Mädchenkram - Supernatural

Tears of an Angel

Der weinende Engel von Colma

„So ne Blonde“, sagt Jamal. Seine Aussprache ist nicht mehr die beste, seit ihm ein Pishacha mal die halbe Wange abgerissen hat. „Kommt rein, wirft einen Blick um sich und rümpft ihr Näschen. Hat dann gefragt, ob einer was über die Sache in Colma gehört hat. Mit der weinenden Figur.“
„Okay“, sage ich und gebe ihm noch eine Runde aus. Colma. Klar habe ich da schon von gehört. Wer nicht? Der größte Friedhof der USA. Gräber ausgelagert aus San Francisco. Bei 1,5 Millionen Toten müssen immer wieder mal Geister auftauchen.

Ich weiß, dass es keine gute Idee ist, Irene zu verfolgen. Ich kann ja jetzt noch nicht mal klar denken. Ist eine verzweifelte Hoffnung, dass ich ihr das Horn abnehmen kann. Aber was soll ich sonst tun? Ich brauche das verdammte Ding.
Meine Hände zittern. Scheiße. Keine Ahnung, was ich mache, wenn ich sie sehe.

Colmar ist nicht groß. Es ist nicht schwer, ihr Hotel zu finden. Sie kommt nach einer Weile raus und ich muss mich beherrschen, ihr nicht einfach hinterher zu laufen, sie auf den Boden zu werfen und ihren Kopf so lange auf den Boden zu hauen, bis sie mir das verfickte Horn gibt.
Stattdessen folge ich ihr bis zur Bibliothek und da ist meine Geduld zu Ende. Sie sitzt drinnen an einem Tisch und schaut alte Zeitungen durch. Ich setze mich ihr gegenüber hin, die Knarre unter dem Tisch.
Klick.
„Machen wir einen Friedhofsspaziergang“, sage ich.
Sie hebt eine Augenbraue. „Mr. Fisher, wie schön, Sie wiederzusehen.“
„Ist nicht beidseitig. Steh auf“, sage ich.
„Ich muss das hier noch kopieren“, sagt sie aufreizend und hebt ein Papier hoch. „Oder wollen Sie mich hier in der Bibliothek erschießen?“
Und sie zieht es durch. Okay. Mach mich nur wütend. Inzwischen hoffe ich, dass sie mir das Horn nicht sofort gibt.
Ich dirigiere sie auf einen abgelegenen Teil des Friedhofs. „Gibst du mir das Horn ist oder müssen wir es ungemütlich machen?“
„Wir müssen es wohl ungemütlich machen“, sagt sie, immer noch dieses entnervende Lächeln auf den Lippen. „Ich gebe es Ihnen nicht.“
Schieße ich ihr ins Knie? Nein. Wenn ich jetzt mit der Knarre anfange, ist gleich einer von uns tot. Ich stecke also meine Knarre weg und hole aus. Nichts von diesem Ohrfeigen, die man angeblich gegen Frauen einsetzen soll. Sie ist eine Diebin, sie ist eine Jägerin, also voll drauf. Sie weicht aus und ich streife nur ihre Schulter.
Und macht damit weiter. Verdammte Scheiße, Frau, so prügelt man sich nicht. Schlag zurück.
Aber sie will nicht. Und ich merke, wie meine Gedanken sich zusammenziehen wie ein Tunnel. Ich denke nicht mehr an mein Ziel, an das Horn, ich will sie nur noch spüren, wie meine Fingerknöchel auf Fleisch treffen, verdammt noch mal.
„Was macht ihr beiden denn da?“ fragt jemand und Irene schaut zur Seite.
Ha. Meine Faust trifft sie in die Magengrube und sie klappt vornüber, ringt nach Atem. Ich greife nach ihren Haaren, als die Stimme sagt: „Hey, ich stehe nicht so drauf, wenn Kerle ihre Frauen verprügeln.“
Darüber müssen wir beide lachen. „Das ist nicht meine Frau.“
Aber damit ist der Moment ist vorbei. Ein Teil der Wut ist weg, aber noch nicht die Verzweiflung. Ich mache einen Schritt zurück. Führt ja doch zu nichts.
Eine Frau hat sich eingemischt, Latina, sieht tough aus. „Habt ihr euch wieder eingekriegt?“ sagt sie.
„Geht dich nen Scheißdreck an“, sage ich. „Das ist eine Privatsache.“
„Du verprügelst gerade eine Frau. Das geht mich schon was an“, sagt sie.
„Sie hat mir was gestohlen“, sage ich und werfe Irene einen eisigen Blick zu.
Irene richtet sich wieder auf. „Gestohlen? Ihnen hat das Ding nicht gehört. Warum sollte ich es nicht mitnehmen dürfen?“
„Du hat es aus meinem Auto gestohlen, Blondie. Und ich vertraue dir nicht. Keine Ahnung, was du und der Spinner mit dem Horn vorhaben“, sage ich.
„Nichts. Was soll ich denn damit machen? Ich werde es bestimmt nicht blasen.“ Sie schafft es irgendwie, von oben auf mich herabzusehen, obwohl ich ihr gerade eine verpasst habe.
„Na ja, scheint ja, als könntet ihr drüber reden“, sagt die Latina. „Kann ich euch noch was fragen?“ Sie zieht ein Foto hervor. „Habt ihr den irgendwo gesehen?“
Fahndungsfoto von so einem dünnen Kerl. Ich schüttele den Kopf.
Irene schnieft. „Ja, den habe ich gesehen. In so einer Kaschemme Richtung L.A., vor… ich weiß nicht genau, ein paar Tagen.“
Die Latina sieht nicht zufrieden aus. „Was willst du von ihm?“ frage ich.
„Kautionsflüchtling. Ich habe den Auftrag, ihn aufzuspüren.“
„Lizenz?“ frage ich. Sie verzieht das Gesicht und zeigt sie mir dann mit dem alten Schnapp-Klapp-Trick. Ich schnaube. Das war keine Kopfgeldjäger-Lizenz, das war eine Karte von irgendeiner Agentur, Telakhon oder so.
Was soll’s. Ich muss ihr ja nicht sagen, wenn ich den Kerl irgendwo finde.
Endlich verzieht sie sich.
Ich bin immer noch wütend genug, um die Sache gleich fortzusetzen. „Noch mal: Wo ist das verdammte Horn?“
„Weit weg, an einem sicheren Ort, wo es erstmal untersucht wird.“ Als sie meinen Gesichtsausdruck sieht, rollt sie mit den Augen. „Schon gut. Wenn alle Untersuchungen durch sind, und ich bekommen habe, was ich will, dann kannst du das Horn von mir aus haben. Ich will es nicht benutzen.“
Sie lügt nicht. Ich starre sie einen Augenblick an. Dann. Irgendwann. Zu spät.
Meine Hände zittern schon wieder.
Wahrscheinlich ist es besser so. Ich sollte das Ding nicht in die Finger bekommen. A.C. sollte es nicht in die Finger bekommen.
Ich zünde mir eine Kippe an, atme langsam durch. „Schon gut. Vergiss es. War ne blöde Idee.“ Ich drehe mich um und gehe. Irgendwo hin. Bloß weg von hier.
„Hey!“ ruft Irene hinter mir her. „Was soll denn das? Sie müssen verhandeln! Drauf bestehen. Weitermachen.“
Ich bleibe stehen. „Weitermachen? Wirklich? Ist jetzt Schluss mit den Tanzschritten und du wirst mal ein bisschen offensiv?“
Sie lächelte breit und kommt auf mich zu. „Hmm. Können Sie denn tanzen?“
Netter Trick. Aber ich mache das schon zu lange, um mich von einem reizenden Augenaufschlag reinlegen zu lassen.
Ich schlage ihr ins Gesicht. Sie sieht ziemlich überrascht aus.
Hm. Hat sie etwa wirklich mit mir geflirtet?
Ehe ich mir darüber mehr Gedanken machen kann, kommen zwei schwarzgekleidete Teenies vorbei. „Ey, das war so cool! Die hat echt Blut geweint! Voll krass!“
Ich versperre ihnen den Weg. „Wer hat Blut geweint?“ Sie beäugen mich kurz. „Die Statue? Von der heiligen Helen? Schon seit Tagen?“ Er wedelt mit der Hand zum anderen Endes des Friedhofs, wo sich eine Menschenmenge angesammelt hat. Stimmt ja, Jamal hatte so was in der Art erwähnt.
Ich seufze. Wenn ich schon mal da bin… Und Irene noch einen auf die Fresse zu dreschen, hat sowieso keinen Sinn. Ich schaue sie an und sage: „Das ist noch nicht geklärt.“ Sie lächelt liebenswürdig.

Die Menschenansammlung besteht aus beschissenen psalmensingenden Christen. Verdammte Scheiße. Die sehen alle aus, als hätten sie extratief an der Bong gezogen, nur ist es das leider nicht. Der ganze Ort hat eine… Aura oder so einen Scheiß. Fühlt sich an, als würde man ein Bad in warmen Kaffee nehmen. Und nicht nur dass, ich kann auch sehen, wie Irenes dicke Wange vor meinen Augen abschwillt. Gut. Kann sie mir immerhin hinterher nicht die Ohren volljammern.
Ihr scheint die Aura übrigens blendend zu gefallen. Mir nicht. So was passiert nicht zufällig und schon gar aus einem guten Grund. So ist die Welt nicht.
Irgendwas stimmt mit der Aura nicht. Ein paar von den Leuten wirken überdreht, kurz vorm Durchknallen. Scheiße. Wenn das mal kein Blutbad gibt.
Ich schlängele mich zum Vorbeter durch, während Irene sich den Priester vornimmt. Der Mann versucht, irgendwie Ordnung zu halten. „Nicht auf die Blumen! Achtung, das Grab!“ ruft er immer wieder, aber die Ecke um Helens Grab herum sieht schon aus wie ein Schlachtfeld.
Der Vorbeter sieht mich mit glasigen Augen und starrem Grinsen an. „Bruder, bete mit uns!“
„Gleich, Bruder“, sage ich. „Sag’ mir erstmal, wem sich dieses Wunder zuerst enthüllt hat.“
„Allen Bruder, allen!“ Er wirft die Hände hoch. Dann lässt er sie wieder sinken. „Ach so, du meinst, das erste Mal? Der gesegneten Mary Hopkins, von Helen Sullivan, der Engelsgleichen gesegnet!“ Er zeigt auf eine alte Dame, die etwas Abseits sitzt und kopfschüttelnd strickt.
Dann erzählt er noch von der engelsgleichen Helen, ihren vielen Wundern und natürlich der weinenden Engelsfigur. Immer wieder weint sie Blut!
Engel. Ich hasse Engel. Und wie kann man eigentlich auf die Idee kommen, dass Bluttränen was Gutes sind? Blut, verdammt noch mal. Wäre es auch ein heiliges Wunder, wenn der Figur ständig Giftschlangen aus der Muschi fallen würden?
„Bete mit uns, Bruder! Bete zu Ehren von Helen!“ kreischt mir der Vorbeter ins Ohr und versucht, meine Hand zu nehmen. Soll er. Ich drücke zu.
„Nicht… so… fest… Bruder“, sagt er und sein Lächeln verschwindet endgültig, als ich ihm mein „Fass mich nicht an“-Gesicht zeige.
Er lässt meine Hand los. Dann schmeißt er sich mit doppelter Energie auf seine Mitbetenden.

Mary Hopkins schüttelt ihren Kopf und sagt zu dem Grabstein vor ihr: „Ach Ralfie, was soll der ganze Trubel? Ts, die machen ja alles kaputt. So ein Ärger.“
Ich setze mich neben sie. „Sie haben das Ding zum ersten Mal weinen gesehen?“
Sie mustert mich über die Ränder ihrer Lesebrille hinweg. „Die Figur? Ja ja, ich dachte noch, das wäre Ketchup oder so und jemand hätte sich einen Scherz erlaubt. Aber nein, es war Blut.“ Sie schnalzt mit der Zunge. „Manchmal denke ich, hätte ich doch bloß nichts gesagt, aber wahrscheinlich hätte man es sowieso gesehen.“
Ich nicke. „Haben Sie noch jemanden in der Nähe gesehen, der das gemacht haben könnte? Oder etwas gespürt? Dass es kalt wurde oder ähnliches?“
Sie saugt ein bisschen an ihrem Gebiss. Ihre Stricknadeln klappern. „Nein, da war niemand. Und gespürt, na, meine Arthritis, die ist fast weg!“ Sie schnaubt empört.
Ich muss grinsen.
„Sagen Sie, junger Mann…“ meint sie von der Seite. „Sind Sie ein Privatdetektiv oder so was?“
„Oder so was“, sage ich.
„Kann ich Ihre Waffe sehen?“ Mrs. Hopkins Augen glitzern.
„Klar.“ Ich zeige ihr meine Beretta.
„Kann ich mal damit schießen?“ fragt sie und zielt schon mal in Richtung der Menschenmenge.
Ich nehme ihr die Pistole lieber wieder aus den Händen. „Zu viele Leute hier. Vielleicht wann anders.“
Sie lässt den Kopf hängen. Dann hebt sie ihn abrupt wieder. „Sagen Sie, junge Mann, wie ist denn ihre Schuhgröße?“
„45“, sage ich und stecke meine Waffe wieder ein.
„Dann kommen Sie später wieder, dann bekommen Sie ein paar schöne Wollsocken. Weiß schon gar nicht mehr, wohin damit!“ Hätte ich früher mal eine knarreschwingende Oma gehabt…

Irene hat von dem Priester erfahren, dass Helen Sullivan zwar sehr gläubig war und sich sehr für ihre Mitmenschen eingesetzt hat, aber auch „undiplomatisch“ gewesen wäre, „so wie eine gewisse andere Person“. Sie ist überfahren worden, als sie ein verwundetes Reh mitten auf der Straße versorgen wollte. Dummheit macht noch nicht heilig, das sollte ich wissen.
Irene ist nicht alleine.
Kitty ist bei ihr.
Verdammt.
Damit ist der ruhige Teil des Abends wohl vorbei.
„Morgen, Agent White! Wie heißen Sie eigentlich wirklich?“ sagt Kitty, bei der die Aura des Ortes irgendwie keinen Unterschied bewirkt.
Netter Versuch. „Nenn mich einfach Cal“, sage ich.
Sie legt schon wieder los, von ihrem tollen Reporterberuf und dieser großartigen Möglichkeit und ob die beiden jungen Frauen wirklich von einem Vampir…
„Vampir?“ frage ich. Scheint so, als wäre die blutende Figur nicht das einzige, was hier schief läuft. Zwei junge Mädchen, Sadie und Dami, wurden ausgeblutet und auf dem Friedhof drapiert.
Kitty schwafelt dann noch was weiter, dass man doch das Blut vergleichen sollte und ob sie so tun soll, als ob sie vom Vatikan käme oder von einem christlichen Blatt oder eine christlichen Uni oder was…
„Frag ihn endlich“, knurre ich sie an und sie zischt ab.
Sie kommt bald mit einem Wattepad mit Blut dran zurück. Der Priester hat ihr aus der Hand gefressen.
„Zum Sheriff und fragen, was mit den Morden ist“, sage ich und wie aus einem Mund meinen Kitty und Irene: „Da können wir doch sicher bei Ihnen mitfahren!“.
Ich hole tief Luft.
Ja. Na klar. Steigt alle ein.

Der Chief of Police ist eine ältere Frau, die heilfroh ist, einen Teil der Arbeit an das FBI abgeben zu können und mir bereitwillig alles erzählt. Der Täter hat den Mädchen die Pulsadern aufgeschnitten – richtig, von oben nach unten – und sie dann mit einer Rose auf der Brust auf einen Grabstein gelegt. Keine Ahnung. Könnte auch ein Serienkiller sein. Soll es ja geben. Meistens steckt aber irgendein Monster dahinter.
Die Mädchen waren beide Emos und kannten sich zumindest flüchtig. Sie wurden vor dem lokalen Club gesehen, wie sie mit einem Jungen mit spitzen Schuhen gesprochen haben. Sadie hatte sich nicht gewehrt, aber Dami hatte Blutergüsse an den Armen, die höchstens von einem sehr starken Menschen stammen könnten.
Mehr kommt erstmal nicht raus.

Draußen hat Kitty mein Auto geputzt, es ordentlich mit Pink Flamingo eingesprüht und legt gerade den Lappen an die Engelssiegel. „Können die Bilder weg?“ fragt sie strahlend. Irene fällt ihr gerade so noch in den Arm. Meine FBI-Jacke riecht auch nach Pink Flamingo. Schlimmer als Hundepisse. Viel schlimmer.
„Das Blut ist verschwunden!“ platzt Kitty heraus. „Auf dem Pad! Das Blut ist einfach… weg! Wie kann das denn sein?“ Weiß ich auch nicht. Illusion?
Als ich die Tür aufmache, springt mir Miffy entgegen. Für einen Moment denke ich, sie wäre schon wieder an mein Glas mit Totenmannsblut gegangen, aber es ist… Lippenstift?! Gottverfickt! Lippenstift!
„Sie wollte spielen“, sagt Kitty ganz unschuldig. Ich packe Miffy am Genick und schiebe sie in Kittys Arme. Den lippenstiftverschmierten Mund nach vorne.
„Du hast das angerichtet, du machst das sauber“, sage ich.

Das kann sie machen, während wir die Eltern der beiden Opfer aufsuchen. Damis Eltern können nicht viel mehr erzählen, aber Sadies Mutter erzählt uns von ihrem Exfreund Brian „der sich jetzt Bryan schreibt“. Er hat es nicht leichtgenommen, dass sie sich von ihm getrennt hat und sie mit unerträglichen Liebesgedichten belästigt. Ein paar von denen zeigt uns die Mutter. „In meiner Hose trage ich für dich eine Rose, meine Tränen so weiß, meine Liebe so heiß.“ Gott, ich hoffe, der Kerl ist der Vampir. Für das Geschwafel hat er den Tod verdient.

Also müssen wir wohl den Emo-Club besuchen. „The Dying Rose.“
Kitty geht mir auf die Nerven, dass ich mich doch schwarz anziehen müsste und vielleicht ein bisschen Kajal…? Damit sie ihre Klappe hält, wechsele ich von meiner Cordjacke in Leder. Irene bringt sie mit den Vorschlag, sie könnte sich doch als Promi aufspielen und wir als ihre Bodyguards, endgültig zum schweigen.

Drinnen läuft irgend so ein schnulziger Scheiß, bei dem viel zu oft die Worte „Pain“, „Darkness“ und „Love“ fallen. Bei so was bekomme ich immer Lust, denen mal zu zeigen, was Schmerz wirklich ist.
Brian – sorry, „Bryan“ – treibt sich an der Bar rum und sülzt irgendein Mädel voll.
Wir stellen uns auch an die Bar und Irene spendiert eine Runde. Immerhin. Mit einem netten Whiskeyschleier könnte das hier erträglicher werden.
Kitty macht sich an Brian ran, dem vor Überraschung die Kinnlade in den Knien hängt. Nicht, dass man mehr von seinem Gesicht sehen könnte, der Rest ist von schlecht frisierten Haaren bedeckt.
Nach einem Tänzchen kommt sie mit ihm zurück. Irene „tastet ihn nach Waffen ab“ und macht wahrscheinlich den gleichen Trick wie sie es mal bei Kitty versucht hat. Und bei mir, fällt mir dabei ein.
Irene entschuldigt sich und geht nach draußen. Ich darf mir derweil anhören, wie Brian Kitty von Sadie verschwärmt, seine ewige Liebe, obwohl, vielleicht doch nicht sooo ewig, und er hätte ihr immer Gedichte geschrieben, er habe so viel Talent… Der Kerl ist entweder einfach nur ein Volltrottel oder er ist der beste Lügner, den ich je getroffen habe. Aber nach der Sache mit dem Vampirmädchen traue ich meiner Intuition nicht mehr.
Er schwafelt weiter. Mein Drink ist alle.
Ich habe große Lust, ihn ein paar Mal mit dem Kopf auf den Tisch zu dreschen, da fällt draußen ein Schuss.
Gott sei Dank.
Ich renne nach draußen, wo Irene gerade einen Kerl verfolgt, der exakt wie Brian gekleidet ist. Und wie alle anderen hier.
„Wer ist das?“ rufe ich ihr zu.
„Vampir“, sagt sie.
„Scheiße, Machete im Auto“, sage ich.
Wir folgen ihm auf den Friedhof. Es ist verdammt dunkel da und wir verlieren ihn erstmal.
Hinter uns keucht und schnauft es und dann klettert Kitty über die Mauer. Mit Brian im Schlepptau. Irene und ich tauschen einen Blick. Das kann doch nicht ihr Ernst sein…
„Was war das?“ schnauft sie.
„Ein Vampir“, sagt Irene.
„Dann… gibt es Vampire wirklich? So in echt?“ Sie macht große Augen. „Und Brian ist nicht der Vampir?“
„Nein“, sage ich und dann zu Brian: „Verpiss dich.“ Er braucht mir nur einmal in die Augen zu blicke und rennt wie ein Hase.
Irene sieht sich den Boden an und macht die volle Spurenleser-Sache. Wir folgen die Spuren bis zu einem Parkplatz. Dort steht zwar kein Vampirauto, aber der Wagen der angeblichen Kopfgeldjägerin. Mit ihr drin. Ich klopfe an die Scheibe. Sie greift automatisch unter den Sitz und macht dann das Fenster runter.
„Einen Wagen gesehen, der hier gerade weg ist?“ frage ich.
„Hm, ja. Mietwagen. Ist da lang gefahren“; sie zeigt in die Richtung.
„’kay. Danke.“
„Das war aber nicht mein Kerl, oder? Oder der Vampir?“
„Der Vampir“, sage ich.
„Schade“, sagt sie. „Den hätte ich gerne umgebracht.“
Ich zucke mit den Schultern. „Wenn er wiederkommt, bring ihn um. Ach ja, was hat der Kerl eigentlich gemacht?“
„Der Kautionsflüchtling? Hat eine Reliquie aus einer Kirche gestohlen und ist dann nicht zu seiner Verhandlung erschienen.“ Sie gähnt.
„Reliquie? Gral oder Horn?“ fragt Kitty und bevor sie weitersprechen kann, sage ich „Gute Nacht“ und schleppe Kitty am Kragen weg.
Hat man nicht früher manchmal Leuten die Zunge rausgeschnitten?

An der Kreuzung, die aus der Stadt führt, frage ich mit meiner FBI-Montur in einer Tankstelle nach den Sicherheitsaufnahmen. Der Angestellte haucht begeistert „Oh, Pink Flamingo! Das mag ich auch am liebsten!“ und ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir auf den Hintern geschaut hat.
Aber er lässt mich die Sicherheitsaufnahmen ansehen.

Mit Hilfe der Aufnahmen finden wir ein altes Farmhaus etwas außerhalb der Stadt. Der Mietwagen steht davor.
Wenn es da ein Vampirnest gibt, sollten wir am Tag angreifen. Aber falls sie aufgescheucht werden, muss man dableiben. Ich lehne mich schon zurück und bereite mich auf eine weitere ungemütliche Nacht im Auto vor, da kommt der verdammte Vampir aus dem Haus, zwei Koffer und ein Handtäschchen im Schlepptau. Er fängt an, das Ganze ins Auto zu laden.
Wegfahren sollte er nicht. Ich steige also aus und feuere erstmal eine Salve in die Reifen. Der Vampir kreischt und… läuft weg, das Täschchen vor seine Brust gedrückt.
Scheiße. Was ist denn das für eine Memme?
Irene wirft noch ein komisches rundes Ding nach ihm, trifft aber nur einen Baum.
Hinterher. Scheiß auf den dunklen Wald. Der Vampir kann uns sowieso sehen, also schalte ich das Licht auf meinem Sturmgewehr an. Ich kann hören, wo er hingerannt ist und schieße in die Richtung. Irgendwas fällt um.
Ehe ich an ihm dran bin, ist er schon wieder weg.
Da packt mich etwas von hinten. Der Vampir zischt und entblößt die Zähne. Ich treffe ihn, aber die kleine Wunde steckt er leicht weg.
Irene taucht auf und tritt dem Vampir von hinten in die Kniekehlen. Er strauchelt und lässt mich los.
Jetzt stehen wir alle mit Macheten um ihn herum. Er schaut sich um und rennt schon wieder weg.
Scheiße, keinen Bock mehr auf den Dreck. Ich schneide mir mit der Machete in die Hand und hebe den Arm. Sogar ich kann das Blut riechen.
Der Vampir bricht aus dem Unterholz, Blutlust in den Augen und schlägt mir die Machete aus der Hand. Seine Zähne bohren sich in meinen Hals. Scheiße. Ich denke noch daran, dass Wunden an der Stelle rasch mal die Schlagader erwischen, dann verschwimmt alles in einem Schleier aus rotglühendem Schmerz.
Ich muss an den Emo-Song denken und grinse.
Dann lässt plötzlich das Gewicht an meinem Hals nach. Ich blinzele. Der Körper des Vampirs fällt zu Boden. Sein Kopf hängt noch an mir. Ich spanne die Kiefer an und reiße ihn an. Frisches Blut läuft mir auf die Lederjacke. Scheiße. Die kann ich wegwerfen.
Ich drücke mir einen Lappen auf die Wunde.
„Ist ihnen Blut vom Vampir in den Mund gekommen?“ fragt Irene und schwingt schon mal die Machete.
„Nein. Aber wenn ich morgen in der Sonne kokele, bring mich halt um.“
„Dann dürfte es zu spät sein“, sagt sie.
„Versuch’s doch gleich, wenn du willst…“
„Ja, schon gut“, sagt sie und steckt die Machete weg.
„Also, wenn man Blut vom Vampir…“ sagt Kitty.
„Versuchen Sie es bloß nicht, Miss Munroe“, sagt Irene.
Ich schenke ihr meinen finstersten Blick. „Und wenn du das irgendwo schreibst und dann Horden von Teenagermädchen losrennen und sich Vampirblut einflößen und anfangen, Leute umzubringen, dann klebt das ganze Blut an deinen Händen. Das ist dann deine Schuld.“
Das macht sie kleinlaut. „Ich wollte doch nur… dass Vampire gefährlich sind…“ murmelt sie.
Da soll sie ein bisschen drüber nachdenken. Glaube zwar nicht, dass es wirkt, aber der Idiotin muss mal jemand Verstand einprügeln.
In der Handtasche des Vampirs ist neben viel zu viel Haarpflegemittel auch ein Tagebuch. Er ist hergekommen, um sich von den Tränen der Heiligen kurieren zu lassen. Tja. War wohl nichts.

Die Wunde an meiner Schulter blutet kaum noch, als ich mir das ganze Vampirblut im Haus abwasche. Keine anderen Vampire, kein Nest, nur ein depressiver Spinner, der sich selbst wahnsinnig Leid getan hat.
Und jetzt ist er tot.
Buhu.
In seinem Tagebuch hat er eine Chronologie von Artikeln über die Wunder an Helens Grab gelegt. Richtig viel gibt das nicht her, aber zu Beginn sind wohl Blumen erfroren. Hm. Keine Ahnung, ob das wichtig ist, aber ich telefoniere mal rum. Kommt aber nicht viel bei raus. Dass da Geister dran schuld sein können, war ja vorher schon klar.
Irene hängt auch gerade auf und starrt das Telefon an, als wäre es eine Giftschlange.
„Probleme?“ frage ich. “Nein”, sagt sie und steckt mit eisiger Miene das Telefon ein.
„Wir sollten Helen einfach einsalzen und verbrennen“, sage ich. Oder vielleicht… Mir fällt ein, dass es ein Ritual gibt, mit dem man einen Geist an sein Grab rufen kann. Ist manchmal ganz praktisch, wenn man einen Geist von seinem Ziel ablenken will. Oder was über die Todesursache herausfinden muss.
Was aber schwer wird, wie wir am Friedhof sehen, denn dort ist trotz der späten Stunde jede Menge los. Scheiße, hören diese Christen denn nie mit dem Beten auf?
Die Kopfgeldjägerin und der Kautionsflüchtling sind auch da. Ich weiß nicht, ob ich mich da auch noch reinhängen soll – wir haben ja schon genug zu tun. Andererseits hat der Typ eine Reliquie geklaut, wer weiß, vielleicht hat er noch was anderes dabei, was den ganzen Scheiß auslöst.
„Ich lenke die ab!“ sagt Kitty fröhlich und rast zu der Frau, während Irene und ich uns zu dem Mann rüberschleichen. Mehr oder weniger.
Der Kerl schaut zu uns rüber, starrt mich direkt an und sieht so aus, als wolle er was sagen. Kenne ich den? Hm. Glaub nicht.
Aber die Frau hat ihn auch schon gesehen und natürlich macht er sich davon.
Was auch immer.
Während ich mich noch umsehe, klettert Kitty auf einen Grabstein, schreit: „Hey, das ist der Kerl, der Helen ausgraben wollte!“ und zeigt auf den Fliehenden So richtig klappt’s nicht. Ein paar Leute rennen den beiden hinterher, ein paar stellen sich schon mal in Verteidigungshaltung bereit.
Helen einfach ausgraben und verbrennen geht so natürlich nicht.
Also nutzen wir die Stunden, um uns noch ein bisschen umzusehen. Irene klettert sogar auf einen Baum und sagt, als sie wieder unten ist: „Die Blumenrabatte sehen verdächtig wie ein Pentagramm aus.“
Ein Pentagramm. Aus Blumenrabatten. Scheiße, hat den heute keiner mehr Standards?
Irene ruft noch mal ihren Kontakt an. Scheint nicht zu helfen. Sie zischt: “Geht doch zurück ins Bett zu deiner ‘wichtigen Sache’.” und legt auf. “Probleme?” frage ich und lächle ein bisschen anzüglich. Wieder der böse Blick.
Aber wie auch immer, wir beschließen, am nächsten Tag mit dem Priester und dem Gärtner zu reden. Vielleicht weiß einer von denen was.
Ich schlafe im Auto, eine Entscheidung, die ich schnell bereue. Gott, der Gestank von dem komischen Zeug, das Kitty hier versprüht hat, ist echt nicht auszuhalten.

Der nächste Tag bringt mehr Wunder. Alle Statuen innerhalb des Pentagramms weinen Blut und ich bin versucht, das Gesicht des nächsten Christen in die Bluttränen zu drücken und ihn zu fragen, ob das, scheiße noch mal, heilig sein soll.
Kitty redet wieder mit ihrem Freund, dem Priester. Nein. Der Typ lügt nicht, der hat keine Ahnung von dem Pentagramm.
Inzwischen habe ich keine Lust mehr, um die Frage herumzuspazieren und mit Andeutungen zu arbeiten. Ich frage den Friedhofsgärtner direkt, ob er die Blumen so gepflanzt hat. Nein, das ist Sache der Familie. Aber er könnte uns da sehr schöne Kränze anbieten…
Kitty macht ein schlaues Gesicht und nickt in Richtung einer Emo-Trulla hinten in der Gärtnerei. „Ich glaube, wir haben schon gefunden, wen wir suchen!“ Und marschiert einfach ab.
Das Mädchen will natürlich erst nicht so richtig reden. Schließlich sagt sie: „Helen war meine Freundin. Sie war so ein guter Mensch… Und jetzt… Ich wollte sie schützen, deshalb habe ich das Pentagramm gemacht.“
So ganz lügt sie nicht. Aber sie sagt auch nicht die Wahrheit.
„Komm, gehen wir einen Kaffee trinken“, sage ich zu ihr. Vielleicht redet sie ja lieber in entspannter Atmosphäre.
Sie wird aber sofort zickig. „Wieso soll ich mit Ihnen Kaffee trinken gehen? Sie können mir gar nichts!“
Scheiß auf den Scheiß. Ich halte ihr den FBI-Ausweis unter die Nase. Da kommt sie mit, aber nicht gerade fröhlich.
Wir suchen uns also ein Café in der Nähe und reden mit ihr. Oder versuchen es zumindest.
„Okay“, sage ich. „Du hast doch was verschwiegen. Was soll die Sache mit dem Pentagramm? Vor was willst du Helen beschützen?“
„Vor nichts, ich wollte nur… Es ist so unfair, dass ausgerechnet sie sterben musste. Helen war der beste Mensch der Welt!“ Sie sieht beleidigt aus. Tja, Kind, so ist das Leben: Scheiße.
„Was hast du gemacht?“
Ihre Augen glitzern, als sie sagt: „Ich mache es wieder gut. Ich hole sie zurück.“
Kitty springt fast aus ihrem Stuhl. „Das kannst du nicht machen! Das ist unnatürlich, da kommt nichts Gutes bei raus! Denk nur an Buffy, da wurde sie auch aus dem Himmel gerissen und war hinterher total unglücklich.“
Das Mädchen schaut sie an, als hätte sie einen an der Klatsche. „Und? Wie oft hat Buffy hinterher noch die Welt gerettet?“
„Das ist trotzdem eine Scheißidee. Habe noch nie gehört, dass so ein Ritual gut ausgeht“, sage ich.
„Klar, Sie wissen ja auch alles. Ich weiß ganz genau, was ich tue. Ich habe alles im Griff!“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht so selbstzufrieden aus, dass ich einfach mal rübergreifen und ihr Gesicht auf den Tisch knallen will.
Kitty springt schon wieder auf. „Was, indem du Helen als Zombie wiederholst? Das kann ja…“
Ich drücke sie wieder auf ihren Stuhl. „Halt die Klappe, Kitty. Mädchen, du hast nichts im Griff. Die Leute in dem Pentagramm drehen durch. Da gab es gestern schon eine handfeste Schlägerei.“
Sie kaut ein bisschen auf ihrer Lippe. „Und? Dafür werden Menschen geheilt.“
„Was genau hast du gemacht?“ bohre ich.
„Das ist wirklich raffiniert“, sagt sie und grinst überlegen. Tisch. Kopf. „Hier gibt es so viele Geister, die kann man als Energie benutzen. Und die Energie kann ich dann benutzen, um Helen wieder zurück zu holen.“
„Und das hältst du wirklich für eine gute Idee?“ fragt Irene.
„Es ist eine gute Idee. Die Welt braucht Helen. Und ihr könnt mir gar nichts. Was wollt ihr denn machen? Mich festnehmen? Ich habe ja nichts verbrochen.“ Sie lächelt breit.
Kleine Schlampe. „Überleg dir gut, ob du das wirklich machen willst, Mädchen. Wenn du das versuchst, halten wir dich auf. Egal wie.“
Sie steht auf. „Dann sind die Fronten ja geklärt.“
„Moooment“, sagt Kitty und zieht das Tagebuch des Vampirs hervor. „Du weißt schon, dass die beiden Mädchen ohne deine Aktion nicht gestorben wären?“
Sie zögert. „Bitte?“
„Es ist ein Vampir hierhergekommen und wollte sich von den Bluttränen heilen lassen. Und da hat er auch gleich Sadie und Dami umgebracht.“ Sie schiebt das Tagebuch zu Denise hinüber. Die machte einen Schritt aus vom Tisch weg. „Ich muss das nicht lesen. Ich gehe jetzt!“
Irene packt sie an der Schulter und drückt sie auf ihren Stuhl zurück. „Jetzt hör mir mal zu“, sagt sie nahe an Denise Ohr. „Du siehst dir jetzt das Tagebuch an. Sieh dir an, was du angerichtet hast.“ Sie haut den Kopf des Mädchens in das aufgeschlagene Buch. „Die beiden Mädchen sind tot und das ist dein Werk. Glückwunsch. Gut gemacht. Hoffentlich bist du stolz.“
Sie fängt an, zu schreien. „Lass mich los! Egal ob FBI oder nicht, das dürft ihr nicht! Lasst mich in Ruhe!“
Jetzt mischt sich auch der Besitzer des Cafés ein. „Hey, Sie können doch nicht…“
„Lasst sie gehen“, sage ich.
Denise dreht sich an der Tür noch einmal um, macht eine Handbewegung in Richtung Irene und sagt: „Du bist tot!“ Dann stürmt sie raus.

„Das lief ja gut“, sagt Irene draußen.
„Die Kleine will wohl nicht… Kann sein, dass wir sie…“ Das ist aber nichts, was Kitty hören sollte.
„Na, wenn Sie es nicht einsieht!“ sagt das Mädchen seelenruhig. Okay. Das hätte ich nicht erwartet.
Wir teilen uns auf. Kitty geht den Priester besuchen, Irene und ich wollen Denise einkassieren. Sie soll gar keine Zeit haben, um Helen zu erwecken. Oder Irene mit irgendeinem gezielten Fluch umzulegen.

Das Haus des Mädchens schreit geradezu Hexe. Verwilderter Garten mit verdächtigen Pflanzen, eine Horde Raben auf einem Baum und eine schwarze Katze. Fehlt nur noch ein Haufen von diesen Kids aus dem Club.
Wenigstens haben die Raben keine grünen Augen.
Wir sehen uns das Gelände kurz an, aber rein will ich da so ohne weiteres nicht. Fleischfressende Pflanzen und so.
Also muss sie raus. Ich erinnere mich da an einen Trip mit Uriah. Killerbienen, scheiße, so was habe ich noch nicht gesehen. Da hat er mir gezeigt, wie man richtig widerliche Rauchbomben bastelt. Was da reinkommt, will ich Irene gar nicht zeigen. Sie kann so lange ihr Betäubungsgewehr holen.
Ich hebe einen Stein auf und schmeiße eine der Scheiben ein. Und was passiert? Unter Krächzen und Flügelschlagen fliegen die Raben auf. Einen hole ich gleich vom Himmel, dann sind sie an uns dran. Überall um mich herum Federn, Schnäbel, Klauen. Ein Vogel direkt vor meiner Mündung. Ich drücke ab. Das Vieh explodiert in Eingeweide und schmutzige Daunen.
Einen Augenblick wird es freier. Irene hält sich die Raben mit dem Ende ihres Gewehres vom Leib, da drehen die Viecher plötzlich ab und fliegen Richtung Friedhof.
Sirenen bewegen sich in die gleiche Richtung.
„Ups“, sagt Irene.
„Was?“
Sie zeigt mir ihr Handy. Eine SMS von Kitty und sie sagt nur „Ups“.
Ich bekomme ein ganz mieses Gefühl in der Magengrube.
Scheiß auf die Hexe. Das ist jetzt dringender.

Auf halbem Weg macht Irene Wagen plötzlich eine Vollbremsung. Ein Mann ist ihr vor’s Auto gelaufen und geht jetzt zielstrebig auf ein Haus in der Nähe zu. Er läuft ungefähr zu geschmeidig wie eine Holzpuppe.
Ich steige aus und lege schon mal eine Hand auf die Knarre. Der Mann hämmert gegen die Tür und schreit: „Aufmachen, du Schlampe! Du hast mich betrogen!“
Eine Frau öffnete die Tür – Idiotin – und der Mann kreischt sie an. „Du hast mich betrogen! Wir konntest du mit Steve ins Bett gehen?“
„Was…? Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht…“ sagt die Frau und macht die Tür immer noch nicht zu.
Aber der Mann langt ihr eine. Sie taumelt zurück und ich packe ihn von hinten. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf, als mir plötzlich eiskalt wird. Geist. Überraschung.
Irene taucht vor uns auf, schon Steinsalz in der Hand. „Geist?“ fragt sie und schmeißt schon mal vorsorglich das Salz. Er sackt in meinen Armen zusammen. Ein weiterer Schauer durchfährt mich, als eine durchscheinende Gestalt aus ihm herausfährt und wie an einem Seil gezogen in Richtung Friedhof verschwindet.
Ich zerre den Bewusstlosen in das Haus.
„Was war denn…? Das Ding da, das sah aus wie Peter…“ sagt die Frau und sieht dem Geist hinterher.
„Das war ein Geist. Sind sie alleine?“ frage ich und sie sagt: „Mein Sohn… Er ist oben…“
„Rufen Sie ihn und gehen Sie in die Küche.“ Entweder sie glaubt mir oder sie ist so geschockt, dass sie mir nicht widerspricht. Jedenfalls holt sie ihren Jungen und setzt sich in die Küche, wo wir einen netten Salzkreis um sie ziehen.
„Bleiben Sie da drin. Dann sind Sie vor Geistern sicher.“
Inzwischen wacht auch der Mann wieder auf. „Was? Wo bin ich? Ich hatte so ein komisches Gefühl…“
„Geschlagen haben Sie mich“, sagt die Frau und starrt ihn finster an.
„Was habe ich? Ich schlage keine Frauen!“
Sollen sie sich zoffen. Hauptsache, sie bleiben im Kreis.

Auf dem Friedhof herrscht ein Pandämonium. Geister treiben zwischen den Grabsteinen umher, stürzen sich auf Menschen. Besessene prügeln sich, küssen sich, tun was auch immer der Geist unbedingt will. Überall liegen ausgerupfte Blumen herum. Der Kreis ist zerstört.
Und auf einem Grabstein steht Kitty und filmt. Scheiße, mir drängt sich der Verdacht auf, dass das kleine Biest das absichtlich inszeniert hat.
Wenige Möglichkeiten. Wir können schlecht die ganzen Gräber finden und all diese Geister bannen. Den Kreis neu anzulegen bringt nichts. Die Geister sind ja schon draußen.
Was soll man tun? Ich gehe mit meiner Flinte und dem Salz los, ballere in körperlose Gestalten und ziehe Salzkreise, um ehemals Besessene zu schützen. Es ist inzwischen so kalt, dass mir der Atem vor dem Mund kondensiert.
„Sag Jane, dass ich sie liebe…“ flüstert ein Geist. Ein anderer kreischt mich an: „Erwin bekommt nie mein Geld, niemals!“
Ich drücke ab.
Irgendwann legt sich das Chaos etwas. Schätze, viele der Geister waren nicht richtig wach und wurden nur von Denise angezogen.
Der Rest beschäftigt sich bei Helens Grab mit der Kopfgeldjägerin und dem Flüchtling. Sie hat ihn gepackt und er schreit irgendwas vor sich hin. Leute, es gibt gerade echt Wichtigeres…
„Siehst du, der ist auch einer von denen, der arbeitet auch für A.C.“, sagt der Typ, als ich näher komme.
Was?
Alle starren mich an. Ich spiele mit dem Gedanken, den Kerl einfach zu erschießen, aber natürlich tue ich’s nicht.
„Hilf mir, bitte. Du bist doch auch einer von A.C.s Leuten“, sagt er.
„Nicht so richtig“, antworte ich.
„Bitte… Ich brauche eine Reliquie, sonst nimmt er mir meine Seele weg. Ich kann nicht in den Knast.“ Ihm laufen die Tränen über das Gesicht.
Verdammt.
„Bitte, bitte, ich brauche was von Helen, sie ist doch eine Heilige, vielleicht reicht ihm das und er lässt mich gehen“, sagt er.
„Das ist keine Heilige, das ist nur ein totes Mädchen. Die hat noch nicht mal Wunder hingekriegt. Das war ihre Freundin“, sage ich.
„Sagt er etwa die Wahrheit?“ fragt Irene mit ordentlich Zweifel in der Stimme.
„Ja“, sage ich.
Der Kerl versucht, sich loszureißen. „Bitte… Hilf mir. Ich will nicht in den Himmel…“
Die Kopfgeldjägerin rollt mit den Augen und zerrt ihn weg. „Wie auch immer. Du kommst in den Knast.“
„Bitte! Tu doch was!“ schreit er und sieht mich an.
„Was soll ich denn machen?“ sage ich. Ich weiß es wirklich nicht. Kann’s ja verstehen, aber…
„Tja, du hast nun mal verkackt und das ist die Rechnung“, sagt Kitty ganz unbewegt.
Habe ich das?
„Bitte“, fleht er wieder. „Tu doch was. Schieß sie ins Bein.“
„Schieß mich bitte nicht ins Bein“, sagt die Kopfgeldjägerin.
Das nicht. Aber ich sage: „Du weißt schon, wenn er in den Knast kommt, ist er tot.“
Sie bleibt stehen. „Wirklich?“
„Ja.“
Sie seufzt und lässt ihn los.
„Danke, danke“, sagt der Typ. „Ich… vielleicht gibt es Mexiko ja Reliquien, habe gehört, dort gibt es so was.“ Er fällt beinahe über seine eigenen Füße und rennt dann weg.
Ich werde immer noch angestarrt. Keinen Bock drauf. Ich gehe noch ein paar Geister erschießen.
Hauptsache nicht nachdenken.
Nach einer Weile kommt Kitty zu mir rüber. „Hör mal, ist ja OK, dass du nicht drüber reden willst, aber wir wollen jetzt Helen rufen und du kennst doch ein Ritual…“
Ich hole aus und sie quietscht und fällt über einen Grabstein. „Aber ich will kein einziges Wort hören, bis wir das drüben sind.“ Sie beißt sich ordentlich auf die Lippen, hält aber die Schnauze. Gut. Ich kann gerne noch mal ausholen.

Das Ritual ist nicht kompliziert. Salzkreis auf dem Grab, ein bisschen Abrakadabra murmeln und der Geist taucht auf. Eine junge Frau in einem weißen Kleidchen.
„Oh je!“ Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Was ist denn hier los! Die armen Geister! Ich muss ihnen helfen!“ So ist das. Die Eltern lassen einen als Kind mal auf dem Schädel fallen und man kann Heilige werden.
Sie versucht, den Kreis zu verlassen. „Lasst mich gehen! Ich muss den Geistern helfen!“
„Moment. Du musst mit Denise sprechen. Das ist alles hier ihre Schuld“, sagt Irene und wählt auf ihrem Handy. „Denise? Deine Freundin möchte mit dir reden…“
Kurz darauf taucht Denise auf, total aufgepusht. Um sie herum spielen die Pflanzen verrückt.
„Was habt ihr gemacht? Seid ihr verrückt?“ schreit sie und ich werfe Kitty einen Blick zu.
Dann sieht sie Helen. „Helen… Was haben sie mit dir gemacht?“
Helen schaut Denise an. Sieht immer noch aus wie ein geistig behinderter Hippie, der Geist.
„Denise, du musst den Geistern helfen.“
„Ich vermisse dich so, Helen. Bitte komm zu mir zurück…“ Oh, hat die durchgeknallte Hexe Tränen in den Augen? Sorry, Mädchen, aber du hast lange kein Mitleid mehr verdient.
Helen wedelt mit der Hand in der Luft herum. „Nein, Denise, ich bin tot und komme nicht zurück. Aber du musst den Geistern helfen.“
Denise kaut ein bisschen auf ihrer Lippe herum und sagt dann leise: „Verstehe schon…“
„Dann ist ja gut!“ sagt Helen zufrieden. „Und jetzt hilf den Geistern. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. Helen löst sich auf.
Denise setzt sich auf ein Grab und fängt an zu schluchzen. Scheiße, du bist vielleicht jung, aber der ganze Hexendreck ist einfach nichts für Menschen.
Irene seufzt und geht zu ihr rüber. Sie legt einen Arm um das Mädchen und sagt: „Weißt du, wie das in meiner Familie ist? Wenn da jemand stirbt, versuchen wir nicht, ihn zurück zu holen. Wir übernehmen seine Aufgabe. Und du hast einiges zu tun…“
Jetzt fängt Denise laut an zu heulen. „Oh Mann, ich habe echt alles falsch gemacht! Es tut mir so leid! Ich mache alles wieder gut! Den Fluch nehme ich auch von dir. Ich… vielleicht kann Gott mir vergeben. Ich muss ihm dienen. Nonne werden oder so…“
Irene lässt das Mädchen los, als hätte sie sich verbrannt und springt auf. „Gottverdammt noch mal, ihr dummen protestantischen Amerikaner! Ein kleines Problemchen und sofort findet ihr zu Gott!“ Sie dreht sich um und marschiert davon.
Gutes Stichwort. Ich gehe ihr hinterher. Sonst will sich noch irgendjemand unterhalten.
„Ich muss mich dringend besaufen“, sage ich zu ihr. „Interesse?“
Sie atmet tief durch. „Ja, warum nicht?“
„Ich komme auch mit!“ Kitty hat sich von hinten angeschlichen. Bitte. Ich will niemandem den Alkohol verbieten.

Ich suche eine Bar in meiner Preisklasse aus, was natürlich die übelste Kaschemme im Ort ist. Ein paar alte Männer saufen sich wahrscheinlich die letzten Erinnerungen an ihre Frauen von der Seele.
Ich bestelle eine Flasche des billigsten Whiskeys und fülle erstmal Kitty ab. Geht ziemlich flott. Bald hängt sie neben ihrem Glas und nuschelt irgendwas von ihrem toten Freund vor sich hin.
Weder Irene, noch ich haben so richtig Lust auf Reden. Ab und zu äußert einer von uns, wie widerlich der Whiskey doch ist, aber das war’s dann auch.
Dann klingelt Irenes Handy. Sie macht eine ziemlich angefressene Miene und sagt: „Schön, das ist jetzt aber auch egal.“ Und legt auf. „Ich weiß schon, warum ich im Zölibat lebe“, sagt sie.
„Zölibat?“ sage ich. „Ist doch ungesund.“
„Was verstehen Sie denn davon?“ Sie zieht beide Augenbrauen hoch.
„Vom Zölibat? Nichts“, sage ich und merke, dass sich langsam ein Grinsen über mein Gesicht ausbreitet. Ja. Das wäre jetzt was. Was Echtes. Was einem zeigt, dass nicht alles scheiße ist.
„Lust auf eine kleine Zölibatspause?“ frage ich.
„Mit Ihnen?“ Wieder die Augenbrauen.
„Kitty ist schon zu betrunken, glaube ich.“ Ich leere mein Glas mit einem Zug.
„Na, um die arme Kitty vor Ihnen zu beschützen, mache ich doch alles.“ Sie drückt ein bisschen den Rücken durch. Sieht nett aus.
„Eine echte Heldin.“ Ich starre ihr ganz offen auf die Brust.
„Sehen Sie nicht meinen Heiligenschein?“ fragt sie, aber der Heiligenschein muss woanders sein.
Ich schnaube. „Ich habe keinen Bock, über Heilige und Engel und den ganzen Dreck zu reden. Am besten, wir reden gar nicht mehr.“
Sie lächelt.

Wir laden Kitty und Miffy in einem Hotelzimmer ab.
In Irenes Zimmer drücke ich sie gegen die Tür und küsse sie. Sie schmeckt immer noch nach Whiskey. Ihre Hände krallen sich in meinen Rücken.
Für einige Zeit brauche ich nicht an den ganzen Scheiß zu denken, der sonst so in meinem Leben abgeht. Ob ich ihr vertraue oder nicht, ich brauche das jetzt. Ihr Körper ist weich und fest, jeweils an genau den richtigen Stellen.
Und sie weiß, was sie tut.
Hinterher bin ich müde genug, um gleich einzuschlafen. Entweder Irene hat ihre eigenen Dämonen zu exorzieren oder sie hat’s mit dem Zölibat übertrieben, so wie sie vögelt.

Am nächsten Morgen wache ich vom Klingeln eines Handys auf und dem Zuschlagen einer Tür. Irene ist gegangen. Kann’s ihr nicht verdenken. Wer will schon Smalltalk machen?
Gott, habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen. Als ich mir meine Morgenkippe anstecken will, sind statt meiner normalen Zigaretten irgendwelche Edeldinger in meiner Tasche. Weiber. Man geht einmal mit ihnen in die Kiste und sie meinen, einem das Leben umkrempeln zu können.
Ich nutze das schicke Badezimmer und gehe dann Miffy abholen. Kitty schläft noch. Sie schnarcht. Hätte ich mir ja denken können.
Der Hund ist am Rande der Verzweiflung und heilfroh, einen Spaziergang zum Friedhof machen zu können. Mrs. Hopkins sitzt immer noch strickend vor dem Grab ihres Mannes.
„Ach, Sie sind’s!“ sagt sie und holt drei paar dicke Wollsocken aus ihrem Korb. „Ich hatte schon gedacht, dass Sie nicht mehr kommen, wegen des ganzen Trubels und so. Hier, nehmen Sie!“
Ich stecke die Socken ein. „Habe auch was für Sie.“ Ich gebe ihr eine Mouse Gun in Messingoptik und ein Magazin. Das gute Stück habe ich mir mal zugelegt, um eine Waffe zuhaben, die man gut verstecken kann. Nur sind .380 ACP zu klein für die meisten Monster.
„Zieht leicht nach links oben. Gehen Sie erstmal zum Schießstand und probieren sie’s aus. Sollte von der Größe und vom Rückstoß aber kein Thema sein.“
Sie schaut sich die Waffe an. „Ach, das ist aber lieb, mein Junge. Mein Ralfie wollte mich nie schießen lassen. Brauchen Sie noch mehr Socken?“
„Schon in Ordnung“, sage ich. „Muss jetzt los.“
Als ich an Helens Grab vorbeikomme, bleibe ich kurz stehen und zünde mir eine Zigarette an. Ich denke an Helen und das verdammte Reh und Scheiße, wenn ich nicht genau das Gleiche mache. Stehe da wie ein bescheuertes Vieh und starre in die Scheinwerfer der heranrasenden Trucks.
Klar habe ich keine Chance. Das sind Engel. Ich bin nur ein Mensch. Aber Scheiße, ich kann’s wenigstens probieren.

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Nocturama

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