Mädchenkram - Supernatural

Tales of the Arizonian Desert

@Anne: Hier noch das Bild für die Kachel: Camel cowboy2 300

Grad wieder zu Hause angekommen. Gemischter Erfolg: Ich bin mit meinem Paper weiter, aber die 10.000 Dollar Belohnung (oder meinen Anteil daran) habe ich nicht bekommen. War aber auch nicht zu erwarten.

Schritt zurück. Camp Verde, Arizona. In der Nähe gibt’s ein Reservat, auf dem zwei verschiedene Stämme leben und jeweils ihre eigene Sprache sprechen. Eigentlich bin ich deswegen hingefahren. Paper für das Journal of Native American Linguistics.

Dann, im Radio, eine hysterische Frau: „…Zehn-tau-send Dollar! Zehn-tau-send Dollar!“ Ihre Stimme überschlägt sich. Aber sie hat das Geld nicht beim Wettkoksen gewonnen, nein: „John Burlington zahlt zehn-tau-send Dollar an den, der den mysteriösen Mord an seinen Vorarbeitern aufklärt!“ Statt dann zu erzählen, was an den Morden so unglaublich mysteriös war, hyperventiliert sie weiter. Scheint sich zu freuen, mal „Zehn-tau-send Dollar“ sagen zu können.

Okay, denke ich mir, vermutlich ist es nichts. Ein paar hysterische Zivilisten, die noch nie einen Toten gesehen haben und jetzt durchdrehen. Andererseits liegt Camp Verde ohnehin auf dem Weg, und 10.000 Dollar machen sich in Petes College-Fund bestimmt gut. Mein Leben war in der letzten Zeit nicht so einträglich. Für das Paper krieg ich zwar Ruhm und Ehre, aber nicht besonders viele Froschhäute.

Zeitung in Camp Verde berichtet ein paar Details mehr: Beim Bau eines neuen, großen Kasinos sind zwei Leute umgekommen – ein Typ, der sich das Genick gebrochen hat, als irgendwas den Bürocontainer umwarf, in dem er drin war, und eine Frau, die zum gleichen Zeitpunkt vor dem Container totgeschlagen wurde. Seltsame runde Spuren wurden gefunden.
Der lokale Chief of Police meint, es wären Gangster aus L.A. gewesen. Klar. Auf Hüpfstäben, oder woher stammen die “runden Spuren”? Was die in der Wüste von Arizona wollten, stand nicht im Artikel.

Na gut. Scheint zumindest etwas zu sein, was ich mir mal ansehen sollte. Hoffe ja, dass es entweder kein Monster ist oder dass John Burlington ein paar Sachen weiß – ansonsten wird das nichts mit der Belohnung.

Im Stadtarchiv ist nicht viel los. Klimaanlage ausgefallen, das macht bei der Hitze keinen Spaß. Bei den Arbeitsplätzen ist ein bebrilltes Mädchen dabei, einen riesigen Stapel Papiere herumzuschleppen. Irgendwie kommt die mir bekannt vor… Verdammt. Das ist die Kleine aus dem TrueBelievers-Forum. Hab sie auf einem Wackelvideo gesehen, auf dem sie ängstlich in die Kamera schielte und etwas von “geisterhaften Emanationen” faselte. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das TrueBeliever selbst. Sieht auch aus wie ein Nerd. Geisterjagd statt Partys und so. Großartig. Die ist bestimmt wegen den toten Vorarbeitern hier. Mädchen, du bist doch nur einmal jung.

Ich spreche sie an. Kann es nicht brauchen, dass die mir im falschen Moment zwischen den Füßen herumstolpert. Sie lässt vor Schreck den Stapel Bücher fallen und glotzt erstmal meinen Haken an. Vermutlich denkt sie an den Typen, der laut Legende die Camper mit seinem fiesen Haken erschreckt hat.

(Das war ich nicht, falls sich jemand wundert. Ich habe zwar eine Hakenvariante mit Spitze, aber die schraube ich nur selten an. Das letzte Mal habe ich mir das Teil selbst ins Bein gerammt, als mich ein hulkartiger Typ herumgeworfen hat. War nicht so lustig.)

Sie beruhigt sich nach einer Weile, und ich mache ihr klar, dass wir das Problem besser zusammen angehen sollten. Ihr Name ist Allison Dennings, genannt Ally. Sie studiert irgendwas mit Film in Billings, Ohio. Kommt mir vage bekannt vor, der Ortsname.
Während ich noch darüber nachdenke, was damit war, tippt mir irgendwer von hinten auf die Schulter. Gute Idee, Fremder, fast hätte ich dich erschossen. Aber ich kenne den Typen, wenn auch nur aus einem der Roadhouses: Brille, unauffällige Statur, Augen nicht so richtig lebendig.

Er stellt sich als Bartholomew vor. Als ich ihm sage, er soll sich nicht an mich heranschleichen, meint er nur, er habe mir ja nichts tun wollen. Einen sonderlich ausgeprägten Überlebensinstinkt scheint er nicht zu haben, der Gute.

Der ist auch wegen der Toten da. Keiner von uns ist so scharf auf die Kohle, dass er einen Alleingang versuchen will, also arbeiten wir zusammen (Ally ist ohnehin nur an „DER WAHRHEIT“ interessiert. Muss sie mal fragen, warum. Eigentlich ist die Wahrheit meistens verdammt häßlich).

Ally hat schon wild herumrecherchiert – es gibt hier eine Legende von einem Roten Geist, der ab und zu mal auftaucht und Leute umbringt. Zu mehr ist sie noch nicht gekommen. Über die Indianer hier in der Gegend, die auf ihrem Reservat auch ein Kasino haben, hat sie bisher nicht viel gefunden. Vielleicht, meint sie, gibt es hier ja einen Friedhof von denen. Oder die mögen einfach nur das neue Kasino nicht.

Nächste Station: John Burlington, der Bauherr des neuen Kasinos. Macht nicht den Eindruck, als würde er an Geister glauben. Schade. Er weiß auch nicht viel mehr als das, was in der Zeitung stand: Charlie Monroe und Lee Major sind angegriffen worden, als sie noch nach Arbeitsende auf der Baustelle waren und dort irgendwas gemacht haben. Was, weiß er aber nicht.
Drohungen oder Proteste gegen das neue Kasino gab es nicht. Eigentlich waren alle total glücklich mit dem Projekt. Sagt er zumindest.
Von irgendwelchen Gangstern weiß er nichts. Wirkt auch ehrlich, als er das sagt. Der Chief of Police hat eine einfache Erklärung gesucht, und das war wohl das, was ihm eingefallen ist – John Burlington will aber die Wahrheit wissen. Deswegen hat er die Belohnung ausgesetzt.

Noch einer, der die Wahrheit wissen will. Damit umgehen konnte er dann aber nicht. Große Überraschung.

Gut, auf zur Baustelle. Vielleicht finden wir da was. Bart fährt ein Wohnmobil, Ally ein winziges japanisches Studentenautochen, daher nehmen wir meinen Pick-up.
Unterwegs kommen wir an einem Autounfall vorbei. Keine Ahnung, ob es auch noch normale Autounfälle gibt – alle, die ich in den letzten Jahren gesehen haben, wurden entweder von etwas Übernatürlichem ausgelöst oder waren das Ergebnis irgendwelcher wüster Stunts.

Der hier gehört in die erste Kategorie. Eine Frau ist mit ihrem hellblauen Flitzer in etwas hineingefahren – sie selbst steht unter Schock und ist nicht richtig ansprechbar (Krankenwagen ist schon da). Am Kühler finden wir Schleim, ein paar wollige rote Fellhaare und eine riesige Delle. Ein paar von den runden Abdrücken kann ich auch entdecken.
(Yay, Spuren lesen! Offenbar hat der kleine Cheyenne abgefärbt. Ich hab tatsächlich welche gefunden. So sehen die also aus.)
Ally fuhrwerkt mit einer Mischung aus Walkman und Tricorder herum und erklärt verblüfft, dass sich hier zwei Geisterwellen überlagern würden. Okay, also zwei Geister. Gut zu wissen.
Dann meint sie, dass die Spuren zu einem Kamel oder Dromedar gehören würden. Passend, ist ja auch eine Wüste hier. Vielleicht der falsche Kontinent. Naja, die Weißen haben alles Mögliche hier eingeschleppt – warum nicht auch Kamele?

Wir trennen uns. Bart geht, um mit den Bauarbeitern zu reden. Die haben grad alle frei, weil Burlington nach dem Mord erstmal einen Baustopp verhängt hat. Allerdings wissen sie nicht viel darüber, was Charlie und Lee abends noch so spät auf der Baustelle gemacht haben. Eine Affäre hatten sie wohl nicht – Charlie war ja auch schließlich eine verheiratete Frau!
(Wann hat das schon mal jemanden aufgehalten? …na gut, mich hält das schon davon ab. Meistens zumindest. Meistens? Hab ich das gerade echt geschrieben? Verdammt, hoffentlich liest Tam das nicht.)

Ich fahre zum Reservat. Dort erzählt mir Nathan, der Heilige Mann, dass es die Legende vom Roten Geist ungefähr seit 150 oder 200 Jahren gibt – es ist keine indianische Legende. Der Rote Geist taucht immer mal wieder auf, ziemlich unregelmäßig, und trampelt irgendwen zu Tode. Meistens Frauen. Bisher immer in der Wüste.
Gegen das neue Kasino hat Nathan nichts. Belebt vielleicht das Geschäft auf dem Reservat mit. Mehr Touristen sind gut für alle. Sehr harmonisch hier.
Ich schaffe es natürlich nicht, zurückzufahren, bevor ich ihm nicht ein paar Fragen über die beiden Sprachen, die sie auf dem Reservat sprechen, gestellt habe. Das dauert eine Weile. Ist auch – ehrlich gesagt – interessanter als Rote Geister und totgetrampelte Leute.

Ally forscht im Archiv herum und findet heraus, dass die weißen Soldaten aus dem Fort hier in der Gegend irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts auf die brilliante Idee kamen, ein paar Kamele für den Wüstenkampf zu importieren. Damals waren sie auf dem Gelände den Apachen ziemlich unterlegen, weil die sich in der Wüste auskannten, daher dieser schlaue Schachzug.
Vielleicht hätten sie noch ein paar Leute mit importieren sollen, die sich mit den Kamelen auskennen. So, wie es ablief, kamen sie nämlich nicht mit den Viechern zurecht. Nach und nach starben die Tiere ihnen alle weg oder liefen davon.
Auftritt Jacob Tanner. Ein Soldat aus dem Fort, der sich gern prügelte. Am liebsten mit Frauen, die konnten wohl nicht so hart zurückschlagen. Irgendwann übertrieb er es, brachte ein Saloongirl um und wurde zum Tode verurteilt. Weil die hier nicht viel zu tun hatten, dachten sie sich eine besondere Todesart aus: Tanner wurde erst ausgepeitscht, dann auf eines der letzten Kamele gebunden und in die Wüste hinausgejagt, um dort zu sterben.

Okay, Tanner war ein Arschloch, aber was hat das Kamel denen getan, um den Tod in der Wüste zu verdienen?

Ungefähr seit Tanners Tod gibt es die Legende vom Roten Geist. Erklärt auch, warum der lieber Frauen angreift.

Ally, das emsige Bienchen, findet auch noch einen Bericht von einem Farmer, dessen Vieh nachts von einem riesigen Kamel attackiert wurde. Er erzählte später, dass da wohl etwas oder jemand auf den Rücken des Kamels saß. Als er darauf schoß, verschwand es – aber am nächsten Tag fand er einen Totenschädel. Den haben sie zur Aufbewahrung ins Archiv gebracht.

Das ist alles sehr interessant, erklärt aber noch nicht, warum Tanner und der Rote Geist die Vorarbeiter angegriffen haben. Die waren nicht in der Wüste, wo das Gespann sonst immer auftaucht. Bleibt nur eins: Wir müssen uns die Baustelle anschauen, auch wenn es langsam dunkel wird.

An der Baustelle hält uns ein Sicherheitsfuzzi auf, aber der will nur bestochen werden. Wir schauen uns erstmal den Trailer an, wo wir eine zerdellte Digitalkamera und ein zerstörtes Laptop finden. Was haben die hier für einen Chief of Police, der so etwas nicht sicherstellt?
Mit ein paar technischen Tricks schafft es Ally, Zugriff auf SD-Karte und die Festplatte des Laptops zu bekommen. Da werden ein paar Sachen klarer: Charlie und Lee haben beim Herumbuddeln das Kamelskelett gefunden. Das hat dem Kamel (oder seinem Reiter) vermutlich nicht gefallen, daher der Angriff.

Na gut, also die übliche Prozedur: Salz und Kerosin auf das Skelett und anzünden. Bart weiß Bescheid, Ally macht große Augen. Ich erkläre ihr noch mal, dass Geister gefährlich sind. Gerade dieser Geist, gerade für sie. Sie soll in unserer Nähe bleiben. Klar, nickt sie brav, das wird sie machen. Sieht auch aus, als hätte sie es kapiert.

Wir schnappen uns einen Sack Salz und einen Kanister Kerosin und gehen auf die Suche. Kaum haben wir das Skelett gefunden, taucht der Rote Geist auf und greift Ally an. Bart und ich können das Vieh mit unseren Schußwaffen im Schach halten, bis Ally einen Salzkreis um uns und das Skelett gezogen hat.
Bleibt nur noch ein Problem: Das Skelett liegt nicht frei, sondern ist noch ein gutes Stück im Wüstensand vergraben. Schaufeln liegen oben, beim Wagen. Bart und ich gehen los, um das passende Werkzeug zu holen – Ally, das liebe Kind, rennt auch aus dem Salzkreis, weil sie unbedingt ihre nachttaugliche Kamera für eine Dokumentation holen will. Großartig. Und bis zu dem Moment hat sie halbwegs vernünftig gewirkt. Wenigstens hat sie nicht versucht, mich zu filmen.

Der Rote Geist taucht auf, greift an, aber wir schaffen es knapp zurück in den Kreis. Dann geht es ans Ausgraben. Während Bart und ich schuften, reitet Tanner auf seinem brüllenden Kamel um den Kreis herum und schreit Ally wüste Beschimpfungen entgegen. Ich glaube, sie und Bart kriegen das gar nicht mit, aber seitdem mir Eyes das halbe Ohr im Mahlstrom von Myst weggeschossen hat, höre ich immer mal wieder die Stimmen von Geistern. Aber vielleicht besser so für Ally und Bart: Was Tanner da von sich gibt, ist echt widerlich.
Das Graben ist mit einer Hand und einem Haken gar nicht so leicht. Irgendwann rutscht mir die Schaufel weg und fliegt durch die Gegend. Verdammt. Salzkreis durchbrochen.
Glücklicherweise ist Bart schnell genug, um seine Schrotflinte zu schnappen und auf den Roten Geist zu schießen, während Ally den Salzkreis neu zieht. Außer ein paar blauen Flecken ist nichts passiert. Das war knapp. Sei verdammt noch mal vorsichtiger, Barry.

Schließlich haben wir das verdammte Skelett ausgebuddelt. Sind nicht nur Kamelknochen, dazwischen liegen auch die Überreste eines Menschen. Der Kopf fehlt allerdings. Vermutlich ist das Tanner.
Ally meint, wir sollten die Skelette lieber separat verbrennen, weil die Wellen ja verknüpft waren und es sein kann, dass sich beide Geisterwellen dann quasi an Jacob Tanners Schädel hängen. Okay, sortieren wir, Kamelknochen nach rechts, Menschenknochen nach links. Dann machen wir zwei kleine Freudenfeuer.

Das ist natürlich der Moment, wo der Sicherheitsfuzzi wieder auftaucht und wissen will, was hier los ist. Ich erkläre ihm, dass Ally kalt war. Geb ihm einen Benjamin Franklin. Das reicht ihm. Er stellt keine weiteren Fragen.

Wir fahren zurück zum Archiv, um Tanners Kopf zu suchen. Kann sein, dass er nicht mehr da ist – die Geschichte mit dem Farmer, der ihn gefunden hat, stammt aus den 20er Jahren.
Aber wir haben ausnahmsweise Glück: Das Stadtarchiv hat ein Außenlager, wo alter Krempel aufbewahrt wird. Bart knackt das Schloss relativ professionell – zumindest sieht es für mich professionell aus, aber ich trete verschlossene Türen ja auch immer ein. Unsubtil, ich weiß.
In einem abgeschlossenen Bereich innerhalb der Lagerhalle (kein Hindernis für Bart) finden wir den Schädel. Ruft natürlich Jacob Tanner auf den Plan. Wenigstens hat er sein Kamel nicht mehr dabei, als er uns angreift.

Bart schnappt sich den Schädel und rennt raus, um ihn zu verbrennen. Tanner hinterher. Ally brüllt ihm zu: „Hey, rennst du vor einem Mädchen davon?“ und wackelt mit dem Hintern. Ich vermute, sie will provozierend oder aufreizend sein. Naja. Scheint ihr ein bisschen an Erfahrung zu fehlen damit. Wirkt eher… nerdig.
Egal, jedenfalls funktioniert es. Tanner lässt Bart in Ruhe und stürmt auf Ally zu. Diesmal schaffe ich es, rechtzeitig dazwischen zu kommen und ihn abzuwehren. Viel macht er ohnehin nicht mehr, bevor Bart seinen Schädel verbrennt.

Er verweht nicht, wie die anderen Geister. Die Arme seiner Opfer greifen durch das Tor ins Jenseits nach ihm und zerren ihn unter wilden Kreischen hindurch. Mach’s gut, Tanner. An deiner Stelle möchte ich jetzt nicht sein. Auch wenn du’s verdient hast.

Wir verschwinden aus dem Lagerhaus. Gibt ja nicht mehr viel zu tun hier. Am nächsten Tag rede ich noch mal mit Burlington und erzähle ihm die Geschichte von dem Roten Geist. Er ruft zwar nicht gleich die Jungs mit den Hab-mich-lieb-Jäckchen, aber er schaut mich an, als wäre ich bescheuert. Ist aber zu höflich – oder zu clever – um das zu sagen. Die Belohnung gibt es jedenfalls nicht. War ja klar. Ich wollte aber nicht abhauen, ohne es wenigstens versucht zu haben.

Bevor wir uns trennen, schnappe ich mir Ally. Sage ihr noch mal, dass die übernatürliche Welt gefährlich ist und dass sie mit dem Blog vielleicht aufhören soll.
„Aber die Welt muss die Wahrheit wissen“, sagt sie.
„Die Welt will die Wahrheit nicht wissen“, erkläre ich ihr.
„Die Welt wollte auch von Guantanamo nichts wissen!“, entgegnet sie trotzig. Verdammt. Da hat sie einen Punkt. Darüber muss ich erstmal nachdenken. Wäre es nicht tatsächlich besser, wenn alle Leute wüssten, dass wir uns die Welt mit Monstern teilen? Früher wussten das die Leute doch auch. Wieso zum Teufel haben sie es eigentlich vergessen?

(Das fällt mir natürlich jetzt gerade beim Schreiben ein. Während ich mit Ally gesprochen habe, wusste ich erstmal nicht, was ich sagen sollte.)

Ich frage sie auch, ob sie es ernst meint. Will sie sich wirklich mit Monstern anlegen? Sie schaut ängstlich, aber entschlossen. Nickt. Gut. Hätte sie nicht ängstlich geschaut, hätte ich sie stehen lassen. So habe ich sie in ein Roadhouse mitgenommen. Leider ist das ‚Dying of the Light‘ zu weit weg, aber Bart meint, er kennt eins in der Gegend. Also sind wir dahin.
Was für eine Bruchbude. Jukebox, fettiger Tresen, Wirt mit Zigarrenstummel zwischen den kaputten Zähnen. Nur Vollzeitjäger da, einer kaputter als der nächste. Mindestens zwei haben Ally lüstern angestarrt. Als hätten sie seit Wochen keine Frau mehr gesehen. Nichts gegen Ally, sie ist echt nett und alles, aber besonders attraktiv ist sie nicht. Ich hab die Typen so lange angestarrt, bis sie weggeschaut haben. Gut.
Wenigstens ist James, der Wirt mit den kaputten Zähnen, aufgetaut und hat Ally ein paar Sachen erklärt. Keine Ahnung, wie viel sie mitgekriegt hat. War ziemlich nervös.

Danach haben wir uns getrennt. Bin nach Hause gefahren. Tam stand schon in den Startlöchern. Irgendwas mit Reliquien. Scheint häufiger vorzukommen in der letzten Zeit.
…manchmal hab ich das Gefühl, wir geben uns hier nur die Klinke in die Hand. Katie hat auch schon gequengelt, dass immer nur einer von uns da ist. Sollten wir mal drüber reden. Falls wir mal lang genug beide gleichzeitig zu Hause sind.

Bevor ich mit meinem Paper weitergemacht habe, bin ich noch mal ins TrueBelievers-Forum gegangen. Da hängen schon echte Deppen herum: FeenBlümchen23, die glaubt, alle übernatürlichen Wesen wären nett und lieb – sie hat angeblich mal einen Werwolf durch einfaches Kraulen besänftigt. Vielleicht sollte ich das bei Brian auch mal probieren. Das klappt bestimmt super.
Oder iHeretic, der alles anpampt und sich etwas auf seine besseren rhetorischen Fähigkeiten einbildet. Newsflash, iHeretic: Nur weil du etwas schöner ausdrücken kannst, hast du deswegen nicht recht. Nur weil du einen Post zerpflücken und einzelne Aspekte totreden kannst, sind deine Argumente nicht besser. Klar, du kannst dir dann einen runterholen, aber deswegen bist du immer noch ein Würstchen.

Durchatmen, Barry.

Solche Typen regen mich einfach auf. Arschlöcher, die auf Schwächeren herumtrampeln.

Aber bei meinem Herumgestöber habe ich dann auch noch das Video von Hellskitty gefunden: Zwei Typen, die einen anderen Kerl den Schädel einschlagen, während er auf dem Boden liegt. War angeblich ein Ghoul. Die Gesichter der Typen sind verfremdet, aber krank sieht es trotzdem aus. Ich denke, ich schreib Ally mal. Auch wenn sie dann weiß, wer ich im Forum bin. Wollte ich eigentlich vermeiden.

PM von Aragnam an TrueBeliever:

„Ally,

wir haben uns vor kurzem in Camp Verde getroffen. Ich war der Typ ohne Brille.

Ein paar Anmerkungen:
Zu deinem „Alle müssen die Wahrheit erfahren“:
- Prinzipiell hast du nicht unrecht. Aber überleg dir mal, warum nicht alle die Wahrheit kennen. Das war nicht immer so. Vielleicht haben alle nur den Kopf in den Sand gesteckt. Vielleicht gibt es aber Leute, denen die Situation ganz recht ist. Rein hypothetisch könnten diese Leute etwas dagegen haben, wenn du zu viele Fakten findest. Sei vorsichtig.
- Halbwahrheiten bringen Leute in Gefahr. Wenn jemand glaubt, man könne einen Werwolf durch Kraulen beruhigen, wie FeenBlümchen23 im Thread Klärt mich auf: Werwölfe auf Seite 2 behauptet, wird er bei einer Konfrontation mit einem echten Werwolf vermutlich zerrissen. Die Jagd auf übernatürliche Wesen ist gefährlich – das weisst du jetzt selber. Einfach einen Haufen unreflektierte Infos ins Netz zu stellen ist das Äquivalent von „Bombenbauen für den Hausgebrauch“.

Noch was: Hellskitty hat in ihrem Eintrag Klein – Monsters and Monsters ein Video verlinkt. Darauf sieht man, wie zwei Typen einem dritten Kerl, der am Boden liegt, den Schädel einschlagen. Hellskitty behauptet, das wäre ein Ghoul gewesen. Aber leider kann man einen Ghoul von einem Menschen nicht unterscheiden, schon gar nicht auf dem Video.

Nimm das Video raus. Zwei Gründe:
- Erstens ist es eklig. Sieht aus wie billiger Snuff, und lockt garantiert Typen in dein Forum, die du da nicht haben willst. Informativ für Möchtegern-Jäger ist es auch nicht.
- Zweitens kann es sein, dass doch mal ein Cop oder Fed drüberstolpert. Was meinst du, was dann passiert? Die sehen da keinen Ghoul. Die sehen einen Menschen, der von zwei anderen totgeschlagen wird. Dann: Daten beschlagnahmt, du verhaftet, bis du herausrückst, wer Hellskitty ist. Hellskitty verhaftet, bis sie das File ohne die verpixelten Gesichter hergibt. Irgendwer wird dafür im Knast landen, wenn nicht du, dann Hellskitty oder die beiden Jäger.

Also nimm es bitte raus. Das ist es echt nicht wert.

Dein Bericht von der Kamelsache ist ziemlich gut, übrigens.

Aragnam“

Ach, verdammt. Jetzt fällt mir grad wieder ein, woher ich Billings, Ohio kenne. Carol Janiston unterrichtet dort Journalistik und Mediengestaltung. Sie hat als Doktorantin in Chicago mal ein Seminar über journalistische Ethik betreut. Ich hatte gerade angefangen zu studieren und das Seminar belegt. Sie war das erste Mädchen, mit dem ich am College geschlafen habe. Hat lustige Quietschgeräusche dabei gemacht. Ich musste die ganze Zeit lachen.
Und die unterrichtet jetzt Ally? Die Welt ist echt ein Dorf, wie Ernst immer zu sagen pflegt.

Comments

Claurer

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.