Mädchenkram - Supernatural

Salz in der Suppe

aus Barrys Tagebuch

Ich kam in einer dunklen Höhle wieder zu mir. Zerschlagen, aber noch nicht tot. War mit groben Stricken gefesselt. Haken war noch da, meine Pistolen nicht. Hätte besser laufen können.
Es war nicht vollständig dunkel, aus einem niedrigen Durchgang schien rötliches Licht in die Höhle. Ich sah Wurzelgeflecht und dunkle, feuchte Erde. Und einen anderen Gefangenen, gefesselt wie ich. Ein Mann, kurze Haare, Jeans, T-Shirt. Kleidung zerrissen und verdreckt, Prellungen im Gesicht.
Als er sah, dass ich wach war, lächelte er mir aufmunternd zu.
„Hey“, sagte er, „mach dir keine Sorgen. Mein Name ist Stinger, und ich bringe uns hier beide raus.“ Nach kurzem Nachdenken fügte er hinzu: „Stinger, der Hexenbezwinger. Ich weiß, ich weiß, du denkst jetzt sicher: ‚Hexen? Was labert der da? Es gibt doch keine Hexen!‘ Aber hey, ich bin ein Profi, ich weiß, wovon ich rede!“
Wie schön für ihn. Ich atmete tief durch. Den Namen kannte ich aus dem True-Believers-Forum. BroHunters bester Kumpel. Sprachrhythmus und die Angewohnheit, seinen Namen mit allen möglichen Reimen zu versehen – das war der Typ. War zwar schön, einen Verbündeten zu haben, aber hätte das nicht Ethan sein können? Oder meinetwegen Irene? Sonst tauchten die doch auch an allen möglichen Orten auf.
„Du bist der Typ mit dem Kind, oder?“, wollte er wissen. „Der Schriftsteller? Klar bist du das, sie hat ja gesagt, du wärst Indianer. Wolltest dein Kind retten, was? Hättest dir mal jemanden holen sollen, der sich damit auskennt.“
Genau. Er sah ja aus, als hätte er die Situation perfekt unter Kontrolle. Ich verzichtete darauf, einen Kommentar dazu abzugeben.
„Was will sie mit dem Kind?“, fragte ich stattdessen.
Stinger verzog das Gesicht. „Mann“, sagte er, „das ist kompliziert… ich und ein paar Kumpels haben ihr die Hütte angezündet, und jetzt braucht sie Kraft. Dafür muss sie… naja… dafür muss sie ein neugeborenes Kind essen oder so. Krasser Scheiss.“
Allerdings. Innerlich wurde mir kalt. Ich musste hier raus. Probeweise zerrte ich an meinen Fesseln.

Stinger sah das. „Hey, ich sag doch, mach dir keine Sorgen, Mann. Ich hab meine Fesseln fast durchgerubbelt“, er zeigte mir die Stricke, mit denen seine Handgelenke auf dem Rücken gebunden waren – sie waren leicht angeschabt, „und dann mach ich die Hexe fertig!“
Darauf wollte ich jetzt nicht warten. Meine Arme waren zwar ganz gut verschnürt, aber wenn ich es schaffte, den Sockel, an dem der Haken befestigt war, abzustreifen… der saß dank Liner zwar relativ fest, aber er ist eben nicht angewachsen. Also kräftig ziehen. War durch die Fesseln nicht leichter. Wenn ich die Schulter… au. Nein, das gefiel der Schulter nicht. Egal.

„Man kann die Hexe natürlich nicht einfach mit Waffen töten“, erklärte mir Stinger in der Zwischenzeit. „Hab ich schon versucht. Aber! Ich kenn da einen Typen, der mit Engeln reden kann, der hat mir zwei Kreuze auf die Hände tätowiert – also auf jede eins – und damit kann ich sie erwürgen. Heilige Hände!“ Er grinste triumphierend.

„Vertrautentier“, sagte ich. Okay, klang wie Ethan, aber ich versuchte grade, mir die Schulter auszukugeln, um den Sockel abzustreifen. Wie gut, dass ich einen neuen, festeren Polymer-Liner hatte.
„Häh?“, machte Stinger. „Was?“
„Hermelin“, erklärte ich durch zusammengebissene Zähne. „Vertrautentier. Schwächt sie, wenn es stirbt.“
Stinger schüttelte den Kopf. „Blödsinn“, meinte er nicht unfreundlich. „Wo hast du denn das her? Hab ich noch nie was von gehört, und ich bin immerhin ein Profi!“ Klar war er das. Ich verzichtete darauf, mich mit ihm zu streiten, und riss mit einem heftigen Ruck den Armstumpf aus dem Sockel. Und die Schulter aus dem Gelenk. War nicht angenehm, aber meine linke Hand hatte jetzt Spiel in den Fesseln. Konnte sie jederzeit abstreifen. Sobald der Schmerz nachließ und ich wieder atmen konnte, jedenfalls.

Gerade als ich mich wieder unter Kontrolle hatte, tauchte das Hermelin im Durchgang auf und spähte in die Höhle.
„Er ist wieder wach“, rief es mit dieser hohen, widerlichen Kinderstimme. Von weiter hinten kam eine Erwiderung, die ich nicht recht verstand, aber das Tier drehte sich um und ließ uns allein.

„Boah, immer dieses Gefiepe, das geht mir auf die Nerven“, erklärte Stinger. Gefiepe?
Vorsichtig zog ich die Hand aus den Fesseln und tastete nach meinem Zopf. „Verstehst du nicht, was es sagt?“, fragte ich ihn.
„Verstehen? Alter, ich bin doch nicht der Rattenflüsterer oder so“, antwortete er und lachte abfällig. Also nicht. Okay. Ich konnte hin und wieder Geister hören, warum also nicht auch Vertrautentiere.

Ich hatte es gerade geschafft, das dünne Messer in meinem Zopf zu fassen zu bekommen, als die monströse Mantelgestalt im Durchgang auftauchte, meinen linken Fuß packte und mich hinter sich her schleifte. War wenigstens nicht der mit dem angeschlagenen Knöchel. Leider hatte ich das Messer noch nicht richtig gegriffen, nur gelöst. Konnte es nicht halten, als es fiel. Schlecht, aber vielleicht konnte der gefesselte Profi ja was damit anfangen. Hätte es lieber behalten.
Die Gestalt zerrte mich in eine größere Höhle. Eine echte Hexenküche mit einer großen Feuerstelle, über der ein Kessel aus schwarzem Metall hing. Im Kessel blubberte eine zähe Flüssigkeit. Roch nach Suppe, gar nicht unangenehm, wenn dieser Hauch von Moder nicht gewesen wäre. In einem Regal standen trübe Glasbehälter, deren Inhalt ich nur erahnen konnte. Föten, vielleicht. Von den Wurzeln hingen Kräuterbündel.
Der Raum war ziemlich unordentlich und nur halb eingeräumt. Überall standen offene Kisten herum, aus denen Kleider, Kochgeschirr und weniger leicht identifizierbare Dinge quollen.

Ich hatte kaum Zeit, mich umzusehen, bevor die Mantelgestalt mich packte und auf den einzigen Tisch knallte. Genau auf die ausgekugelte Schulter. Keinen Laut, Jackson. Keinen verdammten Laut, sonst merken sie, dass etwas nicht stimmt, und das war es dann. Du kannst später heulen.
Mühsam beherrschte ich mich. Behielt die Hände hinter dem Rücken, als wäre ich noch gefesselt. Kontrollierte meinen Atem. Kriegte mich ein. Schaute mich um.
Sanya, das Hermelin, saß neben den Glasflaschen im Regal und putzte sich in aller Ruhe. Malgorzata stand bei dem Kessel. Sie trug immer noch die nette rosa Strickjacke mit den Blümchen und sah aus wie eine freundliche alte Dame, aber ihr Schatten war monströs. Riesig, bucklig, verzerrt und entstellt. Dagegen war Biancas Schatten ein harmloser Kinderschreck gewesen. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich ihn ansah.

Sie kam langsam zu mir herüber und sah auf mich herab. „Na, Mr. Jackson, was für ein Vergnügen, Sie hier zu haben“, säuselte sie. „Das macht es alles viel leichter.“ Sie lächelte freundlich. In ihrer rechten Hand hielt sie ein großes Messer.
„Du wirst das Kind nicht bekommen“, sagte ich. „Es ist beschützt.“
„Das kann sein“, erwiderte sie zuversichtlich. „Aber doch nicht vor seinem Vater. Wenn ich dir erst die Haut vom Leib geschält und mir ein Kleid daraus genäht habe, werden sie mir dein Kind freiwillig in den Arm drücken.“ Sie muss mir meinen Ekel – und auch meine Angst, um ehrlich zu sein – angesehen haben. Mit einem hämischen Kichern erklärte sie mir, dass ich die Prozedur ja vielleicht sogar überleben würde. Vielleicht würde ich dann etwas von ihrer Suppe kriegen, wenn sie wieder da war.
Während sie plauderte, sah ich mich hektisch um. Aus einem Karton ragte ein Küchenbeil, das war gut. Über uns hingen einige Kräuter, und zu meiner immensen Erleichterung erkannte ich Salbei. Das war noch besser. Allerdings stand der Mantelmann noch direkt neben mir, und von Stinger keine Spur.

Egal. Keine Zeit mehr. Mit einem breiten Lächeln bedeutete Malgorzata ihrem Diener, er solle mich festhalten, damit sie anfangen könnte. Ich atmete durch. Bat die Geister um Kraft. Zog die Beine an, schnellte nach oben, griff ein Bündel Salbei und steckte es in den Mund. Dann ließ ich mich vom Tisch fallen, direkt neben die Kiste mit dem Beil. Kaute hastig auf dem Salbei herum.
Malgorzata war überrascht. Brauchte einen Moment, um zu reagieren. Der Mantelmann griff nach mir, aber der Tisch war zwischen uns.

Ich fiel einigermaßen gut, griff das Beil. Spukte den Salbeibrei auf die Klinge, klemmte sie unter den rechten Arm. Ignorierte die Schulter. Der Mantelmann schob den Tisch zur Seite. Die Hexe lachte nur.
„Das wird dir nicht helfen, Schreiberling“, sagte sie höhnisch. „Es wird nur noch mehr weh tun.“
Mit der linken Hand zeichnete ich rund um die Klinge ein Zickzackmuster aus dem Brei. Schnitt mich, tief, als der Diener der Hexe mich in die Seite trat. Schlug mit dem Beil nach ihm, und er wich einen Moment zurück. Das reichte. Sanya saß immer noch im Regal und schaute dem Kampf zu. Ich warf.

Traf das Hermelin. Direkt am Kopf. Das weiße Fell färbte sich rot, das Tier zappelte einen Moment, versuchte, die Waffe aus dem Schädel zu bekommen. Stieß einen kläglichen Schrei aus, wie ein kleines Kind. Zuckte noch einmal. Dann verfärbte sich das Fell, braun, grau. Fiel in modrigen Klumpen aus. Rasend schnell. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, dann war nur noch ein brüchiges Skelett übrig.
Neben mir fiel der Mantelmann in sich zusammen. Aus den Ärmeln, aus den Beinen der Hosen, aus dem Kragen und unter dem Hut strömten unzählige Mäuse hervor, die die Form der Gestalt ausgefüllt hatten. Die Macht der Hexe war mit dem Tod des Vertrautentieres gebrochen.
Aber sie war noch nicht tot. Dramatisch gealtert, ja. Faltige, uralte Haut, ein fast kahler Schädel mit ein paar dünnen weißen Haarsträhnen. Die Arme dürr und fleckig, der Körper bucklig und gebeugt. Ihr Gesicht jedoch wutverzerrt, ihre Augen hasserfüllt unter den Katarakten.
„Das büßt du mir, Schreiberling“, kreischte sie auf und hob das Messer. Humpelte auf mich zu. Gut. Jetzt, wo sie geschwächt war, konnte ich sie töten.

Ich kämpfte mich auf die Füße. Mein rechter Knöchel war angeschwollen und verfärbt, aber ich konnte drauf stehen. Laufen… naja. Schwierig. Aber sie bewegte sich auf mich zu, und so langsam, wie sie war, rechnete ich mir gute Chancen aus. Trotz der kaputten Schulter. Obwohl mein Haken irgendwo lag, ich unbewaffnet war und sie ein Messer hatte. Egal. Niemand greift meine Familie an und lebt.

Bevor sie mich erreichte, tauchte auf einmal eine Gestalt neben dem Kessel auf. Stinger. Hob die Hand und warf etwas mit triumphierender Geste hinein. Dabei brüllte er: „Jetzt versalz ich dir die Suppe, du widerliche Hexe!“
Was auch immer er in den Kessel geworfen hatte – Salz, vermutlich – zeigt sofort Wirkung: Das Gebräu wurde schlammig-grün und blubberte krampfartig. Der angenehme Essensgeruch wurde schlagartig zu einem fauligen Gestank nach Moder und Verfall.

Malgorzata blieb stehen. Blickte wutentbrannt zwischen Stinger und mir hin und her. Zögerte. Stinger lachte und hob seine Hände. Zeigte die Kreuze auf den Ballen seiner Daumen.
„Hey, Schlampe“, rief er, „die hat mir Marcus deVries gemacht! Wetten, die sind nicht gut für dich?“

Das reichte ihr. Sie warf das Messer nach Stinger. Traf ihn an der Schulter. Er quittierte den Treffer mit einem verdutzten „Au“ und blieb stehen. Verdammt, verdammt, verdammt. Dieser Vollidiot. Ich versuchte, loszurennen, aber der Knöchel gab nach und ich musste mich an der Wand festhalten.
Die Hexe drehte sich noch einmal um und warf mir einen abgrundtief giftigen Blick zu, griff dann nach einem Schemel, setzte sich drauf und flog los. Keine letzten Flüche. Vermutlich fehlte ihr die Kraft, ohne Tier, ohne Kessel. Aber weg war sie trotzdem.

„Na, das hat doch gut geklappt“, meinte Stinger zufrieden. „Aber hey, steh da nicht so rum, wir müssen hier raus!“ Da hatte er allerdings recht. Der Baum zitterte und schwankte. Wurde morsch und brüchig. Der Ausgang, durch den Malgorzata entkommen war, schrumpfte. Stinger war schon fast draußen, bevor er begriff, dass ich nicht richtig laufen konnte. Immerhin, er kam zurück, stützte mich und schleifte mich raus. Gerade so.

Draußen ließen wir uns beide fallen. Atmeten durch. Es war mittlerweile Nacht geworden. Der Bayou war nicht stiller als sonst, aber auch nicht lauter. Alles ganz normal.
Nachdem Stinger zu Atem gekommen war, fing er wieder an zu plappern.
„Hey“, meinte er. „Du musst dich nicht bedanken oder so.“ Ich starrte ihn ungläubig an. Bedanken? Wofür?
„Klar, ich hab dir das Leben gerettet, aber das gehört nun mal zu meinem Job“, fuhr er selbstzufrieden fort. „Du kannst nach Hause gehen und das alles vergessen. Oder ein Buch darüber schreiben. Hey“, ihm kam eine Idee, „ich könnte in dem Buch vorkommen, was? Das wär bestimmt ein geiles Buch! Stinger, der Painbringer!“ Er grinste begeistert.
Dazu sagte ich lieber gar nichts. Wenn dieser Profitrottel nicht gewesen wäre, hätte ich Malgorzata erwischt. Jetzt war sie erst mal weg, aber ich war ziemlich sicher, dass ich die nicht das letzte Mal gesehen hatte.

Stinger hatte mittlerweile das Messer aus seiner Schulter gezerrt. Blutete ziemlich stark. Er verzog das Gesicht und holte einen kleinen Nylonbeutel aus einer Hosentasche. So ein Teil hatte Ethan auch gehabt. Sollte ich mir vielleicht mal anschaffen, so oft, wie ich meine Einsatztasche verlor.
„Stinger“, sagte ich, „Angebot: Du kugelst mir die Schulter wieder ein, ich nähe das.“

„Okay“, sagte er. „Aber ich warn dich: Das wird ganz schön weh tun.“ Ich nickte knapp. Hoffentlich wusste der, was er tat. Er plauderte weiter vor sich hin, irgendwas von Hexenwölfen und herumlaufenden Häusern. Ich hörte nicht recht zu, weil er es erst im dritten Anlauf schaffte, die Schulter dahin zu räumen, wo sie hingehörte. Mann.
Dann vernähte ich seine Wunde, während er mannhafte Schmerzgeräusche machte. Gut, zugegeben, ich kann nicht ausschließen, dass ich so ähnlich geklungen habe.

„Hey, du bist ganz schön hart für einen Schriftsteller“, meinte er anerkennend, als ich fertig war. Ich warf ihm einen unfreundlichen Blick zu.
„Verspannungen vom Schreiben“, erklärte ich ihm. „Sind die Hölle.“ Ich hatte wirklich keine Lust, mich noch länger mit diesem Trottel abzugeben. Meinen Sarkasmus verstand er sowieso nicht.

Schließlich verschwand er. Ich ließ mich von J.D. abholen. Nach Hause fahren. Die Kinder lagen einträchtig auf dem Sofa und schliefen – Brian meinte, sie wollten unbedingt auf mich warten. Fein. Wir ließen sie in Ruhe. Nur… ich nahm Vicky behutsam aus ihrer Wiege. Sie wachte auf, als ich sie vorsichtig untersuchte. Griff nach meinen Haaren. Schaute mich aus ihren großen dunklen Augen an. Und lächelte das erste Mal in ihrem Leben.

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Marganma

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