Mädchenkram - Supernatural

May Creek Mystery

Blut ist dicker als Wasser

You’ve always got to say something,
I’m none of your concern but you won’t listen at all
You know i’d rather say nothing, and just be proud of myself
For tearing down these walls.
(A day to remember, Better off this way)

Hallo Kleiner,
na, überrascht, von mir zu hören? Tja, da unsere liebe Schwester mit ihren privaten Dingen genauso sorglos umgeht wie du, war es mir ein Leichtes, bei ihrem letzten Besuch bei Mutter einfach ihr Handy zu nehmen und nachzugucken, ob ich deine Emailadresse rauskriege. Mutter anschließend noch ein bißchen was vorheulen, wie sehr ich meinen verirrten kleinen Bruder vermisse und siehe da – die Weiber erzählen dir alles.
Amerika also? Bist wohl auf den Spuren von Onkel Jacob unterwegs?

Naja, ich hab mal einen Blick auf deine neue Umgebung geworfen, und ich muss doch sagen, dass du vor deiner eigenen Haustür echt schlampig warst. Oder hast du das Jagen für deine Kritzeleien drangegeben? Kann ich mir nicht vorstellen, du bist doch mit deiner Knarre verheiratet, und am Ende des Tages immer noch einer von uns.

Was ich sagen wollte.. ich meine, wenn selbst ich hier von Bayern aus feststellen kann, dass es einige seltsame Vermisstenfälle in der Obdachlosenszene von Seattle gibt, sollte doch ein Blinder mit Krückstock merken, dass da jemand menschliches Material benötigt und ein paar Nachforschungen anstellen. Oder?

Da du ja offensichtlich zu sehr mit Blümchen malen beschäftigt bist, hab ich mich schonmal für dich umgehört und konnte die Vorfälle auf das nord-östliche Seattle eingrenzen. Hatte auch schon Kontakt zu einem gewissen Bob Meyers, der neben seiner kleinen Werkstatt in May Creek auch einen Blick auf die ansässige Wolfsbrut hat. Der meinte, dass er mit dieser Aufgabe so beschäftigt war, dass er tatsächlich auch nichts von den Vorfällen mitbekommen hat, kann aber von daher mit Sicherheit sagen, dass die Brut, die er beobachtet, nichts mit dem Verschwinden der Penner zu tun haben kann. Hier sind seine Kontaktdaten (Bob Meyers, Stevens Pass Highway, May Creek, Washington State, +1 555 475143), du sollst Dich bei ihm melden, sobald Du eine kleine schlagfertige Truppe zusammengestellt hast, die die Sache übernehmen kann. Kriegst du das hin, oder muss ich rüberkommen und dir zeigen, wie man sowas macht? Er wollte sich schon mal umhören, ob er nicht noch etwas Brauchbares in Erfahrung bringen kann.

Also Kleiner, zeig doch mal, ob du nicht doch aus dem gleichen Holz bist wie Vater, Joseph und ich. Mach uns keine Schande (oder zumindest nicht noch mehr als ohnehin schon) und such dir ein paar Amis zusammen, mit denen du auf die Jagd gehst. Wenn ich mitkriege, dass du versagst, werde ich Vater wohl doch mal stecken, wo sich sein jüngster Spross aufhält und ihm vielleicht verraten, wie er zum nächsten Flughafen kommt.
Ich denke nicht, dass du das willst.

Mach’s gut und mach mich stolz,
dein Bruder Benedikt

PS: Was kostet eigentlich so ein Flug von München nach Seattle?

Wie betäubt ließ Niels sein Smartphone sinken. Sie hatten ihn also gefunden. Benedikt hatte ihn gefunden. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, als die Erinnerungen an damals wieder vor seinem inneren Auge auftauchten. Sein Bruder, wie er ihm herablassend erklärte, was er zu tun und zu lassen hatte. Das war so typisch Benedikt, lügen und betrügen, um ans Ziel zu kommen.
Er spürte, wie er zitterte, als das Gefühl wieder in seine Hände zurückkehrte. Würde sein Bruder seine Drohung wohlmöglich wahr machen und hierher kommen?

Immer noch zitternd setzte er sich auf das Bett seiner Studentenbude und überlegte. Dann wählte er eine Nummer, von der er gedacht hatte, dass er sie nicht so schnell brauchen würde.

“Ma’am?” fragte er vorsichtig in den Hörer, als Irene Hooper-Winslow sich meldete. “Erinnern Sie sich daran, dass wir vor kurzem noch darüber gesprochen haben, dass wir uns lieber in der Wüste oder Wald nochmal treffen wollen?”
“Ja, natürlich. Was von beiden ist es?”
“Wald,” antwortete Niels leise. Mit wenigen Worten beschrieb er ihr, was Benedikt ihm gesagt hatte. “Ok, ich kenne da die richtigen Leute. Ich melde mich wieder,” sagte sie und legte auf.

Niels liess sich rücklings aufs Bett fallen und sah zur Decke. War es möglich, dass Benedikt seine Drohung wahrmachte? Und wie würde er auf seinen Bruder reagieren? Er hatte ihn seit seinem 18. Geburtstag nicht mehr gesehen, wie Joseph auch. Der hatte inzwischen wohl geheiratet, irgend so ein armes Mädchen aus Polen oder Tschechien, vermutlich aus einer der dortigen Jägerfamilien. Wahrscheinlich hatte Joseph jetzt alle Hände voll damit zu tun, seine eigene kleine Apostel-Schar auszubilden, der würde im Leben nicht nach Amerika kommen. Niels bezweifelte, dass Joseph überhaupt wusste, wie man das machte.
Aber Benedikt war ein anderes Kaliber. Benedikt war hinterlistig und gerissen, ein Opportunist, wie er im Buche stand. Niemand, dessen Gesellschaft er wirklich vermisste, und schon gar nicht nach dem, was er seinem jüngeren Bruder angetan hatte.
Noch immer zitternd, nahm Niels seinen Zeichenblock und begann, die Zeichnung der Bohrinsel, die er nach seiner Rückkehr aus Barrow angefangen hatte, zu Ende zu bringen. Zeichnen beruhigte.

Eine Stunde später piepste sein Smartphone, und seine anfängliche Angst, dass es wieder Benedikt war, der ihm jetzt mitteilte, dass er in Frankfurt auf den Flieger wartete, verflog, als er die Absenderin sah.

Mr Heckler, buchen Sie drei Zimmer. Gute Anbindung. ETA 1300. IHW.

Niels holte seinen Laptop hervor und sah sich das Hotelangebot in Seattle an. Das Best Western am Flughafen schien so etwas zu sein, was Irene gemeint hatte, er rief an und reservierte drei Zimmer. Mit wenigen Handgriffen packte er seine Umhängetasche, Zeichenblock, Luger, Ersatzmagazin. Dann machte er sich auf den Weg zu dem Hotel.

Er war viel zu früh, und wartete einige Zeit, bis Irene Hooper-Winslow und ihre Begleiter eintrafen.

Als er den ersten der beiden Männer sah, musste er schlucken. Ethan Gale stand neben Irene und begrüßte Niels. Auch wenn es einige Wochen her war, dass sie sich gesehen hatte und Niels genau wusste, dass zwischen ihm und dem dunkelhaarigen Exfreund seiner Cousine niemals etwas laufen würde, spürte er doch, wie sein Herz einen kleinen Satz machte.
Zitternd schüttelte er Ethan die Hand, und hoffte, dass der niemals herausfand, was gerade in ihm vorging. Dann bemerkte er den zweiten Mann. Ein Indianer, lange schwarze Haare, und Niels hatte den Eindruck, dass die dunklen Augen des Mannes ihm bis auf den tiefsten Abgrund seiner Seele starren konnten. Er schluckte, aber dann besann er sich auf seine guten Manieren und wollte auch dem anderen die Hand schütteln. Als er aber seine Hand ausstreckte, merkte er, dass Barry Jackson – so hieß der Mann – keine rechte Hand mehr besaß, sondern nur noch einen Haken. Niels ließ seine eigene Hand wieder sinken und steckte beide Hände schnell in die Hosentaschen, doch er war sich sicher, dass Jackson seinen Faux-Pas bemerkt hatte.

Irene und Ethan wollten einchecken, Barry brauchte kein Zimmer, er war bereits vor Ort gewesen und dementsprechend versorgt. Niels seufzte innerlich. Offensichtlich hatte es niemand für nötig befunden, ihm auch Bescheid zu sagen.

Während Ethan und Irene ihr Gepäck auf ihre Zimmer brachten, wartete Niels mit Barry in der Lobby. Der Indianer machte ihm Angst, er wagte es kaum, dessen Blick standzuhalten, als er ihn auf seinen Akzent ansprach. Er antwortete knapp und sah sich immer wieder um, ob Irene und Ethan ihn nicht erlösen wollten, wobei er genau wusste, dass Ethans Anwesenheit seine Unsicherheit nur verlagern würde.

Eine gefühlte Ewigkeit später waren die beiden jedoch wieder da, und es wurde Kriegsrat gehalten. “Mein.. Bruder hat mir geschrieben.” Bei diesen Worten wagte Niels es kaum, Ethan anzusehen, hatte er dem Älteren doch noch in Meredith erzählt, dass er nur noch seine Schwester und seine Cousine habe. Innerlich versuchte er sich zu rechtfertigen, dass niemand eine Verwandschaft verdient hatte, die aus Typen wie Joseph, Benedikt und Gustav Heckler bestand, aber gleichzeitig warf er auch seine Mutter mit in diesen Topf, und das hatte Maria Heckler nicht wirklich verdient.

Aus den Augenwinkeln nahm Niels wahr, dass Ethan eine Augenbraue hochzog, als er seinen Bruder erwähnte, aber er beschloß, das zu ignorieren. Außerdem war viel wichtiger, was dieser Bob Meyers zu Benedikt gesagt hatte. Werwölfe, das hatte er gesagt, waren es wohl nicht gewesen. Immerhin etwas, Niels hatte keine große Lust, wieder Werwölfen zu begegnen. Das weckte sehr unschöne Erinnerungen in ihm.

“Ausrüstung?” wollte Ethan dann wissen, und zählte das Standard-Jägerrepertoire auf. Niels hatte Salzmunition, aber der Rest, damit konnte er nicht dienen. “Ich kenne aber jemanden, der uns da auch helfen könnte,” meinte er mit einem Seitenblick auf Ethan, doch offensichtlich legte der keinen Wert darauf, Felicity zu treffen. Das war vielleicht auch besser so, seine Cousine hatte seit geraumer Zeit kein anderes Thema mehr als Blumenschmuck, Menüfolgen und Schuhe, und er hatte ihr mehr als einmal erklären müssen, dass er aufgrund seiner sexuellen Orientierung nicht automatisch wusste, welches Kleid ihr stand und welche Frisur dazu passte.

“Rufen Sie diesen Meyers an,” schlug Irene jetzt vor und holte Niels aus seinen Gedanken. Niels nahm sein Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer, die Benedikt ihm geschickt hatte. “Ah, Sie sind das. Ihr Bruder hat mir schon angekündigt, dass Sie anrufen,” verkündete eine gut gelaunte Stimme, und Niels verdrehte die Augen. Für wie dumm hielt ihn Benedikt eigentlich? “Wir sollten das aber nicht am Telefon besprechen. Kommen Sie vorbei.”

Während Barry und Ethan sich einen Mietwagen teilten, stieg Irene zu Niels in den Kombi. Die Fahrt raus aus der Stadt hinaus nach May Creek verlief schweigend, aber Niels war auch zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, als dass er wirklich daran interessiert gewesen wäre, ein Gespräch zu beginnen.

Bob Meyers unterhielt eine Reparaturwerkstatt, die auf den innovativen Namen “Bob’s Garage” getauft war, und die mit Sicherheit schon bessere Zeiten gesehen hatte. Pittoresk nannte sein Kunstgeschichte-Professor so etwas, Niels hätte es schlicht als Bruchbude bezeichnet.
Unter einem Auto kam jetzt ein dicklicher Mann auf einem Rollbrett herausgefahren, er grinste breit, als er die Jäger sah. Niels ging zielstrebig auf ihn zu – lass dir bloß nichts anmerken, Heckler – und streckte ihm die Hand hin, die Meyers auch sogleich schüttelte. Er grinste breit, und als Niels die kühle schmierige Flüssigkeit an seiner Hand bemerkte, wusste er auch, warum. Eilends streifte er sich die Hand an der Cargohose ab, was für ein Glück, dass mehr oder weniger Arbeitskleidung trug, und man die Ölflecke auf dem schwarzen Stoff nicht sah.

Als Meyers’ Blick auf Irene fiel, wurde aus dem Grinsen ein freundliches Lächeln, und nachdem sie sich mit vollem Namen vorgestellt hatte, zauberte er plötzlich ein nicht mehr ganz frisches, aber noch brauchbares Tuch aus einer Brusttasche und wischte sich die Hände sauber. Aha, so machten “Gentlemen” das.
Niels sah, dass Barry und Ethan feixten, aber ihre Begrüßung fiel auch nicht viel herzlicher aus als die von Niels, nur dass der Mechaniker jetzt saubere Hände hatte.

“Will jemand keinen Kaffee?” fragte Bob dann, doch niemand meldete sich. Die Automatenplörre aus dem Hotel war nicht trinkbar gewesen, Niels hatte sich kurzzeitig gefragt, wie die Amerikaner eigentlich überlebten, wenn alle ihre Getränke so untrinkbar waren.

Nachdem er sie alle mit Kaffee versorgt hatte, bedeutete Bob ihnen, sich in seinem Büro auf wacklige Plastikstühle zu setzen. Es war eng und stickig in dem Raum, und Niels wollte, dass der Mechaniker schnell zur Sache kam. Der war jedoch ein Meister der ausschweifenden Rede, er berichtete erst lang und breit, dass Benedikt ihn da auf “eine Sache” gebracht hätte, und erzählte von einem “Freaky Earl”, der schnell weg wollte. Wovon weg? Ja, von seiner Werkstatt. Warum? Er war so aufgekratzt gewesen. Drogen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

“Stop!” Ethan hob die Hand und unterbrach so den Redefluss des Mechanikers. “Freaky Earl?” fragte er dann. “Ja, Earl. Der ist verrückt. Deswegen Freaky Earl,” antwortete Bob und schien überrascht zu sein über Ethans Frage. Ethan entgegnete das mit einem Augenrollen, und Bob fuhr fort: “Ein Obdachloser. Wohnt drüben in May Creek.” Ethan seufzte und nickte. Das war das, was er wissen wollte.

“Aber die Leute wollen nichts mit Schnüfflern zu tun haben.” Bei dieser Bemerkung hatte Niels den Eindruck, dass Barry eine Augenbraue hochzog, doch ansonsten blieb der Indianer stumm. “Fast so schlimm wie die Polizei.” Bob machte eine kurze Pause, und fast hoffte Niels, dass der Redeschwall des Mechanikers beendet war, doch dann setzte der kleine Mann erneut an. “Fragt mal Nanook. Das ist so ein Eskimo.” Jetzt kam Leben in Barry, der bisher nur schweigend da gesessen und die Szenerie aus seinen unergründlichen Augen betrachtet hatte. “Inuit,” sagte er mit seiner eigenartig rauhen Stimme. Im Gegensatz zu Niels brachte das Bob nicht aus der Fassung. “Hmja.. So einer wie du halt.” Ethan zog eine Augenbraue hoch, aber Barry ging nicht auf diese Bemerkung ein, sondern lenkte das Thema stattdessen auf das, was passiert war. “Wieviele sind denn nun verschwunden?” wollte er wissen. Bob wirkte verwirrt. “Verschwunden? Weiß ich nicht. Da müsst ihr mit Nanook reden. Mich hat ja nur dieser Benedikt angerufen…” Niels fühlte sich, als habe man ihm einen Eimer mit Eiswasser übergeschüttet. Sicher, Benedikt war neuen Technologien gegenüber immer aufgeschlossener als Joseph und ihr Vater, aber zu wissen, dass sein Bruder es fertigbrachte, einen Auslandsanruf zu tätigen..

Er hat auch ein Handy, du Dummkopf. Die Nummer war in der Email.

“Der hat angerufen?” rief er aufgebracht, “mit einem Telefon?” Und dann kam ihm ein noch viel schlimmerer Gedanke. Was, wenn sein Bruder seine Drohung schon wahrgemacht hatte, und bereits hier war? “Will er etwa auch hierher kommen?” Seine Stimme überschlug sich fast vor Angst. Ethan sah ihn fragend an.

Ja, ich hab gelogen. Ich habe eine Familie. Und ich liebe meine Brüder so sehr, dass ich froh bin, dass zwischen ihnen und mir ein ganzer Ozean und zwei Kontinente liegen.

“Also Nanook hat mit Steve gesprochen, und der hat mit Lucy geredet. Aber die ist weg. Vielleicht auch was mit Drogen.” Niels stöhnte innerlich auf. Wie hatte sein Bruder es eigentlich geschafft, aus Bob halbwegs brauchbare Informationen herauszubekommen?

Aber im Grunde wussten sie nun alles, was sie wissen mussten. Bob stand auf und schüttelte besonders Irene sehr lange die Hand, er grinste sie schelmisch an, was die Britin jedoch nicht erwiderte. Niels bemerkte, wie Bob sie noch versonnen ansah. Irgendwie gefiel ihm das nicht, und er schob sich zwischen Irene und den Mechaniker und fragte ihn, ob er ihnen Ausrüstung stellen konnte.

Als sie hinausgingen, wollte er Irene noch darauf aufmerksam machen. “Ma’am, ich glaube, der steht auf Sie,” erklärte er. “Oder auf Ihren Namen,” setzte er dann hinzu. Die Britin lächelte amüsiert. “Das mit dem Namen kommt schon mal vor,” antwortete sie leichthin. Niels überlegte, wegen seines Namens hatte ihn noch keiner daten wollen, das war bisher immer abschreckend gewesen, wenn man bedachte, welche Bedeutung das Wort “Heckler” noch in der englischen Sprache hatte. Oder aber er wurde wahlweise auch mit “Browning” oder “Winchester” angesprochen.

“Mich wollte noch niemand wegen meines Namens daten,” stellte er vor sich hinmurmelnd fest. “Vielleicht sind Sie auch einfach nur in den falschen Kreisen unterwegs, Mr Heckler,” entgegnete Irene mit hochgezogener Augenbraue. Niels stutzte. Meinte sie damit, dass er nicht erwarten sollte, dass ihn ein Jäger ansprach? Er dachte an die Typen, die so in den Roadhouses abgehangen hatten, und ihm war klar, dass er mit kaum einen auch nur eine Nacht verbringen wollte. Er stand eigentlich eher auf geduschte Männer.

Niels bekam jedoch keine Gelegenheit mehr, weiter über Männer nachzudenken. Solange Ethan in der Nähe war, wollte er das sowieso nicht tun, und abgesehen davon, sie hatten zu tun. Sie mussten mit Nanook sprechen.

Der saß vor einer Starbuck’s-Filiale, und wie Bob gesagt hatte, handelte es sich bei ihm um einen Inuit. Er trug alte Kleidung und eine Mütze mit Ohrenklappen, aber durchaus sauber. Er erinnerte Niels an den Typen, der immer in der Nähe der Uni gesessen hatte. Der Mann hatte sich immer gefreut, wenn man ihm ein Bier mitgebracht hatte und er hatte sich gerne Niels’ Zeichnungen angesehen. Es gab einen kleinen Supermarkt gegenüber vom Starbuck’s, und dort holte er zwei Flaschen Bier. Als er zurückkam, sah er, dass Ethan bereits bei dem Obdachlosen stand. Er wollte sich dazustellen und Nanook eine Flasche reichen, doch Barry hielt ihn zurück. “Warte. Vielleicht ist er kein Säufer.” Niels verzog das Gesicht. Bier war ein Lebensmittel! Aber Barry war eben Amerikaner, vielleicht verstand er das einfach nicht.

Ethan erklärte Nanook in der ihm so eigenen seltsamen Sprechweise, warum sie gekommen waren. Doch statt einer Antwort sah der Ureinwohner Ethan nur durchdringend an, dann blickte er in Richtung einer Gasse. Ein Paar Füße lugte daraus hervor, offensichtlich schlief dort jemand. Ethan sah Nanook fragend an, der nickte jedoch nur, und so ging Ethan in Richtung Gasse. Niels folgte ihm, und fand in der Gasse einen jungen Mann, der unter einer Pappe schlief. In seinen Ohren hatte er Tunnels, ein Nasenring zierte sein Gesicht, und an seinem Hals ringelte sich ein Tattoo hinab. Das sah alles nicht billig aus, das wusste Niels aus eigener Erfahrung. Er schnarchte, und als Niels näherkam, roch er die Alkoholausdünstungen.

“He, aufwachen!” Niels schüttelte den jungen Mann sanft an der Schulter. Der wachte auf und erschrak kurz, mit dem jungen Jäger hatte er sicher nicht gerechnet. “Was.. wer.. wo..” “Steve?” fragte Niels, und der junge Mann nickte. “Wir sind hier, weil wir Lucy suchen.” Jetzt entspannten sich dessen Gesichtszüge etwas, und er setzte sich auf. “Woher wisst ihr das denn?” Bob habe sie informiert, sagte Niels und hielt ihm dann die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Als Steve seinen Arm ausstreckte, bemerkte Niels die Einstiche. Er hatte noch nie mit Drogenabhängigen zu tun gehabt, in der Welt seiner Jugend hatte es so etwas nicht gegeben.

Rauschmittel, Aaron, sind des Teufels.

Niels wischte sich unauffällig die Hände an der Hose ab, was jedoch niemandem auffiel. Er schämte sich ein wenig, aber irgendwie hatte er das Bedürfnis danach.

“Willst du ein Bier?” fragte er den jungen Mann dann, um das Eis ein wenig zu brechen. Steve nickte eifrig und trank gierig. Barry und Ethan verschwanden derweil, Niels hatte keine Ahnung, wo die beiden hinwollten. Ihm war schon aufgefallen, dass die beiden sehr synchron agierten, offensichtlich kannten sie sich schon lange. Der Gedanke daran versetzte ihm einen kleinen Stich, er fühlte sich ein wenig ausgeschlossen. Aber gut, dann kümmerte er sich jetzt um Steve.

“Was ist denn mit Lucy?” erkundigte Niels sich, während Steve weiter trank. “Sie ist.. verschwunden. Ja. Verschwunden.” Steve schielte auf die zweite Flasche, die Niels immer noch in der Hand hielt. Niels überlegte, ob er sie ihm geben sollte, aber er hatte keine Ahnung, ob sich Alkohol und Drogen vertrugen. “Lucy ist meine Freundin. Warte mal, zeig dir ein Bild.” Steve kramte sein Telefon vor und zeigte Niels das Bild einer hübschen blonden Frau, sie war etwa in seinem Alter. “Sie ist seit vier Tagen weg.” Niels überlegte. “Habt ihr gestritten?” fragte er vorsichtig. Er hatte mal eine Nacht im Englischen Garten verbracht, nachdem Philip und er mal wieder eine Auseinandersetzung wegen seiner Familie gehabt hatten, aber das hier klang ärger. “Ne.. nicht gestritten. Wir waren verabredet, am alten Schrottplatz. Aber sie is’ nich’ gekommen.” Er klang verzweifelt, und Niels fragte ihn, warum er sie noch nicht angerufen hatte. “Kein Guthaben.” Niels zog sein eigenes Smartphone aus der Tasche und ließ sich die Nummer geben. Seine Hoffnung, dass Lucy auf die fremde Nummer reagierte, zerschlug sich, als das Freizeichen ertönte und nicht aufhörte, bis er selber auflegte. “Kann es sein.. kann es sein, dass sie abgehauen ist?” fragte er Steve dann vorsichtig, obwohl er die Antwort bereits kannte. Nicht vier Tage. Nicht ohne eine Nachricht. Nicht bei der Geschichte, die Bob erzählt hatte.

…dass da jemand menschliches Material benötigt..

Benedikts Worte hallten ihm im Hinterkopf wieder. Fuck, fuck, fuck. Hilfesuchend sah er zu Irene, die sich derweil zu ihm und Steve gesellt hatte. “Wir sollten uns diesen Schrottplatz ansehen,” sagte sie, und Niels nickte nur, denn sie sprach aus, was er dachte.

Barry und Ethan kehrten zurück, mit einer Packung Donuts und einer Flasche Wasser. Dankbar nahm Steve auch das an und aß. Er wollte sie zum Schrottplatz begleiten, erklärte er mit vollem Mund. Barry ermahnte ihn, sich noch die Schuhe zuzubinden, was sich schwieriger gestaltete als gedacht, da Steve beide Hände voll hatte.

Niels fiel der väterliche Unterton in Barrys rauher Stimme auf, und er fragte sich, ob er den Älteren vielleicht doch falsch eingeschätzt hatte. Vielleicht war auch Barrys Äusseres nur ein Stück weit eine Fassade, hinter der sich ein weitaus vielschichtigerer Mensch verbarg.

Der Schrottplatz von May Creek war nichts besonderes, Niels fand ihn schon fast zu gewöhnlich. Eine baufällige Hütte, ausgeschlachtete Autowracks und überall Metallteile, aber keine Menschenseele weit und breit. Ethan warf einen Blick in die Hütte, doch auch dort war niemand zu sehen. Niels wählte erneut Lucys Nummer. Kein Klingeln. Wenn sie das Handy verloren hatte, dann nicht hier. Oder jemand hatte dafür gesorgt, dass es nicht mehr klingelte. Als er das Telefon sinken ließ, hörte er ein Geräusch. Ein gleichmäßiges lautes Atmen, mehr ein Schnarchen. Das war sicher nicht Lucy, das Schnarchen klang eher nach einem Mann. Er ging in die Richtung, aus der er das Geräusch gehört hatte.

Beinahe wäre er auf ein Stück Schrott getreten, das offensichtlich jemand in den Weg gelegt hatte. Vorsichtig stieg er darüber und fand sich vor einem Autowrack wieder, in dem ein schlafender Mann mittleren Alters lag. Niels klopfte leicht an das Wrack, doch das reichte, dass Earl hochfuhr und ihn mit schreckgeweiteten Augen ansah.
“Wer bist du? Was willst du von mir?” fragte er panisch.

Oh wunderbar. Na, Heckler, gewinnend lächeln oder gleich der Heckler-Blick?

“Ganz ruhig. Ich will dich wirklich nur was fragen.” Niels wusste, dass der Mann vor ihm besagter Freaky Earl sein musste, von dem Meyers gesprochen hatte. Earl betrachtete Niels, als würde er nachdenken. Offensichtlich fragte er sich, ob von dem jungen Mann mit dem Metall im Gesicht eine Gefahr ausging. “Ich bin hier, weil wir Lucy suchen.” “Wir?” Earl sah panisch zur Seite, wo in einiger Entfernung Irene, Barry, Ethan und Steve standen.
“Ich hab nichts gesehen! Hab nicht gesehen, dass sie in einen Lieferwagen gezogen wurde!” Er hob abwehrend die Hände, dann fragte er: “Hast du ‘ne Waffe? Du hast doch ‘ne Waffe, oder?” Niels überlegte, ob er Earl die Luger zeigen sollte, die er wieder in den Hosenbund gesteckt hatte – old habits die hard – aber dann überlegte er, dass es nicht wirklich ratsam war, dem Obdachlosen eine alte Wehrmachtswaffe vorzuhalten, auch wenn sie nicht geladen war. “Nein, ich hab keine Waffe,” log er, und er hoffte, dass er Earl überzeugen konnte. Lügen gehörte neben Reden nicht gerade zu seinen Stärken. Sein Vater hatte immer gemerkt, wenn ihm sein jüngster Sohn etwas vorgeschwindelt hatte.

Earl jedoch war nicht sein Vater, und so glaubte er Niels’ Notlüge. “Der Transporter.. das war der zum Zeitungen ausfahren. So einer halt. Aber der bringt keine Zeitungen. Der holt die Leute. Das war ein Typ, der trug so einen Kapuzenpulli. Hat Lucy geschlagen und sie in den Lieferwagen gepackt. Da war ich ganz still. Sollte mich ja nicht auch holen.” Earl sah Niels immer noch ängstlich an, aber inzwischen schien er dem jungen Mann nicht mehr ganz so zu mißtrauen.
Inzwischen kamen auch die anderen herüber, und Earl war bereit, weiter Auskunft zu geben. Offenbar war es ihm wichtiger, seine Beobachtungen loszuwerden, als sich über die Gruppe zu wundern, die auf dem Schrottplatz herumlief.
“Da war so ein Zeichen auf dem Wagen. Blaue Buchstaben. Und so ein Flügel.” Niels stutzte. Das erinnerte ihn an das Logo des Hermes-Versands, den er zwar schon immer verdächtigt hatte, nicht ganz sauber zu sein – auf seine Ölfarben wartete er heute noch – aber sicher gehörte Menschenraub nicht zu den Geschäftsfeldern von Hermes.

Da Earl die Buchstaben nicht hatte entziffern können – oder er konnte schlicht und ergreifend nicht lesen – zog Niels einen Block und einen Stift aus seiner Hosentasche und bat den Obdachlosen, das Symbol aufzumalen. Earl tat es mit zitternden Fingern, und als er fertig war, verzog Barry das Gesicht. “Charity One,” sagte er nur tonlos. Niels schrieb den Namen zu dem Symbol dazu, und Earl nickte eifrig. “Jajaja! Das war es!” erklärte er. Barry nickte ebenfalls. “Charity One war eine Wohltätigkeitsorganisation, die so vor 12 oder 15 Jahren aktiv war. Hat Essen an Obdachlose ausgefahren.” Niemand sagte etwas, als ihnen die Ironie der Situation bewusst wurde.
Irene zückte ihr Telefon und rief Meyers an, um in Erfahrung zu bringen, ob er etwas über Charity One und ihre Autos wusste. Niels sah in den Gesichtern seiner Begleiter, dass sie genau wie er nicht darüber überrascht waren, dass er das tatsächlich tat. Am alten Linda Vista Hospital in May Creek, dort stand öfter einer dieser Wagen. Abgesehen davon hatte er wissen wollen, ob es stimmte, dass Leute entführt worden waren. Niels seufzte. Meyers schien wirklich Hilfe von jemandem wie Benedikt nötig gehabt zu haben.

Niels spürte, dass er unruhig wurde, er wollte Lucy finden. Er fühlte sich Steve ein Stück weit verbunden, auch wenn der inzwischen in anderen Sphären unterwegs war, in seiner Blutbahn zirkulierten Alkohol, Zucker und Heroin um die Wette. Aber Irene, Barry und Ethan diskutierten noch, Niels hörte nur Gesprächsfetzen, von wegen, dass Barry auch draußen bleiben könne. Offensichtlich behagte es seinen Begleitern überhaupt nicht, in ein Krankenhaus zu gehen, was auch immer da in der Vergangenheit vorgefallen war. Die drei schienen sich ja schon länger zu kennen, und wer wusste, was sie bereits miteinander erlebt hatten.

Schließlich schien die Diskussion beendet zu sein, mit angespannten Gesichtern kamen die drei anderen zu Niels herüber. Sie hatten beschlossen, bei Bob nach Ausrüstung zu fragen, und dem Mechaniker eventuell noch auf den Zahn zu fühlen.

In der Werkstatt stattete Bob Ethan mit Werkzeug und einer Waffe aus, außerdem hatte er natürlich auch Silberkugeln. Als die beiden Männer aus dem Hinterzimmer der Autowerkstatt kamen, fragte Barry nach dem Krankenhaus. Bob druckste herum, aber dann gab er zu, dass er noch nie in dem Gebäude gewesen war, das seit 15 Jahren geschlossen war. Barry zog eine Augenbraue hoch, und Niels wusste, dass er dachte, was alle dachten: Genauso lange war Charity One bereits aus dem Geschäft. Davon wusste der Mechaniker jedoch nichts, er gab an, dass er noch nicht so lange in der Gegend lebte. Er habe aber Schauergeschichten über das Krankenhaus gehört.

Niels bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken. Schauergeschichten? War nicht all das, was er und seine Begleiter erlebten, der Stoff, aus dem solche Geschichten waren? Wussten sie nicht alle vier zu gut, dass diese Geschichten, mit denen man Kinder ängstigte, real waren? Schauergeschichten – was für ein Euphemismus. Und was für eine lächerliche Aussagen im Hinblick auf Leute, die den Großteil ihres Lebens damit verbrachten, die Menschen vor so etwas zu beschützen und sie glauben zu machen, dass es eben nur das war: Schauergeschichten.

Bobs schwammige Aussage bewegte Irene dazu, ihr Telefon auszupacken und im Internet zu recherchieren. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Belustigung und Besorgnis, als sie den anderen mitteilte, was sie herausgefunden hatte: Es gab Gerüchte über irre Pfleger, einen mörderischen Hausmeister und einen psychotischen Arzt. Im Keller des Krankenhauses waren angeblich Leichen verbrannt worden. Barry fragte nach einer Satanssekte, aber dazu hatte Irene nichts gefunden. Für die Kinder und Jugendlichen der Umgebung hielt das Krankenhaus anscheinend für Mutproben her – Niels fragte sich, wer so bescheuert war und freiwillig in einen dunklen Keller ging.

Ethan googlete, ob es eine Verbindung zwischen Charity One und dem Krankenhaus gab. Tatsächlich, ein ehemaliger Pfleger des Linda Vista Hospital war später in den Aufsichtsrat von Charity One gewechselt, aber das war auch alles. Kein Hinweis darauf, dass die Organisation irgendetwas mit den “Schauergeschichten” in dem alten Hospital zu tun hatte.

Damit hatten sie alles beisammen, was sie wissen mussten. Niels spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Keller. Oh, großartig. Ich bin doch nicht dem einen entkommen, um in den nächsten zu steigen. Ob Benedikt das gewusst hatte? Es würde ihm ähnlich sehen, so an den Triggern seines Bruders zu zerren.
Nicht jetzt, Heckler. Es ist nicht wie zuhause, und Benedikt ist weit weg.
Aber warum machte es ihm dann verdammt nochmal soviel Angst?

“Taschenlampe?” fragte er vorsichtig, er erwartete, dass man ihn wegen dieser Frage auslachen würde. Doch stattdessen zog Barry eine große Maglite aus der Tasche und reichte sie ihm wortlos. Niels war ihm in diesem Moment so unglaublich dankbar, doch bevor er etwas sagen konnte, wandte Barry sich ab, um sich eine Zigarette anzuzünden. Nachdem er fertig war mit Rauchen, fuhren sie los, Richtung Linda Vista Hospital.

Vor dem verfallenen und mit Brettern vernagelten Gebäude stand der Lieferwagen, den Earl beschrieben hatte, sie waren also auf der richtigen Spur.
Ethan untersuchte den Lieferwagen, während Irene und Barry nach einem Eingang suchten. Niels fiel auf, dass alle Türen vernagelt waren, er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass wer auch immer, der hier seine .. Beute herbrachte, immer wieder die Nägel aus den Türen riß und die Türen anschließend wieder zunagelte. Es musste einen anderen Eingang geben.

Er sah sich um. Wenn er von Joseph eines gelernt hatte, dann war es, Spuren zu lesen, und so ließ er für einen Moment das Gesamtbild auf sich wirken. Schließlich bemerkte er, dass auf der Rasenfläche an der Seite des Krankenhauses in einer gleichmäßigen Schneise kürzere und niedergedrückte Grashalme standen. Zielstrebig ging er dieser Schneise nach und gelangte an eine Falltür. Er winkte seine Begleiter heran. “Ich hab die Tür gefunden,” sagte er leise. Ethan schlug ihm anerkennend auf die Schulter und machte eine “Daumen hoch”-Geste, worauf Niels spürte, dass er rot wurde.

Nachdem sie die Tür geöffnet hatten, sah Irene ihn an. “Oh, hallo, Klaustrophobie,” meinte sie und versuchte, ihrer Stimme einen belustigten Unterton zu geben. Niels erwiderte ihren Blick nicht, er sah in die Finsternis hinunter. “Nur, wenn es dunkel ist,” murmelte er vor sich hin. Barry stand vor dem Loch und sah ebenfalls hinunter. “Da ist etwas,” erklärte er, “Gefahr.” Irene seufzte. “Das geht ja gut los.” Doch sie stieg mit den anderen in den Gang hinab, ohne sich weiter etwas anmerken zu lassen. Niels bewunderte sie für ihre Stärke. Er hingegen war froh, dass er die Taschenlampe hatte, ansonsten, das wusste er, hätten ihn die Dämonen seiner Vergangenheit schon hier am Eingang eingeholt.

Sei ein Mann, Aaron. Sei einmal ein Mann.

Zu seinem Erstaunen brummte hier immer noch ein Generator – oder wieder? Hatte der – oder das – der Lucy entführt hatte, den Generator angestellt, damit er Strom hatte für das, was er hier unten tat?

Sie gingen weiter und kamen in einen Raum, der eine Art Kombination aus Krematorium und Pathologie gewesen zu sein schien. Am Eingang des Raumes befanden sich die Klappen, hinter denen die Öfen lagen, dahinter öffnete sich der Gang und gab den Blick frei auf metallene Tische, eine Metallwanne und erstaunlich saubere Wände.

Niels leuchtete mit der Taschenlampe die Wände ab. Er fühlte sich unwohl, und das nicht nur, weil irgendwas in diesem Keller zu lauern schien. Aber hier war alles sauber, nichts deutete darauf hin, dass…

.. er sah die Wände hoch: Blut. Auf den Tischen: Blut. Auf dem Boden: Blut. Überall Blut. In seinem ganzen Leben hatte er noch nicht soviel Blut gesehen. Der Geruch stieg ihm in die Nase und verursachte ihm Übelkeit. Der Raum begann sich um ihn zu drehen, er taumelte. Oder drehte er sich im Kreis? In diesem Moment fiel sein Blick auf die Wanne. Sie war voller Blut, und in ihr lag die Leiche einer jungen Frau.
Lucy. Verdammte Scheiße, das war Lucy!

Er sah seine Begleiter an. Sie reagierten nicht. Sahen sie das nicht? “Blut,” stieß er hervor, “überall Blut! Seht ihr das nicht?” Zitternd klammerte er sich an Ethan, keinen Gedanken daran verschwendend, was der Ältere davon halten mochte. Der legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. “Und da – Lucy! Sie liegt in der Wanne! Seht ihr das denn nicht?” Niels bemerkte die besorgten Mienen von Irene und Barry, aber sie schienen nicht wegen des Blutes oder Lucy so auszusehen, sondern seinetwegen. Wurde er jetzt verrückt? Ängstlich verbarg er seinen Kopf an Ethans Schulter. Er musste hier raus, raus, raus aus dem Dunkeln, raus aus dem Keller..

“Mr Heckler.” Das war Irenes Stimme, sie klang ruhig und ein wenig streng. “Können Sie sonst auch solche Dinge sehen?” Er sah vorsichtig auf, ihr Blick ruhte auf ihm, beruhigend, freundlich. Er schüttelte heftig den Kopf.

Aaron, wenn du Dinge siehst, die andere Menschen nicht sehen können, dann hat der Teufel dich in seiner Gewalt. Vielleicht muss ich dann zum letzten Mittel greifen.

“Nein. Sonst hätte mein Vater mich umgebracht,” stieß er hervor. Seine Aussage führte zu einem kurzen Schweigen, das Irene schließlich mit ihrer Schlussfolgerung brach. “Dann hat Sie etwas beeinflusst.”

Oh, das machte es natürlich viel viel besser. Nur anfällig für dämonische Einflüsse. Dafür wäre sein Vater sicher sehr stolz auf ihn.

Ethan löste jetzt vorsichtig Niels’ Hand von seinem Arm und drehte ihn in Richtung der Wanne. “Sieh hin. Leer.” Die Panik flaute etwas ab, und Niels sah, dass die Wanne tatsächlich so blank und leer war, wie in dem Moment, in dem sie den Raum betreten hatten. Fast war es ihm ein wenig peinlich, sich so an Ethan geklammert zu haben, doch der schien nicht zu bemerken, was in seinem jungen Begleiter vor sich ging.

Barry bedeutete ihnen derweil, in seine Richtung zu folgen. Das Leuchten mit der Taschenlampe brachte ein Graffiti zum Vorschein, bei dem es Niels wieder kalt über den Rücken lief.

“Safety” die eine Richtung. Sicherheit. Von dort waren sie gekommen.
“Death” die andere Richtung. Tod. Dorthin wollten sie.

Sie gingen an verschlossenen Türen vorbei, Barry und Niels zuerst, dann Irene und Ethan. Plötzlich blieb Niels stehen. Er hatte etwas gehört, ein Geräusch, so unendlich vertraut, ein Geräusch, das er nie wieder hatte hören wollen. Ein Schaben, ein Kratzen,…

Kratzen. Was ist das? Jetzt hört er es. Seine eigenen Fingernägel. Sie fahren über das Holz, suchen einen Ausweg. Klopfen. Innen? Außen? Er weiß es nicht. Dunkel. Nein! Nicht die Tür schließen. Da ist kein Licht mehr! Er bekommt keine Luft mehr. Was hat er getan, er ist doch noch ein Kind.
Aaron, hast du gebetet? Hast du gebetet? Hast du um Vergebung für deine Sünden gebeten?
Vater! Bitte komm zurück! Lass mich raus! VATER!
Angst steigt in ihm auf. Panik. Alles umfassende, alles verschlingende Panik. Sein Herz rast. Luft, ich brauche Luft! Es ist so dunkel, so kalt, so allein, es tut so weh..

Er spürte den unnachgiebigen Blick seines Vaters auf sich, fühlte, wie dessen Hände ihn packten, hörte, wie sie die Tür schlossen, sah, wie sich das Dunkel um ihn ausbreitete.

“Vater, ich.. nein! Bitte nicht! Ich tu’s nicht wieder!”

Er hörte den Aufschrei, und dann war ihm klar, dass es sein eigener gewesen war. Barry kam auf ihn zu, und Ethan und Irene sahen ihn nur verständnislos an. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, da wurde ihm bewusst, dass er deutsch gesprochen hatte. Irgendetwas hatte sich in seine Gedanken geschlichen und die Erinnerung an damals – an die besagte Nacht und viele andere seiner Kindheit und Jugend – wieder aufgedeckt und spielte mit ihnen in seinem Kopf.

“Mr Heckler, wir müssen weiter,” sagte Irene jetzt kühl, doch er war sich sicher, dass er hinter der Tür nicht nur seine eigenen Erinnerungen gehört hatte. Etwas war dort, und sie mussten nachsehen. Die anderen hatten jedoch nichts gehört, aber Barry gab zu bedenken, dass es eine dumme Idee war, sich nicht nach hinten abzusichern. Ethan öffnete die Tür und ging als erster hindurch. Der Raum war leer bis auf eine durchgelegene Matratze und eine Kommode. Doch was sofort ins Auge fiel, war die Schrift an den Wänden.

“The end is near”. Das Ende ist nahe. Geschrieben in Blut.

Niels schauerte. Was hatte derjenige, der in diesem Raum eingeschlossen gewesen war, für Höllenqualen erleiden müssen? Er verließ die Zelle sofort wieder, nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand hier war.

Ethan untersuchte jedoch derweil die Kommode und öffnete Schublade für Schublade. Die dritte von oben schlug er mit einem angewiderten Gesichtsausdruck sofort wieder zu, dann kam er aus dem Raum. Irene sah ihn nur fragend an, aber der junge Mann schüttelte nur den Kopf. “Besser nicht rein. Unschön,” erklärte er in der ihm so eigenen Sprechweise, aber das hielt Irene nicht davon ab, selbst loszugehen, um sich ein Bild vom Inhalt der Schublade zu machen.

Ihr schien das nicht soviel auszumachen, sie erklärte den drei Männern, dass sich in der Schublade Fingerkuppen befunden hatten. Offensichtlich hatte sich jemand mit der Schublade selbst verstümmelt, um dann mit seinem Blut die Wände zu beschmieren. Aber sie schien noch mehr entdeckt zu haben, nachdem sie die Schublade wieder geschlossen hatte, blieb sie in der Mitte des Raumes stehen und sah nach oben, eine gefühlte Ewigkeit lang. Dann kam sie jedoch wieder auf den Gang hinaus und murmelte nur ein “Als wären es zwei,” vor sich hin. Niels hatte keine Ahnung, was sie damit meinte. Irgendwo in seinem Hinterkopf hatte er das Gefühl, dass er es wissen sollte, aber noch immer wurden seine Gedanken von dem überlagert, was er gerade gefühlt hatte.

Sie folgten dem Gang, bis vor ihnen plötzlich ein rotes Licht aufleuchtete. Niels spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, seine Jägerinstinkte sprangen an, da kam etwas auf sie zu, und es war definitiv übersinnlich. Er schaltete seine Taschenlampe aus. Um ihn herum wurde es noch dunkler, als plötzlich Ethans und Irenes Lampen durchbrannten. Das rote Licht flackerte immer noch vor ihnen, dann formten sich in der Dunkelheit drei Buchstaben: “DIE”.

Stirb.

Niels schaltete seine Lampe wieder an und leuchtete jetzt in dem Raum, der vor ihnen lag, die Wände ab. Eigentlich war das Routine, aber das, was er jetzt in der Ecke an der Decke sah, liess ihn doch zusammenzucken: Eine bleiche Gestalt, kahl, in einem weißen Kittel, mit feingliedrigen spinnengliedrigen Fingern. Lange spitze Eckzähne. Ein Vampir. Wie schön. Er dachte an den letzten Vampir, der ihm und seinen Brüdern vor fünf Jahren begegnet war. Einen Moment lang war Niels versucht, sich selbst dafür zu schelten, dass er Bob nicht nach dem Blut eines toten Mannes gefragt hatte.

Aber als er einen zweiten Blick auf das Wesen warf, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Es war auf einmal so unendlich kalt hier, kälter, als es sein durfte. Ein Geist war hier. Niels erinnerte sich an Irenes Ausspruch. Der Geist war definitiv hier, und er steckte in dem Vampir.

Das Wesen zischte böse, und Niels erschrak so sehr, dass er mit der Lampe nervös hin- und herzuckte. Verdammt, Heckler, reiß dich zusammen.

Er zog seine Waffe und schoß, und auch die anderen feuerten jetzt auf das Wesen, das immer noch in der Ecke zu sitzen schien. Niels traf es, während die anderen es verfehlten. Der Vampir machte eine Handbewegung, aber nicht etwa zur Abwehr, sondern um das Mobiliar durch den Raum fliegen zu lassen. Ein Schrank traf Irene, die mit einem erstickten Aufschrei an die Wand gepresst wurde. Ein hässliches Knacken verriet, dass mindestens eine ihrer Rippen gebrochen war.
Barry war von irgendeinem umherfliegenden Teil am Kopf getroffen worden, er blutete an der Stirn. Niels schaltete um auf Jäger-Modus. Zielen. Schießen. Zielen. Schießen. Das Salz aus seiner und Ethans Waffe tat seine Wirkung, der Geist löste sich aus dem Vampir. Dieser schien nun sehr verwirrt zu sein, dass er auf einmal wieder selbst die Kontrolle über alles hatte, doch diese Verwirrung dauerte nicht lange. Er witterte das Blut und stürzte sich auf Barry. Irene ging mit ihren Messern dazwischen, Niels wusste, dass sie wirklich gut war mit diesen Dingern, davon hatte er sich auf der Ölbohrplattform überzeugen können. Der Vampir ließ von Barry ab, und diesen Moment nutzte Ethan, um ihm seinen Gewehrkolben über den Schädel zu ziehen. Niels schoß ein weiteres Mal, und das schien den Vampir schon schwerer getroffen zu haben, auch wenn er wusste, dass das einzige, was den Vampir wirklich umbrachte, war, ihn zu köpfen. In einem letzen Aufbäumen griff der Vampir nach Ethan, der ihm am nächsten war, und zog ihm seine Klauen über den Bauch. Für einen kurzen Moment fürchtete Niels, dass es schlimmer war, und ihm entfuhr zu seinem eigenen Ärger ein besorgtes “Ethan!”. Irene griff noch einmal an, und Barry schoß mit seiner Glock auf den Vampir und traf ihn in den Kopf. Er überließ es jedoch Ethan, die Reste vom Hals zu trennen, mit einer Hand und in seinem Zustand war ihm das nicht mehr möglich.

Niels atmete tief durch und war drauf und dran, den Keller wieder zu verlassen, als Barry ihnen allen kurz bedeutete, zu schweigen. “Der Geist ist noch da,” erklärte er und ging zu einer Stelle, an der der Boden eindeutig neuer war als ringsherum. Niels und Ethan nickten sich nur zu, dann stemmten sie den Boden auf. Wie vermutet, lag hier ein Skelett, und als Niels es näher betrachtete, fielen ihm die fehlenden Fingerglieder an der einen Hand auf. “Verbrennen. Alles,” erklärte Barry. Niels wusste, was er damit meinte. Auch wenn er es nicht gerne tat, ging er mit Irene zurück in den Raum, der ihn so entsetzlich an damals erinnert hatte, um die Fingerkuppen zu holen. Er legte sie zu den übrigen Knochen, dann bestreuten sie sie mit Salz und zündeten sie an. Der Geist des Linda Vista Hospital war endgültig gebannt.

Doch eins war noch immer offen: Was war mit Lucy passiert? Niels erinnerte sich mit Schaudern an seine Vision, und offenbar war er nicht der einzige, der so dachte. Ethan überlegte, ob die junge Frau jetzt zum Vampir geworden war, aber sie fanden keine Spuren eines weiteren Vampirs. Aber wo war die Leiche? Das Krematorium in der Pathologie fiel ihnen ein. Als sie dorthin zurückkehrten und eine der Klappen öffneten, sahen sie, dass sie vor kurzem benutzt worden war.

Niels kämpfte mit dem Impuls, mit der Faust gegen die Wand zu schlagen. Er hatte so sehr gehofft, Lucy zu finden und sie zu Steve zurück zu bringen, aber diese Hoffnung hatte sich jetzt zerschlagen. Er fürchtete sich vor dem Moment, Steve zu sagen, was passiert war, schließlich war Reden noch nie seine Stärke gewesen. Vielleicht würde Ethan ihn begleiten. Der machte zwar nicht viele Worte, wenn er sprach, aber es waren wenigstens immer die richtigen.

Aber zuvor war es angebracht, ein richtiges Krankenhaus aufzusuchen, Barry begann jetzt zu schwanken, anscheinend war seine Kopfwunde doch schlimmer als angenommen, und auch Irenes Gesichtsfarbe entwickelte sich zu einem dezenten Kalkweiß. Ethans Wunden waren zwar nicht tief, aber er wollte dennoch ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Während seine Begleiter sich in die Notaufnahme begaben, fiel Niels etwas anderes ein. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und sah auf die Uhr. In Deutschland war es jetzt gerade früher Morgen, und er wusste, dass sein Gesprächspartner schon wach war. Mehr als 5 Stunden schlief Benedikt Heckler niemals am Stück. Tief durchatmend wählte Niels die Nummer, die in der Email gestanden hatte, und als er die bekannte Stimme am anderen Ende hörte, hätte er am liebsten gleich wieder aufgelegt, aber er musste jetzt etwas wissen.

“Ich bin’s,” sagte er, und Benedikt verstand sofort. “Ach ne. Hast Du das Monster besiegt?” Seine Stimme klang gelöst und fröhlich, Niels stellte sich vor, dass sein Bruder gerade gefrühstückt hatte und jetzt auf dem Weg in den Wald war. “Brauchtest du Hilfe?” Natürlich, Benedikt, ohne dich kriege ich doch nichts auf die Reihe. Ohne dich und die beiden anderen Spinner. Für euch bin ich doch nur der Loser, der abgehauen ist. “Naja, früher hatte ich Vater, Joseph und dich, jetzt hatte ich eben andere Hilfe.” Er bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, dass er seinem Bruder am liebsten eine reingehauen hätte, würde er ihm jetzt gegenüber stehen. Auch wenn Benedikt zwölf Jahre älter war als er, war er ihm körperlich sicher nicht mehr unterlegen. “Vielleicht sollte ich mal Urlaub machen,” meinte Benedikt jetzt, und Niels konnte sich gerade lebhaft vorstellen, dass sein Bruder breit grinste. “Du brauchst erstmal einen Job, um Urlaub machen zu können!” gab er zurück. Tolles Argument, Heckler, du bist Student. Benedikt ließ sich davon auch nicht beeindrucken. “Ich habe einen Job, ich bin Jäger, Vollzeit.” Niels lachte bitter auf. “Und woher willst du die Kohle nehmen?” wollte er wissen. Benedikt lachte ebenfalls. “Das lass doch einfach mal meine Sorge sein, Kleiner.”
Nenn mich nicht Kleiner. Verdammt, nenn mich nie mehr Kleiner, und nimm mich doch einfach mal ernst. In jeder Hinsicht.
Niels seufzte, aber er musste es jetzt wissen. Die letzten Wochen – die Ölbohrinsel und der Keller – hatten zuviel wieder hervorgeholt, was er hatte verdrängen wollen, und er musste sich dem jetzt stellen.

“Das warst doch du, oder? Du hast doch damals Vater gesteckt, dass sein Jüngster am eigenen Geschlecht interessiert ist?” wollte er wissen, sein Tonfall wurde scharf. Darauf schien Benedikt keinen lustigen Spruch mehr zuhaben. Am anderen Ende der Leitung herrschte auf einmal Schweigen. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Dann ein Klicken und ein Tuten. Benedikt hatte einfach aufgelegt.

Niels ließ das Smartphone sinken und sah das Display ratlos an. War es also tatsächlich so gewesen? Benedikt hatte genau gewusst, was er gemeint hatte, und er hatte ihn sehenden Auges in die Konsequenzen rennen lassen. Vermutlich hatte Vater ihm noch dankend auf die Schulter geklopft dafür.

Er ging zum Fenster und warf einen langen Blick hinaus. Hörte das irgendwann auch nochmal auf? In diesem Moment kam Ethan aus dem Behandlungszimmer, und Niels war froh, dass sie endlich etwas anderes angehen konnten: Er musste mit Steve reden. Als habe er es geahnt, sah er den Junkie über den Vorplatz des Krankenhauses laufen, doch offensichtlich wollte er nicht zu ihnen, er hielt auf einen Krankenwagen zu, an dem ein Sanitäter lehnte und rauchte. Als er Steve sah, zog er etwas aus der Tasche und gab es dem jungen Mann, der seinerseits ein Bündel Geldscheine aus seiner Jacke zog und sie dem Sanitäter reichte.

Niels lief in Windeseile die Treppen herunter, Ethan und Barry dicht auf seinen Fersen. Als Steve sie sah, kam er herübergeschlendert. “Hi,” sagte er und grinste schräg, “habt ihr Lucy gefunden?” Niels seufzte. Hoffentlich schaffte er das. Vor seinem inneren Auge erschien plötzlich ein Mann mit dunklen Augen und einem Cowboyhut. ”… wenn du Hilfe brauchst und und Eloquenz gefragt ist.” Nein, das hier würde er auch ohne Hank Williams hinbekommen, hoffte er. “Wir haben den Typen gefunden, der sie entführt hat. Der.. macht das so schnell nicht wieder. Aber.. aber.. es tut mir leid, Lucy ist tot.” So, jetzt war es raus.

Steve sah ihn bestürzt an. “Wie..?” fragte er, seine Augen füllten sich mit Tränen. Niels hätte ihn am liebsten in den Arm genommen, aber er wusste, dass das nur ihm geholfen hätte. “Der Kidnapper. Hat sie umgebracht,” erklärte Ethan ohne Umschweife, als er merkte, dass Niels zögerte. Steve nickte nur und drehte sich um, um zu gehen, aber Barry hielt ihn zurück. “Gib mir die Drogen,” sagte er nur und sah Steve durchdringend an. Der sah ihn kurz überrascht an, doch Barrys Blick ließ keine Widerrede zu. Langsam zog Steve das Päckchen wieder aus der Tasche und reichte es dem einhändigen Mann.

Da sie Steve nicht so hier stehen lassen wollten, bot Irene an, ihn nach Seattle zu fahren, in eine Klinik. Um Geld müsse er sich keine Sorgen machen. Als sie auf dem Weg zum Auto waren, nahm Ethan Niels beiseite. “Deja-vu,” meinte er nur, und Niels überlegte für einen Moment, ob das eine Frage war. Sollte er dem anderen jetzt erzählen, warum er ihn angelogen hatte? “Naja, so ungefähr,” wich er aus, er wollte nicht mehr darüber sprechen. “Ach, du auch?” Ethan schien überrascht. Niels sah auf den Boden. “Naja, wenigstens hatte die arme Frau noch Licht.” Die Dunkelheit hatte ihm immer zu schaffen gemacht, die Dunkelheit, in der die Dinge lauerten, die er und seine Familie bekämpften, und die ihn holen würden.

Natürlich gab es in der Klinik keinen Platz mehr für Steve, bis Irene ihre goldene Kreditkarte zückte. Damit war auch seine Vorzugsbehandlung gewährleistet. Niels verabschiedete sich von dem jungen Mann und versprach, ihn zu besuchen. Dann wünschte er auch seinen Begleitern Lebewohl, die sich zum Flughafen aufmachten.

Als er zum Studentenwohnheim zurückkehrte, immer noch den Kopf voller Gedanken und bereits ein neues Motiv für seinen Rücken entwerfend, fürchtete er kurzzeitig, dass Benedikt bereits hier gewesen war, als er einen Briefumschlag an der Tür fand. Doch dann entspannte er sich wieder: Er kam zwar von einem Heckler, aber von Felicity, nicht von seinem Bruder. Sie wünschte, dass er ihr half, irgendwelchen Tischschmuck auszusuchen, und zum ersten Mal war Niels seiner Cousine dankbar, dass sie gefühlt den gesamten englischen Hochadel eingeladen hatte. So war er wenigstens abgelenkt. Bis Benedikt doch erscheinen sollte.

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Timberwere

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