Mädchenkram - Supernatural

„Versuch’s mal bei Alma Gaines. Die hat ein Antiquariat drüben in Aurora. Angeblich kann die einem alles besorgen, was man so braucht“, hatte Sunny gesagt.
Bisher habe ich einen Scheißdreck herausgefunden. Klar gibt es Informationen über Engel, überall. Viel zu viele. Und keine Möglichkeit, Echtes von Falschem zu unterscheiden.
Und natürlich nichts darüber, was wirklich da oben vor sich geht. Scheiße, irgendwer muss sich doch für einen Krieg im Himmel interessieren?

Ehe ich in Illinois ankomme, fällt mir an einer Tankstelle ein Zeitungsartikel in die Hände: Zwei Männer, Aaron und Samuel, wurden in einem Kaff in Nebraska von einem seltsamen Tier zerrissen.
Ich habe was Anderes zu tun. Vielleicht sogar was Wichtigeres.
Aber wem mache ich was vor. Ich schnaube und gebe Miffy ein Stück von dem kalten Hot Dog aus der Tanke. Engel und Kriege im Himmel hin oder her, ich habe immer noch einen Job.

Paradise heißt das Kaff. Irgendwann sehen diese Kleinstädte alle gleich aus. Eine Kreuzung, zwei Läden, ein Friseur und vielleicht ein Sheriff. Ein Laden ist immer auf Plastikblumen und Holzenten spezialisiert. Außerhalb der Stadt ist es noch öder. Weiden voller Kühe. Ab und zu ein Blechsilo oder eine Farm. Keine Menschen.
Den letzten Punkt finde ich gut.
Aber als ich in Richtung Polizeiwache fahre, wird mir klar, dass ich das abhaken kann. Ein Jeep steht vor dem kleinen Bürgerzentrum, ein Jeep, den ich gut kenne.
Jo. Aber kein Motorrad in der Nähe. Ich atme tief durch. Das kann ja nichts Gutes heißen.
Für einen Moment bin ich versucht, einfach weiterzufahren und Jo die ganze Sache zu überlassen. Mit einem Werwolf wird sie fertig. Ich könnte mich bei Alma umsehen und müsste mir nicht anhören, was mit Aiden und Jo schon wieder los ist.
Und zwischen Jo und mir ist seit Harlan auch nichts mehr in Ordnung.
Trotzdem halte ich an. Nur kurz checken, ob mit ihr alles in Ordnung ist.
Miffy springt im Auto auf und nieder, als ich die Treppe zum Bürgerzentrum hochgehe. Hat auch eine Bibliothek, kein Wunder, dass sich Jo hier herumtreibt.
Sie sitzt drinnen und unterhält sich mit einem Kerl. Nicht mit Aiden. Sie sieht okay aus. Vielleicht ein bisschen abgespannt.
Den anderen Mann habe ich schon mal in einem Roadhouse gesehen. Bartimäus, Bartholomew, irgendwie so was. Sammelt Bücher, wenn ich mich nicht irre.
Sieht jedenfalls nicht aus, als hätte Jo ihrem Lover gewechselt, während ich weg war.
„Jo“, sage ich zur Begrüßung.
„Ach, du lebst noch?“ sagt sie.
Schon OK. Das habe ich verdient.
„Bartholomäus“, stellt sich der andere Jäger vor. Ich nicke ihm zu. „Caleb.“
„Und, kümmerst du dich auch um die Morde?“ fragt Jo. Ich mache ein vage zustimmendes Geräusch.
Keine Ahnung, ob Bart was von der Spannung mitbekommen hat oder ob er absichtlich dazwischen redet. „Der Artikel ist ziemlich reißerisch“, sagt er in die Stille hinein und zeigt auf die Zeitung vor ihm. „Hier ist die Rede von einer Sekte, zu der die Opfer gehört haben. Ein Zebediah O’Manion lebt neben ihnen und hat sich über sie beschwert. Vielleicht sollte man mit dem mal reden oder mit dem Reporter, Jack Kruger.“
„Würde mit der Polizei anfangen“, sage ich.
„Gut, dann gehe ich mir Zebediah ansehen, Bart kann sich den Reporter vornehmen und du gehst zur Polizei“, sagt Jo und legt die Zeitung zur Seite. Sie schaut mich nicht richtig an.
Während wir nach draußen gehen, frage ich Jo: „Alles in Ordnung bei dir?“
„Ja. Mir geht’s gut“, sagt sie. Sie lügt.
Ich hake nicht nach.

Stattdessen fahre ich zur Polizeiwache und spreche mit dem Chief of Police. Er wird panisch, als er den FBI-Ausweis sieht.
„Die Kinder Gottes sind völlig harmlos. Wir hatten noch nie Probleme mit denen“ sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Irgendwer hat bei uns angerufen und „Terroristen“ gesagt. Wir müssen dem routinemäßig nachgehen“, sage ich.
Er lächelt unschlüssig und holt mir dann die Akte über den Mord raus. Wie es aussieht, besitzen die Kinder Gottes ein großes Stück Land im Norden der Stadt, auf dem sie ihre Gemeinschaft errichtet haben. Ihr „Nest“. Klingt wie aus einem Stephen King-Roman.
Einer der Männer, Samuel, war Mitte zwanzig, der andere, Aaron, etwa in meinem Alter. Eine Frau namens Judith hat angerufen und die Polizei von den Toden benachrichtigt.
Auf den Tatfotos kann man nicht viel erkennen, aber die Kratzer sind zu klein für einen Puma. Sieht mehr nach Kinderhänden aus. Kinderhänden mit scharfen Krallen.
Wie nett.
„Wenn Sie schon mal da sind, können Sie doch mal nach Zebediah O’Manion sehen. Der hat angeblich eine Bazooka. Und als ich mit ihm reden wollte, da hat er mir mit der Schrotflinte gedroht!“ Dunkle Flecken breiten sich unter seinen Armen aus.
„Ich schaue, was ich machen kann“, sage ich. Mich beschäftigt mehr, dass Jo auf dem Weg zu diesem schießwütigen Redneck ist. Bazooka oder Schrotflinte ist dann auch egal.
Sie ist noch nicht los, als ich auf den Parkplatz fahre. Bartholomäus ist auch schon zurück. Wir tauschen kurz unsere Informationen aus: Die Kinder Gottes sind so eine Art Amish, die Technologie verachten. Sie nehmen neue Namen an, wenn sie der Gemeinschaft beitreten. Das Land gehört einem Elias, der auf Zebediah geschossen hat – und Zebediah auf ihn. Zebediahs Land liegt direkt neben dem der Kinder. Ihr Anführer ist ein „Vater Michael“.
Zebediah mag den Kult nicht und lebt direkt neben ihnen. Er könnte also ein paar Informationen haben, die es nicht ganz so gefährlich machen, ins Schlangennest zu gehen.

Überraschung, er kommt mit geladener Flinte ans Tor. Sieht selbst aus wie das illegitime Kind eines Rednecks und eines Amish. Riesengroß, dicker Bart, dicke Oberarme, schmutziger Overall.
Bevor er auch nur was sagen kann, hängt sich Jo mit glänzenden Augen halb über das Gitter. „Ist das ein 55er Willy’s? So einen habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Davon gibt es sicher auch nicht mehr viele… Fährt der noch?“
„Ein paar kleinere Probleme, aber nichts Ernstes“, sagt Zebediah und schaut Jo auf eine Weise an, die ich nicht gut finde.
„Kann ich mal unter die Haube schauen? Ich habe meinen eigenen Wagoneer selbst repariert, vielleicht kann ich ja helfen“, sagt Jo.
„Junge Lady“, sagt Zebediah. „Ich kann sehr wohl meinen eigenen Jeep reparieren.“
„Kann ich trotzdem mal den Motor anschauen?“ Jo blinzelt ihn aus ihren großen blauen Augen an.
„Wie du willst, kleine Lady… Aber die da bleiben draußen!“
Ich hebe beschwichtigend meine Hände. Eigentlich würde ich ihm lieber eine reinhauen, so wie er Jos Hintern anstarrt, als sie sich über den Motor beugt.
Aber der Anblick scheint ihn freundlicher zu stimmen. „Ach, in Ordnung, kommen Sie rein“, sagt er zu Bart und mir. „Worum geht es denn?“
Ich sage: „Wir untersuchen ihre Nachbarn, die Kinder Gottes. Sie haben doch bestimmt mal was gese…“
„Ich spioniere meinen Nachbarn nicht nach!“ sagt er und versucht, mit seinen Fingern durch seinen Bart zu fahren. Er bleibt hängen.
„Aber Sie hatten Probleme mit ihnen?“ sage ich.
„Nicht mit allen, nur mit Elias.“ Seine Finger schließen sich etwas fester um seine Flinte. „Sehen Sie diese Bäume da? Die am Fluss? Die stehen ganz klar auf meinem Land. Aber nein, dieser Bastard meint, die Grenze ginge mitten im Fluss lang. So ein Unsinn! Jeder kann doch sehen…“ Die nächsten zehn Minuten schwafelt er uns von diesen beschissenen Bäumen voll.
„Klar“, sage ich, als er endlich fertig ist. „Sonst irgendwas bemerkt? Vielleicht irgendwelche Riten? Satanisches Zeug?“
„Ich sage doch: Ich spioniere meinen Nachbarn nicht nach!“ Er starrt mich an. Vermutlich hätte er es gerne, dass ich ihm widerspreche und er mich erschießen kann. Sorry, Kumpel, so will ich nicht sterben.
„Okay. Danke“, sage ich deshalb nur. Dann verpissen wir uns.

Zum „Nest“ geht es die Straße weiter hoch. Jos Jeep schafft nur den ersten Teil, dann ist der Weg so eng und überwachsen, dass selbst der nicht mehr weiterkommt. Neben dem Weg steht ein Schild, an das ein Kreuz genagelt ist: „Bitte respektiert, dass wir keine Technik verwenden und lasst eure Geräte hier zurück. Danke!“
Das Auto müssen wir ja sowieso stehen lassen. Den Rest nehmen wir mit.

Das Nest sieht aus wie eine verdammte Amish-Kolonie. Wo Männer noch Männer sind und Frauen machen müssen, was sie sagen, wo man sich den Arsch aufreißt, um ein Stück Brot essen zu können und wo man nach den hirnrissigen Regeln eines Buches lebt, dass schon vor fünfhundert Jahren veraltet war. Nach Gottes Willen. Oder zumindest nach dem Willen irgendeines Kultführers. So groß ist der Unterschied nicht. Jo hat einen ziemlich seltsamen Ausdruck in den Augen. Als würde ihr das gefallen.
Die Situation mit Aiden muss schlimmer sein, als ich angenommen habe.
Schwarzgekleidete Gestalten kommen auf uns zu. Lange Bärte und Frauen mit verhüllten Haaren. Vielleicht sollte das echte FBI hier mal vorbeischauen.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Ich bin Vater Michael“ sagt ein älterer Mann. Die anderen Kinder schauen ihn an. Er hat das Sagen.
„Wir sind hier, um mit Ihnen über die Morde zu sprechen“, sage ich.
„Da gibt es nichts zu besprechen“, sagt er und sieht selbstzufrieden aus. „Wir haben die Hexe gefunden, die die Dämonen gerufen hat.“
„Hexe?“ fragt Bart. „Könnte ich die einmal sehen? Man könnte sagen, dass Hexen ein Spezialgebiet von mir sind.“
„Ist das so? Ich denke nicht, dass wir einen Spezialisten brauchen. Denn wir haben Gottes Wort: ‚Ein Wahrsager oder Zeichendeuter soll sterben. Man soll ihn steinigen; sein Blut sei auf ihm’, 3. Mose 20, 12. Und so sollen wir es tun.“ Vater Michael nickt selbstzufrieden.
„Nun, abgesehen davon, dass es sich um Mose 20, 27 handelt, ist das längst nicht alles, was die Bibel zu diesem Thema zu sagen hat. Laut der Offenbarung wird sich Gott selbst um dieses Problem kümmern: ‚Aber die Verzagten, die Ungläubigen, die Gräulichen, die Mörder, die Huren und Freier, die Zauberer und Hexen, die Abgöttischen und Lügner werde ich lebendig in den Pfuhl werfen, der mit brennendem Schwefel gefüllt ist.’“ Bart schiebt seine Brille nach oben. „Aber ich halte mich auch gerne an andere Quellen. Der Hexenhammer ist nie verkehrt.“
Vater Michael verschränkt die Arme vor der Brust und nickt langsam. „Sie scheinen sich wirklich auszukennen. Vielleicht schadet es nichts, wenn Sie sich Sarah einmal ansehen. Wissen Sie, sie hat meinen eigenen Sohn verhext und zur Unzucht getrieben…“
Ich kann nur mit Mühe ein Schnauben unterdrücken und Jo beißt sich auch schon auf der Lippe herum.
„Ach, das hat erst angefangen, als du mit deiner Arroganz alles an dich gezogen hast. Meine Tochter hat nichts damit zu tun“, sagt eine Frau, die anscheinend noch nicht ganz so gehirngewaschen ist wie der Rest.
„Judith“, sagt Vater Michael. „Beherrsche dich. Ich erkenne eine Hexe, wenn ich sie sehe.“
Judith. Die Frau, die auch die Polizei gerufen hat. Ob das die Strafe ist?
„Oder der Indianer, vielleicht hatte der was damit zu tun“, fährt sie fort.
„Indianer?“ fragt Jo.
„Der Indianer, den Elias vor einiger Zeit erschossen hat“, sagt Judith.
„Was…? Er hat einen Indianer erschossen? Und keiner hat die Polizei gerufen?“ Jo macht eine reflexive Bewegung zu ihrer Waffe.
Ich lege ihr meine Hand auf die Schulter. „Jo, du gehst mit Bart und sprichst mit Sarah. Ich gehe und sehe mir diesen Indianer an.“
„Aber die haben einfach…“ Sie ballt ihre Hände zu Fäusten.
„Geh einfach.“ Ihr schaue ihr in die Augen, bis sie wegsieht. Sie knirscht mit den Zähnen. „Schon gut.“

Elias sitzt mit seinem Gewehr draußen vor seiner Hütte. „Was wollen Sie?“ fragt er mich und kneift die Augen zusammen. „Der Indianer? Der hat sich auf unserem Land herumgetrieben, jaha, mein Herr, so geht das nicht!“ Er mustert mich aus seinen Augenschlitzen. „Das ist vielleicht nichts, was ein geschniegelter Stadtmensche wie Sie verstehen könnte, aber das ist mein Land, schon seit hundert Jahren und ich will verdammt sein, wenn hier einfach eine Rothaut rumschleichen kann.“
Geschniegelter Stadtmensch. Ich lache. Das ist mal was Neues…
„Ich kenne auch einen Indianer“, sage ich. „Nerviger Typ. Wollte den auch schon ein paar Mal erschießen.“
„Sehen Sie?“ sagt Elias mit Begeisterung. „Immer diese Indianer.“
„Kann ich sehen, wo er begraben ist?“ frage ich. „Nur zur Sicherheit. Diese Indianer kennen sich mit Flüchen aus, vielleicht liegt das Dämonenproblem an ihm.“
„Meinen Sie? Hm. Na gut, da sollte man wirklich auf Nummer sicher gehen“, sagt er.

Der Indianer ist im Wald verscharrt worden. Auf den Friedhof kommt Elias so einer nicht, nahein.
Ich grabe ihn aus. Es ist kein Indianer. Es ist ein Inder. Ein Wanderer, wenn ich das richtig sehe. Seine Brieftasche und sein Handy sind noch da. Rohit Prameshvarya, Student aus Billings. Ich würde Elias gerne ins Grab ziehen und mit dem Skelett verbrennen. Monster, ja okay. Die haben ihre Instinkte. Aber Menschen? Die müssen nicht böse sein.
Nichts an Rohit deutet auf dunkle Magie oder ein Monster hin. Er hat eine kleine Figur von Parvati dabei, aber das ist eine hinduistische Muttergöttin. Kann mir nicht vorstellen, dass die irgendwelche Dämonen beschwört. Aber man weiß ja nie.
Ich salze und verbrenne die Leiche. Elias schaut mir interessiert zu.
„Hat eigentlich wer die Dämonen gesehen?“ frage ich.
„Nein, die tauchen nur nachts auf und man sieht nicht mehr als Schatten. Aber sie kichern, jaha, wie verrückte Kinder“, sagt Elias.
Kichern?

Ich treffe mich mit den anderen.
„Eine Hexe ist Sarah nicht“, sagt Bartholomäus. „Das Mädchen hat als einzige Sünde verbrochen, dass sie ein bisschen Make-Up getragen hat und sich in Vater Michaels Sohn verkuckt hat.“
„Und der Indianer ist ein Inder. Wanderer, vermutlich. Sah nicht nach einem Hexer aus. Ein Geist würde vermutlich nicht als mehrere kichernde Dämonen auftreten“, sage ich.
„Wir müssen dem Mädchen auf jeden Fall helfen“, sagt Jo.
Wir werden von den Kirchenglocken unterbrochen. Vater Michael kommt zu uns herüber.
„Da ihr unsere Gäste seid, bitte ich euch, auch an unseren Riten teilzunehmen. Es hat noch niemandem geschadet, von der Anwesenheit des Herrn gesegnet zu werden“, sagt er.
Ich verkneife mir die Frage, ob er Gott oder sich selbst meint. Wie auch immer, wir sollten uns ansehen, was in der Kirche vor sich geht.
„Klar“, sage ich ohne Begeisterung.

Die Kirchenbänke sind eng und voll. Nicht alle Kinder schauen Vater Michael mit der gleichen Begeisterung an, als er zu predigen anfängt.
„Wir alle wissen, dass Gott unser alle Vater ist und wir sind seine Kinder. Nicht immer ist alles verständlich, was er tut, doch wir müssen ihm folgen, gläubig und vertrauensvoll wie die Kinder. Manchmal mag er hart mit uns sein, wie es jetzt ist, doch ist auch das nicht die liebende Hand eines Vaters? Heißt es nicht: ‚Laß nicht ab den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute haust, so wird man ihn nicht töten. Du haust ihn mit der Rute; aber du errettest seine Seele vom Tode.’ So sollen auch wir diese schwere Zeit sehen, als die Rute des väterlichen Gottes…“
Das reicht mir. Solche Väter kenne ich zur Genüge. Die muss ich nicht auch noch anbeten. Wenn ich hier nicht verschwinden und eine rauchen kann, laufe ich Amok.
Es gibt Gerücke und jede Menge kritischer Blicke und Flüstern, als ich aufstehe und nach draußen gehe.
Die Luft ist kühl und bis auf das Rauschen der Bäume ist alles still. Ich rauche meine Kippe in Ruhe zu Ende. Der Gottesdienst drinnen geht weiter. Ohne mich.
Stattdessen sehe ich mich in Vater Michaels Hütte um. Er hat nichts, was auf eine Beschwörung hindeuten würde. Vielleicht ist er einfach nur ein Arschloch.
Ich mache noch eine Runde durch das Dorf und erstarre, als es im Gebüsch raschelt. Irgendwas macht leise Geräusche. Kichern? Ich bin mir nicht sicher. Langsam ziehe ich meine Waffe aus dem Schultergurt.
Eine kleine schwarze Gestalt bricht aus den Büschen und springt auf mich zu. Mein Finger hat den Abzug schon betätigt, als ich meine Hand wegreiße. Der Schuss geht irgendwo in den Wald.
Miffy scharwenzelt um meine Beine herum. Sie ist komplett voller Schlamm und Kletten und… ist das Blut an ihrem Maul?
„Beinahe hätte ich dich erschossen“, brumme ich und sammele den kleinen Hund ein.
Gleich darauf bekomme ich Gesellschaft. Die Hälfte der Gemeinde starrt mich an. Jo ist dabei, aber Bart nicht.
„Dachte es wäre ein Dämon, war aber nur der Hund“, sage ich.
„Was für ein Hund? Der gehört nicht zu uns“, sagt Vater Michael mit Stirnrunzeln.
Miffy windet sich und versucht, mein Gesicht zu lecken. „Das ist mein Hund“, sage ich und setze eine finstere Miene auf. Soll einer von denen doch versuchen, Miffy was zu tun.
Vater Michaels Stirnfalten werden tiefer. „Und Waffen wollen wir hier nicht haben.“
„Was ist mit den Dämonen?“, sage ich. „Sollen die sich etwa einfach so hier herumtreiben dürfen? Man muss doch sein Land verteidigen.“
„Genau!“ sagt Elias und tätschelt sein Gewehr.
Vater Michael schüttelt seinen Kopf und murmelt etwas vor sich hin. Aber er lässt mir meine Pistole.
Kurz nachdem sich die Menge verzogen hat, kommt auch Bartholomäus aus der Kirche. Er macht in unsere Richtung eine Kopfbewegung und weist dann Richtung Jeep. Ich folge ihm etwas langsamer.
„Wo ist eigentlich Aiden?“ frage ich Jo.
„Ich weiß nicht so genau“, sagt sie und fingert an ihrer Jacke herum. „Na ja, wir hatten einen Streit. Einen ordentlichen Streit.“
„Schon wieder?“ sage ich. Scheiße. Hätte ich mir verkneifen sollen.
Sie zuckt mit den Schultern. Ich warte, dass sie mehr sagt, aber sie schweigt, bis wir beim Auto sind.

Bartholomäus hat ein großes handgeschriebenes Buch auf die Motorhaube gelegt und studiert es fasziniert.
„Ah“, sagt er. „Das ist eine der Bibeln von Habakuk von Trier, ein Mönch, der mit seiner Gemeinde Teufelsanbetung praktiziert hat. Hier drin…“ Er klopft auf das Buch. „… sind jede Menge Anleitungen, wie man Dämonen beschwört.“ Er fängt an, das Buch zuzuklappen, schlägt es wieder auf, schüttelt seinen Kopf und schließt es endgültig. „Und das verdammte Ding beeinflusst einen“, sagt er leiser.
„Was? Dann sollte man es auf keinen Fall lesen“, sagt Jo. „Solche Bücher haben wir auch gefunden. Ich habe es gelesen und plötzlich musste ich mich mit Edward rumschlagen…“
Ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht. „Kann sein, aber vielleicht steht da was Wichtiges drin. Wir haben keine Ahnung, was Michael beschworen hat. Und wie man es umbringt.“
„Gefährlich oder nicht, bisher hat es mir nicht geschadet“, sagt Bartholomäus. „Ich denke auch, dass wir es lesen sollten.“
„Und ich denke, wir sollten es in die Fluchkiste tun und später verbrennen“, sagt Jo, aber sie ist überstimmt.
Bartholomäus überfliegt das Buch. Schließlich sagt er: „Ich vermute, dass Vater Michael Teufelchen beschworen hat: Klein, mit Hörnern und Krallen, sehr sadistisch, treten in Gruppen auf. Sie können nur mit heiligen Artefakten verwundet werden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Michael als nächstes Judith umbringen will. Seine Predigt war… ungewöhnlich. Unterschwellige Botschaft.“
„Dann sollten wir zuerst Judith beschützen“, sagt Jo. „Das Buch kann in die Waffenkiste unter dem Sitz, da sollte es keiner finden.“ Sie verteilt noch Weihwasser, Farbe für Salomonssiegel und „heilige Artefakte“ jeglicher Machart.

Wir kommen gar nicht bis zu Judiths Heim. Aus einem Keller neben der Kirche dringen Schreie zu uns. Schreie einer verängstigten Frau.
„Verdammte Arschlöcher“, knurre ich und ziehe meine Pistole.
Der Wächter an der Tür lässt Bartholomäus passieren, macht aber Anstalten, mir in den Weg zu treten. Ich schieße zwischen seine Beine. „Der nächste sitzt weiter oben“, sage ich und er lässt Jo und mich durch.
Im Keller sitzt Sarah. auf einen Stuhl gefesselt. Sie hat Blutergüsse am ganzen Körper. Teile ihrer Kleidung sind versengt. Durch die Löcher kann man Verbrennungen sehen.
Neben ihr steht einer der Gläubigen, ein glühendes Eisen in der Hand. Zwei weitere machen sich wieder daran, sie mit ihren Fäusten zu bearbeiten, während Vater Michael irgendwelchen Bibeldreck von sich gibt.
„Hört damit auf“, sagt Bartholomäus. Er spricht nicht besonders laut, aber alle halten inne.
„Fallenlassen“, sage ich zu dem Kerl mit dem Brenneisen. Es klappert auf den Boden.
„Mischt euch nicht ein“, sagt Vater Michael. „Das hier geht euch nichts an!“
„Sie ist keine Hexe“, sagt Jo, eine Hand um ihren Pflock aus heiligem Holz gekrallt. „Lass sie gehen.“
Vater Michael hat genug. Er schüttelt seinen Kopf missbilligend und sagt: „Das ist unsere Sache. Verschwindet.“
„Nein“, sagt Jo und geht hinüber zu Sarah. Vater Michael versperrt ihr den Weg. Sie zimmert ihm eine, mitten ins Gesicht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Gut gemacht, Mädchen.
Der gute Vater taumelt zurück und hält sich die blutende Nase„Wie ihr wollt“, sagt er etwas undeutlich. Dann breitet er seine Arme aus und sagt ein paar Worte in einer fremden Sprache. Nur das Ende ist verständlich: „Kommt zu mir, meine Kinder!“
Scheiße. Es stinkt nach Schwefel und vier Kreaturen erscheinen in einer Wolke aus schwarzem Rauch. Teufelchen trifft es verdammt gut. Die Viecher sehen wirklich aus, wie man sich einen Teufel vorstellt. Kleine, bocksbeinige Dinger mit Hörner und roter Haut – und mit scheißscharfen Krallen und Zähnen.
Kichernd werfen sie sich auf die einfachste Beute in ihrer Nähe. Sarah. Ein Teufelchen springt sie an und schlägt ihr seine Zähne in den Hals. Blut spritzt auf ihre zerschlagene Haut.
„Scheiße“, sage ich und ziehe die Figur von Parvati an einer Schnur aus meiner Tasche. Kommt mir irgendwie karmisch vor, die zu benutzen.
Jo schlägt Vater Michael gerade zum zweiten Mal. Er geht zu Boden.
In der Ecke begraben zwei Dämonen einen der Folterknechte unter sich. Er schreit und zappelt. Keine Chance. Der helle Geruch nach Blut überdeckt den nach verbranntem Fleisch.
Ich weiche dem glühenden Eisen aus, dass der Folterknecht wieder aufgehoben hat und nach mir schwingt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Bartholomäus ein Messer in der Hand hat, vor dem die Teufelchen einen ziemlichen Respekt haben. Mit der linken Hand ziele ich auf das Teufelchen neben ihm und drücke ab. Es ist kein besonders guter Schuss, aber das Vieh macht einen Satz in Barts Richtung, direkt vor seine Klinge. Es gibt einen Knall und Stücke von Dämon fliegen durch die Luft. Schwefel, widerlich.
„Hört endlich mit dem Scheiß auf“, sagt Jo und rammt ihren Pflock in den Dämon an Sarah. „Habt ihr nicht gesehen, dass Michael die Dämonen beschworen hat? Solltet ihr euch nicht lieber gegen die Dämonen kämpfen?“
Ein Folterknecht mit Peitsche sieht das nicht ein. Die anderen sind etwas schlauer. Der Peitschenmann schlägt nach Jo. Sie muss zurückweichen.
Die zwei Dämonen sind mit ihrem Opfer fertig und springen, Mäuler und Klauen blutverschmiert, in unsere Richtung. Einer bekommt meine Parvati-an-der-Schnur auf die Nase und hebt jammernd eine Klaue.
Bartholomäus Messer dringt bis zum Heft in seinen Rücken. Bumm. Einer weniger.
Manchmal ist ein Team doch ganz nett.
Das letzte Teufelchen… Das letzte Teufelchen keckert und macht einen Satz zu Jo. Der Peitschenmann ist immer noch an ihr dran und sie merkt gar nicht, dass die Kreatur hinter ihr auftaucht. Die Klauen fahren ihr von hinten ins Bein. Sie schreit, fällt und das Teufelchen springt ihr auf die Brust. Blut spritzt aus ihrem Bauch.
„Gottverdammt!“ Die Parvati treibt ihn zurück und Bartholomäus macht kurzen Prozess mit ihm.
Das hilft Jo aber auch nicht. Sie blutet vor sich hin. Ich mache aus meinem Shirt so gut es geht einen Druckverband. Meine Hände zittern. Verdammt noch mal. „Mach keinen Scheiß, Jo“, flüstere ich. Sie darf hier nicht sterben. Sie darf hier einfach nicht sterben. Nicht, wenn ich sie hätte retten können.
„Kannst du nach Sarah sehen?“ fragt Bartholomäus und ich hätte ihn am liebsten angeschrien, dass sie mir egal ist und dass es jetzt auf Jo ankommt… Stattdessen stehe ich auf und versorge Sarahs Halswunde. Weniger schlimm, als sie zuerst aussah. Sie wird’s überleben.
Die Mädchen zu bewegen ist eine doofe Idee. Auf einen Rettungshubschrauber zu warten auch.
Ich trage erst Jo, dann Sarah zum Jeep. Soll sich Bartholomäus um Michael und die anderen kümmern.
Als ich Sarah verstaut habe, kommt er auch nach. „Sie sollen selbst entscheiden, was sie mit Vater Michael machen“ sagt er und seine Miene macht klar, was sie seiner Meinung nach machen sollen.

Ich bekomme nur nebenbei mit, wie Bartholomäus die ganze Geschichte im Krankenhaus erzählt, während ich vor der Chirurgie auf und ab gehe. Als Jo herauskommt, ist sie ohnmächtig. „Das wird wieder“, sagt der Arzt. „Die Wunden waren ziemlich glatt und ließen sich gut nähen.“
Der Chief of Police taucht auf, völlig neben sich. „Was… was sollen wir denn jetzt machen? Sollen wir die Leute…? Ich muss Verstärkung anfordern. Sie sind doch vom FBI, kommen Sie mit!“
„Meine Begleiterin ist schwer verletzt worden“, sage ich durch zusammengebissene Zähne. „Mein Platz ist jetzt bei ihr.“
Er schluckt und macht sich davon. Das wird sicher noch Ärger geben, aber das ist mir gerade egal.

Ich muss in dem Stuhl neben Jos Bett eingeschlafen sein, denn ich schrecke hoch, als sie sich bewegt.
Sie lächelt schwach.
„Wie geht’s?“ frage ich.
„Wird schon wieder.“ Sie streckt sich mit einer Grimasse.
„Sei…“ Ich streiche mir mit dem Daumen über die Stirn. „Sei beim nächsten Mal vorsichtiger. Es hätte dich da drin beinahe erwischt.“
„Du hast mich ja gerettet“, sagt sie. Dann schaut sie auf ihre Hände. „Sag Aiden nichts davon, ja?“
Ich schnaube und bin für einen Augenblick versucht, ihr einen schlauen Ratschlag zu geben. Beziehungstipps. Von mir. Genau. Bin ich genau der Richtige dafür.
Also sage ich nur: „Okay.“ Wir schweigen beide. Unangenehm. Bevor irgendjemand auf die Idee kommen kann, zu weinen oder mich zu umarmen, stehe ich auf und sage: „Muss noch was mit Bartholomäus regeln.“

Bart trinkt gerade Kaffee in seinem Wohnwagen.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?“ frage ich. Er schaut mich durch seine Brillengläser an und blinzelt.
Ich räuspere mich. „Okay. Du bist doch der Kerl mit den Büchern, oder? Vielleicht kannst du mal nachsehen, ob du was zu Engeln rausfindest. Richtige Infos, nicht dieser Kram, den man sowieso im Internet findet. Würde dir was schulden.“
Er nickt. „Das ist nicht gerade mein Spezialgebiet, aber ich schaue, was ich machen kann.“
An der Tür schaue ich über meine Schulter zu ihm zurück. „Und sag Jo nichts davon, okay?“
Er zieht eine Augenbraue hoch. „Das scheint bei euch ja üblich zu sein…“

Sarah ist inzwischen auch aufgewacht. Was sollen wir mit der jetzt anstellen?
„Deine Mutter wollte dich schon beschützen, so weit sie konnte“, sagt Jo. „Vater Michael wollte sie sogar deswegen umbringen. Zählt das nichts?“
„Ich will aber eigentlich nicht zurück in die Gemeinschaft“, sagt Sarah und erschaudert.
„Geht doch zusammen weg“, sagt Bart. „Keiner zwingt euch, im Nest zu bleiben.“
Sarah zuckt mit den Schultern.
„Und was ist mit Michael? Also dem jungen Michael?“ fragt Jo. „Willst du nicht mit ihm weg?“
Sarah wird ein bisschen rot. „Ich weiß nicht… der ist ja schon nett, aber da ist auch dieser Pfleger mit den dunklen Haaren, der ist echt süß… und der eine Arzt, der ist noch gar nicht so alt…“
Die kommt wieder in Ordnung. Wer auf Folter mit nicht mehr Problemen reagiert als mit Lüsternheit, kann so schlimm nicht dran sein.
Lüsternheit kann bei ihr aber ein Problem werden. Ich ziehe ein Päckchen Kondome aus der Hosentasche und lege sie auf ihren Nachttisch. Jo guckt ein bisschen komisch. Ich bin vierzig, nicht tot. Und ich habe schon einen Sohn.
„Pass einfach auf“, sage ich zu Sarah.
Sie schaut mich verständnislos an. „Sind das Süßigkeiten?“
Ich will verdammt… Also das mache ich nicht. Ich drehe mich zu Jo um und sage: „Das erklärst du ihr.“

Comments

Nocturama

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