Mädchenkram - Supernatural

Southern Discomfort

Ein himmlischer Deserteur in Ruston

Eigentlich mag ich den Süden, so verquer er auch ist. Landschaftlich finde ich Louisiana phantastisch. Das Essen könnte nirgends besser sein. Die Leute… nunja, es kann nicht alles perfekt sein. Es gibt ein paar wahnsinnig sympathische, der Rest ist irgendwie sehr, hm, extrem. Als ich in Ruston auf Gideon treffe, denke ich noch, dass die häufigen Geistererscheinungen der letzten zwei Wochen vielleicht so etwas wie das Hexenwerk von Colma sein könnten. Es sind ein paar kürzlich Verstorbene sofort wieder als Geister herumgelaufen, was mir ungewöhnlich vorkommt. Normalerweise braucht es immer einige Zeit, bis der Geist eines Toten sich zum ersten Mal zeigt.
Im Diner, wo auch sonst, laufen wir in Special Agent Saitou und einen gut gekleideten Schwarzen, den der Fed uns als Dr. Akintola vorstellt. Der ist gar nicht sein Berater in einem Fall, wie ich zunächst dachte, sondern nur zum Essen gekommen, weil er dem ewigen Gumbo in Grampling entkommen wollte, wo er zurzeit Vorträge hält. Das sagt er mir in fast perfektem Oxfordenglisch, was ihm sofort Bonuspunkte einträgt. Ich war schon viel zu lange nicht mehr zuhause. Mich packt tatsächlich ein Anflug von Heimweh. Saitou und er kennen sich wohl von einer früheren Ermittlung. Da wir uns nicht sicher sein können, wie er auf die Geistergeschichte reagiert, fangen wir zunächst sehr vorsichtig an, die Sprache auf die Zeitungsartikel und das beunruhigende Video zu bringen, über das man schnell stolpert, wenn man nach Ruston und übernatürlichen Phänomenen googelt.

Lange müssen wir nicht um den heißen Brei herum reden, denn Gideon bestellt sich ein Stück Kuchen. Das wäre soweit nichts ungewöhnliches. Doch der Kuchen bewegt sich ohne einen Beitrag der Kellnerin zu ihm. Ihr Blick folgt kurz dem Teller, dann zieht sie es vor, so zu tun, als hätte sie das Phänomen nicht bemerkt. Dr. Akintola ergreift die Initiative und zitiert sie an den Tisch. Ob es denn schon öfter vorgekommen sei, dass sich ihre Speisen selbständig machten? Sie windet sich wie ein Aal, ehe sie zugibt, nunja, ja, schon. Hin und wieder, wenn ein so gutaussehender Mann hier in diesem Servicebereich sitze, der dem Beuteschema ihrer Kollegin Leslie entspreche. Ich sehe von Jonathan zu dem charmanten Dozenten zu Gideon und wieder zurück zu Jonathan und kann mir die Frage nicht verkneifen, welchen sie meint. Die Frau hat ausschließlich Gideon im Blick. Aha.
Leslie wurde vor wenigen Wochen Opfer eines Autounfalls und hinterließ zwei kleine Kinder. Wieder etwas ungewöhnlich. Die Geister, die ich bisher so erlebt habe, sind dramatischere Tode gestorben. Was für eine unerledigte Sache hat eine Kleinstadtkellnerin über den Tod hinaus so beschäftigt, dass sie nicht aufhören kann, ihrem Job nachzugehen? Wenn die Kinder ihr Anker wären, sollte man sie doch zuhause antreffen, nicht an einem Arbeitsplatz, der vermutlich gerade eben ihr Auskommen gesichert hat.
Jonathan merkt an, dass ähnliche Erscheinungen hier in letzter Zeit öfter beobachtet wurden. Es heißt, der pensionierte Sheriff sei nach seinem Tod wieder in der Polizeistation gesichtet worden, Großmütter würden sich nach wie vor in das Leben ihrer Kinder und Enkel mischen, etc.
Auch unsere Kellnerin hat davon gehört, möchte sich jedoch nicht mit dem Thema befassen. Sie ist ausreichend beunruhigt durch die wiederkehrende Leslie. Auch die verqueren Sekten-Hillbillies, nach denen Agent Saitou gleich weiterbohrt, fand sie unfreundlich und beängstigend. Das ist nicht über die Maßen verwunderlich. Sie ist schwarz, die Sektierer sind weiß und gegen alles, was anders ist, als es das Alte Testament vorsieht. Und sie sind der Grund, aus dem Jonathan hierher geschickt wurde. Als Sektenexperte. Ich erinnere mich, dass der Junge, den wir in Alaska getroffen haben, davon erzählte, wie der Fed die „Weisen von Endor“ hochgenommen hat.

Gideon bekommt mit seiner lockeren Art mühelos aus Dr. Akintola heraus, dass der kulturell bedingt keine Berührungsängste mit dem Übernatürlichen hat. Gut, dann können wir jetzt ja offen reden.

Erst waren, soweit wir wissen, die Geister da, dann die Hillbillies. Vor circa zwei Wochen ging es los mit dem Spuk, seit einer Woche ist die Sekte da. Bisher haben sie sich nichts Illegales einfallen lassen, außer zu predigen. Ich fürchte, ich bin wieder in einem dieser Bundesstaaten gelandet, wo es quasi verpflichtend zur Religionsausübung gehört, möglichst viele andere Menschen zu beleidigen, zu erniedrigen und andere ebenfalls dazu anzustiften. Meine Schulter schmerzt spontan wieder, mein Hals kratzt und die Narbe auf meinem Bauch versucht, sich um meine Wirbelsäule zu schlängeln. Ich atme tief durch.

Auch der Special Agent hat das Video gesehen, das mir im Kopf herumspukt. Ich habe keine Ahnung, wie man solches Filmmaterial fälscht. Und selbst wenn es ein guter Hoax ist, bleibt immer noch die Frage, woher jemand so präzise weiß, wie Dämonen darzustellen sind:

Vor 2 Jahren war da Jemual Moreaux, aus New Orleans, ein Stadtrat und Gangster. Mich wundert in diesem Landstrich gar nichts. Finanziert hat er seine Politik über Drogenhandel und ähnliches. Er hat das Projekt „Ruston 21“ unterstützt, weswegen er als “aufrechter Bürger” galt. Auf der Gegenseite: Roger Wright, ein gemäßigter Prediger, dessen 17-jähriger Sohn Harris in dem Video auf einen Haufen schwarzäugiger Gangmitglieder einredet,, sie sollten von ihrem gottlosenTun ablassen und umkehren und … nun ja, was ein bibeltreuer Jungspund eben so alles von sich gibt. Von dem Gangster vor ihm wird er mehrfach in die Brust geschossen, bleibt stehen, lächelt, berührt den Schützen, der daraufhin umfällt. Mehrere andere fallen ebenfalls um, beinahe gleichzeitig. Dann erst bricht der Sohn des Predigers zusammen.

Es fällt mir nicht leicht, Saitou begreiflich zu machen, wie sehr mich dieser Anblick verstört hat – weshalb ich das Video auch gut zwanzig mal angesehen habe, bis ich bereit war, zu glauben, was sich da offenbart. Dämonen sind harter Tobak. Ich hätte keine einzige meiner Begegnungen mit auch nur einem dieser Biester überlebt, wenn nicht jedesmal erfahrene Jäger an meiner Seite gewesen wären. Ein Mensch, der sie einfach so mit einer Geste… wegmacht…auch, wenn es ihn selbst das Leben gekostet hat – das ist ungeheuerlich!

Agent Saitou erzählt, dass die meisten der Wirtskörper an Aneurysmen gestorben sind, nur 2 an Kugeln. Die Waffe ist aber zu dem Zeitpunkt schon in der Asservatenkammer in Baton Rouge gewesen. Das hieße also, dass diese zwei schon vor längerer Zeit gestorben sind, während der Besessenheit, und die anderen Wirte möglicherweise erst durch die gewaltsame Austreibung ihrer Besetzer getötet wurden. Von einem Siebzehnjährigen.

Harris‘ Vater Roger Wright ist jetzt Lokalpolitiker. Lokalpolitiker sollten für ihre Bürger ein offenes Ohr haben, besonders wenn sie mal Prediger waren. Besonders, wenn das FBI freundlich fragt. Den Mann setzen wir weit oben auf die To-Do-Liste. Vorher kommen nur noch die Polizei, die schließlich das FBI angefordert hat, und die Eiferer von der „Kirche der kommenden Entrückung“. So nennt sich diese Sekte.

Gideon, der Kommunikative, fängt in seiner Neugier natürlich sofort an, Dr. Akintola über afrikanische Monster auszufragen und rennt damit offene Türen ein. Der Dozent beginnt fröhlich zu dozieren und will gar nicht mehr aufhören. Tief ins Gespräch versunken, entfernen sich die beiden von uns, während Jonathan mich über die Fanatiker informiert. Viel ist es nicht, was er bisher weiß. Aber, da er sich nun mal einen Ruf erarbeitet hat, Ahnung von diesem religiösen Gesocks zu haben, hat man ihn hierher beordert. Helle Begeisterung sieht anders aus. Andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, wie der Mann aussieht, wenn er einmal aus dem Häuschen ist.
Desweiteren weist er mich darauf hin, dass er noch einmal mit Marcus sprechen möchte, solange dieser hinter Gittern sitzt. Er meint, es könnte eine gute Idee sein, wenn ich dabei bin. Ich sehe das anders und frage mich, ob ihm eigentlich auffällt, wie gut er darin ist, Salz in offene Wunden zu streuen. Erst schleppt er mich in ein Pflegeheim, zudem noch eines, in dem seine Mutter dahinvegetiert, und dann will er mich in ein Gefängnis mitnehmen? Zu dem Ex, der mittlerweile vier… zweimal versucht hat, mich umzubringen. Meine Güte! Demnächst macht er mir noch den Vorschlag, unter die Höhlenforscher zu gehen.

Als die beiden wieder zu uns stoßen, erzählen sie, dass sie soeben ein auffälliges Auto beim Vorbeicruisen beobachtet haben. Jemand ließ zum lauten Gangsterrap demonstrativ seine Hand mit der Waffe aus dem Fenster hängen. Typisches Imponiergehabe. Da sucht jemand Ärger. Die Gang sollte aber doch eigentlich weg sein.
Da Agent Saitou sowieso noch bei der Polizei vorstellig werden muss, möchte er auch gleich den Sheriff auf das Schauspiel aufmerksam machen. Als „Berater“ nimmt er den Doktor mit.

Derweil suchen Gideon und ich die Baptistenkirche auf, vor der die Sektierer Position bezogen haben und predigen. Sie haben Schilder und einen Stand aufgestellt. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, “Apocalypse Awareness Day”, „Der Tag des Gerichts wird kommen“ und ähnlichen Unsinn liest man da. Und es fällt nicht schwer, sie von der hiesigen Bevölkerung zu unterscheiden. Sie sehen aus wie ungepflegtes Bauernvolk und riechen auch so. Alles Weiße. Rassistisch bis zum Anschlag und von einem Einäugigen angeführt, dem ich schon nach kurzem Zuhören gern die gleiche Behandlung verpassen möchte wie dem Zyklopen. Er heißt Noah Wilson, kann gut reden, hat auf alles eine Antwort, bringt mich zur Weißglut. Die Gangster, die gerade wieder aufgetaucht sind, sind seiner Ansicht nach die Strafe für die Sünden der Städter, genauso wie die Schwarzen, die Schwulen und alle, die anderer Meinung sind als er. Das zustimmende Gemurmel ringsum und die bösen Blicke, die auf meinen Begleiter abgeschossen werden, veranlassen mich, die Arme in die Hüften zu stemmen, auf dass jeder die Browning sehen möge, der sich mit uns anlegen will. Damit ich dem Fanatiker nicht gleich ins Gesicht springe, halte ich mich im Hintergrund und lasse Gideon reden. Das geht dem Alleshasser noch mehr auf die Nerven, als wenn er sich mit einer Frau abgeben müsste. Gut so.
Man lässt uns wissen, dass wir uns doch in unsere gottgegebene Rolle einfügen sollten. Alles klar. Ich habe genug gehört.
Und nicht nur ich. Auch ein Blumentopf voller Petunien geht in die Luft und verübt einen Selbstmordanschlag auf den Schwätzer.
Eine Nachfrage bei einer jungen Baptistin, die sich über die Konkurrenz aus den Ozarks empört, ergibt, dass es der Geist von Mr. Sandford gewesen sein muss, eines kürzlich verstorbenen Gemeindemitglieds, das sich ursprünglich durch ein mildes Temperament und große Toleranz ausgezeichnet hat. Die Dauerbeschallung durch die Irren hat ihn wohl an seine Grenzen gebracht. Die junge Frau redet sich so in Rage, dass sie schließlich hinausstürzt und sich auf eine Diskussion einlässt, die sie genauso wenig gewinnen kann wie alle anderen vor ihr. Wir verlassen den Ort dieses traurigen Spektakels und fragen uns erneut, warum ein alter Mann, der allem Anschein nach mit sich im Reinen war, als er abtrat, hier als Geist zurückbleibt und Prediger mit Grünzeug bombardiert.

Zurück bei Akintola und Saitou erfahren wir, dass diese auch kurz das Vergnügen mit dem Geist des alten Sheriffs hatten. Auf der Polizeistation sei ziemlich Spannung in der Luft gelegen. Der neue Polizeichef Wyatt Corbray ist vor kurzem in den Urlaub entflohen, als der Geist seines Vorgängers sich bemerkbar machte. Dessen Stellvertreterin Leticia Floyd hat das FBI informiert, als die Sekte hier auftauchte. Sie tippt auf eine Verbindung zu den Weisen von Endor und glaubt nicht, dass die „Kirche der kommenden Entrückung“ diese wirklich für so verirrte Schafe hält, wie dieser Wilson behauptet. In ihren Unterlagen fand sich für Jonathan nichts, was er nicht schon gewusst hätte.

Auch bestätigt sie, dass die Stadt bisher keine Gangprobleme mehr hatte, seit die „ElDorados“ entsorgt sind. Sie geht mit ein paar Leuten nach dem Rechten sehen. Eine Stimme aus dem Off hat ihr hinterhergeknurrt: “Früher hätten wir gleich Schrotflinten mitgenommen und die weggeballert! Weiber! Viel zu weich! Unter mir wäre das nicht passiert.” Erstaunlich, dass der alte Chief of Police es bis zur Rente geschafft hat – er ist vor ca. 3 Wochen an Herzinfarkt gestorben. Hier sind die Waffengesetze wirklich, wirklich lax. Auch die Widerlinge vor der Kirche hatten reichlich Argumentationshilfen bei sich.

Das Nummernschild der Gangster, die vorhin vorbeifuhren ist das von Gard Moreaux, einem Verwandten des verstorbenen Jemual , der gerade wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Das erklärt, weshalb er sich erst jetzt wieder in Ruston blicken lässt. Sein Erscheinen gibt uns einen weiteren guten Grund, mit Roger Wright zu sprechen. Wir finden, der Mann sollte gewarnt werden, dass da vielleicht jemand auf Rache für ein totes Familienmitglied sinnt.

Der ehemalige Prediger gibt nicht ganz das Bild des hochmotivierten Politikers, der die Massen begeistert. Er wirkt müde und depressiv. Seine Auslegung des Christentums ist wesentlich toleranter als die der Sekte. Sagt er. Das klang auf alten Aufnahmen seiner Reden schon ehrlicher. Darauf angesprochen, erzählt er uns zunächst, dass die Politische Situation sich zuspitzt und so weiter, bis es dann doch aus ihm herausbricht: “Ich glaube, Gott hat keinen Bock mehr auf uns alle.”
Saitous Warnung vor Moreaux quittiert er mit einem bitteren Lachen.
Wir bringen die Sprache auf das Video vom Tod seines Sohns. Er meint, wir würden ihm nie glauben, was sich da wirklich zugetragen habe. Ach?
Es sei ein Engel gewesen, der sich da im Körper von Harris mit den Dämonen angelegt habe. Als gläubiger Mensch habe er zunächst seinen Frieden mit der Sache gemacht, denn sein Sohn sei schließlich für Gott gestorben. Das werde schon seine Richtigkeit haben, dachte er. Bis jetzt, wo Harris wieder hier sei, aus dem Himmel desertiert, weil es dort so schrecklich sei. Es herrsche ein Krieg unter den Engeln, in dem die Seelen der Verstorbenen nichts sind als Kanonenfutter. Der Engel, eine gewisse Deborah, Dienerin Selathiels, suche nun nach dem Deserteur, und die Sekte, das seien ihre weltlichen Handlanger. Als Deborah mit ihm sprach, habe er sich zuerst noch geehrt gefühlt…

Ich bin wie vom Donner gerührt von solchen Neuigkeiten. Als die Tatsache, endlich einmal mit jemandem darüber gesprochen zu haben, alle seine Schleusen öffnet, nehme ich ihn deshalb einfach in den Arm. Das ist mir jetzt egal, was die drei Männer von mir denken.

Bilder von einem kreuzschwingenden DeVries geistern durch meinen Kopf, von der Panik in den Augen des Kautionsflüchtlings in Colma. Von Cals Gesicht, als er mich bedrohte, um das Horn von Jericho wiederzubekommen. Am liebsten würde ich mitheulen.

Die Geister, erzählt Wright schließlich weiter, sind nicht desertiert, sondern wurden von Harris da behalten, damit sie nicht in den Himmel müssen. Er hat etwas, das ihn vor den Engeln verbirgt. Ich bin ganz Ohr. Ob wir mit ihm reden können?
Wenn wir auch zu den Schergen dieser Deborah gehören würden, wäre der Junge jetzt geliefert. Er ist auf dem Friedhof, sagt uns sein Vater. Bei der Gruft von Stadtgründer Russ. Dort hält er sich versteckt. Der Mann ist wirklich fertig mit der Welt. Wir bedanken uns und versichern ihm, dass wir versuchen werden, Harris zu helfen.

Der Friedhof von Ruston ist älter als die Stadt selbst. Schon im Bürgerkrieg wurden hier Soldaten zu Grabe getragen. Wir schlendern zwischen den Gräbern herum, um das Gelände in Augenschein zu nehmen und entdecken ziemlich schnell Harris in einem Gebüsch, aber auch andere Leute, die sich in der Gegend versteckt halten. Haben ihn also die Sektierer gefunden? Hoffentlich haben nicht wir die hierhergeführt. Harris merkt langsam, dass wir ihn schon gesehen haben, deshalb schaue ich ihm direkt in die Augen und drehe mich dann demonstrativ weg, um weiter den Umkreis nach verdächtigen Bewegungen abzusuchen. Jon schleicht bereits in einiger Entfernung zwischen Bäumen herum und wird fast niedergeschlagen, Gideon auch. Kämpfe brechen an beiden Orten gleichzeitig los. Ein Hillbillie mit Baseballschläger kommt auf mich zu und will mich einschüchtern. Offenbar ist ihm bei der Kirche entgangen, dass ich eine Schusswaffe trage. Oder er will nicht wahrhaben, das man mit einem Baseballschläger nicht in eine Schießerei läuft. Oder, dass eine Frau schießen kann. Als er mir zu nahe kommt, versenke ich eine Kugel in seinem Bein und bringe ihn mit einem Schulterwurf zu Boden. Japsend bleibt er auf einem Grabstein liegen. Jetzt würde ich mir wirklich gerne die Hände waschen.

Akintola ist indessen mit dem jungen Wright von der Bildfläche verschwunden. Per Mobilfunk kommt die Nachricht, dass sie sich in sicherem Abstand zum Ausgang in die Büsche geschlagen haben, um aus dem Blickfeld einer Wache am Tor zu sein, die dort raucht und telefoniert und sie bislang nicht gesehen hat.

Nachdem Jonathan unsere Gegner mit Handschellen versehen hat, folgen wir. Mir ist klar, wie unhöflich ich bin, doch ich weiß nicht, ob ich später noch zu Antworten auf meine Fragen komme. Also quetsche ich gleich hier und jetzt den kleinen Deserteur aus. Der meint, er wäre hauptsächlich mit Glück entkommen. Seine Erinnerung daran sei eher bruchstückhaft.
Na gut, wenn wir hier eine Unterhaltung beginnen, fallen wir vielleicht doch den restlichen Engelsschergen auf. Das waren noch nicht alle.

Wir schaffen es, die Wachen zu umgehen, stellen fest, dass auch wirklich gerade mehr Fanatiker ankommen, doch auch die von Jon gerufene Polizei. Einen Haufen Festnahmen später sitzen wir mit Harris im Motel und lassen uns von seiner Flucht berichten.

Stockend erzählt er, wie sich der Himmel anfühlt. Es sei weniger ein Ort als mehr ein Zustand. Ein ewiges Wohlfühlen, das auf jeden Verstorbenen maßgeschneidert sei. Dort sehe es für alle anders aus, doch selbst auf dem Schlachtfeld fühle man sich permanent wohl. Selbst wenn einem die Gliedmaßen abgehackt werden und man Tausende Kameraden sterben sehe.
Es seien sinnlose Kämpfe, in die die Engel ihre Untergebenen schickten, weil sie sich nicht einig seien, was mit der Welt zu geschehen habe. Die einen sagten, sie müssten den “Plan Gottes erfüllen”, die anderen wollten die Erde beherrschen, wieder andere angeblich durchsetzen, dass die Engel “sich aus Menschensachen raushalten” und mehr. Alles hohle Phrasen in meinen Ohren. Und so, wie er spricht, auch in denen von Harris. Alles Ausreden, um mit Waffengewalt aufeinander loszugehen und Seelen, die eigentlich ihren Frieden haben sollten, in Kampfhandlungen zu werfen, die sie nicht verstehen. Den Soldaten werde nicht viel gesagt, meint Harris. Er sei losgeschickt worden, habe gekämpft, sei gefangengenommen und von der Gegenseite rekrutiert worden, habe wieder gekämpft, ohne Sinn und Verstand.
Die Engel nutzten nicht nur Seelen als Ressourcen, sondern auch Artefakte, auch und vor allem solche, anderer Kulturkreise und Pantheone. Sachen, die nicht von Engeln oder Dämonen stammten. Ich vermute, sie suchen darin Vorteile durch Überraschungseffekte. Beim Wache halten habe er sich einige dieser Dinge angeeignet, dann sei er in Richtung Nicht-Wohlfühlen gerannt, in seinem Fall in einen Wald, weil er Angst vor Wäldern habe. Er hat sich als Kind einmal in einem verlaufen. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich immer tiefer in eine enge Höhle krieche, um vor dem Wohlgefühl zu fliehen. Keine berauschende Vorstellung. Schon bei dem Gedanken schnürt es mir die Kehle zusammen. Ich breche den Versuch ab.
Harris sei dann irgendwie… gefallen… er wisse selbst nicht so genau, was da passiert ist. Zurück auf der Erde sei er dann hierher gekommen, weil er auch nicht wisse, was er machen solle. Leute, die er kennt, vor dem Himmel bewahren, war seine erste Idee. Er sei sich auch nicht sicher, ob er nun wieder lebe oder tot sei. Gideon untersucht ihn daraufhin. Für einen Lebenden ist der Junge ziemlich kühl. Sein Puls ist so schwach wie bei einem bewusstlosen Menschen. Hoffentlich verändert sich sein Zustand über die Zeit nicht zum Schlechteren.
Er hat einen Mantel, der ihn vor Engeln verbirgt. Außerdem hat er ein Schwert, von dem er glaubt, dass es in der Lage ist, einen Engel zu verletzen und eine Kette, um Geister zu halten. Die liegt jetzt um die Stadt herum. Deswegen gehen also die Geister nicht weg.
Ganze Arbeit hat er mit diesem Schnellschuss geleistet. Nach einer Woche war ihm die „Kirche der kommenden Entrückung“ bereits auf den Fersen. Klügere Köpfe hätten ihn aufgespürt, bevor wir überhaupt von dem Phänomen gehört haben. Ich verstehe sein Dilemma, dass er helfen will. Aber wenn ihn keiner davon abhält, dann ist er in kürzester Zeit wieder im Himmel. Es ist offensichtlich, dass ihn die Angst davor zum Durchdrehen bringt. Jetzt ist es an der Zeit, ihm beizubringen, dass er den Kopf unten halten muss.

Da wir ihn nicht zwingen wollen, eigenhändig die Seelen der Verstorbenen zum Weiterziehen zu verdammen, fassen wir den Beschluss, die Geister zu fragen, was sie wollen. Bleiben, vernichtet werden oder weiterziehen in Himmel oder Hölle. Die Kette soll um die Stadt herum bleiben. Um die Neuverstorbenen vor die Wahl zu stellen, können wir Harris’ Vater anheuern. Der braucht eine Aufgabe, in der er echten Sinn sieht. Die Politik in New Orleans könnte ihn zwar ganz gut brauchen, aber dort könnte er sich bestenfalls von seinen dunklen Gedanken ablenken. Hier kann er aktiv etwas tun, um seinem Sohn zu helfen und das Trauma zu verarbeiten.

Harris würde gern in die Nachwelt einer anderen Religion gehen, so verzweifelt wünscht er sich, dem christlichen Himmel ein für allemal zu entkommen. Welche ist ihm ziemlich einerlei. Ich frage mich, was wir ihm für Möglichkeiten eröffnen können, zu denen wir Zugang haben. Buddhismus? Shinto? Woran glaubt wohl Dr. Akintola? Bevor wir uns darum bemühen, schaffe ich erst einmal eine kurzfristige Lösung herbei und bringe ihn im Domus Ruber unter, bzw. dem Bauwagen dort, der mir als Übergangsquartier dient, wenn ich mein Unvermögen unter Beweis stelle, was Schreinerarbeiten angeht. Der Schrein für Giffany sieht aktuell eher aus, als hätte ich versucht, einen Abenteuerspielplatz zu basteln. Ich telefoniere auf dem Weg dorthin mit Ethan. Der kann doch bestimmt mehr ausrichten als ich. Zur Unterstreichung sende ich ihm ein Foto meines Machwerks.

Auf der Fahrt bemühe ich mich, noch etwas mehr Informationen aus dem Jungen herauszukriegen, doch sein Trauma steht mir dabei im Wege. Er spricht wirres Zeug von den Wunden, die er sehen musste, von der Unerträglichkeit der ganzen Situation, bis er schließlich abbricht und einfach gar nichts mehr sagt. Sei’s drum. Später vielleicht. Er hat fürs erste genug durchgemacht. Soll er ein paar Tage zur Ruhe kommen. Zunächst darf er sich an den Gedanken gewöhnen, dass der Wald ihm Schutz bietet. Ich bin froh, dass es auf dem roten Hügel zur Zeit trocken ist.

Nachdem ich ihn einquartiert habe, fahre ich nach Hectorville, um Vorräte aufzustocken und ein paar Beschäftigungsmöglichkeiten für Harris zu erwerben. Derweil rufe ich auch Cal an, um ihn darüber zu informieren, dass ich jemanden kenne, der aus dem Himmel entkommen ist. Ich denke mir, dass es ihm für den Fall der Fälle etwas Hoffnung geben könnte, zu wissen, dass man immerhin auch noch später entkommen kann. Der Kautionsflüchtling hatte ihn doch als „einen von ACs Leuten“ identifiziert.
Aber natürlich ist er erst einmal so abweisend wie immer. Ich kann es ihm nicht verdenken. Nichts wäre mir lieber als mich umzudrehen und die Engel ihren Krieg alleine austragen zu lassen. Doch langsam schwant mir, dass ich schon vor 18 Jahren in die Sache hineingezogen wurde, als ich dachte, davonlaufen wäre die richtige Wahl. Und das lasse ich nicht so einfach stehen. Ich bin kein Spielball. Und Marcus auch nicht. Genausowenig Cal. Wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr Krieg haben!
Immerhin schlägt Cal ein persönliches Treffen vor, um unsere Ergebnisse zusammenzutragen. Am Telefon will er nicht sprechen, weil er befürchtet, dass die Engel ihre Ohren überall haben, auch wenn Harris sagt, dass die inzwischen so von ihrem Krieg eingenommen sind, dass sie ihrer Aufgabe, den Menschen zuzuhören fast gar nicht mehr nachgehen. Ich würde ja beten, dass er sich nicht inzwischen entschieden hat, seinem Engel zu dienen und mich bei diesem Treffen aus dem Verkehr zu ziehen, aber ich weiß nicht zu wem. Giffany scheint mir unpassend, auch wenn ich sie in letzter Zeit gelegentlich als gute Zuhörerin betrachte, bei der ich meine Sorgen abladen kann. Wer hätte gedacht, dass sich diese seltsame Beziehung einmal so verändert?

Die letzte Nachricht bekommt Agent Saitou, der uns versprochen hat, sich für Harris über asiatische Jenseitsvorstellungen zu informieren. Ich bereue es schon, bevor ich es schreibe: „Okay. Ich komme mit.“

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(Zusammenfassung des Treffens von Cal und Irene wird noch angefügt, wenn ich wieder zuhause bei meinen Mitschrieben bin.)

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Timberwere

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