Mädchenkram - Supernatural

Von Engeln und Alkohol

Ein Abend im Roadhouse

Von Engeln und Alkohol

Mir war klar, dass es ein Roadhouse mit klebrigem Boden und lauter Rockmusik werden würde, wenn Cal Zeit und Ort wählt. Dieses hier hat für die Darstellung der miesen Bikerkneipe in die kein vernunftbegabter Mensch einen Fuß setzen würde, glatt einen Oscar verdient. Cal ist schon vor Ort. Ich grüße so einsilbig wie er, lege wortlos mein Laptop auf den schmierigen Tisch und gehe mich ersteinmal mit Kaffee und einer Flasche Havana Club bewaffnen. Warum es gerade South Carolina sein musste, frage ich gar nicht erst.

Auf Höflichkeitsfloskeln können wir verzichten. Andererseits will keiner von uns beiden anfangen. Ich finde, dass Cal besser vorbereitet ist. Neben ihm steht schon eine angefangene Flasche von dem grausigen Whiskey, an den ich seit Colma die schlechtestmögliche Erinnerung habe. Andererseits habe ich vielleicht die bessere Nachricht. Erstens die schon erwähnte Tatsache, dass Harris mir erklärt hat, wie man aus dem Himmel fliehen kann. Zweitens die Aussicht darauf, dass ich, wenn ich es richtig anstelle, an ein Schwert kommen kann, das aussieht wie das des Jungen. Er sagt, dass es einen Engel verletzen könnte. Ich spare mir die Information, dass es im Keller der Hooper-Winslows unter Verschluss liegt, weil ich nicht in die Verlegenheit kommen will, ihm zu erklären, warum mir meine eigene Familie wertvolle Hilfsmittel vorenthält, sollte mein Versuch fehlschlagen.
Cal macht es mir einfacher. Bevor wir richtig loslegen, schiebt er mir einen kleinen glänzenden Gegenstand über den Tisch. Meinen Ehering. Ich starre das Schmuckstück an und bin immer noch völlig fasziniert, dass er sich die Mühe gemacht hat, es zwei Jahre lang aufzuheben. Die meisten anderen Leute, die ich kenne, hätten nur den Goldwert gesehen und sich gedacht, dass die reiche Schickse auch darauf verzichten kann. Da muss irgendwo sowas wie ein Herz in dem raubeinigen Cowboy stecken, denn Angst vor meinem Zorn hat der bestimmt nicht.
Entweder er kommt gerade auf die gleiche Idee und will ablenken oder ich bin in Gedanken abgedriftet, denn er fragt, worauf ich warte. Ob er vielleicht auf die Knie gehen und mir das Ding anstecken muss. Danke, nicht nötig. Da war schonmal jemand schneller. Hat auf Dauer auch nichts gebracht. Ich will nach der dünnen goldenen Kette greifen, um den Ring wieder an seinem angestammten Platz zu verwahren, und erinnere mich, dass ich sie in der Eile zerrissen hatte, als es um Leben und Tod ging. Na gut. Dann eben dahin, wo er nicht mehr hingehört. Ich ertappe mich dennoch beim Lächeln, als ich feststelle, dass er sitzt wie eh und je.
Derart milde gestimmt, entschließe ich mich, den Anfang zu machen und berichte von den Erkenntnissen, die mir der Besuch in Ruston gebracht hat.
Kurz überlege ich, ob ich den Kleinen in Gefahr bringe, wenn ich Cal auch von der Kette, die die Geister in der Stadt hält, berichte. Und von dem Mantel des Hermes, der ihn vor den Augen der Engel verbirgt. Aber was soll’s. Wir wollen hier Wissen zusammentragen, nicht verheimlichen. Der Jäger sagt selbst, dass er gar nicht erst hören möchte, wo Harris ist, um ihn nicht versehentlich auffliegen zu lassen.
Was er dafür von mir wissen will, ist warum ich neuerdings ein so starkes Interesse daran entwickelt habe, Engeln in die Suppe zu spucken und was es mit DeVries auf sich hat. Berechtigte Frage. Ich wusste auch, dass sie kommen würde. Einfacher wird es davon nicht. Ich teile ihm erst einmal mit, dass ich dafür noch lange nicht genug Promille habe und ersetze den Kaffee in der Tasse durch Rum.

Während ich davon nippe, tragen wir folgende Informationen zusammen:

Es gibt eine wahrscheinlich henochische Rune, die man mit Blut zeichnen muss, wenn man einen Engel aus seinem menschlichen Wirt bannen will. Zumindest zeitweilig. Genug, um zu einer längeren Atempause zu kommen.

Im Himmel herrscht Krieg unter den Engeln, die verschiedener Meinungen sind, was mit der Erde oder dem „Plan Gottes“ zu geschehen habe. Selathiel – ein Name, der jedesmal meinen Puls beschleunigt, seit mir Special Agent Saitou gesagt hat, dass es sich dabei um „den“ Engel handelt, dem Marcus zu dienen scheint – will die Apokalypse starten. Dazu sucht sie das, was gerne mal als Höllentore bezeichnet wird, wovon Cal sagt, dass es korrekterweise Nephilimtore heißen müsse. Er selbst habe einmal einen ganzen Damm gesprengt, um dafür zu sorgen, dass eines geschlossen bleibe.
Ich nehme einen großen Schluck.

Bei einem zweiten Höllentor habe DeVries so lange herumgebetet, bis irgendwelches Indianerzeug weg war, das da angebracht gewesen ist, angeblich um das Tor zu zerstören. Oder aber der Engel hat nicht alles erzählt, was es über das Tor zu sagen gab. Cals Vater höchstselbst war es, der die Sache versaut hat. Oder auch verarscht worden ist. Da tun sich Abgründe auf, von denen ich eigentlich gar nichts wissen will. Nicht nur bei mir wirkt der Alkohol lösend auf die Zunge. So vehement wie Cal beteuert, dass er seinen Alten schon mit 14 hätte umbringen sollen, muss das ein echter Charmebolzen sein. Ich sehe Caleb in die Augen und glaube ihm aufs Wort. Das ist purer Hass. Und in diesem Vater steckt nun ein Gefallener Engel, nämlich Baphomet. Super. Ich versenke mich tiefer in meine Tasse, fülle nach. Laut Cal ist das sogar noch eine Verbesserung zu vorher.
Fehlen noch vier von den apokalyptischen Engeln: Asmodeus, Astarte, Belial, Moloch. Die ersten Offiziere Luzifers.
Sie alle sind hinter solchen Toren weggesperrt. Zwei weitere sollen sich auf dem Gebiet der USA befinden, eines in Syrien, eines in China. Ich will mich nicht beschweren. Hätte gar nicht damit gerechnet, dass er schon eine Vorstellung davon hat, wo man so etwas findet. Besser vage Ortsangaben als keine.
Cal verklickert mir auch folgendes: Theoretisch muss der Mensch zustimmen, wenn ein Engel in ihn hineinwill, aber die brauchen den meisten Leuten ja nur zu erzählen, dass sie das absolut richtige tun und Heilige werden oder sonstwas, damit die Menschen gleich glauben, es gäbe keine bessere Idee auf der Welt. Darauf ein Prosit!

Er kennt auch einen weiteren Engel, der angeblich Menschen mag. Traut ihm aber nicht so weit über den Weg, wie er ihm das Nasenbein brechen könnte.
Woher er den kennt? Zuerst vom Tor ins Totenreich. Da hat der ihm geholfen. Danach kam es zu dem Deal, den der Typ in Colma ihm an der Stirn angesehen hat. Konkreter wird er nicht. Ich will eigentlich nachhaken, aber der Rum macht mich träge. Ich nehme noch einen tiefen Zug. Ist ja auch nicht so wichtig, wie genau. Wichtiger sind die Folgen. Nach denen frage ich. Wenn Cal ihm nicht beizeiten einen bisher nicht näher definierten Gefallen tut, dann gehört Cals Seele Aziraphel und wird nach seinem Ableben in dessen Armee eingegliedert. AC, wie er sich auch nennt, ist weniger mächtig als Selathiel. Will mehr Macht, um sich mit ihr anlegen zu können. Sagt er. Wie beruhigend.

Dann bin ich dran. Meinetwegen. Zweieinhalb Tassen in dieser Größe sind etwas über ein halber Liter. Noch klinge ich kohärent. Also erzähle ich Cal, wie Marcus früher war, wie er gestorben ist, weil ich einer Legende nachjagen musste und nur deren zwölf kleine Brüder gefunden habe, wenn es überhaupt echte Artefakte waren. Ertrage seinen Unglauben und Spott, als ich auf seine Nachfrage konkretisiere, dass es sich um den Heiligen Gral handelte. Versuche, ihm klarzumachen, was es für mich bedeutet hätte, einen alten Becher zu finden. Scheitere. War mir auch vorher klar. Der Rum hilft, die Galle hinunterzuschlucken.
Ich spare es mir, von dem Streit zu erzählen, den wir vorher hatten, von Marcus‘ Flehen, dass ich zur Vernunft kommen solle. Ich muss ihm nicht erst beibringen, dass es meine Schuld ist, weil ich losgezogen bin, ohne Marcus. Und er hinterher, um mich vor meiner eigenen Dummheit zu bewahren. Wir wussten beide, dass das Kloster von etwas bewacht ist, was noch niemand überwunden hat. Ich war diejenige, die vor lauter Gier blind für die Gefahr war. Marcus ist sehenden Auges hineingerannt und hat sich geopfert, damit ich fliehen konnte. Erst sechzehn Jahre später habe ich herausgefunden, dass er noch lebt. Oder wieder. In meinem Kopf hallen die Worte nach, die der Dämon in dem verfluchten Internat mir eingegeben hat. „Weißt du, wie es sich angefühlt hat, nicht einmal mehr deinen Namen rufen zu können?“
Cal meint lakonisch, dass er schon nachvollziehen kann, wenn DeVries ein bißchen bitter ist. Ein bißchen? Jedesmal, wenn wir bisher aufeinandergetroffen sind, hat Marcus versucht, mich zu erschießen. Beim nächsten Mal schieße ich zurück.
Barry hatte einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse. Er schrieb, wir sind wir Jäger. Marcus hätte gewusst, worauf er sich einlässt. Es kann jeden treffen. Jederzeit. Die Worte von James: „Niemand ist sicher. Jemals.“ Barry macht es sich einfach. Ist es das? Oder ist das der heimliche Sieg des Dämonen, dass wir nur dachten, wir wären seinem Haus und seinen Einflüsterungen entkommen? Aber in Wirklichkeit hat er uns dazu gebracht, unseren moralischen Kompass neu zu justieren? War das das eigentliche Ziel? Und die, die in dem Haus gestorben sind, das waren die, die er eigentlich nicht bekommen hat?
Mit einem hatte Barry in seinem Brief allerdings recht. Marcus hat entweder eine weitere folgenschwere Entscheidung gefällt, als er sich auf den Engel einließ, der ihn vom Tode zurückholte. Oder aber er ist gegen seinen Willen zurück ins Leben gerissen, besessen und nicht er selbst. Das eine ist so schrecklich wie das andere. Und ich mag der Auslöser sein, dass es überhaupt dazu kam. Aber für den Rest trägt Selathiel die Verantwortung. Und dass sie einen guten Mann nicht in Frieden ruhen lassen wollte, das muss ich nicht hinnehmen. Dafür will ich ein schmerzhafter Stachel in ihrem Fleisch sein. Und wenn ich dabei draufgehe, dann nehme ich ein Schicksal an, das mich schon vor fast zwanzig Jahren hätte treffen sollen. Noch ein bißchen mehr Pathos und ich kotze.

Ich frage mich laut, ob der Engel Marcus irgendwie gehirngewaschen oder „falsch“ zurückgebracht hat und ob er wieder wie früher werden könnte, wenn wir den Engel besiegen. Cal schüttelt den Kopf. „Das glaubst du doch selber nicht.“
Nein. Er hat recht. Ich wollte mich an irgendeiner idiotischen Hoffnung festklammern, aber eigentlich glaube ich, dass entweder Marcus oder ich dabei abkratzen werden. Und egal, wer am Ende noch steht, die Narben, die werden bleiben.

Bevor mich die Panik packt und ich davonlaufe, leere ich die restliche Flasche. Schiele zu Cal hinüber. „Das ist doch alles viel zu groß für uns, oder?“
Er zuckt mit den Schultern. „Ja, und? Irgendwas müssen wir doch tun.“ Also tun wir irgendwas. Und versuchen, es möglichst lange zu überleben.

Weil sie da früher oder später aufkreuzen wird, erwägen wir, Selathiel an einem der Tore eine Falle zu stellen. Keine Ahnung, wie. Dafür haben wir beide schon zu tief ins Glas geschaut. Aber zuerst müssen wir sowieso ein Tor ausfindig machen. Bis dahin sollte der Kater wieder weg sein.

Von Baphomet hört man, dass er allein herumzieht, nichts erkennbar kriegerisches tut, außer sich in der Nähe militärischer Einrichtungen sehen zu lassen. Was wir von ihm erwarten sollen oder müssen, können wir uns nicht zusammenphantasieren.

Wir wollen die Nephilimtore finden, wenn möglich dicht machen und das Schwert in die Finger kriegen. Ich finde, solange Cal an ihn gebunden ist, sollte er versuchen, AC zu benutzen. Wie auch immer. So genau habe ich das nicht durchdacht. Er äußert Zweifel an der Idee. Verständlich. Wenn mich jemand in der Hand hätte, würde ich auch nicht noch seine Nähe suchen, sondern ihm ausweichen.

Mir gehen die Ideen aus. Ich klappe das Laptop zu, stelle beim Trinken fest, dass nichts mehr in der Tasse ist und vergrabe den Kopf in den Händen. Morgen werde ich das hier bereuen. Alles.

„Und? Was machst du noch so heute abend?“ fragt Cal.
„An meinem Testament feilen“, möchte ich sagen. Stattdessen murmele ich irgendetwas von Fußweg zum Hotel finden. Ich sollte eigentlich wissen, wohin diese Unterhaltung führt. Auch das werde ich morgen bereuen. Oder auch nicht. Ich bin betrunken. Und ich habe Angst. Ich darf das.
Vor meinem Zimmer packe ich ihn am Hemd und ziehe ihn an mich heran, als müsste ich mir Sorgen machen, dass er es sich nocheinmal anders überlegt. Muss ich nicht. Gedanken machen sollte ich mir trotzdem, denn einmal ist keinmal, aber zweimal sind schon eine Reihe. Aber wofür habe ich soviel getrunken, wenn nicht, um die Sorgen zu vertreiben? Er riecht nach Rauch und Whiskey und ist genauso bestrebt, wie ich, eine Nacht lang die Gedanken an Höllentore, apokalyptische Engel und ihre Armeen auf der anderen Seite der Tür zu lassen.

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Timberwere

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