Mädchenkram - Supernatural

The Fungus and the Witch

aus Barrys Tagebuch

Ich hatte mir ja fest vorgenommen, bis zur Geburt der Kaulquappe zu Hause zu bleiben. Nichts würde mich davon abhalten, jede Sekunde davon mitzubekommen… nichts, außer meiner Frau. Der ging ich offenbar mit meiner Nervosität und meinen guten Ratschlägen auf die Nerven. Zugegeben: Die Sache mit dem Gemüseshake war übertrieben.

Also erzählte sie mir, da gäbe es ein Problem, und ich müsse los, um es zu lösen. Sonst würde sie sich dauernd Sorgen machen, und das wäre ja auch nicht gut fürs Kind. Irgendwo in Colorado waren sieben Holzfäller innerhalb von vier Monaten von Bäumen erschlagen worden, da steckte bestimmt etwas dahinter. Bevor ich sie auslachen konnte, fügte sie hinzu, dass da schon seit Jahren immer wieder Kinder verschwinden. Nicht viele, nicht so, dass es wirklich auffällt, aber regelmäßig. Und die Papierfabrik wäre auch abgebrannt.

Na gut, Kinder verschwunden. Vielleicht könnte das ja Ethan machen? Das musste doch nicht ausgerechnet jetzt… Nein, erklärte Tam kategorisch, Ethan wohnte viel zu weit weg und überhaupt war er ja auch kein Detektiv. So wie ich. Zu dem Zeitpunkt wurde mir dann klar, dass sie mal ein bisschen Ruhe haben wollte. Die Schwangerschaft war bisher ja soweit gut verlaufen, der Termin lag eine Woche in der Zukunft und bei der letzten Untersuchung hatte sich die Kaulquappe noch viel zu aktiv bewegt.

Ich nahm Tam das Versprechen ab, mich in der Sekunde anzurufen, in der es losging. Sie nickte, packte mir noch ein Extra-Magazin für die Glock in die Tasche und schob mich aus der Tür. Großartig. Nie wieder Gemüseshakes.

Samstagvormittag kam ich schließlich in Crested Butte, Colorado, an. Ein Touristennest, Skifahrer, Wanderer und so weiter. Zwischensaison – zu warm zum Skifahren, zu wechselhaft zum Wandern. Immerhin, das Hotel war billig.
Im Secret Stash traf ich Ally. Die freute sich regelrecht, mich zu sehen. Ich war ein bisschen überrascht, ehrlich gesagt, aber gut. Sie war wegen der ganzen Vorfälle in der letzten Zeit hier. Während wir gerade Pizza bestellten (großartige Auswahl, ich hatte eine Pizza mit Feigen drauf), kam Ethan durch die Tür. Ich schüttelte den Kopf. Soviel zu „Vermont ist ja viel zu weit weg“. Das nächste Mal rufe ich ihn einfach an.
Ally senkte verlegen den Kopf, als sie Ethan sah. War das noch wegen der Geschichte mit den Büchern in Giffanyhausen? Er reagierte jedenfalls nicht drauf.

Ethan war von seiner Verbindung geschickt worden. Die hatten wohl Aktien bei der Papierfabrik. Oder so. Ich frage mich ja, warum die in Stuttgart kein Chapter House haben. Da sind doch sonst haufenweise Verbindungen, die sich mit übernatürlichem Kram beschäftigen. Oder haben die eins und Ethan hat das nicht erwähnt?
War aber im Augenblick egal. Als erstes machten wir uns auf den Weg zum Sheriff, um mehr über die verschwundenen Kinder herauszufinden. Lief am Anfang ganz gut: Er erzählte, dass die Kinder größtenteils zu Touristen gehörten und im Wald verschwunden waren. Alle jünger als zehn. Pro Jahr vielleicht eins, aber das ging schon seit mindestens 30 Jahren so. Es würden aber auch Erwachsene verschwinden. Gab ja ziemlich viele Wälder hier. Wir bohrten ein bisschen nach und fanden heraus, dass alle Kinder grob in der Gegend zwischen Crested Butte und dem Peanut Lake verschwunden waren.
Der Sheriff erzählte uns, dass es 1920 ein starkes Erdbeben um den See gegeben hatte. So stark, dass sich ein kleiner Tsunami bildete, der die Stadt überflutete. Häuser wurden weggerissen, Menschen starben. Schlimme Sache.

Ally fragte ihn nach den Holzfällern. Die waren von morschen Bäumen erschlagen worden. Lag vermutlich an einem Pilz, der sie von innen aushöhlen würde. Hoffentlich, meinte der Sheriff, war es kein Dunkler Hallimasch wie in Malheur, Oregon. Armillaria solidipes. Größtes Lebewesen der Welt, und die Pest in Tüten, weil dann der Baumbestand nicht sicher wäre. Blöd für Holzfäller, blöd für Wanderer.

Klang aber weitgehend natürlich, also zurück zu den Kindern. Langsam wurde klar, dass der Sheriff uns irgendwas verschwieg. Ich hatte keine Lust, um den heißen Brei herumzureden, also erklärte ich ihm direkt, dass er uns alles erzählen solle. Sonst würden vielleicht andere kommen, die er nicht einfach so wegschicken konnte.
Er wurde aggressiv. Meinte, wir sollten verschwinden, und wüssten wir nicht, wer er wäre, und überhaupt. Immerhin hat er nicht versucht, weiter zu lügen.

Nächste Station war das Museum. Ally verwickelte die Angestellte in ein längeres Gespräch über lokale Legenden und hörte ziemlich viel über die „Weise Frau vom See“, die hier in der Gegend umgehen sollte. Manchmal tat sie Gutes, manchmal Schlechtes, half Leuten, verfluchte Leute. So eine Art Rübezahl. Von den Ute, die hier in der Gegend gelebt haben, wusste die Frau nicht viel, aber der Bürgermeister war Historiker und hatte ein Buch geschrieben. Das nahm ich mit.
Ethan schaute sich erst mal die Exponate an, darunter auch Luftbilder. Die Gegend zwischen dem Ort und dem Peanut Lake zeigte immer noch Spuren des schweren Erdbebens – das Grün des Waldes war dunkler und dichter als in der weiteren Umgebung.

Bei den Bildern aus der Stadt fand er schließlich einen entscheidenden Hinweis: Auf keinem einzigen Bild war ein Kind abgebildet. Und wir hatten bisher in ganz Crested Butte noch kein Kind gesehen. Teenager, ja, aber Schulkinder, Krabbelkinder oder Säuglinge? Fehlanzeige.

Seltsam. Wir schlenderten ein bisschen durch die Straßen, fanden die Schule. Dort eine Notiz: Alle Schüler waren auf einem Ausflug nach Montana. Der Kindergarten, direkt nebendran: Gleiche Notiz. Schulausflug, okay, das passierte. Normalerweise nicht mit der ganzen Schule, allerdings war die hier ziemlich klein. Aber der Kindergarten? Da gab es vielleicht mal einen Ausflug in den Zoo, aber keine zwei Wochen in einen anderen Bundesstaat.

Zwei Blocks von der Schule entfernt sahen wir eine ganze Zeile Läden – hauptsächlich Touristenkram. Die meisten hatten wegen Geschäftsaufgabe geschlossen oder standen kurz davor. Wir fanden ein Fahrradgeschäft, dessen Besitzer gerade dabei war, zusammen zu packen. Der erzählte uns, ja, die Kinder waren alle weggefahren, was für eine gute Idee. Er gab sein Geschäft wegen des Klimawandels auf – das Wetter war ja so unzuverlässig, und die Touristen hatten eh alle GPS-Geräte und brauchten seine Karten nicht. Ethan nickte kräftig und kaufte mit glänzenden Augen gleich einen ganzen Packen Karten.
Aber hier stimmte irgendwas nicht, und das sagte ich dem Mann. Er wurde nervös. Ich stellte mehr Fragen, Ethan auch (immer genau dann, wenn der Fahrradhändler noch dabei war, über die Antwort auf meine Frage nachzudenken – offenbar war bei ihm in der Giffanywelt ein Damm gebrochen). Schließlich bekamen wir heraus, dass wir besser mit Vater Wen sprechen sollten. Der hatte die Ausflüge organisiert.

Während wir zur Kirche gingen, bat ich Ethan, doch bitte abzuwarten, bis die Leute geantwortet hatten, bevor er eine neue Frage stellte. Er reagierte ein bisschen eingeschnappt, meinte, jetzt würde er mal reden und dann war es auch nicht richtig. Dann würde er es halt lassen. Hat noch gefehlt, dass er aufstampft.
Okay. Ich atmete durch. Ethan war ein erwachsener Mann, und es brachte nichts, wenn ich auf seinen Kommunikationsproblemen rumhackte. Nein, sagte ich, war schon gut, dass er geredet hat. Sollte nur ab und zu mal abwarten. Aber beim Priester könnte er gern das Gespräch führen. Er murmelte etwas von „für Artie“ und nickte grimmig.

Der Priester war Asiate, Jesuit. Der wollte erst mal nicht recht mit der Sprache raus. Traute uns nicht. Wollte wissen, warum wir hier waren. Ally überzeugte ihn, dass wir den Kindern helfen wollten und an Übernatürliches glaubten. Ethan erzählte etwas von Dekan Thomas Brimley, der ihn geschickt hätte. Bei einer Tasse Tee, die außer Vater Wen keiner anrührte, erzählte der Priester uns, dass er die Kinder weggeschickt hätte, weil sie in Gefahr waren. Die Weise Frau vom See war eine Hexe, der ab und zu mal ein Kind geopfert werden müsste, damit es dem Ort gut geht. Dahinter steckten Bürgermeister und Sheriff – bei Stadtgründung wurde ein Pakt mit der Hexe geschlossen, und die beiden arbeiteten daran, ihn zu erhalten. Das letzte Mal, als das nicht gemacht wurde, gab es das Erdbeben mit dem Tsunami und den vielen Toten.

Über die Hexe wusste er nicht viel. Angeblich konnte sie durch die Erde schwimmen und überall gleichzeitig sein. Er hatte keine Ahnung, ob das eine menschliche Hexe oder ein Naturgeist war. Jedenfalls wäre es jetzt wieder an der Zeit für ein Opfer – möglicherweise waren die toten Holzfäller schon erste Warnschüsse.

Unser nächstes Ziel war der Bürgermeister. Unterwegs wurden wir allerdings abgelenkt: Vor einer Pension hielt ein Auto aus Kalifornien. Ehepaar mit einem kleinen Kind. Das Mädchen sah krank aus, hatte einen Tropf im Arm. Das konnte ich nicht lassen. Ich konfrontierte die beiden. Sagte ihnen, dass ihr Kind nicht sicher war. Der Vater reagierte heftig: Was ich denn wollte, das hier wäre ihre letzte Chance, ihrer Tochter zu helfen. Es sollte hier angeblich eine Wunderheilerin geben, die vielleicht etwas tun konnte. Verdammt.
Ally schaute sich die Website der Wunderheilerin an. War eine brandneue Seite, nur wenige Wochen alt. Entstand ungefähr zu der Zeit, als Vater Wen angefangen hatte, den Schulausflug zu organisieren. Sogar ein Hilfsfonds wurde den Eltern zur Verfügung gestellt. So langsam wurde mir kalt vor Wut. Was für ein perfides Spiel mit der Verzweiflung dieser Menschen.

Etliche Leute beobachteten unser Gespräch mit den Leuten. Einige waren besorgt, fast ärgerlich, aber andere nicken beifällig. Offenbar waren nicht alle einverstanden mit dem, was hier passierte. Ethan und Ally machten sich auf den Weg, um Vater Wen zu holen. Der sollte aufpassen, dass dem Kind nichts geschah. Während sie unterwegs waren, beobachtete ich, wie die Leute von Crested Butte anfingen, zu diskutieren. Wie mehr Leute dazu kamen. Aber bisher keine Gewalt.

Schließlich tauchte Vater Wen auf, redete mit den Einheimischen und organisierte einen Wachtrupp für das Kind. Gut. Dann konnten wir jetzt zum Bürgermeister gehen.
Der unterhielt sich gerade mit dem Sheriff. Eine Ausrede, was wir von ihm wollten, konnten wir uns sparen – er lud uns sofort zu sich ins Büro ein. Dann erklärte er uns, dass er ja auch nicht gern Kinder entführte und einer Hexe opferte, aber was sollte er denn tun? Wegziehen wäre doch keine Option, da würde man ja so viel zurücklassen. Dann schon lieber ab und zu mal ein Kind ermorden. Fiel ihm ja auch nicht leicht. Zu diesem Geseier machte er ein betrübtes Gesicht. Als wäre er auch nur ein Opfer der bösen Hexe.

Wenn nicht so viele Leute gesehen hätten, dass wir hier waren, hätte ich ihn in diesem Moment erschossen.

Dann maulte er uns an, wir hätten ja wohl auch keine Lösung für die Situation. Er hätte ja schon mit solchen schlauen Leuten wie uns gerechnet, und wenn wir mal eine bessere Idee hätten, dann her damit. Ich schluckte meine Wut herunter. Brachte nichts, ihn jetzt anzugreifen. Vielleicht dachte er ja wirklich, er hätte irgendwie das Richtige getan. Arschloch.

Ally hatte währenddessen im Internet recherchiert und eine Legende über eine Hexe gefunden, die irgendwie an ein Buch über die Erde (oder das Buch der Erde?) herangekommen war und Kinder verlangte. Vom Buch wusste der Bürgermeister nichts, aber die Hexe hätte sich mit dem Pilz verbunden. Was sie mit den Kindern wollte? Keine Ahnung. Er hatte sie nur entführt und im Wald irgendwo hingelegt.

Großartiger Typ. Der würde das hier nicht lange überleben, wenn es mich nicht selbst erwischte.

Beratung. Wenn es eine Hexe war, sagte ich, wäre sie noch ein Mensch. Menschen kann man erschießen. Ally sah mich groß an. Erschießen? Echt jetzt? Was denn sonst, fragte ich. Vielleicht, meinte sie zögernd, könnten wir ja einen Dämon… der sie dann in die Hölle zieht… Und was wäre der Unterschied, wollte ich wissen. Darauf hatte sie keine Antwort.

Ethan erwähnte Vertrautentiere. Wären mit Hexen verbunden. Stirbt das Tier, schadet das der Hexe. Fing an, von mörderischen Hexen in Kalifornien zu erzählen, mit denen er sich angelegt hatte. Irgendwas mit Saitou, der erst handfeste Beweise wollte, dann war Ethan losgegangen und hatte nicht Beweise gesucht, sondern die Tiere umgebracht. Die Hexen starben auch, aber nur, weil sie ihr Leben unnatürlich verlängert hatten. Sonst, meinte Ethan, wären die noch Menschen gewesen und nicht gestorben. Schien ihm wichtig zu sein.

Wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht hatte er den alten Mann im Holzhaus deswegen nicht erschossen. Ich dachte damals, er hätte den aus Gerechtigkeitsgefühl oder vielleicht sogar Grausamkeit den Krähen vorgeworfen, aber vielleicht wollte er einfach keinen Menschen töten. Tam hat das auch nie gemacht, außer einmal, und sie hatte Probleme damit. Großartig. Aber gut zu wissen.

Wir wussten aber immer noch nicht, ob das überhaupt eine Hexe war oder ein Naturgeist. Allerdings fand Ally heraus, dass es über die Gegend hier keine Legenden der Ute gab. Und es gab viele Ute-Legenden in Colorado, nur eben hier nicht.
Ethan meinte, ob ich nicht vielleicht einen Ute kenne. Klar, wir Indianer kennen uns ja alle untereinander. Mann. Trotzdem, er hatte ja recht, also rief ich Bill Forrester an und fragte ihn. Musste ein bisschen warten, erfuhr aber, dass vor langer Zeit eine böse Zauberin von jenseits der See gekommen war, deren Herz in der Erde schlug. Gewitter erzeugen konnte sie auch. Eigentlich vermied sein Stamm die Gegend, aber eine Gruppe schloss einen Handel mit ihr ab und lebte eine Weile beim Peanut Lake. Irgendwann reichte es ihnen aber, und sie kündigten den Handel auf – dazu zog jeder von ihnen einen jungen Baum aus der Erde. Gut bekommen war ihnen das aber nicht.

Das klang tatsächlich nach einer Hexe. Ethan meinte, er hätte mal etwas von mächtigen Büchern der Hexenkunst gehört – falls das so eins war, wäre die Hexe hier extrem gefährlich. Vermutlich auch nicht so leicht zu erschießen. Schade.
Aber vielleicht kamen wir an den Pilz heran. Ethan murmelte etwas von Würmern, wollte das aber nicht weiter ausführen. Also blieb Fungizid. Würde der Gegend nicht gut tun, aber besser als der Hexenpilz vermutlich allemal.

Vater Wen kannte ein paar Leute vom Sägewerk, die uns ein Dutzend Kanister Phyton-27 besorgen konnten, richtig aggressives Zeug. Der Bürgermeister, der den Plan mitbekommen hatte, wollte die Stadt lieber evakuieren. Er wirkte erleichtert, dass er mal kein Kind ermorden musste. Was für ein netter Kerl.

Unser Angriffspunkt war die Insel im Peanut Lake. Es war schon Nacht, als wir dort ankamen, und die Fruchtkörper der Pilze leuchteten in der Dunkelheit. Biolumineszenz. Immer gut, das Wort dafür zu wissen. Macht es weniger fremd.
Wir waren richtig: Je näher wir kamen, desto heller wurde es. Die ganze Insel schillerte grün, auch der einsame Baum, der in der Mitte stand. Im Pilzlicht sah er aus wie eine bucklige Menschengestalt.

Als wir mit unserem Faltboot auf der Insel anlegten, packte Ethan wortlos seinen Klappspaten aus und grub ein Loch. Unter Fruchtkörpern und Erde kam das Myzelgeflecht zum Vorschein. Wir kippten einen Kanister Fungizid drauf. Unmittelbare Reaktion: Das Geflecht fing an zu pochen. Gut.
Danach wandten wir uns dem Baum zu. Der war morsch, völlig zerfressen von dem Pilz. Ethan und ich rissen ihn ohne große Anstrengung um. Unter den Wurzeln kam ein dichtes Geflecht zum Vorschein, das wir zunächst mit Phyton-27 tränkten, dann herausschnitten und noch mal mit Fungizid begossen. Aus dem Pochen wurde ein ungleichmäßiges Zucken, das über die ganze Insel lief. Im See bildeten sich erste Wellen.

Am Ufer entdeckte Ally durch die Kamera ihres Handys die Gestalt einer Frau mit einer Steintafel im Arm. Nur kurz stand sie da, flackerte dann und verschwand wieder. Wir sahen sie danach noch ein paar Mal, auch ohne Kamera. Ich schoss einmal auf die Steintafel, aber sie verschwand sofort wieder. Meine Kugel traf nur einen Baum.

Wir kippten noch ein paar weitere Kanister über die Pilze auf der Insel. Das Zucken wurde stärker, die Wellen höher. Auf der Insel hatten wir getan, was wir konnten – es wurde Zeit, uns in Sicherheit zu bringen. Ich spießte das Pilzherz auf meinen Haken. Konnte vielleicht noch nützlich sein. Dann ab ins Boot, Ethan ruderte. Die Wellen waren aufgewühlt und zuckten im Takt mit dem Pochen des Pilzes.
Auf der halben Strecke verlor Ally den Halt und stürzte ins Wasser. Ich konnte sie mit dem Haken gerade noch packen, musste dafür aber das Herz abschütteln. Es fiel ins Boot und begann sofort, Streben und Haut des Faltboots zu zerfressen. Ally schüttete Phyton-27 darüber, und der Pilz zerfiel. Unserer Bootshaut bekam das ätzende Zeug vermutlich auch nicht so richtig gut, aber wir hatten es ja nicht weit.

Kurz vor dem Ufer wurden wir von einer starken Welle erfasst und gegen einen Baum geschleudert. Ethan knallte mit dem Schädel gegen den leuchtenden Stamm, Ally prellte sich die Schulter. Ich landete auf der Seite mit den fast verheilten Schnitten aus Tenkiller, schrammte ein Stück über den Boden und riss die Wunden wieder auf. Spitze. Aber wir waren an Land.
Ich und Ally rannten los, weg vom See. Über der Insel zogen sich dunkle Wolken zusammen, Blitze zuckten. Kein Donner. Nach einigen Schritten merkte ich, dass Ethan fehlte. Als ich zurückschaute, sah ich, dass er desorientiert auf einen hell glimmenden Baum zu schwankte. Ich rannte los, zog meine Pistole. Schoss. Warnschuss neben ihn, um ihn zur Besinnung zu bringen. Gut gezielt, aber da fiel der Baum schon. Ich rammte Ethan zur Seite, stolperte. Bekam ein paar Äste ab, als der Baum neben mir zu Boden knallte. Nur ein paar Kratzer.
Aber ich lag auf dem Boden, bedeckt von Ästen und Pilzen. Rasend schnell griff etwas nach meinen Füßen, meinen Beinen und versuchte, mich unter die Erde zu ziehen. Ethan packte mich unter den Achseln und zerrte mich raus, stolperte dabei über eine Wurzel. Blieb auf den Beinen, hinkte danach aber.

Weiter den Hang hoch. Der See lag in einer Bodensenke, es ging nur nach oben. Über der Insel bildete sich eine Wasserhose. Wir rannten. Ally verlor ihr Handy, Ethan musste sein Gewehr fallen lassen, als uns eine Lawine aus Geröll und Schutt traf. Der letzte Kanister Phyton-27, den ich an der Seite trug, wurde von einem Ast getroffen und platzte auf. Ergoss sich über mich. Egal. Weiter.
Wir kamen oben an. Liefen zu unseren Autos, so schnell wir konnten. Hinter uns das Grollen eines Erdbebens und das Geräusch von hohen Wellen. Ethan fuhr nach Crested Butte, so schnell er konnte.

Die Stadt war schon ziemlich leer. Etliche Leute standen noch auf der Straße, vom Gewitter nach draußen getrieben. Wir packten so viele wie möglich in unsere Autos und fuhren sie weg. Fuhren zurück, sobald wir meinten, sie weit genug weg gefahren zu haben. Sammelten noch ein paar ein. Andere fuhren selbst.
Schließlich eine letzte Tour, hupend durch die Straßen, um den letzten Starrkopf aus seinem Haus zu treiben. Im Norden war die Wasserhose im Schein der Blitze sichtbar. Fanden noch ein paar, und dann weg von Crested Butte.

Nächster Ort war Gunnison. Kurz noch Kontakt zu Vater Wen: Der war weggekommen. Hoffte, dass der Schaden am Pilz die Hexe geschwächt hatte. Wollte jedenfalls ein Auge auf die Situation haben.
Danach zum Walmart, Waschräume. Kurz halbwegs säubern und umziehen. Ich roch immer noch nach Phyton-27. Dachte nicht weiter drüber nach. Grober Verband, dann zu Mochas Drive Thru Coffee House. Hatte vegane Optionen. Schien Ally zu gefallen.

Wir redeten noch. Darüber, dass wir wiederkommen wollten, um nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht noch ein bisschen Fungizid auf die Insel kippen. Und Ausschau nach dem Buch der Erde halten, falls das die Steintafel war. Ich warnte die anderen beiden, vielleicht nicht so viel über das Buch zu reden. Das war jetzt schon in den falschen Händen, aber… das konnte mit Sicherheit noch viel, viel schlimmer werden.
Ally nickte ernsthaft. Ein bisschen was über ihre Erlebnisse wollte sie trotzdem schreiben. Bot uns ihre Hilfe an, wenn wir mal Unterstützung brauchen. Auch wenn sie nicht so gut darin war, jemanden zu erschießen. Wenn sie Probleme hätte, die erschossen werden müssten, dann könnte sie sich gern an mich wenden, sagte ich. Sie meinte unglücklich, es wäre ihr lieber, wenn niemand erschossen werden würde.

Der Bürgermeister, sagte ich dann. Der hatte Kinder ermordet. Vielleicht könnten wir ja Agent Saitou auf ihn ansetzen? Müsste doch irgendwo Beweise geben. Ethan murmelte, ich solle ihn nicht erwähnen, wenn ich beim FBI anrief. Hatte ich auch nicht vor.

Noch eine Idee: Vielleicht konnten wir die Geister der Ermordeten auf die Hexe hetzen? Sollten wir mal in Hinterkopf behalten. Im Moment waren wir nicht fit genug für eine zweite Runde mit der Weisen Frau.
Danach wollte ich aufbrechen. Fragte Ethan noch wegen des Baumhauses. Ja, klar, sagte er. Könnte er schon machen. Hatte glasige Augen, und ich erinnerte mich, wie er mit dem Kopf gegen den Baum geprallt war. Fahr besser noch nicht, sagte ich ihm. Du hast eine Gehirnerschütterung und brauchst Ruhe. Er schaute ein bisschen überrascht, nickte dann aber. Hatte wohl vergessen, dass er verletzt war.
Ally hatte das nicht vergessen. Die hielt ihren Arm komisch und wollte nach dem Gespräch zum Arzt gehen. Schlug mir vor, gleich mitzukommen. Verdammt. Mein provisorischer Verband war durchgeblutet. Egal, Ethan war Handwerker, der konnte das schon nähen. (Ja, das war eine brillante Schlussfolgerung. Vielleicht sollte ich mal aufhören, allen anderen schlaue Ratschläge zu geben und selbst ein bisschen vernünftiger sein, aber ich wollte unbedingt nach Hause.)

Schließlich drückte ich Ethan noch ein Gewehr in die Hand, weil der offenbar keinen Ersatz für seine Savage hatte. Ally dachte erst, Ethan hätte seinem Gewehr einen Namen gegeben, aber das war natürlich nur die Marke. Im ersten Moment glaubte ich, sie hätte recht. Gut, dass ich nichts gesagt habe.

Also machte ich mich gegen acht auf den Weg zurück nach Arkansas. Hatte Kopfschmerzen, als ich losfuhr, und das rechte Bein tat weh. Bootsunfall und Lawine, dachte ich. Wurde aber immer schlimmer. Ein paar Stunden fuhr ich in Trinidad raus, kurz vor der Grenze nach New Mexico. Mein Bein war heiß, voller Blasen. An ein paar Stellen war die Haut nass, aufgerissen, wund. Durch meine hämmernden Kopfschmerzen fielen mir die Warnsymbole auf den Phyton-Kanistern wieder ein: Ätzend! Giftig! Verdammt, das hätte ich besser wissen können.
Ich besorgte mir Schmerztabletten und Wundsalbe. Wusch alles noch mal an einer Tankstelle ab. Ging danach besser. Halbwegs.

Das war keine schöne Fahrt. Ich brauchte mehr als vierundzwanzig Stunden, weil ich ab und zu Pause machen musste. Einen Autounfall wollte ich nicht riskieren. Kam schließlich am Montag gegen neun in Stuttgart an. Erschöpft, fiebrig. Aber zu Hause.
Reinigte die Wunden noch mal. Ging schlafen. Tam und die Kids waren nicht zu Hause, in der Schule, im Kindergarten, beim Einkaufen. Die Kaulquappe war noch nicht da. Gut. Das war die Fahrt wert.

Abends ging es mir besser. Immer noch dröhnende Kopfschmerzen, nässende Wunden, aber das Fieber war zurückgegangen. Abendessen. Familie. Wieder schlafen.
Kurz nach elf rüttelte mich Tam wach. Fruchtblase geplatzt. Keine Wehen. Der Arzt hatte gesagt, sie sollte so schnell wie möglich ins Krankenhaus kommen. Da hängten sie sie an einen Tropf mit Flüssigkeit und schickten mich wieder nach Hause. Vor morgen früh würde hier nichts passieren, weil sie immer noch keine Wehen hatte.

Am nächsten Abend kamen die Wehen endlich. Am Mittwoch kam dann das kleine Mädchen, um halb zwei Uhr morgens. Victoria Irene. Unsere kleine Tochter. Gesund, lauter schwarze Haare auf dem Kopf.

Jetzt höre ich auf. Das hat mit der Peanut-Lake-Hexe überhaupt nichts mehr zu tun. Über meine Tochter schreibe ich woanders weiter.

Addendum

Ein paar Tage nach Vickys Geburt rief ich Bill Forrester an. Erzählte ihm, was passiert war. Bat ihn, ein Auge auf die Sache zu haben. Gut, Salina ist von Crested Butte aus auch nicht so richtig um die Ecke, aber näher als Stuttgart. Er meinte, er hält die Ohren offen.
Von ihm und Vater Wen erfuhr ich in den nächsten Wochen, dass der Tsunami nicht so schlimme Schäden angerichtet hatte wie der vor neunzig Jahren. Offenbar hatte das Fungizid geholfen.
Der Bürgermeister ertrank kurze Zeit später im Peanut Lake. Selbstmord? Die Hexe? Jemand, dessen Kind er entführt hatte? Wer weiß. Wenigstens muss ich mich nicht mehr drum kümmern.
Ansonsten geht es gerade bergab mit Crested Butte. Viele Leute haben die Stadt verlassen, Läden und Firmen haben pleite gemacht. Im Sägewerk kam es zu einem tödlichen Unfall. Ein paar Leute haben junge Bäume ausgerissen, wie es die Ute damals taten, aber nicht alle.

Das Phyton-27 hat der Gegend nicht gut getan. Die Fische im Peanut Lake haben unseren Angriff größtenteils nicht überlebt. Einige Einheimische sind dagegen, weiterhin Fungizid auf den Pilz zu kippen und die Umwelt noch mehr zu vergiften. Da haben sie vermutlich recht – auf Dauer muss da eine andere Lösung her.

Bill meinte noch, er hätte gehört, dass die Naturgeister dort alle ziemlich träge wären, wie vor den Kopf geschlagen. Betäubt. Vielleicht liegt es an der Hexe, vielleicht auch am Phyton-27. Ich muss da noch mal hin. Am besten dieses Jahr noch.

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Timberwere

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