Mädchenkram - Supernatural

The end is the beginning is the end

Silvester 2016

Ending your search for the truth.
X marks the spot of the past that can be caused
Where the secrets are kept, stories are left and the safe stays locked.

(Our last night – Oak Island)

“Niels, Liebes, hast du meine Jacke gesehen? Die blaue, mit den Ankerknöpfen.” Niels seufzte und deutete auf den Sessel, über den Delia die Jacke erst vor wenigen Minuten gehängt hatte, damit sie sie nicht vergaß. “Hast du alles?” fragte sie jetzt. Er nickte stumm und zeigte auf den Kleidersack, in dem sich sein Anzug befand – er hoffte, dass seine Tante das Opfer zu schätzen wusste, das er für sie brachte – und auf die Tasche mit der restlichen Kleidung. Er brauchte nicht viel. Zum wiederholten Male fragte er sich allerdings, was ihn geritten hatte, Delia Heckler zuzusagen, sie auf eine Silvesterparty in Baltimore zu begleiten, die auf einem Schiff stattfand. Seitdem er auf der Bohrinsel gewesen war, wusste er, dass er als Wald- und Bergkind nichts auf dem Meer verloren hatte. Wasser hatte keine Balken, keine Fluchtmöglichkeiten, es war kalt, nass und unheimlich. Aber jetzt hatte er ihr zugesagt, ein wenig wahrscheinlich auch deswegen, weil er ihr gegenüber immer noch leise Schuldgefühle hegte. Niemand hatte von ihr verlangt, dass sie sich um ihn kümmerte und ihn beinahe wie ihr eigenes Kind behandelte. Manchmal vermutete er, dass Felicitys Abreise nach England einer der Gründe dafür waren, und wenn man es rational betrachtete, war er das letzte, was ihr von Jacob geblieben war außer Fotos, Briefen und Erinnerungen. Ob das allerdings ein Grund war, ihn in der High Society von Neuengland herum zu zeigen, bezweifelte er.

“Bist du soweit? Das Taxi wartet.” Delia stand in der Tür, neben ihr ein junger Asiate in einer blauen Jacke, vermutlich der Fahrer. Niels nickte, schnappte sich Tasche, Anzug und einen von Delias Koffern – warum verreisten Frauen eigentlich immer mit soviel Gepäck? – und folgte seiner Tante und dem ebenfalls koffertragenden Asiaten nach unten.

Sie fuhren zum Flugplatz, wo eine kleine Privatmaschine ihn und seine Tante nach Baltimore bringen würde. Fliegen, das wusste er inzwischen, würde sicher niemals zu seinen Hobbies gehören, aber es war erträglich. Erträglicher als eine Fortbewegung auf dem Wasser.
Auf dem Flug erläuterte Delia Niels die Eckdaten der Feier, und was er hörte, beruhigte ihn doch wieder etwas: Der Geschäftsmann Martin Landry, ein Bekannter der Jamesons, hatte von seinem Vater, dem bekannten Schriftsteller Samuel, ein Boot geerbt. Es hatte länger im Hafen von Baltimore gelegen, aber Silvester und das Silvester-Feuerwerk von Baltimore hatten den Sohn wohl dazu bewogen, Freunde und Geschäftskontakte einzuladen und mit ihnen zu feiern. Zwar sollte das Schiff auch wieder ablegen, aber es würde dabei immer in Sichtweite des Hafens bleiben, damit auch keiner der Gäste das Feuerwerk verpasste. Es war immerhin Silvester.

Silvester… Niels dachte an die letzte Silvesterfeier. Er hatte mit Philip und Freunden in München gefeiert und sie hatten sich versichert, dass sie nichts mehr würde trennen können, nachdem sie sich an Weihnachten wieder gestritten hatten. Dreieinhalb Monate später war alles vorbei gewesen. Aber das musste man auch erstmal schaffen, auf der eigenen Geburtstagsparty betrunken mit der Freundin eines Anderen rumzuknutschen. Niels nahm sich vor, sich von Alkohol fernzuhalten an diesem Abend. Das letzte Mal war ja auch nicht besser gelaufen, wenn er sich an das Casino erinnerte und die Tatsache, dass er Flann Breugadair einen Kinnhaken verpasst hatte. Das war ein interessantes Jahr gewesen, stellte Niels jetzt fest: Die Trennung, sein Umzug nach Amerika, wieder ein Jäger sein – diesmal freiwillig – und eine neue Familie. Eine Familie, die ihm näher stand, als er es zunächst vermutet hatte.

Nachdem sie in Baltimore gelandet waren, checkten Delia und Niels in einem Hotel ein. Der Manager begrüßte “Mrs. Heckler und ihren Sohn” als seine Gäste, und Niels verkniff sich ein Grinsen.

Möchten Sie und Ihr Sohn eine gemeinsame Kabine?
Das ist nicht mein Sohn, das ist mein Assistent. Personal Trainer
Keine Angst, ich werde heute nacht nicht das Ufer wechseln

Er hatte Irene Hooper-Winslow seit ihrer Jagd in May Creek nicht mehr gesehen, und er hatte sich häufig gefragt, wie es der Engländerin wohl seitdem ergangen war. Vielleicht würden sie sich im neuen Jahr in irgendeinem Roadhouse begegnen. Heute abend war er “in zivil” unterwegs, er hatte sogar die Luger zuhause gelassen und kein Messer einstecken. Er fühlte sich merkwürdig, so ohne Waffen und im Anzug, aber seine Tante lächelte ihm zuversichtlich zu und erklärte ihm, dass er “ganz zauberhaft” aussähe. Niels zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts, und folgte Delia zur Limousine, die sie an den Hafen bringen sollte. Das Übernatürliche interessierte es herzlich wenig, wie er aussah.

Der Hafen von Baltimore zeichnete sich durch eine ungewöhnlich hohe Polizeipräsenz aus. Niels vermutete, dass dies der aktuellen politischen Lage geschuldet war, aber als sie ausstiegen und das Ehepaar Carlile, Bekannte von Delia, aufgeregt auf sie zukam, wussten sie, was los war: Der sogenannte “Bay Butcher” ging in Baltimore um, wie Mrs Carlile wusste, seit einiger Zeit waren im Hafen verstümmelte Leichen gefunden worden. Den Toten waren die Augen und die Zunge entfernt worden. Niels spürte, dass sich seine Nackenhaare aufstellten.

Nicht schon wieder. Hoffentlich ist das ein ganz normaler Irrer, ich möchte einmal meine Ruhe.

Delia klammerte sich etwas fester an Niels, was die Carliles zum Anlass nahmen, zu fragen, wer denn Delias charmanter Begleiter wäre, ob das wohl ihr Neffe sei…? Niels zwang sich zu einem Lächeln und schüttelte den Carliles die Hand, glücklich darüber, dass seine Tante nicht wieder begann, wildfremden Menschen seine Herkunft auszubreiten. Aber das war gar nicht nötig, Mrs Carlile sah ihn nur verzückt an und zwitscherte, dass die “Familienähnlichkeit mit dem verstorbenen Jacob ja unverkennbar sei”. Niels stellte sich seelisch darauf ein, diesen Spruch an diesem Abend noch des Öfteren zu hören. Mit den Carliles im Schlepptau betraten sie jetzt das Boot, das festlich geschmückt war. Landry hatte sich seine Silvesterfeier wohl auch einiges kosten lassen, überall an Bord gab es Stehtische, die dem Anlass entsprechend dekoriert waren, Kellner huschten herum und brachten Getränke und Häppchen, und ein großes Buffet war aufgebaut worden, um das sich Köche in gestärkten weißen Jacken und mit den typischen Mützen kümmerten. 150 Leute wurden an diesem Abend erwartet, und Niels hoffte, dass seine Tante nicht alle 148 anderen davon kannte.

Ein Kellner huschte gleich heran und bot den Neuankömmlingen ein Glas Champagner an, das Niels höflich, aber bestimmt ablehnte. Wahrscheinlich war es Einbildung, aber er hatte bereits jetzt das Gefühl, dass der Boden unter ihm heftig schwankte, und er spürte eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen. Doch er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, schon kamen die nächsten Freunde von Delia auf ihn und seine Tante zugesteuert, und sie hatten gegenüber den Carliles offensichtlich einen Informationsvorsprung. “Ganz der Papa!” flötete Mrs Teller-Dubois, sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu und flüsterte: “Die jungen Mädchen müssen ja Schlange stehen bei Ihnen. Das haben Sie von Ihrem Vater.”

Vor Niels’ geistigem Auge erschien ein rustikaler Holztisch in einer Lodge in Oregon, er an einem Ende der Bank, neben ihm eine Gruppe junger Frauen. Er musste lächeln, als er an seine Freundinnen Chloe und Coco sowie Aria und Natalie dachte. Ja doch, er kam durchaus mit Frauen aus, vielleicht hatte er das wirklich mit Jacob gemeinsam. Aber in seinem Bett wollte er sie nicht, nur musste Mrs Teller-Dubois das ja nicht unbedingt wissen.

Aber inzwischen hatte etwas anderes die Aufmerksamkeit der Teller-Dubois’, der Carliles und seiner Tante gefesselt. Ein großer breitschultriger Mann in schwarzem Anzug und mit Sonnenbrille betrat jetzt das Deck, er blieb kurz stehen, sagte etwas in sein Funkgerät und schob einen der Kellner beiseite, der gerade mit einem Champagner-Tablett an ihm vorbeiging. Niels fühlte sich plötzlich wie in einem schlechten Film, kam jetzt gleich der Gouverneur von Maryland oder irgendein anderes hohes Tier?

Falls der kleine stämmige Mann mit dem indischen Aussehen, der Brille und dem merkwürdig schimmernden Hemd ein solches war, Niels kannte ihn nicht, seine Tante ebenfalls nicht, und auch ihre Bekannten und Freunde machten zunächst ratlose Gesichter. Hinter dem Inder kam jetzt ein weiterer Bodyguard die Gangway hinauf, und beide hielten sich jetzt rechts und links von dem Inder, der mit einem fröhlichen Grinsen ein Glas Champagner annahm und sich in der Menge umsah.

Die bestens informierte Mrs Teller-Dubois jedoch hatte den Mann erkannt und flüsterte jetzt gut hörbar Delia und Mrs Carlile zu: “Das ist Ashish Murudrajan. Es heißt, er sei Millionär, und das Hemd, das er da trägt, ist aus purem Gold. Seht ihr die Knöpfe? Das sind echte Diamanten!” Niels schüttelte den Kopf. Kleidung musste praktisch sein und Platz für Messer, Waffen und andere Werkzeuge bieten. Sie sollte nicht aus Gold, Silber oder Diamanten bestehen und die Begleitung durch Bodyguards erfordern. Mit einem Augenzwinkern in Richtung Delia bemerkte Mrs Teller-Dubois auch noch, dass der Inder nicht verheiratet sei. Niels beschloss, dass er Mrs Teller-Dubois definitiv nicht leiden konnte, denn Taktgefühl schien für die gute Frau ein Fremdwort zu sein. Doch bevor er der Freundin seiner Tante etwas sagen konnte, trat Martin Landry auf ein kleines Podest und schlug mit einem Löffel gegen sein Champagnerglas. Er begrüßte seine Gäste herzlich und hoffte, dass sie alle einen vergnüglichen Abend haben würden an Bord der Lisa Greene. Niels verzog das Gesicht, “vergnüglich” war kein Adjektiv, das er im Zusammenhang mit Wasser benutzen würde. Aber vielleicht gab es wenigstens etwas vernünftiges zu essen.

Doch er kam nicht besonders weit, Delia und er wurden von weiteren Bekannten aufgehalten. “Sie sehen wirklich aus wie Ihr Vater!” erklärte eine füllige Blondine um die Sechzig ihm, und für einen kurzen Moment hatte Niels die Befürchtung, sie wolle ihn in die Wange kneifen. Er spürte, dass ihm die ungewohnte Aufmerksamkeit langsam ein wenig unheimlich wurde, und er hätte es durchaus begrüßt, wenn seine Tante den Seitensprung ihres Mannes verheimlicht hätte oder es ihm überlassen hätte, wem er wann mitteilte, dass er Jacobs Sohn war. Aber anscheinend gehörte das wie das Bemuttern zu ihrer Strategie, mit der Situation fertig zu werden. Er wusste, dass Delia hin und wieder einen Seelenklempner aufsuchte seit Jacobs Tod, und wahrscheinlich hatte der ihr dazu geraten. Niels seufzte, als er sich an seine Therapiestunde erinnerte. Felicity hatte ihn nach seiner Ankunft gezwungen, zu Dr. Schroeder zu gehen, ihrem Haus- und Hoftherapeuten. Es war eben schick in der High Society, seine Probleme eher anderen für Geld zu erzählen als seinen Freunden. Dr. Schroeder hatte Niels geraten, über seine Vergangenheit zu sprechen, aber das hatte er damals rundheraus abgelehnt. Ein paar Monate später hatte er zwar festgestellt, dass der gute Doktor recht gehabt hatte, aber dafür hatte ihm dann auch die eine Stunde gereicht. Zehn Jahre wollte er keinesfalls in Dr. Schroeders Praxis in Renton verbringen.

Niels entschuldigte sich bei Delia und ihren diversen Bekannten, um endlich ans Büffet zu wechseln. Er hatte Hunger, trotz des leichten Schwindelgefühls. Aber als er die angebotenen Speisen sah, spürte er, wie Widerwille und Seekrankheit in seinem Magen gegeneinander antraten. Kurz dachte er an die merkwürdigen veganen Burritos, die es damals in George gegeben hatte. Wenigstens war da noch das Einwickelpapier zu irgendetwas nütze gewesen, das konnte man von diesen… Dingen nicht behaupten. Was Essen anging, war Niels konservativ, das gab er gerne zu. Zu einer ordentlichen Mahlzeit gehörte Fleisch und Kohlehydrate, gerne auch ein Bier. Er wusste, dass sein Horizont nahrungstechnisch sehr begrenzt war, aber was das anging, war er typisch bayrisch. Während er noch überlegte, was er nun machen sollte, schwankte das Schiff leicht, und Niels sah zu, dass er an die frische Luft kam. Auf dem Weg nach oben bemerkte er eine elegant gekleidete blonde Frau, die gerade von einem hochgewachsenen Kellner mit rotbraunen Haaren ein Glas Champagner angeboten bekam. Irgendetwas an dieser Szenerie erregte Niels’ Aufmerksamkeit, doch da traf wieder eine leichte Welle auf das Boot, und er hielt sich am Geländer fest. Die Frau kam jetzt zur Treppe, offensichtlich wollte sie wieder nach unten gehen. Sie sah Niels kurz an, und der nickte nur, dann aber sah er ein zweites Mal hin. Auch die Blonde sah ihn noch einmal an. “Mr Heckler? Was machen Sie denn hier?” Irene Hooper-Winslow lächelte und gab Niels die Hand. “Mit dem Anzug habe ich Sie gar nicht erkannt,” gestand sie dann. “Den hab ich nur meiner Tante zuliebe angezogen. Und gerade versuche ich, niemandem vor die Füße zu kotzen,” erklärte er und hielt sich gleich wieder die Hand vor den Mund. Irene betrachtete ihn mitfühlend. “Sie müssen etwas essen,” erklärte sie ihm, aber er schüttelte den Kopf, soweit das möglich war. “Doch, Sie müssen etwas im Magen haben. Sonst wird das mit Ihrer Übelkeit nicht besser.” Niels sah sie zweifelnd an. “Haben Sie sich mal angesehen, was es da gibt? Ich möchte was Ordentliches.” Irene schüttelte nur amüsiert den Kopf, dann bedeutete sie Niels, zu warten – er solle auf jeden Fall an der frischen Luft bleiben! – und verschwand nach unten. Als sie zurückkam, brachte sie einen Teller voller Lachs- und Kaviarhäppchen mit. “Essen Sie,” sagte sie mit einem Tonfall, der zwar freundlich klang, aber in Wirklichkeit keine Widerrede duldete. Unter anderen Umständen hätte er gegrinst, denn Irene Hooper-Winslow war vieles, aber nicht unbedingt ein mütterlicher Typ wie Maria Heckler. “Sie sind also mit Ihrer Tante hier?” fragte sie dann, nachdem Niels unter ihrem wachsamen Blick zwei Lachs-Kanapees mehr heruntergewürgt als wirklich gegessen hatte. Wenigstens war es kein veganer Burrito oder irgendein anderer ominöser Hipsterfraß, und er erkannte an Form und Geschmack, was es sein sollte. “Ja. Aber ich habe gerade keine Lust mehr, als das Produkt ihres untreuen Ehemannes herumgezeigt zu werden.” Irene sagte nichts, und Niels konnte im Halbdunkel nicht erkennen, ob sie schmunzelte oder überrascht war. “Naja, der Typ, den ich für meinen Vater gehalten habe, ist nicht mein Vater. Überraschung! Sein Bruder hat vor 22 Jahren beschlossen, dass er eine Auszeit braucht und die dazu genutzt, mit seiner Schwägerin ein Kind zu zeugen. Und jetzt stehe ich hier.” Irene hustete leicht, ob wegen der Seeluft oder aufgrund seiner Enthüllung, war nicht auszumachen. Sie überlegte kurz, dann sagte sie: “Das kam in unserer Familie auch schon vor. Allerdings nicht in diesem Jahrhundert. Glaube ich.” Niels lächelte schief, er wusste ja selbst, dass die Geschichte ein wenig abenteuerlich klang. Bis er die Briefe von Delia bekommen hatte, hätte er auch nicht geglaubt, dass er eigentlich Jacobs Sohn war. Es hatte vieles erklärt, aber manchmal wünschte er sich, dass alles nur ein böser Traum war. Mit einem lebenden Vater, der irgendwo in Bayern hockte und sich eine Welt zurückwünschte, die es niemals gegeben hatte, hatte es sich einfacher leben lassen als mit dem toten Idol Jacob Heckler. Er seufzte und warf Irene einen langen Blick zu. “Ich habe jetzt zwei Väter. Einer ist in Bayern, und einer ist tot.” Irene sah ihn nur an, ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. “Und ich habe einen halbtoten in England.”

Autsch. Heckler, du bist nicht der einzige, der Probleme hat.

Bevor er noch etwas erwidern konnte, näherte sich ihnen ein Pärchen, eine junge Frau in Niels’ Alter in düsterer Aufmachung und ein Mann Ende Vierzig. Das war doch Cal…? Niels verzog das Gesicht. Er hatte keine gute Erinnerung an seine letzte Begegnung mit dem älteren Jäger.

Du musst das nicht machen
Sir, ist mit Ihrem Sohn alles in Ordnung?

Aber dann dachte er an Dwight, und damals hatte Cal distanziert-freundlich gewirkt. Ein versierter Jäger, von dem er sicher noch etwas hätte lernen können. Was war zwischen Illinois und Idaho passiert? Auch Irene schien nicht wirklich erfreut zu sein über das Auftauchen ihres Freundes. Er tippte ihr auf die Schulter, und sie fuhr herum, eine Hand schützend über ihren Magen gelegt. “Was machst du denn hier?” wollte sie wissen, und sie klang keinesfalls so positiv überrascht wie bei ihrer Begegnung mit Niels. Er musterte sie. “Arbeiten.” “Ach, als Kellner, oder wie?” Nein, sie schien definitv nicht begeistert von dieser Begegnung. Cal schnaubte zur Antwort, sagte aber nichts mehr. Irene beachtete ihn nicht weiter, sondern schenkte ihre Aufmerksamkeit jetzt dem Grufti-Mädchen, das sie mit “Hallo, Ms. Hooper-Winslow” begrüßte. Niels hatte keine Ahnung, wer das war, aber Cal sah nicht so aus, als sei er zum Tabletts durch die Gegend tragen hier. Das konnte nur das andere Arbeiten… oh nein, nicht schon wieder, nicht hier und vor allen Dingen nicht mit Delia an Bord. Sie wusste zwar, was den Jägerberuf ausmachte, aber Niels war sich sicher, dass sie keinen gesteigerten Wert darauf legte, mit der Welt, die für den Tod ihres geliebten Ehemannes verantwortlich war, nähere Bekanntschaft zu machen.

Cal hatte jetzt Niels entdeckt und musterte ihn eingehend. Fuck, was will der denn jetzt von mir? Ruhig bleiben, Heckler, ruhig bleiben. “Bist du nicht der Typ, der damals so rumgeschrien hat?” fragte Cal leise, sein Blick verriet keine Emotion. Ja, reduzier mich doch einfach auf den einen Ausraster, du Arsch. Als ob ich nicht tatkräftig mitgeholfen hätte damals, dass die Hexen nicht weiter Leute anzünden. Er dachte daran, wie er die Hexe Valerie beruhigt hatte, nachdem Chloe mit den Namen durcheinander gekommen war. Ob Jacob schonmal eine Hexe umgebracht hatte? Niels hielt Cals Blick stand. “Möglich,” meinte er nur und versuchte, seine Stimme so unbeteiligt wie möglich klingen zu lassen. Cal zog eine Augenbraue hoch. “Wirklich?” fragte in einem spöttischen Tonfall zurück. Dann sah er Niels noch einmal an und wandte sich ab. Offensichtlich war der junge Mann nicht mehr interessant für ihn.

Irene sah Niels an, als beiden klar wurde, dass dies wohl keine einfache Silvesterparty mit lauter reichen Gästen werden würde. Cal und Emily standen immer noch bei ihnen, ein richtiges Jägertreffen. “Mr Heckler, erinnert Sie das nicht an etwas?” fragte Irene jetzt. Niels spürte, wie seine Übelkeit zurückkam, als er wieder an die Ölbohrplattform vor Alaska dachte. Es war damals ganz schön knapp gewesen, ohne Irene stünde er jetzt nicht mehr hier. Und dank dieses Erlebnis wusste er auch, dass er Wasser allenfalls zum Duschen und zum Trinken mochte. Instinktiv wollte er sich jetzt an der Reling festhalten, doch da stellte er fest, dass er immer noch den Teller in der Hand hatte, tatsächlich war er während seiner Unterhaltung mit Irene leer geworden. Sie hatte recht behalten, körperlich fühlte er sich jetzt auf jeden Fall besser. Er sah sich suchend um, ob er den Teller irgendwo abstellen konnte, da kam auch schon einer der Kellner auf ihn zu. Es war der hochgewachsenen Mann von vorhin, der ihm da schon so seltsam vertraut vorgekommen war. “Was machst du denn hier?” fragte Niels, als er Flann Breugadair erkannte. Das wurde definitiv der Satz des Abends. “Arbeiten,” antwortete Flann. Und das war ein heißer Kandidat für die Antwort des Abends.
Niels sah ihn zweifelnd an. Als er Flann zum letzten Mal gesehen hatte, hatte er einen jungen Officer vom Seattle Police Department auf dem Oktoberfest in Leavenworth begleitet, um Taschendiebe und Trickbetrüger aufzuspüren. Warum ein Mitarbeiter des FBI auch in Casinos pokerte, Geister jagte und jetzt als Kellner herumlief, war Niels jedoch nicht so ganz klar. “Ist das auch wieder so eine FBI-Undercover-Aktion?” wollte er wissen, und als Flann nicht antwortete, setzte er nach: “Und wie heißt du diesmal?”

Das fragt der Richtige, Aaron.

Flann nickte, dann meinte er: “Tatsächlich kennt man mich hier als Steve.” “Und wie sollen wir dich nennen, Steve, Hank oder Flann, oder doch ganz anders?” Niels spürte, dass er seine Wut auf Cal an Flann ausließ, und er biss sich kurz auf die Zunge. Eigentlich waren er und Flann doch schon längst weiter gewesen, sie hatten sich gut verstanden in Leavenworth. Flann reagierte zu Niels’ Überraschung auch nicht so souverän, wie er es erwartet hatte. Er verzog das Gesicht und erklärte mit einem genervten Unterton, dass es ihm egal sei.

Ein anderer Kellner winkte jetzt, und Flann verabschiedete sich von der Gruppe. “Ich muss. Aber wir sehen uns bestimmt noch.” Niels konnte nicht umhin, doch noch einmal zu sticheln. “Bis später, Steve.” Doch das hörte Flann nicht mehr – oder er wollte es nicht mehr hören, weil er sich nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten wollte.

Heckler, denk doch einmal nach, bevor du redest.

Er spürte jetzt, dass ihn jemand beobachtete, und als er sich umwandte, stand das Grufti-Mädchen hinter ihm. “Niels Heckler,” stellte er sich vor und hielt ihr seine Hand hin. Sie reagierte nicht – er ertappte sich dabei, dass er nachsah, ob sie noch beide Hände hatte – aber vielleicht war sie einfach nur nicht besonders gut erzogen. Auf gutes Benehmen hatte Gustav immer viel Wert gelegt, das hatte Niels am eigenen Leib erfahren. Das Grufti-Mädchen stellte sich als “Emily” vor. Emily? DIE Emily, über deren Wohlergehen er Felicity von Ethan aus hatte informieren sollen? “Bist du mit Felicity verwandt?” fragte sie ihn jetzt. Sie war hübsch, keine Frage, ihre Kleidung elegant, ihre schwarzen Haare zurecht gemacht. Dennoch hatte Niels das Gefühl, dass dies nur eine Facette ihres Wesens war.
“Das ist meine… Schwester.” Inzwischen stolperte er nur noch ab und an, wenn er das neue Verwandschaftsverhältnis zwischen Felicity und ihm angab. “Sag ihr bitte, dass es mir gut geht.” Ok, sie war also DIE Emily. Was immer zwischen ihr, Ethan und Felicity gewesen war, Niels spürte, dass es nicht mit einfachen Worten zu erklären war, und er würde sich hüten, zu fragen. “Bist du wegen der Morde hier?” fragte sie jetzt, sie wirkte ehrlich interessiert an einem Gespräch. Niels fand sie auf Anhieb sympathisch. Er schüttelte den Kopf. “Nein, nur zur Party.” Eigentlich nur zur Party. Aber das kann ich mir ja nun wohl abschminken. “Ich hoffe ja, dass es doch keine Monster gibt. Aber wir sind Jäger, es wird garantiert etwas passieren.” Er dachte an seine Begegnung mit Ethan in New York am Tag vor Heiligabend und das Ehepaar Fitzgerald, das gezwungen gewesen war, als Geister umzugehen. “Nicht mal an Weihnachten hatte ich meine Ruhe,” brummte er. “Monster kennen keine Feiertage,” stimmte Emily ihm zu. “Geister auch nicht,” fügte Niels hinzu.

Cal winkte Emily jetzt zu sich, und sie verabschiedete sich. Niels nickte nur und wollte sich zu Irene umdrehen, als er feststellte, dass er ganz alleine auf dem Oberdeck stand. Er hatte geglaubt, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrgenommen zu haben, als Flann aufgetaucht war. War sie seinetwegen getürmt? Das sah ihr gar nicht ähnlich. Doch dann erinnerte er sich an das Gespräch mit Flann in Leavenworth, als dieser gemeint hatte, dass er nicht gut auf die Engländerin zu sprechen war. War es die Schuld des FBI-Agenten… Pokerspielers… Kellners, dass sie sich so schnell zurückgezogen hatte? Oder lag es doch an Cal? Niels hatte bisher immer angenommen, dass er und Irene gute Freunde waren, aber ihre Reaktion hatte nicht danach ausgesehen. Was immer da vorgefallen war, es schien die Engländerin nachhaltig erschüttert zu haben

Niels beschloss, Irene zu suchen. Sie hatte ihn wieder einmal mehr oder minder gerettet, wenn es ihr jetzt nicht gut ging, musste er sie zumindest fragen, ob sie in Ordnung war. Das war das Mindeste, was er für sie tun konnte. Er ging die Treppe herunter in den Festsaal, und fand Irene an der Bar, vor sich ein Getränk. Sie sah ins Leere und wirkte nicht so, als sei sie noch in besonderer Feierlaune. Niels stellte sich neben sie und bedeutete dem Kellner, ihm eine Coke zu bringen. Bier gab es hier nicht, wie er festgestellt hatte. Er weigerte sich immer noch, das zu trinken, was die Amerikaner als eben dieses ausgaben.

“Sind Sie ok, Ma’am?” fragte er, in Erwartung, dass sie ihn wegschickte. Doch sie sah ihn nur an, mit einem Gesichtsausdruck, als habe jemand sie geschlagen. Sie nickte, und Niels merkte genau, dass sie log. Aber es stand ihm nicht zu, weiter zu fragen. Lieber das Thema wechseln und unverbindlichen Smalltalk machen. Langsam bekam er darin ja auch etwas Übung. “Waren Sie schonmal in New York im Drawing Center?” wollte er wissen. Sein Fachgebiet, und es schien ihm am Unverfänglichsten. Sie schüttelte jedoch den Kopf. “In Galerien war ich nicht mehr, seit ich geschieden bin.” Niels stutzte kurz, er hatte nicht vermutet, dass Irene schon einmal verheiratet gewesen war, auf ihn hatte sie nicht wie jemand gewirkt, der sich an einen anderen Menschen band.

Niels überlegte, ob er das Gespräch wieder abbrechen sollte, aber dann fiel ihm etwas ein, was er sie schon vorhin hatte fragen wollen. “Kennen Sie Emily?” Sie nickte. “Wir haben uns kürzlich kennengelernt.” “Ich sollte meiner… Schwester ausrichten, dass es ihr gutgeht. Von Ethan. Naja.” Er hatte bis heute keine Idee, worum es damals eigentlich gegangen war, nur, dass es Ethan sehr wichtig gewesen war, dass Felicity wusste, dass Emily in Ordnung war. Irene sah ihn überrascht an. “Aha?” fragte sie, dann wandte sie sich wieder ihrem Drink zu und schwenkte das Glas, “sie wirkt ein bisschen, als hätte sie auch schon ein paar Sachen mitgemacht.” War das das berühmte britische Understatement? Niels nickte. “Ich weiß nicht, was da war. Und ich will nicht fragen.” Er war froh, dass Felicity seit Weihnachten überhaupt wieder mit ihm redete, er verspürte kein großes Bedürfnis, in der Vergangenheit seiner Schwester herum zu stochern. In diesem Moment stellte einer der Kellner – es war nicht Flann, wie Niels beruhigt feststellte – seine Coke vor ihm ab. Niels nahm das Glas und trank einen Schluck, sagte aber nichts mehr.

Irene schließlich brach das Schweigen. “Hmm… Das sollte vielleicht mal jemand tun? Nicht, dass es läuft wie bei Parzival.” Niels sah sie fragend an. “Wie bei wem?” Ihm sagte der Name nichts. Irene nahm einen Schluck von ihrem Drink, dann erklärte sie es ihm. “Mittelalterlicher Romanheld. Ist mit der Artussage verbunden. Der Gute versäumt es, den ewig leidenden König zu fragen, was er hat. Genau das wäre aber die Erlösung für den König.” Jetzt erinnerte Niels sich, so etwas war mal im Deutsch-Unterricht drangekommen. Wahrscheinlich irgendein Reclam-Heft, das er dazu genutzt hatte, die ganze Geschichte in Bildern darzustellen. Aber was dieser Ritter nun mit ihm, Emily, Ethan und Felicity zu tun hatte, war ihm nicht klar, und das sagte er Irene auch. “Aha. Aber wen soll ich jetzt fragen, Felicity, Ethan oder Emily?” Felicity war nach den Feiertagen wieder nach England aufgebrochen, und obwohl sie sich wieder versöhnt hatten, hatte er immer noch Angst, dass sie es sich anders überlegte. Ethan und er hatten vor einer Woche in New York über vieles gesprochen, aber da war Niels nicht auf die Idee gekommen zu fragen, was es mit Emily auf sich hatte. Er hatte damals nicht gewusst, wer sie war, und für ihn war das eine Sache zwischen Ethan und Felicity gewesen. Es war ihm immer noch peinlich, wie er dem Älteren in Meredith mitgeteilt hatte, woher er seinen Namen kannte und dass Felicity Lord Alfred datete. Und Emily? Bis vor ungefähr zehn Minuten hatte er mit dem Namen noch nicht mal ein Gesicht verbinden können.
“Kommt drauf an,” meinte Irene jetzt. Niels überlegte. “Felicity hat mal was angedeutet, aber nichts genaues gesagt.” Jetzt erinnerte er sich, es war um irgendeinen Job in einem leerstehenden Haus gegangen, der nicht so verlaufen war, wie er hätte verlaufen sollen. “Und Ethan… ich weiß nur, dass es da eine Verbindung zwischen ihm und Liz und Emily gibt oder gab.” Jetzt lächelte Irene. “Sieh mal an,” sagte sie nur. Niels spürte, dass er rot anlief.

Vielleicht wäre “Denken vorm Reden” ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

“Oh,” machte er nur, “das wussten Sie nicht?” Aber warum hätte Ethan Irene auch erzählen sollen, dass er mal ein “Es ist kompliziert” mit Felicity Heckler gehabt hatte? Dennoch, Felicity war ein gutes Stichwort. Er sollte sich mal wieder bei Delia melden, schon allein, damit sie wusste, dass er nicht über Bord gegangen war.
Delia Heckler stand in einer Traube von Menschen, die alle sehr reich und wichtig aussahen, inklusive der Carliles und Mrs Teller-Dubois. Er lächelte ihr zu, war aber nicht sicher, ob sie ihn gesehen hatte. “Wollen Sie jetzt auch einen kleingewachsenen Mörder suchen?” fragte Irene ihn unvermittelt. Kleingewachsenen Mörder? Achja, er hatte vorhin mit halbem Ohr mitbekommen, dass Cal und Emily so etwas Irene erzählt hatten und dass die Morde des “Bay Butcher” vielleicht damit zusammenhingen. Und er konnte sich noch so sehr winden und sich einreden, dass er nur ein Partygast war, aber er wusste es längst besser. Seine Jägerinstinkte waren in dem Moment angesprungen, als Cal vom “Arbeiten” gesprochen hatte.

Du bist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich, mein Junge.

“Ich gebe zu, ich bin neugierig.” Irene nickte, dann sah sie in Richtung Delia. “Ihre Tante?” wollte sie wissen. “Ja.” Niels winkte Delia zu, die zu ihm herübersah und gerade einer mannigfaltigen Rothaarigen etwas zuflüsterte, wobei die Rothaarige ebenfalls zu in seine Richtung sah und anerkennend nickte. “Ok… wo fangen wir an?” Irene schien sich zu erholen, sie wirkte jetzt wieder voller Tatendrang, zuversichtlich und zupackend. So hatte Niels sie kennengelernt.
Die Rothaarige zwinkerte Niels jetzt zu und flüsterte ihrerseits Delia etwas ins Ohr. Niels verdrehte die Augen. “Wenn ich heute abend noch einmal höre, dass ich ja ganz wie mein Vater aussehe, flippe ich aus.” Sorry, Dad. “Daher bin ich definitiv für Monster jagen.” Irene trank ihren Drink aus. “Alles klar.” Doch dann schien ihr noch etwas eingefallen zu sein. “Haben Sie ein Bild von Ihrem Vater?” Sie lächelte hintergründig. Niels zog das Bild von Jacob aus der Tasche, das ihm Felicity an Heiligabend gegeben hatte, es stammte von einem Familienurlaub in den Catskills. Jacob lächelte in die Kamera, seine stahlblauen Augen strahlten mit der Sonne um die Wette, und Niels fand, dass er allein durch seine lockere und offene Haltung all das verkörperte, was sein älterer Bruder an ihm so gehasst hatte. Als er ihr das Bild hinhielt, pfiff sie leise durch die Zähne, dann meinte sie nur: “Schade”. “Darf ich vorstellen, Jacob Heckler.” Wie immer, wenn die Sprache auf seinen Vater kam, wurde Niels wieder bewusst, dass er niemals die Gelegenheit haben würde, ihm all die Fragen zu stellen, die er ihm stellen wollte, dass er niemals mit ihm über alltägliches sprechen konnte. “Und er ist einen Jägertod gestorben… Vermutlich von Dämonen umgebracht.” Mit Schaudern dachte er an den Zeitungsausschnitt, den er von Cedric bekommen hatte. Er umriss Irene kurz, was er wusste, und sie sah ihn ernst an. “Puh. Naja. So enden die meisten von uns.” Niels bestellte ihnen noch etwas zu trinken, dann erzählte er, was Cedric ihm angeboten hatte und was er bisher wusste. Sie hörte sich seine Geschichte an, dann kam sie jedoch wieder auf das aktuelle Geschehen zurück. “Nehmen wir uns die oberen Teile des Schiffs vor. Zunächst mal Ihrem Magen zuliebe” – bei diesen Worten lächelte sie wieder hintergründig – “aber auch, weil ich hoffe, dass das lichtscheue Gesindel eher unten herumkriecht.” Niels grinste, er wusste genau, wen sie meinte. “Sie mögen Flann nicht, oder?” “Ich bin ein wenig enttäuscht,” gestand sie. “Und er heißt nicht Flann,” setze sie dann hinzu. Das hatte Niels sich schon fast gedacht. “Ich weiß. Aber er heißt auch nicht Steve oder Hank.” Er überlegte kurz, aber das konnte er Irene ruhig erzählen. “Wussten Sie, dass er für das FBI arbeitet?” Und dann fiel ihm noch etwas ein, dass Irene mit Sicherheit gefallen würde, und er musste wieder grinsen. “Falls es Sie etwas aufheitert: Ich hab ihm schon mal eine reingehauen.” Es heiterte sie auf, ein leichtes Grinsen huschte über das Gesicht von Irene Hooper-Winslow. “Das ist eigentlich eine ziemlich gute Idee,” befand sie, dann wurde sie wieder ernst. “Wenn dieser Typ fürs FBI arbeitet, fresse ich einen Besen.” Niels zuckte mit den Achseln. “Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er offiziell bei der Polizei von Leavenworth. Als FBI-Mitarbeiter.” Und er war um Längen entspannter als heute abend. Kellner sein bedeutet wohl ausnahmsweise harte ehrliche Arbeit.

“Ok,” stimmte Irene zu, “zumindest das muss man ihm lassen. Er scheint echt gut zu sein in dem, was er macht.” “Was immer das ist.” Langsam war er sich nicht mehr sicher, ob Flanns Story mit dem FBI und dem Casino nicht auch eine große Lüge war. Er hatte begonnen, den Älteren zu mögen, aber konnte er jemandem vertrauen, der niemals aufrichtig zu ihm gewesen war? Aber er wollte jetzt auch nicht weiter über Flann Breugadair sprechen, das erschien ihm im Moment nicht zielführend. “Jetzt los,” sagte er zu Irene, “wir sind nicht hier, um uns über ihn zu unterhalten.”

Doch als sie sich umdrehten und Richtung Oberdeck gehen wollten, sahen sie, wie Emily sich dem Inder näherte und mit einem aufgesetzten Lächeln sein Hemd berührte. Der Inder seinerseits schien über die Aufmerksamkeit durch die junge Frau sehr angetan, er hielt einen der Kellner, der Sekunden später mit zwei Gläsern Champagner heran huschte. Der Inder sprach kurz mit dem Mann, doch bevor er ein Glas an Emily geben konnte, erschien ein zweiter Kellner, ein hochgewachsener Mann, und rempelte den Millionär an. Er entschuldigte sich und reichte dann ein Glas an Emily, eines an den Inder und verabschiedete sich.
Sowohl Niels als auch Irene hatten beide gesehen, wer der zweite Kellner gewesen war, und sprachlos das Geschehen beobachtet. Niels war der Erste, der die Sprache wiederfand. “Was zur Hölle machen die beiden da?” Irene schüttelte den Kopf. “Der wird sie doch nicht dazu angestiftet haben, dem Typen das Hemd zu klauen?” Niels dachte an das Casino und Flanns Verhalten dort. Es würde nicht zu ihm passen, aber so gut kannte er ihn ja auch nicht – konnte man überhaupt jemanden gut kennen, der einem bei jeder Begegnung einen neuen Namen und einen neuen Beruf nannte? “Möglich ist alles,” gab er zu, “zutrauen würde ich es ihm.” Doch dann überlegte er. “Aber irgendwie… ich glaube, er würde das selber machen. Wo ist denn da der Spaß dabei, andere vorzuschicken?”

Der Gegenstand ihrer Überlegungen stand derweil vor einer Kabine und klapperte lautstark mit einem Geschirrwagen herum. Irene ging schnurstracks auf ihn zu, und Niels hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten, obwohl er einen ganzen Kopf größer war als sie. “Hey. Was soll das?” fragte sie ihn. Wenn ihr Blick hätte töten können, Flann wäre auf der Stelle umgefallen. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern sortierte weiter Teller und Gläser. “Nun, der Inder scheint ein wenig seltsam zu sein…Wir vermuten einen Zusammenhang mit den Morden,” erklärte er leise mit einem Seitenblick auf die wartenden Bodyguards, während er gleichmütig das schmutzige Besteck klirrend in eine Plastikwanne warf. Irene verzog das Gesicht. “Das glaubst du doch selber nicht.” Niels zog eine Augenbraue hoch. “Der Inder,” wiederholte er ungläubig, doch weder Irene noch Flann beachteten ihn im Moment. “Du willst die Klamotte,” beschuldigte Irene ihn jetzt, und Flann grinste nur. “Nein,” sagte er dann und schüttelte den Kopf, “sowas ist schwer wiederzuverkaufen.” Irene sah Flann immer noch wütend an, und Niels warf einen Blick von einem zum anderen. Sollte er wieder gehen? Irgendwas war zwischen Flann und Irene vorgefallen, soviel war sicher, aber es ging ihn eigentlich nichts an. Auf der anderen Seite wollte er Irene auch nicht alleine lassen, nachdem es ihr vorhin so schlecht gegangen war. Einen Versuch war es immerhin wert, danach konnte er immer noch verschwinden. “Wollt ihr mir erzählen, was los war?” fragte er vorsichtig. Beinahe synchron drehten sich jetzt beide Köpfe in seine Richtung, und wie aus einem Mund sagten beide “Nein.” “Ok.” Er hatte es immerhin versucht, vorsichtig machte er einen Schritt zurück. Was immer es war, das zwischen Flann und Irene stand, es sollte ihn nicht weiter interessieren, es ging ihn nichts an. In seiner Rolle als Parziwand.. Parzival gefiel er sich erheblich besser. So kam man wenigstens nicht in Schwierigkeiten.
Er überließ Irene und Flann ihren Streitereien und machte sich auf den Rückweg. Doch da sah er auf der anderen Seite des Raumes seine Tante, und sie hatte ein sehr reich und sehr neugierig aussehendes Paar im Schlepptau. Niels hatte keine Lust, sich noch einmal anzuhören, dass er seinem Vater ja so ähnlich war, und für einen Moment überlegte er, ob es nicht an der Zeit war, die Anzugjacke auszuziehen und die Hemdsärmel hochzukrempeln. Auf Felicitys Hochzeit hatte er es so zu fortgeschrittener Stunde geschafft, eine allzu aufdringliche Prinzessin oder Gräfin oder was auch immer in die Flucht zu schlagen. Der englische Hochadel tätowierte sich wohl wenn überhaupt, nur dezent.

Aber dann beschloss er, lieber weiter Irenes Schatten zu sein, und ging zurück zu ihr und Flann. Dort bekam er gerade mit, wie der FBI-Mann ihr mitteilte, was sein, Cal und Emilys Plan war. “Ich sagte doch: Es gibt eventuell einen Zusammenhang mit den Morden.” Irene schien nicht überzeugt. “Welchen?” fragte sie. “Es sind fünf Leute verstümmelt im Hafen gefunden worden,” erklärte er. “Das haben wir gehört,” gab Irene zurück. Emily hatte das erwähnt, als sie auf dem Oberdeck gestanden hatten, sie und Cal waren der Spur eines Zeugen gefolgt, der eine kleinwüchsige Gestalt, möglicherweise ein Kind, an Bord hatte verschwinden sehen. Flann warf einen Blick auf die geschlossene Kabinentür und meinte dann “Der Typ hatte gerade erstaunliches Glück bei einer anderen Frau. War eben auffällig.” Irene schnaubte. “Das findest du auffällig bei einem Typen, der vier Kilogramm Gold auf dem Leib trägt?” Niels musste ihr recht geben, Geld konnte auch den unscheinbarsten Typen zum Lady’s Man machen. Wütend setzte sie hinzu: “Für wie blöd hälst du mich eigentlich?” Niels fühlte sich unglaublich unwohl, und er begann auf seinem Zungenpiercing herum zu kauen. Für einen Moment erschien ihm an Land schwimmen als eine ernsthaft in Betracht zu ziehende Option.

In diesem Moment kam Cal aus der Kabine und erzählte, was er und Emily dort getan hatten. Der Inder hatte in der Tat nicht nur eine junge Frau mittels Drogen gefügig gemacht – Niels ballte eine Faust in der Tasche, als er das hörte – sondern auch seinen Reichtum einem Dämonendeal zu verdanken, nachdem er nach seiner Ankunft in Amerika erst einmal riesige Schulden bei der Mafia angehäuft hatte. Eine gewisse Caroline Bond, Anwältin bei der Kanzlei “Wolfram & Hart” hatte diesen Deal für ihn eingefädelt. Murudrajan hatte angenommen, da er sich als Hindu auf der sicheren Seite fühlte. Emilys und Cals Enthüllung, das den Dämonen sein Glaube herzlich egal war, schien ihn schwer erschüttert zu haben. Mit den Morden schien er aber nichts zu tun zu haben. In der Kabine des Schriftstellers jedoch sitze eine seltsame Puppe, erzählte Cal noch, und die wolle er sich ansehen. Er blickte von Irene zu Flann und dann zu Niels, aber Niels wusste nicht, ob er erwartete, dass er sich ihnen anschloss. Emily jedoch lächelte ihm aufmunternd zu. “Komm mit,” sagte sie und ging voraus, er folgte ihr.

Das Büro des Schriftstellers befand sich im Heck und nahm die ganze kurze Seite der Yacht ein. In der Mitte stand ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz, an einer Wand befand sich ein Bücherregal, in dem eine Menge Kladden standen. Vermutlich die Originale der Manuskripte von Samuel Landry. In einem altertümlichen Sessel, der Niels an das Wohnzimmer der Jamesons erinnerte, saß eine Puppe, ungefähr so groß wie ein vierjähriges Kind, sie trug einen schwarzen Anzug und glotzte ausdruckslos zur Tür. Niels ging ein Stück auf die Puppe zu und sah jetzt, dass es eine Bauchredner-Puppe war, gänzlich aus Holz gefertigt, sogar die Augen, die jetzt zur Seite sahen. Niels zuckte instinktiv zurück. Die Augen konnten sich nicht bewegen. Oder doch?

In diesem Moment kam Flann in das Büro des Schriftstellers und von einem zum anderen. “Was ist los?” wollte er wissen. “Die Augen der Puppe haben sich eben bewegt,” antwortete Niels. Weder er noch Emily, die neben ihm stand, hatten die Hände an der Puppe. “Verbrennen wir sie,” schlug Cal vor, aber Irene schüttelte den Kopf, und auch Niels gab zu bedenken, dass das auf einem Schiff eine dumme Idee war. Auf einer Bohrinsel konnte man so sicher vorgehen, aber selbst da war ihm schon mulmig gewesen, als Irene ihren improvisierten Flammenwerfer auf die Sirenenwesen gerichtet hatte. “Dann zerlegen wir das Ding doch einfach und verbrennen es in der Küche,” schlug Flann vor. Das erschien ihnen eine gute Idee zu sein.

Irene untersuchte derweil das Bücherregal und fuhr mit dem Finger die Buchrücken ab, bis sie zu einer Lücke kam. “Flann, google mal, was Landry so geschrieben hat, und wann es erschienen ist.” Der kam der Aufforderung nach und zog sein Smartphone aus der Tasche. Kurze Zeit später gab er an, dass das fehlende Buch “The Night of the Living Dummy” hieß und von einer bösen Puppe handelte.

Jackpot.

Es war außerdem auch Landrys erstes Buch gewesen, wie der Ire jetzt verkündete. Irene nahm jetzt eines der Bücher aus dem Regal. Es war mit einem Schloss gesichert, aber sie zog einfach eine Nadel aus ihrem Dutt und öffnete es damit.
Kaum hatte sie es aufgeschlagen, begannen die Seiten wie von einem unsichtbaren Windhauch bewegt, zu flattern und ein Geräusch ertönte, das eine Mischung aus Windheulen, Pfeifen und Schreien war. Etwas schien aus dem Buch zu kommen, eine durchscheinende Gestalt in einem quietschgrünen Anzug, sie trug eine rote Zipfelmütze und unter dem Anzug einen dieser in Amerika so beliebten hässlichen rot-grün-weißen Weihnachtspullover mit einem Schneemannmotiv auf der Brust. Der Gipfel der Hässlichkeit dieses Outfits war eine wild blinkende Lichterkette, die sich rund um das Wesen ringelte. Wären nicht seine gelbleuchtenden Augen und die gebleckten Zähne gewesen, der Anblick wäre sicher sehr komisch gewesen. So aber ließ Irene erschrocken das Buch fallen, und Flann zog sie von dem Geist weg.

In demselben Moment, in dem Irene das Buch geöffnet hatte, hob Niels die Puppe hoch, er fasste sie unter den Armen an und hielt sie vor sich, um sie näher zu betrachten. Die Augen der Puppe fuhren zu ihm herum, die Mundöffnung klappte mit einem quietschenden Geräusch herunter, und die Puppe versuchte, nach ihm zu schnappen.

Nicht mit mir, Freundchen. Mit einer Puppe werde ich doch locker fertig.

Er packte die Puppe so, dass ihr Mund nicht mehr so leicht mit irgendwelchen seiner Körperteile in Berührung kommen konnte und hielt sie wie im Heimlichgriff vor der Brust. Sein Plan war, ihr den Kopf abzureißen. Emily sah, was er vorhatte, sie versuchte, nach den Beinen der Puppe zu greifen, doch das hölzerne Wesen begann nun, heftig in Niels’ Griff zu strampeln und zu treten. Es war Emily unmöglich, die Beine zu greifen, die Puppe war zu schnell. Also musste Niels es ohne ihre Hilfe versuchen. Er verstärkte seinen Druck auf das Spielzeug, doch dem Wesen gelang es, mit seinen hölzernen Händen nach oben zu greifen und Niels’ Hals zu erwischen. Für ihre Größe war ihr Griff unnatürlich fest, und Niels spürte, wie ihm die Luft wegblieb.

Nicht die Ohren zuhalten, nicht die Ohren zuhalten, das ist ein Trick, ein Trick, ein..

Kleine Lichtpunkte begannen vor Niels’ Augen zu tanzen, sein Atem wurde flach. War es das jetzt? Jacob Hecklers Sohn wurde auf einer Silvesterparty von einer Bauchredner-Puppe zu Tode gewürgt. Davon würde man sich noch Jahre später in den Roadhouses erzählen – und anschließend herzlich lachen.

Du bist eine Schande für den Namen Heckler, Aaron.
Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist nicht mal mein Vater.

Mit diesem Gedanken zog sich Niels mit letzter Kraft die Puppe vom Hals und ging keuchend hinter dem Sessel zu Boden. Augenblicklich war Emily zur Stelle und trat das hölzerne Wesen in Richtung des Geistes, mit dem Irene gerade kämpfte. Es war ihr gelungen, die Lichterkette dazu zu benutzen, den Geist zu würgen, aber da er immer noch nicht ganz stofflich war, waren ihre Bemühungen noch nicht von Erfolg gekrönt. Flann war neben ihr auf den Boden gerutscht und blätterte hastig in dem Buch, vermutlich suchte er nach einer Möglichkeit, den Geist ein für allemal zu besiegen.

Die Puppe machte derweil einen großen Satz auf Emily zu und versuchte, die Beine der jungen Frau mit ihren Stoff-Extremitäten zu umwickeln und sie so unbeweglich zu machen. Emily duckte sich jedoch, und die Puppe rollte über sie hinweg.

Während er hinter sich Cal husten hörte und Flann plötzlich anhob, “Stille Nacht, heilige Nacht” zu singen, sah Niels sich in der Kabine um. Es musste doch irgendetwas in diesem Raum geben, das sich dazu eignete, diese verdammte Puppe zu Kleinholz zu verarbeiten. Irene fiel gerade in Flanns Lied ein, und beide wurden immer lauter.
Niels’ Blick fiel auf eine Golftasche, die in einer Ecke stand. Besser als nichts, und er suchte sich den Schläger heraus, der seiner Meinung nach am schwersten aussah.

Spielen wir doch eine Runde Golf mit Puppenkopf.

Emily lief an ihm vorbei zum Fenster, sie sah aus, als suche sie ebenfalls etwas. Cal, der sich wohl sicher zu sein schien, dass Irene und Flann auch ohne ihn mit dem Geist fertig wurden, zog sein Messer und nagelte damit die Puppe regelrecht am Boden fest. So war es für Niels um ein Vielfaches leichter, auch den Kopf zu treffen. Er holte mit dem Schläger aus und schlug mit aller Kraft und Wut auf die Puppe ein, aber außer ein paar Kratzern passierte nichts. “Fuck!” entfuhr es ihm. “Verdammt! Geh. Endlich. Kaputt!” Doch das Holz machte keinerlei Anstalten, auch nur zu splittern.

Derweil war es Irene und Flann gelungen, den Geist endgültig wieder in sein Buch zu bannen, mit einem letzten Heulen verging die Gestalt. Niels wollte gerade wieder mit dem Golfschläger ausholen, als er aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass Emily vom Fenster zurückkam mit einem Buch in der Hand. Er stellte sich wieder in Position, bereit auszuholen, während er die am Boden liegende Puppe betrachtete. Sein Hemdkragen berührte leicht die Würgemale an seinem Hals, und er überlegte, wie er seiner Tante das erklären sollte.

Cal kniete immer noch am Boden neben der Puppe und versuchte jetzt, ihr ihr Jackett über den Kopf zu ziehen, als Irene sich auf die andere Seite begab und mit ihrer Haarnadel in ein Auge stach. Ein fester Hieb, und mit einem unangenehmen Plöpp-Geräusch entfernte sie das Organ. Niels sah überrascht auf das, was an ihre Haarnadel hing: Es war ein menschliches Auge. In diesem Moment hörte er, wie Emily aus dem Buch vorlas, dass man der Puppe die Augen und die Zunge entfernen musste. Er legte den Golfschläger beiseite und kniete sich jetzt ebenfalls neben die Puppe, um ihr den Mund zu öffnen. Wütend drückte er den beweglichen Kiefer nach unten.

Mal gucken, ob dir das gefällt, Chucky.

Flann nahm etwas aus der Tasche, dass aussah wie eine Miniatur-Guillotine und versuchte damit, die hölzerne Zunge der Puppe abzuschneiden. Aber aus irgendeinem Grund wollte ihm das nicht gelingen. Niels bedeutete ihm, dass er ihm das Werkzeug gab, Flann sollte solange den Mund der Puppe aufhalten. Es klickte, und Niels griff nach dem, was er mit Flanns seltsamer Vorrichtung abgeschnitten hatte. Es fühlte sich schwer und fleischig an, nicht wie erwartet aus Holz, und als er auf seine Hand sah, stellte er fest, dass er eine menschliche Zunge darin hielt.

Er hatte schon vieles gesehen und getan, aber das Entfernen einer menschlichen Zunge hatte bisher nicht dazu gehört. Angewidert ließ er sie fallen, und ihm war jetzt klar, wer der “Bay Butcher” war. Verbrennen war definitiv das Richtige, was sie mit diesem irren Spielzeug machen konnten.
Flann hielt weiterhin den hölzernen Kopf fest, und Cal entfernte jetzt auch noch das andere Auge, ebenfalls menschlich. Die Puppe tat einen letzten Aufschrei und zog sich lang auseinander, so als sei sie auf einmal aus Gummi, dann verschwand sie wieder in dem Buch, das Emily in Händen hielt.

Niels ging zu Flann herüber und gab ihm sein seltsames Werkzeug wieder. “Danke, Mann. Und sorry, wenn ich vorhin etwas schnippisch war.” Er griff sich an den Hals und verzog das Gesicht. “Wie erkläre ich das meiner Tante?” überlegte er laut. Flann grinste schelmisch. “Knutschfleck,” meinte er nur. Niels warf ihm einen langen Blick zu, Flann wusste doch über ihn Bescheid. Aber wahrscheinlich hatte er den Spruch auch verdient nach ihrem Wortgefecht auf dem Oberdeck.

“Wir sollten die Bücher auch verbrennen,” meinte Cal jetzt. Gemeinsam überlegten sie, wo. Ein Krematorium wurde sicher heiß genug, aber es bestand die Gefahr, dass die Bücher sich wieder öffneten. Und wer wusste schon, was Landry noch für nette Zeitgenossen zu Gegenspielern in seinen Romanen gemacht hatte. Irene schlug schließlich vor, dass eine Müllverbrennungsanlage genau das richtige war. Flann entschuldigte sich, er wollte einen Servierwagen und eine Tischdecke holen, damit sie die Bücher unauffällig abtransportieren konnten. Martin Landry würde es nicht unbedingt gutheißen, wenn sie mit dem Werk seines Vaters über seine Silvesterparty zur nächsten Müllverbrennungsanlage spazierten.

“Seht euch das mal an.” Cal war jetzt an dem riesigen Schreibtisch getreten und betrachtete die Schreibmaschine, die darauf stand. Niels gesellte sich zu ihm und sah nach, ob sich noch ein Farbband darin befand. Tatsächlich war dem so, aber er fand kein geeignetes Papier, um etwas auszuprobieren. “Mr Heckler, nicht. Unterstehen Sie sich, etwas darauf zu tippen. Das Ding wird eingepackt und nach England gebracht.” Natürlich, sie hatte den gleichen Gedanken gehabt wie er. Wahrscheinlich hatten sie alle überlegt, was sie schreiben konnten, um sich zu versichern, dass dies das Gerät war, mit dem Landry den Geist und die Puppe in diese Welt geholt hatte. “Ich glaube kaum, dass eine Schreibmaschine jemanden aus der Hölle holen kann,” entgegnete Niels kühl.

Ich hab es geschafft, diese blöde Gitarre in George abzulehnen, um Philip zu vergessen. Ich werde es wohl schaffen, einer Schreibmaschine zu widerstehen, um mir Joe aus der Hölle zurückzuschreiben.
Aber immerhin hast du es dir endlich eingestanden.

Er sah sich auf dem Schreibtisch um, ob er noch etwas anderes fand. Da lag ein dünnes Büchlein, diesmal ohne Schloss. Es war Landrys Tagebuch, in dem er beschrieb, dass er als Jugendlicher viel allein gewesen war und gemobbt wurde. Eines Tages war jemand mit eben jener Schreibmaschine an ihn herangetreten, eine seltsame Person, die aber keinerlei Gegenleistung dafür gefordert hatte. Voller Entsetzen hatte Landry dann gemerkt, dass die Wesen, denen er mit der Schreibmaschine Leben eingehaucht hatte, aus dem Buch kamen. Dennoch waren die ersten Geschichten aber zunächst wie eine Therapie für ihn, deswegen schrieb er immer weiter, und als er erwachsen war, verkauften sie sich bestens. Die Puppe hatte er sich eigentlich als Freund herbeigeschrieben, weil er als Teenager so einsam war und er keine wirklichen Freunde gehabt hatte. Aber als er dann seine Frau – “die Richtige”, wie er sie nannte – kennengelernt hatte, hatte er die Puppe endgültig in das Buch gesperrt, denn sie war schon vorher eifersüchtig auf seine Freundinnen gewesen und hatte versucht, seine Beziehungen zu torpedieren.

Aus dem Gästeraum war jetzt Musik zu hören, die Band spielte “Auld lang syne”. Es war kurz vor Mitternacht, wie sie feststellten, und zu viert machten sie sich auf den Weg nach oben. Niels sah kurz nach seiner Tante, die die Male an seinem Hals wohl bemerkte. “Job,” sagte er nur kurz angebunden, für eine längere Erklärung war auch im neuen Jahr Zeit. Sie sah ihn traurig an, dann umarmte sie ihn wortlos. “Alles gut gegangen?” flüsterte sie ihm zu, als sie ihn wieder losließ, und er nickte . Niels wusste nicht, was er sagen sollte, unsicher sah er zu Irene und Emily, die an der Reling standen. Delia warf einen Blick in ihre Richtung. “Sind das… Kolleginnen?” fragte sie, und Niels nickte. “Dann lass sie nicht warten.”
Niels kam gerade im richtigen Moment wieder zu Emily und Irene, ein Kellner reichte ihnen jeweils ein Glas Champagner. Es war Flann, der auch ein Glas für Niels und sich selbst mitgebracht hatte, er lächelte versöhnlich. “Es ist mir egal, wie du heißt,” gestand Niels ihm jetzt. “Hauptsache, man kann sich im Kampf auf dich verlassen.” Der Ältere stieß mit ihm an. “Na dann Prost.”

Nachdem das Feuerwerk vorüber war – es war wirklich beeindruckend gewesen, fand Niels – ging die Party weiter. Nur einer fehlte: Ashish Murudrajan schien sich aus dem Staub gemacht zu haben, und Emily erzählte, dass sie bei ihrer Suche nach dem Buch bemerkt hatte, dass das Beiboot fehlte. Auch Cal schien verschwunden zu sein, beim Feuerwerk war er nicht mehr bei ihnen gewesen. Niels vermutete nicht, dass der mürrische Mann ebenfalls von Bord gegangen war, aber sicher hatte er sich irgendwohin zurückgezogen. Was stimmte nicht mit Cal?

Niels ging noch einmal zu Delia zurück, und diesmal begleitete Irene ihn. Die beiden Frauen schienen sich gut zu verstehen, für Niels’ Geschmack ein wenig zu gut, als Delia begann, in den höchsten Tönen von seinem Können zu schwärmen, und Irene nur hintergründig lächelnd nickte. “Sein Vater wäre so stolz auf ihn!” erklärte sie der Engländerin. Bevor sie die nächste Lobeshymne anstimmen konnte, ergriff Niels die Flucht. Er war noch nicht soweit, noch lange nicht.

Gemeinsam mit Emily sah er auf dem Oberdeck in die sternenklare Nacht hinaus. Sie schwiegen eine ganze Weile, doch irgendwann brach einer von ihnen das Schweigen, und sie redeten über dies und das und stellten fest, dass sie sich gut verstanden. Schließlich tauschten sie ihre Telefonnummern aus und gaben sich das Versprechen, in Kontakt zu bleiben.

Ich weiß nicht, was meine Schwester, Ethan und du erlebt haben. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber sollte ich jemals in die Situation kommen, ich werde verdammt nochmal dafür sorgen, dass es nicht noch einmal passiert.

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Timberwere

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