Mädchenkram - Supernatural

The sorcerer and the sister

„Oh mein Gott, Nelson, das war ein absoluter Hammer! Danke, dass du mitgegangen bist. Alfred würden keine zehn Pferde in eine Marvel-Verfilmung bekommen.“ Felicity lachte, und ich freute mich, dass sie sich freute. Was mich allerdings nicht freute – und was ich auch nicht verstand – war die Tatsache, warum sie sich mit diesem blutleeren langweiligen Engländer verlobt hatte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Good Ol‘ England, immerhin bin ich dort aufgewachsen, aber Alfred ist ein wandelndes Klischee, ein fleischgewordener Monty Python-Sketch. Felicity dagegen ist eine der heißesten Frauen, die ich je gesehen habe – und ich muss zugeben, ich habe vor einiger Zeit bei viel Whisky die Gelegenheit gehabt, alles von ihr zu sehen. Freundschaft mit Privilegien sagt man hier wohl dazu, ich nenne es Trostsex. Sie war gerade von einem Kerl versetzt worden, mit dem sie sich mehr erhofft hatte – Ewan oder Ethan – nannte der sich, und ich.. ich hatte allgemeinen Frust. Mama hatte mich wieder nach einer Schwiegertochter gefragt, Dayas Verschwindetag hatte sich gejährt, und Dean Fenton war der Meinung, mir noch einen Vortrag über Studierende und Dozenten zu halten, weil offensichtlich irgendeine Francine aus einem meiner Kurse sich ganz furchtbar in mich verschossen hatte. Ich glaube, ich hatte Francine einfach nur gesagt, dass sie in meine Sprechstunden kommen kann, aber vielleicht bedeutet das hier in Amerika etwas Anderes als bei uns in England. Sorry dafür, Francine, du bist süß, aber leider zu jung, und ich mag meine Frauen nicht erst füttern. Da bin ich doch der böse Mann aus dem Busch, was das angeht.

Aber zurück zu Felicity. Ja, wir waren im Bett, ja, wir hatten Sex, und ja, er war gut. Aber das war auch alles. Eine einmalige Nacht – dann war dieser Ewan oder Ethan anscheinend wiederaufgetaucht und hatte ihr irgendwas erzählt. Ich glaube, den Klassiker: „Ich brauche noch etwas Zeit, Darling, aber ich liebe nur dich.“ Das übliche Blabla eines Beziehungsunfähigen. Felicity aber schien davon so beruhigt, dass sie mir zwei Wochen später Alfred präsentierte. Der musste sich irre gefreut haben, einen Quasi-Landsmann zu treffen, bis er dann beim ersten Treffen schockiert festgestellt hatte, dass ich schwarz bin. Überraschung, das ist in Nigeria häufig der Fall. Leider hatte der gute Alfie seine postkolonialistische Attitüde nicht gut verstecken können, und so war dies der erste und letzte Abend, an dem er und ich uns peinlich anschwiegen.

„Bringst du mich zum Taxistand?“ riss Felicity mich jetzt aus meinen Gedanken. „Ich will noch zu Alfie.“ Ernsthaft? Der empfing Frauen über Nacht? Also lebende, die außerdem keine Jungfrauen in Spitzennachthemden sind, die er aussaugen musste. „Nelson, hör auf, so zu gucken! Alfie hat seine Fehler, aber er ist der Mann, den ich heiraten werde,“ lachte Felicity, weil man mir offensichtlich schon von den Augen ablesen konnte, dass ich von Lord Alfred Cochrane-Bannister nicht viel hielt. „Meinetwegen, aber ich vermute, er ist nicht der Mann, mit dem du Sex hast,“ grinste ich und küsste sie auf die Wange. „Akintola, bist du etwa eifersüchtig?“ wollte sie wissen, während sie sich bei mir unterhakte, und für einen Moment war ich versucht, „Ja“ zu sagen, aber irgendwie hatte ich Angst vor den Konsequenzen, und ich wollte den schönen Abend nicht verderben. Und ich date keine verlobten Frauen, das bringt nur Ärger, vor allen Dingen, wenn der Verlobte ein großer Fan von Rudyard Kipling ist.

Ein paar Minuten später hatten wir den Taxistand erreicht, und ich setzte Felicity in ihr Taxi Richtung Alfies Heimat. Für einen Moment sah ich ihr nach, doch dann machte ich mich auf in Richtung U-Bahn.

Ich war ein paar Meter gegangen, da hörte ich Schritte hinter mir. Ich sah mich um – gewohnheitsmäßig, ich hielt mir gerne den Rücken frei – doch niemand war zu sehen. Vielleicht war die Person bereits abgebogen. Ich ging weiter, eine Melodie summend, die ich vor kurzem im Radio gehört hatte, als ich die Schritte wieder hörte. Dem Klang nach war es die gleiche Person wie eben, Herrenschuhe mit leichtem Absatz. Kurz überlegte ich, ob ich noch einmal anhalten sollte, dann beschloß ich, lieber doch schnell zur U-Bahn-Haltestelle zu laufen, dort waren mit Sicherheit auch um diese Zeit genug Menschen, so dass ich meinen Verfolger abschütteln konnte.

Doch als ich schneller lief, schien derjenige hinter mir aufzuschließen. Was sollte der Scheiß? Ich entschied mich dazu, in die Offensive zu gehen und wenn nötig, Gewalt anzuwenden, auch wenn ich das verabscheute. “Ey, komm raus, wer auch immer du bist. Wenn du mir an den Kragen willst, kannst du das auch von Mann zu Mann tun.” Großes Kino, Oluwasegun, dachte ich mir noch, du bist ja auch in Topform, seit du die ganze Zeit in deinem Büro rumhockst und Bücher schreibst.

Nichts geschah.

“Was soll das?” fragte ich noch einmal ins Dunkel. Keine Antwort.

Ich ging wieder zwei Schritte in die Richtung, aus der ich gekommen war, denn langsam wurde mir das Ganze zu dumm. Erinnerungen an American History X schossen durch meinen Kopf, und ich wusste, ich hatte keine Lust, unter einem Springerstiefel draufzugehen.

“Wo ist sie?” fragte plötzlich eine Stimme. Ein merkwürdiger Akzent lag in ihr, und sie klang alt, wie das Rascheln alter Papierseiten, und es schwang etwas in ihr, dass mir die Nackenhaare aufstellte. Dunkel, durchfuhr es mich, ein schwarzes Dunkel, das zu einem Ort führte, den ich nicht betreten wollte. Nicht betreten durfte. Der Geruch von torfiger Schwere und Feuer stieg mir in die Nase.

Verdammt, was war das?

Ich umfasste das Kreuz fester, das mir meine Mutter geschenkt hatte, an dem Tag nachdem Daya.. verschwunden war.

“Es wird dir nichts nutzen, Nelson Oluwasegun, Sohn des Gabriel.” War das ein afrikanischer Akzent? Wenn ja, hatte der Sprecher vor langer langer Zeit Englisch gelernt. Und was war das denn für eine Anrede, “Sohn des Gabriel”? Wir waren doch nicht in Schottland. Interessanter fand ich allerdings, dass mein Verfolger wusste, wie ich hieß, wie man mich zu Hause genannt hatte, und wie der Name meines Vaters lautete.

“Wer sind Sie, und was wollen Sie?” fragte ich noch einmal. Aus einer Hausecke trat eine Gestalt, ein Mann mit einem langen Mantel. Sein Gesicht konnte nicht sehen, er hatte sich so hingestellt, dass sein Kopf weiterhin in den Schatten blieb.

“Wo ist deine Schwester?”

Meine Schwester ist tot, sie ist gestorben, vor 29 Jahren, sie ist tot tot tot.
Die Worte meiner Eltern hallten plötzlich wieder in meinem Kopf, als sei es erst gestern gewesen, dass sie mir erzählten, dass meine Schwester in der Nacht verstorben war, nachdem sie zwei Tage zuvor hohes Fieber bekommen hatte. Selbst mein Vater, den ich damals für eine Art Gott gehalten hatte, weil er stets in weiß gekleidet aus dem Haus ging und Menschen rettete, hatte ihr nicht helfen können. Auch in mir war in diesem Tag etwas gestorben, Daya war meine zweite Hälfte, mein Zwilling, meine andere Seite, ein Teil meiner Seele und meines Selbst.
Und doch wollte ich nicht glauben, dass sie tot war, denn ich hatte in der Nacht eine riesenhafte Gestalt gesehen, sie war in Dayas Krankenzimmer eingebrochen und hatte sie in seinen Klauen gehalten, als sei sie eine Stoffpuppe. Sie hatte sich nicht bewegt, oder auch nur einen Laut von sich gegeben, und so hatte das schattenhafte Wesen sie davon getragen, durch das Fenster hinaus in die Mangrovensümpfe.

Als ich das meinen Eltern erzählte, hatte meine Mutter mir nur sanft übers Haar gestreichelt und erklärt, ich habe viel Fantasie. Mein Vater dagegen hatte nur schweigend da gesessen, auch als Großmutter Enitan mit dem babalawo erschien, dessen Aufgabe es war, ein Ibeji für Daya zu machen. Ich dachte daran, dass diese Figur zuhause in meinem Arbeitszimmer stand, wie es die Tradition wollte, hatte meine Mutter mir sie am Tag meiner Volljährigkeit gegeben, damit ich sie behütete.

“Wo ist deine Schwester?”

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, ergriff mich eine Art Böe, ein schwarzer dunkler Wind, der mich zu Boden warf und mir die Luft zum Atmen nahm. Ich keuchte und versuchte, den Würgegriff abzuschütteln, doch da war nichts, was ich physisch ergreifen konnte, nur diese düsteren Partikel, die sich in meinem Hals und in meiner Nase festzusetzen schienen und dort immer mehr wurden.

“Wo ist deine Schwester?”

Mit letzter Kraft konnte ich ein Gesicht erkennen, dass sich langsam in mein Blickfeld schob. Es war ein Afrikaner, aber ich konnte nicht sagen, zu welchem Volk er gehörte. Die Iris seiner Augen war blutrot, und seine Zähne liefen spitz zu wie bei einem Raubtier. Ich glaubte, einen Geruch wie von feuchter Erde und Magnolienblüten auszumachen, doch vielleicht spielte meine Nase mir auch nur einen Streich.

Der geheimnisvolle Fremde stand nun breitbeinig über mir, und wäre ich nicht so verzweifelt gewesen, hätte ich sicher über seine Aufmachung mit Zylinder und Kutschermantel gelacht. Das war so Hollywood, so Klischee-Voodoo…

“Du weißt doch, wo sie ist, Taiwo. Wo ist Kehinde?”

Taiwo und Kehinde. Die traditionellen Namen der Yoruba-Zwillinge. Während Daya ihren Namen trug, hatten meine Eltern aus irgendeinem Grund bei mir darauf verzichtet, und Großmutter Enitan hatte immer gesagt, dass dies ein schlechtes Omen gewesen sei, und insgeheim hatte sie meiner Mutter auch deswegen die Schuld gegeben, dass Daya gestorben war. “Shango denkt, du solltest nur ein Kind haben,” hatte sie ihr einmal gesagt, was das Verhältnis zu ihrer Schwiegertochter nicht verbessert hatte.

“Ich.. weiß.. es.. nicht,” presste ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor, das Atmen fiel mir immer schwerer. Die blutroten Augen schienen mich zu hypnotisieren und mein Innerstes hervorziehen zu wollen, ich spürte noch einmal, wie ich glaubte, zu sterben, als Daya.. verschwand, ich erlebte mein Heimweh, als ich nach England geschickt wurde, und die Trauer, als Enitan im Sterben lag und ich nicht bei ihr sein konnte, weil es keine Flüge nach Lagos mehr gab. Unerbittlich wurde alles aus mir herausgesogen, mein erster Liebeskummer, meine erste Schulhofprügelei, meine Diplomfeier, meine Freude über die bestandene Doktorarbeit, meine Angst, in Amerika anzuecken, meine Gefühle für Felicity… Ich schloß die Augen und überlegte mir, dass sich so wohl das Sterben anfühlen musste.

“Fort mit dir!”

Ich öffnete meine Augen wieder. Von irgendwoher war die Stimme einer Frau erklungen, und sie hatte Yoruba gesprochen. Hinter mir tauchte auf einmal ein gleißendes Licht auf, so hell, dass ich glaubte, dass man es überall in der Stadt sehen musste. Instinktiv kniff ich die Augen wieder zusammen und rollte mich zur Seite, denn der Griff um meinen Hals war mit dem Auftauchen des Lichtes urplötzlich verschwunden. Keuchend und hustend lag ich auf der Seite, während ich über mir ein Fauchen vernahm und die Stimme der jungen Frau, die auf Yoruba Bannsprüche rief, wohl gegen meinen geheimnisvollen Angreifer.

Plötzlich knallte etwas, wie ein Peitschenschlag, und mit einem Mal war es wieder dunkel und still um mich herum. Für einen Moment verlor ich die Orientierung, und ich fragte mich, ob ich gestorben war, doch dann spürte ich die Schmerzen an meinem Hals und in meiner Brust. Mein Magen begann zu revoltieren, doch ich bekam ihn wieder in den Griff. Hastig setzte ich mich auf und begann, meine Kleidung zu richten. Was war passiert? Ich war niemand, der übernatürliche Phänomene als Hirngespinste abtat – nicht nach dem, was damals passiert war – aber so etwas hatte ich noch nie erlebt. Das war etwas anderes, als mit Felicity in Spukhäusern Salz zu verstreuen, wie ich es ein-, zweimal schon getan hatte. Das hier war persönlich gewesen.

“Oluwasegun?”

Da war wieder die Frauenstimme – halt nein, dies war eine andere Stimme, eine die mir so vertraut war, dass mir eine Träne über die Wange rann. “Großmutter?” fragte ich ungläubig ins Dunkel der Straße hinein, dann stand ich auf und drehte mich um. Tatsächlich, da stand sie, in ihre traditionellen Gewänder gehüllt, hochgewachsen und stolz, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich hätte sie am liebsten umarmt, doch ich wusste, dass das nicht möglich war, sie war nicht wirklich hier, sie war eine Projektion, ein Geist. Ich hatte immer gewusst, dass sie schon zu Lebzeiten mächtig gewesen sein musste, aber das hätte ich ihr nicht zugetraut. Man kehrte nicht einfach so von den Toten zurück, auch nicht als Priesterin der Yoruba.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, trat sie zur Seite und gab den Blick auf eine junge Frau frei. “Ich hatte Hilfe,” sagte sie lächelnd und deutete auf ihre Begleiterin. Im Gegensatz zu Enitan war diese lebendig und stofflich, doch irgendetwas sagte mir, dass ich auch sie nicht berühren konnte, obwohl das genau das war, was ich mir in diesem Moment so sehr wünschte.

“Du bist groß geworden, Bruder.”

Ich sah in meine Augen, sah meine Lippen und meine Nase, das gleiche Hochziehen der linken Augenbraue, das gleiche verschmitzte Lächeln. Es war unglaublich, ich wollte lachen und weinen zugleich, und ich hatte soviele Fragen.

“Noch nicht. Ich bin zwar meinen Fesseln entkommen, aber ich kann noch nicht zu dir. Lerne, die Mächte zu kontrollieren. Lerne, das Feuer zu entfachen. Höre auf die guten Ratschläge und ignoriere die schlechten. Es wird kein einfacher Weg, aber er ist nicht mehr lang.” Sie lächelte, und abermals hatte ich das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen. Ich hatte so viele Fragen an sie, an meine Großmutter, und über das, was eben geschehen war. Aber insgeheim merkte ich auch, dass jetzt wirklich noch nicht der richtige Zeitpunkt war.

Noch immer benommen, hob ich meine Hand als Zeichen des Abschieds, und die beiden Frauen, die für mich das wichtigste im Leben waren, taten es mir gleich.

Ich drehte mich um und machte mich auf den Weg nach Hause. Es gab einiges zu tun.

Comments

Niniane

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