irgendetwas bestellen. Wird ein bisschen teurer. Ich höre kaum hin und nicke alles ab, was er mir erzählt. Mir ist alles recht, solange ich bald etwas zu essen bekomme. So langsam könnte ich eine mittelgroße Kuh verdrücken.

Noch auf dem Weg zum Essen klingelt mein Telefon. Sunny vom Dying of The Light, will gehört haben, dass ich in Kentucky bin. Sollte ich mich beobachtet fühlen? Nun, zufällig bin ich wirklich in Kentucky. Und mein Lernpensum für die Woche habe ich an einem Tag hinter mich gebracht. „Du kennst doch DeVries?“ Oh je.
„Jaaa…“
„Und den magst du nicht, oder?“ Es fällt mir inzwischen etwas schwerer. Aber auch nur, weil er vor meinen Augen gestorben ist, am anderen Ende der USA wieder quicklebendig auftauchte, versuchte mich, Miss Munroe und Cal zu erschießen und ganz generell dem religiösen Wahn verfallen zu sein scheint. Ich weiß nicht, ob „nicht mögen“ der passende Ausdruck für meine Gefühle ist. Enttäuschung? Ja, Enttäuschung trifft es vielleicht ganz gut. Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Mit Zähnen.
„…Es ist kompliziert.“
Ein Jäger hat ein Mädchen von vielleicht 13 oder 14 Jahren vor ihm gerettet. Offenbar wollte Marcus die Kleine umbringen, weil „sein Engel ihm das befohlen hat.“ Dem Engel würde ich recht gerne das Federkleid gerben. Marcus DeVries war mal ein besonnener, guter Mensch. Religiös und ein bisschen zu sehr auf Sinnsuche vielleicht, aber ein guter Mann! Ich weiß nicht, was ihn zurückgeholt hat, Engel, Dämon, egal. Es sollte mir besser nicht persönlich über den Weg laufen.
Der Jäger meldete Sunny, dass neben DeVries dummerweise jetzt auch noch drei Monster hinter ihm und dem Kind her sind. Um die Viecher wegzulocken und zu entsorgen, hat er das Mädel in einem Diner ganz in unserer Nähe abgesetzt und ihr versprochen, dass jemand sie da abholt. Wir sollen sagen, dass wir von Barry kommen. Kriegen wir hin. Verfolgung durch Marcus steht eher nicht zu befürchten. Die öffentlichen Verkehrsmittel in diesem Bundesstaat sind mehr so ein Mythos, von dem man mal gehört hat.

Ich teile Ethan mit, dass wir als Kindermädchen geshanghait wurden. Er nimmt es stoisch auf.
Sunny schickt uns zu einem Diner bei der neuen Mall, für die hier alle drei Schritte Werbung gemacht wird. Franchise-Kette. Bestens.

Hier ist wenig los. Ein Trucker, eine 4-köpfige Familie, zwei Rucksacktouristen, das beschriebene Mädchen. Grüne Jacke, dunkle Haare, dunkle Augen, klammert sich nervös an ihren Softdrink. Und – oh,oh! – ihr gegenüber sitzt ein Asiate im grauen Anzug, der auf sie einredet. Seine Kleidung ist nicht billig. Sehr gepflegte Frisur. Glänzende Schuhe. Würde besser nach London oder New York passen. Bitte, sei kein Dämon. Ich raune meinem Begleiter beim Reingehen zu, dass er mir Rückendeckung geben möge.
„… aber wenn doch was ist, kannst du mich jederzeit anrufen. Hier ist meine Karte.“
Ein blauer Kreis mit gelbem Rand wandert über den Tisch. Special Agent… Seitan oder so.
Habe ich schon gesagt, wie sehr ich die FBI-Masche hasse? Man könnte meinen, ganz Amerika besteht zur Hälfte aus FBI-Agenten. Zumindest in meinem Umfeld. Den Tag möchte ich erleben, an dem ich mal einen Echten treffe. Nein, eigentlich nicht. Allerdings sagt mir die Beobachtung immer noch nicht, was der Gute mit dem Kind will. Auch ein Jäger wollte dem Balg schon ans Leder. Auch übernatürliche Wesen spielen gerne mal Polizei. Vielleicht ist es ein Ghul, vielleicht ein Gestaltwandler. Ich mache mich verdächtig, wenn ich jetzt die Handykamera auf ihn richte. Genausogut kann ich die beiden auch einfach ansprechen. Ethan steht mit guter Schusslinie auf den Asiaten ein paar Schritte hinter mir.

Es stellt sich heraus, dass die junge Dame Bianca heißt. Sie ist sehr erleichtert, als ich sage, dass ich von Barry komme. Der Anzug mustert mich interessiert, doch nicht erkennbar feindselig. Just in dem Moment, als ich ihn fragen will, was er bei dem Mädchen zu suchen hat, fahren drei Autos vor, zwei Pickups, ein SUV, der nach etwas aussieht, das Ian fahren würde. „Jesses,“ kommentiere ich. Der Anzug zuckt nicht zusammen. Dankbar streiche ich den Dämon von der Liste. Aus einem der Wagen springt ein flammenzüngiger Prophet, der neuerdings die Freuden des persönlichen Chauffeurs kennengelernt hat, wie sich mir offenbart. Marcus DeVries. Bewaffnet. Mit einem Kreuz, herrje! Seine Verstärkung – racial diversity vom Feinsten – rückt mit Schusswaffen aller Größen und Preisklassen an.
„Oh Dear.“

Ich greife Biancas Hand und zerre sie sofort in Richtung Küche. Sie macht es mir leicht, rennt flink wie ein Wiesel. Aufgewecktes Kind. Der Asiate geht in Deckung und fordert vom Servicepersonal, die Polizei zu rufen. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Jünger von Marcus ausschwärmen. Scheiße!
Und noch etwas fällt mir auf, als Marcus mit der Linken, die das Kreuz hält, die Tür zum Diner aufschiebt. Sein anderer Arm hängt nutzlos herab. Der, in den Cal bei unserem letzten Zusammenprall eine Kalaschnikowsalve gefeuert hat, um mir das Leben zu retten. Der auferstandene Arsch hat wirklich versucht, mich zu erschießen. Point Blank. Wenn Cal nicht gewesen wäre… Ich bewege mich zwischen DeVries und Bianca. Was hat er gegen sie? Das ist ein Kind, verdammt! Oder etwa nicht?

„Zwei Hexen zusammen,“ dröhnt der religiöse Eiferer. „Das hätte ich mir denken können.“ Es ist immer wieder eine Freude, so von jemandem beschimpft zu werden, dem man früher sein Leben anvertraut hätte. Ich verzichte auf eine geschliffene Replik und stoße die Küchentür auf, schubse Bianca durch. „Hey!“ Der Koch stiert mich entrüstet an, die Küchenhilfe greift gleich mal zu einem Messer. Herzerwärmend. „Raus,“ rufe ich den beiden zu. „Hier geht gleich eine Schießerei los! Raus!“ Bianca weicht schon mal von der Tür zurück. Als ich meine Waffe ziehe, setzt sich zumindest der Koch in Bewegung, weist mir damit den Weg zum Hinterausgang. Die Küchenhilfe geht in Verteidigungshaltung. Trottel. Ich drehe mich von ihm weg und sichere zur Tür hin.

Draußen versucht es der Anzug immer noch mit der FBI-Tour. Marcus lacht ihn aus. „Jaja, vom FBI bin ich auch, Agent Black, haha. Lass mich durch, Sünder!“ Jemand lädt eine Waffe durch. Der Asiate versucht zu verhandeln. Mit DeVries. Netter Versuch. Irgendwas mit den unbeteiligten Gästen.
„Die Unschuldigen mögen errettet werden, ein jeder nach der Schwere seiner Schuld. Die Hexe muss ihre Läuterung erfahren!“
Getrappel, dann die Tür. Marcus schwadroniert dazwischen weiter: „Lasst mich durch zu der Kreatur, die gereinigt werden muss, blabla, mein Engel hat es befohlen, blabla, junger Mann, du bist noch jung und hast eine Seele zu verlieren, lass dich nicht von den Reizen dieser Jezebel betören, blabla.“
Darauf Ethans trockenes Knurren: „Sie ist noch ein Kind, lass sie in Ruhe.“ Ach, und ich hatte gedacht, Marcus spricht von mir. Sollte ich eifersüchtig werden? Nein, lieber eruiere ich den kürzesten Fluchtweg, ehe uns auch der Weg zum Hinterausgang heraus abgeschnitten wird.
„Wenn eine Frau ihr erstes Blut hatte, ist sie kein Kind mehr!“ Für den mittelalterlichen Text verdient er es, ausgestopft in ein Museum drapiert zu werden.
Vom hinteren Ende der Küche tönt die sich überschlagende Stimme des Kochs: „Ich habe mit der Sache nichts zu tun, lasst mich gehen!“ Oh. Verdammt. Immerhin lassen sie das arme Dickerchen tatsächlich abziehen. Die Gestalt einer Frau mit Gewehr erscheint in der Tür. Ich bevorzuge es, sie erst einmal mit einem Schuss auf die Tür zurück in Deckung zu treiben. Die Küchenhilfe taucht ab. Töpfe klappern.
„Bianca,“ frage ich. „Warum will er dich umbringen?“ Ehrlich, auch gegen einen Wahnsinnigen, der glaubt, von Engeln gesandt zu sein, will ich kein Monster verteidigen. Was, wenn das gar kein Kind ist?
„Ich weiß es nicht,“ piepst sie. Klingt nicht wie jemand, der sich ertappt fühlt. Dafür ist sie kreidebleich, starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. Zittert. Was soll’s? Ich bin kein Lügendetektor. Außerdem stürmt jetzt Marcus in die Küche, donnert wieder einen seiner Bibelsprüche und verlangt von seinen Anhängern, die blonde Hexe – diesmal meint er mich – zu erschießen. Die Frau an der Tür folgt seinem Befehl. Nicht besonders zielsicher. Ich werfe mich zur Seite, über Bianca. Ernte mehr Beleidigungen von DeVries, das „Hure-von-Babylon-Programm“, das er schon beim letzten Mal abgespult hat. Die FBI-Verhandlungen sind wohl beendet. Aus dem Gastraum dringen Geräusche von stumpfen Schlägen und dem Aufprall eines schweren Körpers auf dem Boden. Hinter Marcus taucht Ethan auf und schlägt ihm – was in aller Welt ist das? – einen … Spielzeugroboter (?), einen Transformer (?) auf den Kopf, bekommt dafür eins mit dem Kreuz auf den Schädel. Beiden rinnt das Blut übers Gesicht. „Heidnischer, von Lust übermannter Ungläubiger, blabla, die blonde Hetäre hat dich um den Verstand gebracht, blabla, erschießt sie!“ Ich kann es nicht mehr hören. Was glaubt der Mann eigentlich von mir?
„Was ist aus deinem weichen Herzen für Kinder geworden?“
„Sie ist kein Kind mehr. Das ist eine Kreatur des Bösen. Sie muss geläutert werden mit Feuer und Eisen! Das hat mir mein Engel gesagt.“
„Woher willst du überhaupt wissen, dass das ein Engel ist?“
„Das weiß ich in meinem Herzen. So tief ist mein Glaube, dass ich es ohne Zweifel weiß. Und du, Hure Babylons, bist mit Blindheit geschlagen.“ Schon wieder! Ich habe einen Namen. Er ist Irene. Das ist griechisch für Friede.
„Was habe ich dir eigentlich getan, Marcus?“
„Du hast versucht, mich vom rechten Wege abzubringen, mit deinen diabolischen Reizen!“ Mein Arm schnellt nach oben, als er mit dem Kreuz nach mir drischt. Au. Das hat scharfe Kanten.
„Du hast nur versucht zu sterben und noch nicht mal das richtig hingekriegt.“
„Du hast diesen ahnungslosen Jungen betört…“ Jetzt schlägt’s aber dreizehn! Ich stopfe ihm das Maul mit meiner Faust. Nur kurzfristig.
„Du wirst mir nie wieder zu nahe kommen!“ Meine Güte, Mann! Bleib du mir vom Leib! Sein vermaledeites Kreuz trifft mich am Bauch und reißt dort eine klaffende Wunde. Nicht gut. Ethan brät ihm ein ganzes Regal über. Im Gastraum fallen Schüsse.
Die Latina an der Tür ruft: „Lass ab vom Propheten, du ungläubiger Heide!“ Seinen Diktus haben die auch alle übernommen. Ethan merkt grimmig an, dass er kein Heide sei. Sie schießt wieder nach mir. Vorbei.
Wie schon zuletzt beobachtet, ist Marcus von körperlichen Angriffen reichlich unbeeindruckt. Mir hingegen bleibt die Luft weg und meine Knie knicken ein. Sein nächster Angriff verfehlt mich nur, weil er auf der Blutlache ausrutscht, die ich gerade produziere. Im Niedersinken schaffe ich es, ihm noch einen Schlag gegen den Kehlkopf mitzugeben. Jetzt, endlich, sackt er zusammen. Er riecht nach Pfeffer.

Mir wird kurz schwarz vor Augen. Das darf jetzt nicht passieren. Ich hole tief Luft und drücke mit den Fingern die glitschigen Wundränder zusammen. Der Schmerz holt mich wieder zurück. Eben hat Ethan die Frau von der Hintertür entwaffnet. Ich schicke Bianca los, um den Verbandskasten zu suchen. Beim Anblick ihres gefallenen Propheten, ruft die Relischlampe zum Rückzug. Doch sie läuft allen Ernstes auf Marcus zu, will ihn wohl mitnehmen. Nein, nein. Ich drücke ihm die Mündung gegen die Schläfe, mache ihr sehr ruhig klar, dass er stirbt, wenn sie noch einen Schritt tut. Ich will die Jünger wegfahren sehen. Und erst wenn ich höre, dass sie sich der Polizei gestellt haben, darf sie sicher sein, dass er lebt. Dass ich keinen bewusstlosen Mann erschießen könnte, weiß sie nicht. Sie pfeift ihre Leute zurück. „Tu ihm nichts! Er spricht mit Engeln.“ Jaja. Tun sie das nicht alle?
Der Erste-Hilfe-Kasten klappt vor mir auf.
Bevor ich mich um meine eigene Wunde kümmere, stabilisiere ich Marcus. Fürs Erste ist er keine Gefahr mehr. Ich sehe keine Veranlassung, ihn draufgehen zu lassen. Nochmal. Obwohl es ihm unter Umständen ganz gut täte, seinen Schöpfer zu treffen. Der würde ihm vielleicht die Flausen austreiben. Naja, kommt bestimmt früh genug. Das muss ich nicht forcieren.

Im Gästebereich des Diners fallen immer noch ein paar Schüsse, dann startet irgendwo ein Motor. Ethan verschwindet aus meinem Sichtfeld. Ich beschließe, dass es an der Zeit ist, mich selbst zusammenzukleben. Bianca unterstützt mich mit einigem Geschick dabei, mich zu verpflastern. Sieht schlimm aus und tut auch genauso weh, aber wenn ich in den nächsten Wochen auf Situps verzichte, sollte ich überleben, denke ich.

Vom Parkplatz schallt ein spitzer Schrei. Die Latina. „McFee, McFee, da ist was! Es…“ erstirbt in einem Gurgeln. Bianca erstarrt neben mir. Ich hieve mich hoch.
„Salz, Bianca. Wir brauchen Salz.“
Sie fragt nicht, reagiert einfach, hüpft zu einem Regal und bringt mir einen weißen Sack. Mit einer Hand auf meine Bauchmuskeln gepresst, ziehe ich im Eilverfahren einen dicken Kreis um uns beide und den Bewusstlosen, naja, sieht mehr wie ein Stern aus. Was auch immer da gerade angekommen ist, sollte sich besser davon beeindrucken lassen, sonst steht es schlecht um uns. Zwei Kilo Salz zu verteilen war schon so anstrengend, dass ich mich erneut hinsetze. Im Gastraum splittert Glas. Dann ein dumpfer Aufprall, gefolgt von der Stimme des Asiaten.
„FBI! Legen Sie sich auf den Boden, die Hände hinter den Kopf! Sie sind festgenommen.“ Man kann auch zu sehr in seiner Rolle aufgehen.
Nahkampfgeräusche.
Sachen, die zerbrechen.
Die Küchentür erbebt.
Ein Körper fällt.
Stille.
Die Tür geht auf. Ich richte kraftlos die Browning darauf. Ethan. Meine Hand sinkt. Der Anzug folgt. Er blutet. Vor allem am Bein. Ethan ist so freundlich, meinen dürftigen Schnellverband zu verbessern. Aus der Ferne nähern sich Sirenen. Ich würde jetzt unheimlich gerne den Kopf gegen das kühle Edelstahl legen und einfach schlafen. Plötzlich fällt mir ein, dass ich immer noch nichts gegessen habe. Ein Glück. Auf vollen Magen soll man nicht kämpfen. Der Hunger ist mir vergangegen. Im Diner und darum herum liegen Leichen. Die Jünger des Marcus, zerfleischt und zerbrochen von dem Werwolf, den Ethan hinter der Theke erlegt hat. Ich hoffe, das war es mit DeVries’ Karriere als Sektenführer.

Der „Special Agent“ zieht es weiter durch. Spricht mit der Polizei, professionell, scheucht Sanitäter herum, lässt Marcus in einen Rettungswagen verpacken, sich selbst verbinden und tut dabei die ganze Zeit weiter wichtig, als wäre es seine zweite Natur. In mir erwachsen Zweifel, dass das nur Show ist. Frisches Adrenalin bringt mich auf Touren. Noch sind die Landeier um den hiesigen Sheriff mit der Situation etwas überfordert. Ein rehäugiger Deputy, der kaum alt genug ist, um die Uniform tragen zu dürfen, schickt uns zu zwei Sanitätern, die sich gerade über die Leiche eines Bärtigen beugen, damit wir uns erstmal verarzten lassen. Wir nicken und drehen auf halbem Wege beiläufig in Richtung Pickup ab. Niemand achtet auf uns. Niemand nimmt die Verfolgung auf.

„Sagen Sie, Ethan?“
„Mh?“
„Dieser FBI-Agent? Halten Sie es für möglich, dass der echt war?“
„Hatte fast den Anschein.“
Pass auf, was du dir wünschst, du könntest es bekommen.
„Das glaubt uns doch keiner.“
„Mmhmm.“

Ich nicke ein. Fehler. Als wir über Schlaglöcher fahren, wache ich mit dem Gefühl auf, Sand in den Adern zu haben. Die Wunde pocht. Die Sanitäter hätten mit Sicherheit ein paar wunderbare bunte Pillen gehabt. 0,5%ige Lidocain-Salbe ist wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich bemitleide mich ein bisschen selbst. Dann lenke ich mich damit ab, Bianca auszufragen.
Ihre Eltern sind kürzlich bei einem Unfall „oder sowas“ gestorben. Sie hätte eigentlich mit dem Greyhound zu ihrer Tante fahren sollen, die sich um sie kümmern wollte. An der Haltestelle wurde sie von DeVries entführt, der von seinem Engel erfahren haben wollte, wo er sie finden würde. Er schleppte sie in einen Baumarkt und besorgte dort Sachen, die dazu gedacht gewesen sein müssen, sie zu foltern und/oder zu verbrennen. Mir rauscht das Blut in den Ohren. Ich bekomme nicht alles mit, was sie sagt, will nicht die Details wissen. Marcus DeVries hatte mal eine sanfte Seite, vor allem gegenüber Kindern. Kurz vor knapp wurde sie wohl von Barry gerettet. Dieser Barry. Der wollte doch die drei Monster loswerden. Hat entweder nicht ganz geklappt, oder es waren doch mehr.
Sunny gibt mir seine Nummer. Geht nicht ran. Ich versuche es im Drei-Stunden-Takt. Erst, um ihm die Meinung zu geigen, in was er uns da so blauäugig reingeschickt hat, dann immer mehr in Sorge, dass er die zwei anderen Viecher nicht überlebt haben könnte. Nach Stunden ruft er zurück. Da sind wir schon halb in Massachusetts. Er ist froh, dass wir für die Kleine da waren, bedauert, dass ihm der Werwolf entkommen ist. Ich informiere ihn knapp über die Ereignisse, lasse ihn mit dem Mädchen reden. Die zwei anderen Monster hat er erledigt. Wird sich zeigen, ob uns bei der Tante noch mehr Überraschungen erwarten.

Die Überraschung ist immerhin nicht feindlicher Natur. Biancas Tante, eine robuste Mittvierzigerin, wohnt in einem alten Eisenbahnwaggon ohne Telefon, umgeben von einem ausufernden Kräutergarten. Um mich vor meinem eigenen Gewissen zu rechtfertigen, ersetze ich das Wort „Hexe“, das mir durch den Kopf schiesst, schnell durch ein „Weise Frau“. Nicht alle Anwender von Magie und Ritualen müssen gleich böse sein, nicht wahr? Wir machen das auch. Als Mittel zum Zweck.
Sie ist heilfroh, Bianca bei sich zu haben. Aus Sorge, weil die nicht aus dem Greyhound gestiegen ist, hat sie schon die Polizei verständigt. Ich wäre dankbar, wenn sie erst Entwarnung gibt, nachdem wir wieder weg sind. Ethan wird von ihr seltsam beäugt. Er spricht sie darauf an. Sein Schatten passt ihr nicht. Daran wäre etwas, wogegen er mal was tun müsse. Hatten Bianca und er nicht auch schon über seinen Schatten gesprochen? Am Rasthof? Ich bin mir nicht sicher. Da hatte ich gerade meine Finger an eine Packung Valium bekommen. Die Stunde (oder zwei, oder drei) danach, ist etwas verschwommen. Ethan wäre sehr angetan davon, wenn er wüsste, was er dagegen tun kann.
Sie fragt ihn, was passiert sei. Es ist ein längerer Kampf mit den Worten, bis er genug herumgedruckst hat, um halbwegs Sinn zu ergeben. Fazit: Eine Frau wollte was von ihm, er wollte nicht. Sie hat ihn verflucht. Wenn er sie nicht will, soll er auch keine andere kriegen. Was auch immer das jetzt genau heißt. Klingt auf jeden Fall unsexy. Die Tante verspricht, mal die Augen und Ohren für ihn offenzuhalten. Er kriegt fast sowas wie ein Lächeln zustande. Würde ihm stehen, wen es mal die Augen erreichte. Ich muss kurz an Sam denken, wie sie ihm den Geisterspruch übersetzt hat, dass die Liebe nicht alles heilt. Vermutlich schleppt er den Fluch schon eine Weile mit sich rum. Nicht fragen. Einfach den Mund halten. Kein Salz in offene Wunden streuen.

Um das Thema zu wechseln schlage ich auf dem Rückweg von Massachusetts vor, ihm ein neues Auto zu finanzieren. Immerhin habe ich ihn in die Sache reingezogen. Und mindestens der Special Agent kann den Pickup wahrscheinlich beschreiben. Automobile bekommt man ja zum Glück in diesem Land zu Spottpreisen hinterhergeworfen. Um den Landrover mache ich mir keine Sorgen. Der stand friedlich und unauffällig in seiner Werkstatt. Abholung und Wiederbestückung mit meinem Arsenal funktionieren problemlos.
Ich könnte mir vorstellen, ein paar Tage in Steamboat Springs zu verbringen, um mich auszukurieren. Auch wenn die Bikinifigur jetzt nicht mehr das ist, was sie mal war. Immerhin ist das Essen dort vorzüglich. Und die Cocktails.

Comments

Timberwere

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.