Mädchenkram - Supernatural

... this probably won't end well

Get your kicks on route 666

I’m not gonna let the emotions take over
This probably won’t end well, but maybe I can’t tell
Nothing will change, so just go through the motions
It’s better in my mind, believing our own lie

(All that remains – This probably won’t end well)

Seligman, Arizona. Ein Raubvogel zieht seine Kreise über der Stadt. Seine scharfen Augen folgen einem Mann, der eine schmale Straße entlangläuft. Dessen unstete Bewegungen sind die eines verletzten Tieres. Die Nebenstraße, die in die alte Route 66 mündet, ist spärlich beleuchtet. Eins nach dem anderen flackern und verlöschen die Lichter, die der Mann passiert, als er auf die Kreuzung mit dem Hotel und den zwei Cafés zuhält.

Schneller. Die Tankanzeige der Bonneville neigte sich bedrohlich in den roten Bereich. Im Hintergrund wurden die Sirenen schwächer, aber Lucie konnte nicht sagen, ob sie sich einfach enfernte, oder ob nur das Rauschen in ihren Ohren lauter wurde. Ihr Hals war trocken, die Haare klebten ihr am Kopf, der Motorradhelm engte ihre Sicht ein und machte das Atmen schwer. Ihr Herz raste, und das Pochen in ihrem Bein wurde mit jeder Meile stärker. Auch wenn sie wusste, dass es Einbildung war, so hatte sie doch das Gefühl, dass das Blut in Strömen ihr Bein herunterlief. Oliveiro hatte sie stets gewarnt, dass auch Streifschüsse höllisch schmerzen konnten, auch wenn sie nach kurzer Zeit verheilt waren.

Die Nadel der Tankanzeige überschritt jetzt den letzten weißen Strich und zeigte an, dass nicht mehr viel Zeit war, bis die Bonneville einfach streiken würde. Kein schöner Gedanke, mitten im Nichts von Arizona mit einer Schusswunde und einem leeren Tank zu stranden. Da konnte sie gleich beim FBI anrufen und sich an die kanadischen Behörden ausliefern lassen.
Doch da kam ein Ortsschild in der Ferne in ihr Blickfeld.

Welcome to Seligman
Birthplace of historic route 66

Ok, besser als nichts. Sie rauschte mit Vollgas an dem alten Holzschild vorbei, die Hauptstraße entlang. Vielleicht konnte sie hier irgendwo untertauchen. Bis jemand hier auftauchte, und nach ihr fragte, war sie sicher längst über alle Berge.

Restaurants und Geschäfte sausten an ihr vorbei, Route 66 Gift Shop, Route 66 Roadrunner, Black Cat Bar, Historic Route 66 Automotive, Historic Route 66 Motel, Roadkill Café… Roadkill Café? Der Name sagte ihr etwas. Das Roadkill Café war nicht nur ein einfaches Restaurant, sondern auch ein Roadhouse. Nicht unumstritten, wie Lucie wusste, denn während im vorderen Bereich die Touristen speisten, saßen im hinteren die Jäger, die überlegten, wie sie eben jene normalen Leute vor dem Übernatürlichen beschützten und dabei selbst nicht gesehen wurden. Selbst nicht gesehen werden ist ein gutes Stichwort. Das ist genau das, was du willst. Untertauchen, wegducken, verschwinden. Lucy Baker verschwindet in der Menge, und vielleicht kommt Lucy Ann Morrissey wieder heraus.

Sie bremste vorsichtig ab und umrundete das Gebäude, um durch den Hintereingang das Roadhouse zu betreten und damit die Bonneville von der Straße verschwand. Als sie jedoch im Schritttempo auf den Parkplatz fuhr, spürte sie kurz, wie ihr trotz der Hitze eiskalt wurde. Zwei ramponierte SUVs standen hier neben einem schwarzen Crown Vic mit vergitterter Rückbank. Sei nicht albern, Beauchene. Mit so einer alten Karre fährt doch keiner vom FBI mehr rum. Aber was, wenn doch? Hastig sah sie sich um, doch niemand war zu sehen, der irgendwie nach Fed roch oder aussah.

Dafür standen zwei junge Männer vor einem der SUVs, sie unterhielten sich leise. Der eine trug eine Art Jogginghose und dazu ein Hemd, das aussah wie eine Mischung aus Unterhemd und Sporttrikot. Seine nackten Arme waren mit etlichen Tattoos verziert. Auf seinem Kopf saß ein dunkler Hut, seine Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen. Er legte den Kopf schief und horchte auf die Sirenen, die jetzt wieder ein wenig lauter geworden waren. Blitzschnell ließ er ein Päckchen Munition in seiner Jacke verschwinden.
“Hey Lady,” grüßte er Lucie, während er sie von oben bis unten musterte. “Du wirbelst Staub auf.” Sein Begleiter, ein Typ mit dunklen Haaren und Bart, musterte sie ebenfalls, doch sein Blick wirkte nicht so sehr, als schätze er die Größe ihrer Brüste ab und ob sie gut im Bett war. Lucie verbuchte ihn gleich unter “Mostly harmless”, während sie den Typen mit dem Hut ebenfalls misstrauisch musterte. Er war gefährlich und würde sich nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden geben. Der Schüchterne lächelte jetzt vorsichtig. “Verfolger?” fragte er. Lucie nickte. “Ihr habt mich nicht gesehen, und ich habe euch nicht gesehen.” Jetzt nickte der Schüchterne in Richtung des Roadkill Cafés. “Kücheneingang. Nimm das Bike mit rein.” Lucie warf ihm einen dankbaren Blick zu, dann schob sie die Bonneville durch den breiten Eingang in die Küche.

Der Koch sah sie überrascht an. “Ich bin das neue Liefermädchen,” erklärte Lucie ihm, und er nickte nur, während er sich die Hände an seiner Schürze abwischte. “Ich hab kein Motorrad bestellt,” erklärte er trocken, aber er machte keine Anstalten, Lucie davon abzuhalten, die Bonneville in einer Ecke hinter einigen Kisten abzustellen. Während sie den Helm in der Seitentasche verstaute und die Jacke öffnete, fiel ihr Blick aus dem kleinen Fensterchen. Ein ihr wohlbekannter Latino im blauen Anzug stand dort, er redete gerade mit dem Bärtigen. Zum Glück. Wäre es der andere Knabe gewesen, stünde Cruz wahrscheinlich schon hier in der Küche. Sie waren sich einmal so nahe gekommen, dass er sie fast hatte greifen können, und schon damals war ihr der Blick in seinen Augen aufgefallen, der ihr Angst gemacht hatte. Das war nicht einfach nur die Befriedigung gewesen, eine Verbrecherin gefasst zu haben, nein, das war etwas viel Dunkleres gewesen. Es ging ihm nicht nur darum, seinen Job zu machen, es ging ihm um… sie. Um Lucienne Beauchene.

Der Bärtige gestikulierte jetzt wild und zeigte mit ausgestrecktem Arm in verschiedene Richtungen. Lucie erkannte, dass er Cruz signalisierte, wo sie überall hätte hingefahren sein können und welche Strecke sie wohl zur Flucht genutzt haben könnte. Dann deutete er auf den Crown Vic, woraufhin Cruz irritiert seine Stirn runzelte. Aber was immer der Bärtige gesagt hatte, es schien Cruz überzeugt zu haben, er stieg wieder in sein Auto und verschwand in einer Staubwolke. Lucie spürte, wie ihre Knie weich wurden, als die Anspannung nachließ.

Der Schüchterne sah jetzt in ihre Richtung und grinste, als er bemerkte, dass sie ihn durch das Fenster hatte sehen können. Er zwinkerte ihr zu, doch dann guckte er etwas verschreckt. Lucie lächelte, vielleicht war es nicht seine Art, mit fremden Frauen zu flirten, die er gerade vor dem FBI bewahrt hatte. Er winkte noch einmal, dann humpelte er zu seinem Auto und fuhr davon.

Sein Begleiter jedoch kam jetzt in die Küche. Als er Lucie sah, wanderte sein Blick an ihrem blutenden Bein hinauf und verharrte etwas zu lange unterhalb ihres Gesichts. “Ich musste dem Typen meinen Ausweis zeigen, Lady. Du schuldest mir was.” Sie sah ihn herausfordernd an. Typen wie er waren ihr schon häufiger begegnet. Willst du es gleich hier auf dem Küchenboden tun, oder wollen wir noch was trinken und du sagst mir, wie schön meine blauen Augen sind? Aber bevor er irgendetwas in diese Richtung sagen konnte, grunzte der Koch etwas ungehaltenes und kam zu ihnen herüber. Als der Typ mit dem Hut keine Anstalten machte, zu gehen, wurde er deutlicher. “Jake. Hast du nicht was zu erschießen?” Jake merkte nun, dass er nicht weiterkam. “Jajaaaa. Ich merke mir dein Gesicht, Schnecke. Wir sehen uns.” Er deutete mit Zeigefinger und Mittelfinger auf seine Augen, dann auf Lucie. Sicher sehen wir uns. Ich merke mir auch dein Gesicht, Jake. Weil ich dir bei unserer nächsten Begegnung eine reinhauen werde, wenn du mir zu nahe kommst.
Jake tippte sich jetzt an den Hut und ging durch den Vordereingang nach draußen. Erleichtert ließ Lucie sich auf eine Kiste fallen, die an der Wand stand. Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Hast es also gerade noch einmal geschafft. Du strapazierst dein Glück schon ziemlich über, Beauchene. Eines Tages wird es vorbei sein.

Oder gerade jetzt. Als Lucie gerade von ihrer Beinwunde aufsah, die sie mit Hilfe des Kochs verbunden hatte, stand ein Mann vor ihr. Nein, falsch. Ihr Mann. Wenn man nach den Gesetzen der Feenwelt von Athol ging. Sie spürte, wie das Adrenalin wieder begann, ihren Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen. Hau ab. Lauf. Weit weg. Irgendwohin, wo du ihn niemals wiedersiehst. Wo er nicht mit seinem Lächeln dafür sorgen kann, dass du dich fühlst wie ein alberner Teenie, der alles um sich herum vergisst. Aber vielleicht hast du Glück, und er ist sowieso sauer, weil du ihm einen Fed auf den Hals gehetzt hast. Du kannst dir sicher sein, dass er jetzt auch auf Cruz’ eigener kleinen Liste steht, direkt neben dir. Er hat dafür gesorgt, dass du entkommst, das nimmt Cruz persönlich.

Aber Nick Morrissey wirkte aufgeräumt und halbwegs entspannt, auch wenn seine Kleidung wieder so aussah, als habe er darin geschlafen. “Ach, hallo,” meinte er nur und lächelte ihr zu. Dann fiel sein Blick auf ihr Bein. “Unfall?” Sie biß die Zähne zusammen. “Ich bin ausgerutscht,” erklärte sie. Er nickte, sagte aber nichts. “Du schuldest mir 8000 Dollar, Morrissey.” Bleib sachlich. Nicht, dass er nachher noch denkt, du hättest auf ihn gewartet. Oder würdest dich freuen, ihn zu sehen. “Ja, da war was… Das Geld ist in meinem Auto.” “Und? Wo ist das Problem?” Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf, aber seiner charmanten Aura tat dies wie der zerknitterte Anzug und die staubigen Schuhe keinen Abbruch. “Das Auto ist nicht hier, es liegt auf dem Highway im Graben,” meinte er. Sie sah ihn mit großen Augen an. “Du lässt 8000 Dollar in einem Auto im Graben liegen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?” “Ich habe schon ein Abschleppunternehmen angerufen, es müsste jederzeit da sein. Und bevor du weiter schimpfst: Der Typ sah so aus, als würde er keine Fragen stellen.” In diesem Moment klingelte Nicks Handy, und er bedeutete ihr mit einem Handzeichen, dass es der Abschleppunternehmer war. Er ging hinaus, Lucie folgte ihm humpelnd. Sie würde ihn jetzt nicht aus den Augen lassen.

Wie er angekündigt hatte, stellte der Abschleppunternehmer, ein wortkarger Hispanic, wirklich keine Fragen, auch nicht, als Nick auf den Beifahrersitz griff, einen alten Rucksack herausholte und ihn Lucie hinhielt. Als sie die Summe hörte, die der Mann nannte, stutzte sie kurz, aber dann holte sie die entsprechenden Scheine aus der Tasche und drückte sie dem Mann in die Hand. Er sah sie etwas überrascht an, aber dann tippte er sich an seine Basecap und stieg wieder in sein Auto. Nick verschränkte die Arme vor der Brust. “Du hättest das nicht machen müssen.” Sie zog eine Augenbraue hoch. “Ach, ich hatte dir doch angekündigt, dass ich was springen lasse. Außerdem muss die Kohle eh gewaschen werden.” Sie humpelte wieder zurück in die Küche, Nick folgte ihr. “Nein… Schon gut.” “Hast du ein Problem damit, dass eine Frau das für dich macht?” Sie war müde und vollkommen fertig, und sie wollte ihn provozieren, damit er nicht auf die Idee kam, sich um sie zu kümmern. Sie konnte für sich selbst sorgen, sie musste für sich selbst sorgen. “Willst du dich nicht hinsetzen?” fragte er jetzt, wahrscheinlich, um das Thema zu wechseln. “Nein, ich wollte gleich noch einen Marathon laufen.” Nick schüttelte den Kopf und lächelte. “Man könnte meinen, wir sind verheiratet,” schmunzelte er. Jetzt hätte Lucie ihn am liebsten angeschrien, ihren ganzen Frust und Schmerz an ihm ausgelassen. Verschwinde einfach wieder, Morrissey. Ich komme bestens ohne dich klar. Wirklich. “Wir sind verheiratet, wenn du dich erinnerst, Morrissey. Zumindest nach den Gesetzen dieser komischen Stadt.” Ein leichter Druck auf ihre linke Brust erinnerte sie daran, dass sie dort immer noch ein kleines schwarzes Kästchen mit sich herumtrug. Der Brillantring, den er ihr in Athol zugeworfen hatte. Nichts als eine eiserne Reserve. Das Ding ist einiges wert – womit hast du den überhaupt bezahlt, Morrissey? – und wenn es hart auf hart kommt, kann ich ihn immer noch zu Geld machen. Ach wirklich. Das ist der einzige Grund, warum du ihn immer noch mit dir rum trägst, statt ihn in ein Schließfach in San Francisco zu sperren oder Oliveiro zu geben.

Sie zog die Jacke aus und rümpfte die Nase. Eine Dusche war jetzt das allerwichtigste, was sie wollte. Sie schwitzte, und wahrscheinlich roch sie inzwischen wie ein Iltis. Selbst das schien Nick momentan nicht zu stören. Während sie und er noch diskutierten, wollte Lucie frische Kleidung und Duschzeug aus ihrer Tasche holen, als sie aufsah. In der Tür zur Küche stand eine schwarzhaarige Frau, die sie etwas unsicher ansah. “Entschuldigung.” Wäre ihre Wimperntusche nicht auf dem Weg Richtung Wangen und ihre Frisur zerdrückt, Lucie hätte das Gefühl gehabt, sie stünde einem Filmstar oder einem Model gegenüber. Sicher, sie war selbst eine gutaussehende Frau, aber die Schwarzhaarige in der Tür war eine Schönheit, und selbst die kleinen Makel konnten nicht darüber hinwegtäuschen. Auch Nick schien das bemerkt zu haben, er ging jetzt auf den Neuankömmling zu und führte sie in die Küche. Das war so klar, Morrissey. Als die Frau näher kam, immer noch etwas unsicher und sich hektisch umblickend, stellte Lucie fest, dass sie ebenfalls eine Dusche nötig gehabt hätte. Sie roch, als habe sie sich am Morgen einfach eine Flasche Parfum über den Kopf gegossen.

“Ich komme wohl ungelegen,” meinte die gefallene Göttin jetzt und sah von Nick zu Lucie. Denkt sie jetzt, wir diskutieren unsere Eheprobleme? Ich will einfach nur meine Ruhe, eine Dusche, mein Geld und dass er verschwindet. Oder ich. Aber auf jeden Fall will ich mindestens einen Bundesstaat Abstand zwischen uns.
Lucie sah sich jetzt suchend um nach ihrer Jeans, sie musste aus der verdreckten und kaputten Lederkluft und endlich wieder ein Mensch werden. “Ich kann Ihnen eine Hose leihen, wenn Sie möchten,” bot die Schwarzhaarige jetzt an. Lucie schüttelte den Kopf. “Ich habe eine, danke. Aber können wir Ihnen irgendwie helfen?” Niemand, der so aussah, kam einfach so zum Hintereingang eines Roadhouses. “Ich brauche Hilfe,” meinte die Fremde jetzt, und Lucie fand, dass sie außerdem so wirkte, als bräuchte sie erstmal etwas zu trinken. “Hast du was zu trinken da?” fragte sie den Koch, und der überlegte kurz und machte eine Kopfbewegung Richtung Vorderraum. Dort war schließlich die Bar. Aber dahin konnte und wollte Lucie nicht gehen, nicht verschwitzt und mit blutiger Motorradkluft. Jetzt verstand der Koch und griff in ein Regal, aus dem er ein Einmachglas holte und eine Flasche Portwein. “Zum Kochen,” erklärte er, aber das war jetzt egal. Alkohol war Alkohol. Nicht, dass sie so viel davon verstand. Der Koch füllte das Einmachglas mit Wasser und stellte es mit dem Portwein vor Lucie ab. “Trinken Sie was,” meinte sie zu der Schwarzhaarigen, doch die blieb beim Wasser. Ok, dann Portwein für mich. Irgendwie musste das Adrenalin wieder runter, auch wenn sie normalerweise nichts trank. Im Zweifelsfall war Nick da, um sie zu beschützen. Auf einmal doch, oder wie? Entscheide dich mal, was du willst. Eines Tages ist er nämlich wirklich weg, wenn du ihn weiter behandelst, als hätte er dir irgendetwas Schlimmes angetan. “Zum Schein heiraten” und “Unverschämt gut aussehen” verstoßen nicht gegen die Genfer Konvention, Beauchene.

“Erzählen Sie mal, was können wir für Sie tun?” fragte Nick jetzt, während die Fremde das Einmachglas in den Händen hielt und ab und an einen Schluck Wasser nahm. “Mein Name ist Teresa Lilywhite. Ich… ich brauche Hilfe. Mein Mann… er verfolgt mich, trotz richterlicher Anweisung. Er ist nicht ganz normal. Hat sich verändert. Er lässt mich nicht in Ruhe. Ich habe solche Angst,” erklärte sie, ihre Hände zitterten. “Ich habe mir sogar eine Waffe besorgt und auf ihn geschossen, aber das hat ihn nicht abgehalten.” Wow. Krasse Scheiße.

“Ich möchte möglichst wenig draußen sein. Sonst findet er mich. Ich habe mir hier in Seligman eine Wohnung genommen. Vorher war ich in Flagstaff, aber da hat er mich gefunden, und davor in Kingman war ich auch nicht sicher vor ihm.” Sie stellte sich jetzt mit durchgedrücktem Rücken gerade hin und sah Nick und Lucie an. “Ich habe mich in diesem Darknet informiert. Über Schutzzeichen.” Sie ging also davon aus, dass etwas Übernatürliches ihren Ehemann antrieb. Vermutlich, wenn sie bereits auf ihn geschossen hatte, und er immer noch herumlief. Aber wenn dem so war, würden die Schutzzeichen auf Dauer nicht reichen, es sei denn, Mrs Lilywhite wollte ihre Wohnung nie wieder verlassen. Genau das sagte sie ihr auch, während sie ihre Gewehrtasche zu sich zog und die Mossberg auspackte. Doch das Schrotgewehr hatte leider nicht die gewünschte Wirkung. “Nein, ich glaube, das hilft nicht. Ich… ich schreibe Ihnen meine Adresse auf, wenn Sie eine Idee haben, wie Sie mir helfen können, Sie finden mich dort.” Hastig schrieb Teresa Lilywhite eine Adresse auf einen Zettel, dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war.

Nick warf Lucie einen langen Blick zu, aber die wusste nicht, was sie sagen sollte. Stattdessen nahm sie jetzt den Zettel von der Ablage und googelte kurz die Adresse. Ein Appartementblock, in dem man kurzfristig möblierte Wohnungen bekam. Wahrscheinlich stellte man dort auch nicht unbedingt viele Fragen, Lucie kannte solche Häuser. Aber wie man es drehte und wendete, sie konnten die Frau nicht alleine lassen, irgendetwas stimmte nicht an ihrer Geschichte. Lucie seufzte, ihre Ruhe bekam sie wohl erst später.

Sie stand auf und sah erst zum Koch, dann zu Nick. “Ich brauche eine Dusche. Gib mir 20 bis 60 Minuten.” Er nickte nur grinsend. “Soll ich mitkommen?” fragte er, und für einen Moment war sie versucht, seinen Witz ernst zu nehmen. “Später,” meinte sie nur. Es war eine nette Idee, sie fühlte sich immer noch furchtbar angespannt, aber das wäre eben nicht die übliche schnelle Nummer. Nicht mit diesem Mann. Außerdem hatten sie keine Zeit, und sie wollte wirklich einfach nur eine heiße Dusche.

Die Dusche war hilfreich, auch wenn das heiße Wasser in der Schusswunde schmerzte, und Lucie wusste, dass sie den Rest des Tages humpeln würde. Großartig. Rothaarige Frauen fallen nicht unbedingt auf. Rothaarige Frauen, die das Bein nachziehen, wahrscheinlich schon. Als sie zu Nicks Auto gingen, konnte er sich auch eine Bemerkung darüber nicht verkneifen, dass sie hinkte. “Tut es noch weh?” wollte er wissen, und er klang etwas besorgt. Lucie jedoch verzog das Gesicht und presste ein “Nur, wenn ich lache” zwischen den Zähnen hervor. Keine Schwäche zeigen. Es gab einen Job zu erledigen.

Der Appartementblock schien ruhig und menschenleer, beinahe konnte man jede Grille einzeln in der Mittagshitze zirpen hören. Nick packte die Corvette in einiger Entfernung, und gemeinsam gingen sie in das Gebäude, wo es angenehm kühl war. Es roch nach Raumspray, die etwas teurere Sorte, und schon der Eingangsbereich wirkte, als könne man vom Boden essen. Doch insgesamt war es alles zu sauber, zu kühl, zu steril. Wahrscheinlich wurden die Mietverträge in diesem Objekt wöchentlich ausgestellt. Wenn es überhaupt welche gab, und die Mieten nicht ohne Nachfragen im Voraus bezahlt wurden. Aber nein, dafür sah es hier zu gut, zu ordentlich aus. Sei nicht so misstrauisch. Nur weil du in solchen Häusern absteigst, heißt das nicht, dass Mrs Lilywhite das auch tut.

Sie stiegen die Treppen hinauf bis zu dem Stockwerk, wo sich das Appartement von Teresa Lilywhite befand. Als sie um die Ecke bogen, erschrak Lucie. Ein hochgewachsener Mann im Anzug stand vor der Tür und redete auf diese ein, hinter ihm saß ein weiterer Mann, Anfang 30, gut gekleidet, aber unglaublich blass um die Nasenspitze. Fast ein bisschen zu blass. Er starrte ins Leere und schien von dem, was sein Begleiter an der Tür machte, weitestgehend unbeeindruckt zu sein. Lucie spürte, dass sie versucht war, sich hinter Nick zu verstecken. Der Typ im Anzug kam ihr komisch vor. Ein Fed war er nicht, dafür war der Anzug zu teuer, die Körpersprache stimmte nicht. Privatdetektiv? Vielleicht. Machte die Sache sicher nicht besser. Private Eyes standen für Lucie auf einer Stufe mit Kopfgeldjägern. Das einzige, was sie von denen unterschied, war, dass Erstere meistens besser gekleidet waren.

Als Nick den Mann erblickte, verzog er das Gesicht. Kannte er den Typen etwa? Dass Nick es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahm, wusste sie ja inzwischen, aber die Frage war, ob er inzwischen auch schon Leute auf sich aufmerksam gemacht hatte, die man besser nicht auf sich aufmerksam machte. Dennoch schritt er unbeirrt auf die Tür zu. Der Anzugtyp erklärte Mrs Lilywhite gerade, dass er kein Dämon war. Ahja. War eine super Taktik und so glaubwürdig. Von der anderen Seite der Tür erklang jetzt Teresas Stimme, sie war ebenso wenig überzeugt wie Lucie von dem, was der Kerl sagte. “Sie könnten auch für einen Dämonen arbeiten!” rief sie. Während Nick stehenblieb und den Typen weiterhin musterte, machte Lucie einen Schritt auf die Tür zu. Sie hatte keine sichtbare Waffe bei ihm gesehen, und wenn es hart auf hart kam, konnte sie sich verteidigen. Kurzer Check, er mochte vielleicht größer als sie sein und untrainiert war er auch nicht, aber mit ihm fertig würde sie werden. Da hatten sich schon ganz andere Kaliber versucht, mit ihr anzulegen und hatten verloren. Außerdem war ja noch Nick… nein. Auf ihren “Ehemann” war bei sowas sicher weniger Verlass, wie sie aus Athol wusste. Sein gutes Aussehen war eben sein Kapital.

Sie seufzte. Brust raus, Kopf hoch, Rücken gerade. Auf ins Gefecht. Lucie spazierte selbstbewusst zur Tür und ignorierte den Anzugtypen erst einmal. Wenn er überrascht war, dann ließ er es sich nicht anmerken. Lucie stellte sich direkt an die Tür und lauschte. “Mrs Lilywhite? Hier ist Lucy Baker, die Frau aus dem Roadhouse. Und mein… Begleiter ist auch hier.” Keine Antwort von drinnen, aber der Kerl hinter ihr stöhnte laut auf. “Sie haben Jäger beauftragt? Das war eine ziemlich schlechte Idee.” Er betrachtete sie im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab, mit einem Lächeln, das wohl charmant sein sollte, auf sie aber eher die Wirkung von Rizinusöl hatte. Ok, er wusste also Bescheid über das Übernatürliche. Das erklärte immer noch nicht, wer er war und was er hier machte, außer auf eine geschlossene Tür einzureden.

Nick betrachtete den Typen misstrauisch, und Lucie wollte jetzt nur zu gerne wissen, woher die beiden sich eigentlich kannten. Aber dann hörte sie hinter der Tür ein Geräusch. “Ist er immer noch da? Er ist ein Dämon!” behauptete die aufgeregte Stimme von Teresa Lilywhite. Der Typ im Anzug seufzte tief, dann lockerte er seine Krawatte, zog die Anzugjacke aus und öffnete schließlich das Hemd. Himmel, zog der sich hier ernsthaft gerade aus im Flur? Doch dann zog er das aufgeknöpfte Hemd zur Seite und gab den Blick auf eine Tätowierung auf der linken Schulter frei. “Er zieht sich gerade aus – und er ist kein Dämon”, informierte sie Mrs Lilywhite, was ihr ein Augenrollen von dem Unbekannten einbrachte. Selber schuld, wenn er der Meinung war, hier zu strippen. Blieb die Frage, was ein Typ mit Anti-Dämonen-Tätowierung für ein Problem mit Jägern hatte. So, wie er sich gab und er sprach, vermutlich ein ziemlich großes. Wahrscheinlich gingen er und sein Ego gerne alleine auf die Jagd. Solche Typen brauchten keine Hilfe, die brauchten nur schmückendes Beiwerk.

Teresa Lilywhite war immer noch nicht überzeugt. “Dann ist er etwas anderes Übernatürliches!” Der Rothaarige richtete gerade seine Kleidung, dann bemerkte er mit einem süffisanten Lächeln: “Ich bin auch nichts anderes übernatürliches.” Meine Güte. Fehlt nur noch, dass er gleich “Kleines” zu mir oder Mrs Lilywhite sagt. Er warf ihr einen Blick zu, der ihrerseits bei ihr ein Augenrollen hervorrief. War irgendwo ein Nest von diesen Typen?

“Übernatürlich ist hier allerhöchstens Ihre Arroganz”, meinte sie kühl, “alles andere an Ihnen ist ziemlich mundan.” Glaub ja nicht, dass du mich mit der Masche kriegst. Ich hab schon einen von deiner Sorte an der Backe. Er lächelte sie weiterhin an, dann entgegnete er: “Oh, mundan hat mich schon lange niemand mehr genannt.” Sie seufzte. “Das war kein Kompliment.” Er ließ sich immer noch nicht beirren. “Sicher?” fragte er leichthin mit einer hochgezogenen Augenbraue, und Lucie verspürte das dringende Bedürfnis, irgendetwas nach ihm zu werfen.

“Er kommt auf keinen Fall hier rein!” meldete sich jetzt wieder Teresa Lilywhite von hinter der Tür. Lucie seufzte und klopfte abermals. “Würden Sie denn mich hineinlassen? Sie haben mich gesehen, ich bin keine Dämonin.” Bei diesen Worten glaubte sie hinter sich ein “Tsk” zu hören. “Na gut. Aber nur Sie! Und passen Sie auf, dass Frank Ihnen nicht folgt.” Dann war der blasse Mann in der Ecke tatsächlich Frank. Er sah wirklich nicht gut aus, aber wie sollte man auch aussehen, wenn dreimal auf einen geschossen worden war?

Die Tür öffnete sich einen winzigen Spalt, und Lucie schlüpfte durch die Öffnung in die Wohnung. Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken, Nick dort draußen mit dem Untoten und dem Angeber alleine zu lassen, doch er sagte, er wolle sich etwas umsehen. Was sollte ihm schon passieren? Er war ein großer Junge und konnte auf sich aufpassen. Mit diesem Gedanken schob sich Lucie an Teresa vorbei, die die Tür wieder schloss. “Willkommen”, sagte die gefallene Göttin und machte eine Handbewegung, die wohl einladend wirken sollte, aber angesichts des leicht abgewohnten Appartements mit dem zwanzig Jahre alten Mobiliar nur jämmerlich wirkte. Sie hatte versucht, es mit wenigen Mitteln ein wenig geschmackvoll zu personalisieren, obwohl sie noch nicht lange hier wohnen konnte. Was aber definitiv nicht zur Einrichtung passte, waren der Grabesstaub und das Salz auf den Fensterbänken und vor der Tür, Lucie glaubte auch, Eisenspäne zu erkennen. Über der Tür lag ein Kräuterbündel aus Schneeball, und es hätte sie nicht gewundert, wenn Teresa noch irgendwelche Schutzzeichen irgendwo angebracht hatte. “Wow!” entfuhr es ihr, “Lady, Sie sind gegen alles geschützt!” Teresa seufzte tief. “Dann bin ich vor Frank auf jeden Fall sicher”, meinte sie, doch sie wirkte nicht erleichtert, im Gegenteil. Sie wippte nervös mit dem Fuß auf und ab, während sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte und sich mit den Fingern auf die Ellbögen trommelte. Lucie sah sie fragend an, doch dann bemerkte sie es auch. Es war ruhig geworden auf dem Flur. Viel zu ruhig. Beunruhigt ging sie zur Tür. “Morrissey?” fragte sie, “alles in Ordnung da draußen?” Dann hörte sie es. Es war ein leises Grollen, wie ein herannahendes Gewitter, doch diese Gewalt war nicht natürlich. Höllenhunde. Verdammte, verfluchte Höllenhunde. Und sie kamen hierher.

“Das sind Höllenhunde da draußen”, sagte sie jetzt auch zu Teresa, doch die setzte sich nur in einen Sessel und umklammerte ihre Knie. Lucie spürte, dass sie sich zum ersten Mal seit langem wieder eingesperrt fühlte. Das hier war sicher gemütlicher als der Frauenknast von Montreal, aber ein Gefängnis war es trotzdem. Ein Gefängnis, das sich Teresa aus ihrer Angst gebaut hatte. Höllenhunde. Nach allem, was sie wusste, waren die Biester unsichtbar, aber das machte sie nicht weniger gefährlich, Im Gegenteil. Normalerweise jagten sie eigentlich nur die, die einen Pakt gemacht hatten und deren Zeit um war, doch darauf wollte Lucie sich nicht verlassen. Sie hasste Nick für das Chaos, dass er in ihrem Kopf und viel mehr in ihrem Herz ausgelöst hatte, sie hasste sich selbst dafür, dass sie es zugelassen hatte. Vielleicht hätte sie doch in den Fluss springen sollen. Aber das war kein Grund, ihn den Höllenhunden auszuliefern. Es wäre eine billige Lösung, aber dann war wirklich die Mörderin, zu der sie die kanadischen Behörden gemacht hatten. “Können wir nicht wenigstens meinen… Nick hereinlassen?” wandte sie sich jetzt an Teresa. Die sah auf. “Aber Frank… “ “Ich verspreche Ihnen, ich passe auf, dass Frank nicht hier reinkommt. Und auf der anderen Seite – wenn die Höllenhunde ihn erwischen, das kann Ihnen doch nur recht sein.” Chapeau, Beauchene. Welche Facette deines Wesens ist denn diese kaltherzige Schlampe? Gib ihr einen Namen, damit du sie nicht vergisst. Du kannst sie sicher noch brauchen, wenn du dich daran gewöhnt hast, über Leichen zu gehen.

Das Knurren wurde lauter, und Lucie war jetzt drauf und dran, die Tür einfach zu öffnen, gegen Teresas Willen. Sie wusste, wo sie hinschlagen musste, damit es wehtat und es keine blauen Flecken gab. Man verdiente sich nicht mit Singen und Klatschen den Respekt der Unterwelt. “Morrissey? Was ist da los?” fragte sie noch einmal durch die geschlossene Tür. “Irgendwas stimmt mit dem Licht nicht”, antwortete er, “und Hank und sein Schatten sind gerade verschwunden.” Hank hieß er also. Das war ja wenigstens mal ein Vorname. In ihrer Vorstellung sahen Hanks zwar nicht unbedingt so aus wie der Typ vor der Tür, und vor allen Dingen klangen sie nicht so aus, als kämen sie von der Ostküste, aber das war im Moment von geringerer Bedeutung. Wichtiger war, dass sie Nick in dieses Appartement bekam.

“Bitte”, wandte sie sich noch einmal an Teresa, doch die reagierte nicht. Lucie wusste, dass sie keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Das Knurren war jetzt so laut, als stünden die Höllenwesen direkt auf dem Gang, und es schien immer noch näher zu kommen. “Morrissey!” rief sie Nick durch die Tür zu, und jetzt hörte sie es ganz deutlich. Die Höllenhunde waren hier, gierig schnappten sie nach der erstbesten Seele, die sich ihnen bot. “Schnell!” Lucie riss die Tür auf, gerade so weit, dass Nick hindurch kam. Er hechtete ins Appartement, doch nicht schnell genug, den Hunden war es gelungen, seine Anzugjacke zu erwischen.

Verdammt. Verdammt, verdammt. Lucie spürte für eine winzige Millisekunde das Verlangen, ihm um den Hals zu fallen, ihn festzuhalten und nicht wieder loszulassen. Aber dann weiß er genau, was Sache ist, und war es nicht genau das, was du vermeiden willst? “Morrissey, ist mir dir alles in Ordnung?” Für einen kurzen Moment lächelte er sie an, dann jedoch guckte er an sich herunter. “Bin noch in einem Stück. Aber es ist schade um den Anzug, den mochte ich wirklich.” Lucie spürte, wie ihre Augen sich zu Schlitzen verengten, als sie sich beinahe auf die Zunge biss, um ihm nicht ihre ganze Angst entgegen zu schleudern. “Oh, Hauptsache, gut angezogen, nicht wahr?” Er lächelte verlegen und strich sich den Anzug glatt. “Natürlich. Den Anzug kann ich wohl wegwerfen.” Ist dir dieser dämliche Anzug wirklich wichtiger als alles andere? Du bist so oberflächlich, dass noch nicht mal der Glitzer des Kobolds an dir haften bleiben wollte.

“Wo sind denn dieser Hank und sein Schatten geblieben?” wollte sie jetzt von Morrissey wissen. Er zuckte mit den Achseln “Die sind schon vor einer Weile nach draußen gegangen, keine Ahnung, wo sie hin wollten” antwortete er leichthin. Lucie schüttelte den Kopf. In diesem Moment klapperte es drauße vor dem Fenster, als wolle jemand die Feuerleiter hochklettern. Noch mehr Höllenhunde? Denn die Tiere hatten es Lucie übel genommen, dass sie ihnen die leichte Beute streitig gemacht hatte, und sie sprangen jetzt wie wild gegen die Tür. Lange würde sie das nicht mitmachen, auch wenn die Schutzzeichen hielten.
Doch auf der Feuerleiter waren keine Höllenhunde. Es waren Frank und Hank, der Anzugtyp. Jetzt erblickte Frank Teresa, und er begann, wie wild gegen das Glas zu trommeln. Offensichtlich hatte er durch seinen Zustand übermenschliche Kräfte entwickelt, oder er war extrem auf seine Frau fixiert – beide Tatsachen trugen nicht zu Lucies Beruhigung bei -, jedenfalls gelang es ihm, durch seine Trommelei das Fenster zum Zerbersten zu bringen.
“Teresa! Ich habe dich gefunden! Ich habe dich gefunden!” rief er immer wieder, und Teresa sah aus, als würde sie am liebsten im Boden versinken. Dann aber drehte Frank sich scheinbar verwirrt im Kreis, er sah immer wieder von Hank zu seiner Frau und wirkte, als wisse er nicht, was er tun sollte. Teresa sah ihn nur mit blankem Entsetzen an. Geistesgegenwärtig sprang Lucie auf und ließ die Jalousie herunter. Das hatte nicht unbedingt den gewünschten Effekt, denn jetzt hämmerte Frank gegen die Jalousie. Mit dem Typen stimmte etwas definitiv nicht.

Aber er war nicht der einzige, mit dem nicht alles in Ordnung war. Teresa saß zitternd in einem der Sessel und sah verzweifelt zum Fenster. “Was ist hier los?” wollte Lucie jetzt wissen. “Die Höllenhunde sind doch nicht zum Spaß hier. Und ich bezweifle, dass sie wegen Frank hier sind.” Nick nickte bekräftigend, sagte aber nichts. Schön, er war auf jeden Fall in ihrem Team. Teresa sah sie jetzt an, in ihren Augen war die nackte Angst zu erkennen. “Ich… ich wollte doch nur einen reichen Ehemann”, erklärte sie jetzt mit bebender Unterlippe. “Aber irgendwie hat es mit den Männern an der Ostküste nicht so wirklich geklappt.” Lucie war versucht, die Augen zu rollen. Warum glaubten einige Frauen denn, nur mit einem Typen mit dickem Bankkonto an ihrer Seite ginge es ihnen gut? Selbst war die Frau. Wenn das hieß, in Wahlkampfbüros in Wichita einzubrechen und die Kasse mitgehen zu lassen, dann war das eben so. Aber sicher war sie nicht abhängig von irgendeinem Typen, der sie womöglich noch als sein persönliches Eigentum ansah und mit Schmuck behängte, während sie ihm andernorts zu Diensten sein musste.

“Also habe ich eines Nachts eine Kreuzung aufgesucht, und da kam dann diese dicke Negerin an, so ein Typ Mami. Sie hat mir gesagt, dass sie mir helfen kann, dass ich meinen Traummann bekomme. Also habe ich diesen Pakt mit ihr abgeschlossen. Dann habe ich Frank wieder getroffen, und er hat sich unsterblich in mich verliebt, und wir haben geheiratet.” Sie holte Luft und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. “Aber diese Ehe war… sie war nicht so, wie ich sie mir erhofft hatte.” Überraschung. Je crains les Grecs, même lorsqu’ils font des cadeaux. Wären die Menschen nicht so dumm, die Dämonen würden nicht immer wieder leichte Beute machen können. “Das war alles nur seine Schuld. Und dann habe ich auch noch angefangen, von den Höllenhunden zu träumen, weil die zehn Jahre vorbei waren. Ich war in Panik, also habe ich ihn erschossen.” Sie sagte das so lapidar, dass es Lucie kalt den Rücken herunterlief. Instinktiv sah sie sich nach Nick um, doch der stand nur mit verschränkten Armen hinter ihr und lauschte Teresas Erzählung. Ab und an sah er zum Fenster, wo die Jalousie langsam in ihren Einzelteilen baumelte. Auch Teresa warf jetzt einen Blick dorthin, wo ihr erschossener Ehemann stand. “Aber Sie müssen mir glauben, ich habe keine Ahnung, warum er wieder herumläuft und hier ist.” Ihr Blick sagte Lucie, dass sie nicht log, dass sie wirklich nicht wusste, was ihren Ehemann umtrieb – im wahrsten Sinne des Wortes. Lucie war ebenso ratlos – sie sah zu Nick, der versuchte, den innocent bystander zu mimen. Sie verlor langsam die Nerven. “Morrissey, tu doch irgendwas. Und wenn er dir die Nase bricht, dann halte ich dir auch Händchen und sage dir, wie toll du bist – aber mach was!” Er zog jetzt eine Augenbraue hoch und sah sie an. “Was soll ich denn machen?” fragte er, doch sie hatte darauf keine Antwort. Eigentlich wollte sie auch nicht, dass er etwas tat. Eigentlich wollte sie hier weg, weg aus diesem Appartement, weg von ihm.

Draußen auf der Feuerleiter versuchte der Anzugtyp weiter, Frank zu beruhigen. “Woher kennst du den Typen eigentlich?” wollte sie jetzt von Nick wissen, und der verzog leicht das Gesicht. “Lange Geschichte. Das ist auch so ein Pokerspieler. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, haben wir beide versucht, Land zu gewinnen und von der Mafia wegzukommen”, meinte er, und seine Haltung verriet Lucie, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte. Na klasse. Tatsächlich noch ein zweiter von der Sorte. Habe ich “Trickbetrüger zu mir” auf der Stirn stehen? Es reicht doch, wenn ich selbst manchmal nicht mehr weiß, wer ich denn eigentlich bin.

Ein ohrenbetäubender Knall gegen die Wohnungstür verriet den dreien in der Wohnung jetzt, dass die Höllenhunde nicht aufgaben, und das Schneeball-Bündel auf dem Türrahmen begann bedrohlich zu wackeln. Die Tür selbst bekam erste Risse, während das Knurren und Heulen immer lauter und bedrohlicher wurde. Auch von unterhalb der Feuerleiter schienen die Geräusche jetzt lauter zu werden. Frank lief immer noch unruhig vor dem Fenster hin und her, während Hank auf ihn einredete. Lucie sah unsicher zu Nick, doch der schien auch keine Idee zu haben. Es gab keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Sollten sie Teresa einfach hier sitzen lassen? Sie hatte Schuld auf sich geladen, und Lucie hatte keine Idee, wie man sie von dieser Schuld befreien konnte. Sie wusste noch nicht soviel über das Übersinnliche, sie war nicht so versiert wie manche von den Jägern, denen sie in Roadhouses begegnet war. Diese Leute jagten oft schon ihr ganzes Leben und wussten Dinge, von denen sie nicht einmal gedacht hätte, dass sie existieren.

“Teresa!” Das flehentliche Rufen des Untoten von draußen war zu hören, und Lucie hörte, wie Hank wieder etwas sagte. Er schien immer noch zu versuchen, Frank zu beruhigen. Lucie schob das Rollo beiseite, damit sie endlich alle zusammen überlegen konnten, wie es weiterging und sagte dann zu Frank: “Pass auf, dass hier niemand hereinkommt. Du musst Teresa beschützen und hier draußen Wache halten.” Das schien er zu verstehen, er blieb folgsam auf dem Absatz stehen und wirkte jetzt recht zufrieden. Soweit man das von jemandem, der eigentlich nicht mehr er selbst war, sagen konnte.

“Warum läuft er immer noch hier herum?” wollte Hank wissen, der offensichtlich mitbekommen hatte, was Teresa erzählt hatte. “Naja,” meinte Nick, “immerhin wollte sie, dass jemand sich unsterblich in sie verliebt.” Lucie begann, eine ihrer Haarsträhnen um den Finger zu wirbeln, in ihrem Hinterkopf nagte etwas. “Aber unsterblich heißt doch genau das. Er hätte gar nicht sterben können nach dieser Logik. Dieser Mann da draußen war tot… ist tot.” Die beiden Männer sahen sie an, als hätte sie ihnen gerade eröffnet, dass die Erde eine Kugel ist. “Jemand hat ihn wiederbelebt und hierhin geschickt. Quasi ein Zombie-Tracker.” Während Lucie noch ihre Überlegungen ausführte, ging Hank zu Frank ans Fenster. “Frank”, begann er, “was ist das letzte, an das du dich erinnern kannst?” Der vermeintliche Untote schien zu überlegen. “Da war eine wunderschöne Stimme.” Er schien in Erinnerungen an diese Stimme zu schwelgen, als Hank ihm bedeutete, die Jacke auszuziehen.

Unter dem Hemd war deutlich eine Wölbung zu sehen. Er schob das Hemd nach oben, und Lucie unterdrückte einen leichten Würgereiz, als sie die hässlich verfärbte Schnittwunde im Rücken des Mannes sah, unter deren Naht sich etwas hervorhob. Hank zog ein Messer aus der Tasche und schnitt die Naht wieder auf. “Was machst du da?” wollte Frank wissen, er war jetzt aufgeregt und wollte sich dem entziehen, was der merkwürdige Typ im Anzug mit ihm machte. Mit einem schmatzenden Geräusch verschwand Hanks Hand in Franks Rücken und kam mit einem kleinen Tongefäß wieder zum Vorschein. Wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte, fiel der junge Mann in sich zusammen. Hank betrachtete das Behältnis in seiner Hand argwöhnisch, vorsichtig öffnete er es und präsentierte den anderen den Inhalt: eine klebrige Masse, die wohl irgendwann mal ein Pulver gewesen war, aber durch Leichenflüssigkeit zu einem widerlichen Klumpen verwandelt worden war. Lucie rümpfte die Nase, und auch Nick war nicht begeistert von dem Anblick. “Voodoo”, murmelte Hank, dann schloss er das Töpfchen wieder

“Aber… aber…” Teresa schien jetzt wieder aus ihrer Starre zu erwachen und sah unsicher von einem zum anderen. “Jemand hat Ihren Mann zum Zombie gemacht”, konstatierte Nick sachlich. “Wer?” wollte sie jetzt wissen, als erwarte sie, dass jemand von den dreien eine Hand heben würde. “Das kann theoretisch jeder gewesen sein, zum Beispiel er”, überlegte Lucie laut und deutete auf Hank, der noch immer unschlüssig mit dem Tongefäß in der Hand auf der Feuerleiter stand. Ein wenig zu laut, denn jetzt griff Teresa nach ihrer Waffe und zielte auf Hank. “Er war doch gleich so verdächtig!” rief sie. So war das nicht gemeint, Lady. Sie werden hier nicht noch jemanden erschießen. Nicht, wenn ich es verhindern kann.
Lucie zögerte nicht lange und stellte sich vor Hank. “Stop!” rief sie. Ihre Knie zitterten, aber sie konnte und wollte nicht zulassen, dass noch ein Unschuldiger starb. “Das würde doch alles gar keinen Sinn machen”, erklärte sie, und sie hoffte, dass Teresa ihr glaubte. Es schien zu funktionieren, kraftlos ließ die Schöne wieder die Waffe sinken und sich in ihren Sessel zurück fallen. Lucie atmete tief durch und sah zu Nick, der ihr nur einen anerkennenden Blick zuwarf. Auch Hank schien beeindruckt zu sein, als sie sich umsah. Er stand derweil immer noch mit dem Voodoo-Gefäß vor dem Fenster und betrachtete es, dann schob er es zurück in die Wunde in Franks Rücken. Augenblicklich erwachte der junge Mann wieder. Hank begann jetzt, leise auf ihn einzureden, was Lucie nicht verstand. Sie wollte es auch nicht verstehen. Ich will nicht mehr hier sein, ich will mich nicht für einen Unsympathen im Anzug erschießen lassen, ich will nach Hause. Nach Hause?

Sie sah zu Nick, der immer noch wirkte, als ginge ihn das alles nichts an. Doch dann schien Leben in ihn zu kommen, er zog ein Pokerdeck aus seiner Tasche, und Lucie erkannte, dass es die Karten waren, die er in Athol gekauft hatte. Verfluchte Feenstadt. “Wir könnten den Dämon noch einmal kontaktieren, mit dem Sie damals Ihren Pakt gemacht haben”, meinte er jetzt zu Teresa. Lucie sah ihn überrascht an. Wusste er etwa, wie man so etwas bewerkstelligen konnte? “Ein neuer Deal?” Aber ging das überhaupt, war Teresas Zeit nicht abgelaufen und gehörte ihre Seele nicht bereits den Höllenhunden? “Das geht?” Sie zweifelte, doch er nickte, während er mit den Karten herumspielte. “Schließlich hab ich das schon einmal gemacht.” Du hast was? Nein, das ist jetzt nicht wahr. Du nicht auch noch. Bin ich nur noch von Irren umgeben? Eine leise Stimme meldete sich in ihrem Hinterkopf. Aber stell dir mal vor, wenn du so einen Deal machst, du könntest alle deine Probleme los sein… Nein! Ich will da gar nicht drüber nachdenken!
Lucie stellte fest, dass sie kurz davor war, Nick eine Ohrfeige zu verpassen. Und noch eine zweite, weil er sie so erschreckt hatte. Doch dann fiel ihr wieder die Geschichte aus O’Finns Magical Emporium ein, und wie interessiert er gelauscht hatte. Ihr “Ehemann” hatte also seine Seele verspielt. Dieser Irre.
Doch bevor sie etwas sagen konnte, zerbarst mit einem gewaltigen Schlag die Wohnungstür. Noch konnten die unsichtbaren Wesen das Appartement nicht betreten, doch das Schneeball-Bündel über der Tür hing nur noch an einem Ästchen auf dem Rahmen. “Schnell!” Lucie ergriff Teresas Arm und zog sie mit sich, als auch dieses letzte Ästchen brach und das Bündel zu Boden fiel. Sie sprang aus dem Fenster auf die Feuerleiter, hier waren sie für einen Moment sicher. Nick sah zu Frank und Hank. “Wir müssen hier weg. Die Höllenhunde sind in der Wohnung.” Hank nickte, doch Frank sah den Pokerspieler nur teilnahmslos an. “Frank, du bleibst hier und verteidigst Teresa!” Der Zombie nickte und sprang von der Feuerleiter, um den Kampf mit den Höllenhunden aufzunehmen. Lucie bezweifelte, dass dies ein gerechter Kampf war, aber es war ein Ablenkungsmanöver, dass sie nutzen mussten.

Zu viert rannten sie zur Straße. Lucie ballte die Faust, Nicks Corvette stand auf der anderen Seite des Hauses. Aber gut sichtbar stand ein Truck, der nicht so aussah, als sei er mit der modernsten Anti-Diebstahl-Technik ausgestattet. Hank knackte die Tür und schloss das Auto kurz – also wirklich die Sorte Pokerspieler – dann fuhren sie los. “Wir können nach Kingman fahren, in mein Haus am Sunset Boulevard”, schlug Teresa vor. “Das habe ich auch gesichert, bis Frank… bis Frank…” Sie brach ab und vergrub den Kopf in den Händen, dann sah sie wieder auf. “Die Schutzzeichen dort sind mit viel mehr Zeit und Ruhe angebracht worden. Das sollte uns helfen.” Lucie zog eine Augenbraue hoch. Sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte.

Teresa schien derweil in Nick einen neuen Ansprechpartner gefunden zu haben. Sie erzählte ihm, dass es Leute gab, die ihre Deals verlängern konnten. Eine alte Bekannte von ihr liefe immer noch herum, obwohl die doch “vor ihr drangewesen” sei. Bei diesen Worten glaubte Lucie für einen kurzen Moment eine Regung in Hanks Gesicht wahrzunehmen, aber vielleicht war das nur das Sonnenlicht. Er fuhr weiterhin konzentriert den Wagen und schien dabei Teresas Ausführungen zu lauschen. Nick versuchte, Teresa behutsam zu erklären, dass es nicht mehr so einfach war, ihren Deal zu verlängern, jetzt, wo die Höllenhunde ihre Witterung bereits aufgenommen hatten. “Aber meine Bekannte…” begann sie wieder. “Ich habe doch nur rumgefragt!” Lucie sah sie jetzt an. “Und vielleicht war genau das der Fehler. Jemand wollte verhindern, dass Sie Ihren Deal verlängern und hat das Untoten-GPS auf Sie angesetzt.” Teresas Unterlippe zitterte, und Lucie hatte Angst, dass sie gleich anfing zu weinen. Doch sie tat nichts dergleichen, sondern wies stattdessen Hank den Weg zu ihrem Haus in Kingman.

Lucie legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. Wann bin ich eigentlich in diese Gesellschaft geraten? Warum bin ich das? Ich fahre in einem gestohlenen Truck durch Arizona, neben mir eine Mörderin mit Dämonendeal und zwei Trickbetrüger, von denen der eine irgendwie mit mir verheiratet ist. Mieses Karma, Beauchene. Ganz mieses Karma. Eine andere Erklärung gibt es da nicht.

Hank parkte den Wagen jetzt vor einer schicken Stadtvilla, oder eigentlich mehr Stadtrand-Villa, und sie stiegen aus. Die Vögel zwitscherten, entfernt war Strassenlärm zu hören und Kinderlachen. Eine normale gutsituierte Wohngegend. Keine Höllenhunde. Teresa schien sich etwas zu entspannen und ging zur Tür. Mit einem Aufschrei blieb sie jedoch plötzlich stehen. “Alles weg!” rief sie, “es ist alles weg!” Lucie eilte zu ihr, und tatsächlich, es war noch zu erkennen, wo die Zeichen einmal angebracht gewesen waren. Jemand hatte sorgfältig alles entfernt, was Schutz vor Höllenhunden bot. “Ich muss hier weg!” Bevor einer der drei sie aufhalten konnte, rannte Teresa zur Garage des Hauses und fuhr wenige Sekunden später mit einem kleinen Sportwagen davon. Lucie lief ihr ein Stück hinterher, doch natürlich holte sie sie nicht mehr ein. Sie fand nur noch Teresas Handtasche, in der sie nach kurzer Inspektion einen Haufen Bargeld fand sowie unverbrauchte Zutaten für weitere Schutzzeichen.

Lucie ging zurück zu den beiden Männern. Sie hatte das Gefühl, versagt zu haben. Es war ihr nicht gelungen, Teresa zu retten, es war ihr nicht gelungen, Frank zu retten, und sie hatte noch dazu erfahren, dass Nick einen Deal hatte. Sie war müde, ihr Bein schmerzte und sie fühlte sich, als könnte sie eine Woche am Stück schlafen. Missmutig lief sie hinter den beiden Männern ins Haus – was auch immer sie dort noch zu finden hofften – und blieb im Wohnzimmer vor einem großen Blutfleck stehen. Hier war Frank zum ersten Mal gestorben, erschossen von seiner eigenen Ehefrau, die für ihre Kleinmädchenträume ihre Seele gegeben hatte. Was würdest du für deine Kinderträume geben?

Während Hank durch das Haus lief, blieb Nick schweigend neben ihr stehen. Sie tastete nach seiner Hand, und er erwiderte diese Geste. Lass mich nicht allein. Irgendwann zog er sie an sich und hielt sie fest, die Arme schützend um sie gelegt. Bleib bei mir. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie ganz woanders waren, ohne Höllenhunde, ohne Deals, ohne obsessive Feds und merkwürdige Trickbetrüger. Allein. Nur du und ich. Nie wieder Flucht.

In diesem Moment hörten sie das Geräusch eines startenden Motors, und beinahe zeitgleich kam Hank wie ein Irrer die Treppen heruntergehetzt, er sah sie beide nicht an, sondern rannte nach draußen zur Garage. Wenige Minuten später kam er wieder zurück ins Haus, abgehetzt und mit einem Gesichtsausdruck, den Lucie kannte. Cruz. Er sieht aus wie Agent Cruz. Du bist müde und überreizt, Beauchene. Er sieht aus wie ein Typ, der schnell gerannt ist, nicht mehr. Nick war jedoch wesentlich misstrauischer. “Was war das für ein Motorengeräusch?” wollte er wissen. “Ein Tesla”, meinte Hank und grinste, doch Nick schüttelte den Kopf. “Das war ein Porsche.” Er warf dem Anderen einen langen Blick zu, doch der ließ sich davon nicht beeindrucken. “Ihr seid ok?” fragte er. Wieder dieses Gehetzte. Lucie nickte, und auch Nick bewegte langsam den Kopf. “Dann wünsche ich euch was. Bis bald!” Mit diesen Worten verschwand Hank aus ihrem Blickfeld. Lucie sah Nick fragend an, doch der zuckte nur mit den Achseln. Offenbar konnte er sich auch keinen Reim darauf machen.

Ein Geräusch an der Tür ließ sie beide herumfahren. War Hank doch zurück gekommen? Aber es war nicht Hank, der dort stand, sondern Frank, oder vielmehr das, was von ihm übrig geblieben war. Er hatte es offensichtlich geschafft, den Höllenhunden zu entkommen, aber er war über und über mit Bissen und Kratzspuren übersät, seine Kleidung war nur noch Fetzen. Lucie warf Nick einen Blick zu, und der verstand. Wenn sie schon nicht Teresa hatten helfen können, sie konnten wenigstens ihn erlösen. Lucie ging zu ihm und befahl ihm, sie anzusehen, während Nick sich an seinem Rücken zu schaffen machte und das Tongefäß entfernte. Augenblicklich sackte Frank wieder in sich zusammen, ironischerweise genau dort, wo er bereits einmal den Tod gefunden hatte.

Lucie schluckte. Nicht weinen, Beauchene. Große Mädchen weinen nicht. Und du bist ein großes Mädchen. “Glaubst du… glaubst du das mit dem Porsche?” fragte sie Nick. “Kein Wort. Aber ich habe gerade keine Lust herauszufinden, wer das in dem Auto war.” Sie nickte, das war ihr im Moment auch nicht wirklich wichtig. “Komm”, sagte er nur und legte wieder den Arm um ihre Schulter,” fahren wir zurück nach Seligman.”

Als sie wieder vor dem Roadhouse standen, Nick an seiner Corvette, Lucie bereit, die Bonneville aus der Küche zu holen, merkte sie, wie die Anspannung von ihr abfiel. Sie taumelte kurz, fing sich dann aber wieder. Nick sah sie besorgt an. “Alles in Ordnung?” fragte er, und sie schüttelte den Kopf. “Morrissey, ich will heute nacht nicht alleine sein.” Jetzt war es raus. Geh nicht. Er schien zu überlegen. “Ok. Wir können noch was trinken gehen, wenn du willst…” bot er an. Sie schüttelte den Kopf. “Nein, ich meine, ich will heute nacht nicht alleine sein.” Er zog eine Augenbraue hoch. “Bist du sicher?” Er fasste sie an den Schultern und sah sie lange an. “Ich meine, wir hätten da noch eine Hochzeitsnacht offen…” Er lächelte, und Lucie konnte nicht anders und erwiderte es. War es das, was sie wollte, was sie brauchte? Dem Verlangen nachgeben, sich den Verstand aus dem Leib vögeln, nicht mehr an Morgen denken? Aber am nächsten Tag war immer noch alles wie vorher. Einfach nur um des reinen Aktes willen? Jetzt, hier, mit diesem Mann? Nein, das willst du nicht. Das wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, ein kurzes Vergessen, ein Höhenflug, nach dem du umso tiefer fällst. Nähe. Du brauchst menschliche Nähe und Wärme. Wann vor heute hat dich jemand einfach nur im Arm gehalten? War es sogar noch… davor? Aber sie konnte sich das nicht leisten, wollte sich das nicht leisten. Ich lasse nicht zu, dass meine Gefühle mich übernehmen. Das hier wird nicht gut ausgehen, auch wenn ich mir noch so oft sage, dass sich nichts ändern wird. Aber vielleicht glaube ich dann meiner eigenen Lüge.

“Du kommst mit mir.” Er ließ ihre Schultern los und streckte eine Hand aus, und vorsichtig ergriff sie sie. “Keine Widerrede. Und ich verspreche dir, ich werde nichts versuchen. Du bist eine tolle Frau, aber ich bin schließlich ein Gentleman.” Er grinste breit, und gegen ihren Willen musste Lucie lachen.

Viel später erwachte sie. Die billige Motel-Digitaluhr sagte, dass es kurz vor 5 sei. Lucie sah sich um. Sie lagen auf dem Motebett, Nick hinter ihr, sein Arm um ihre Hüfte gelegt. Er schlief tief und fest. Vorsichtig wand sie sich aus seiner Umarmung und legte ihm die Anzugjacke, die er ihr irgendwann zum Zudecken gegeben hatte, über. Lucie stand auf und sah den schlafenden Mann an. Ich würde bleiben. Aber ich kann nicht. Und eines Tages verrate ich dir vielleicht sogar, wieso. Wieso das mit uns beiden nicht gut ausgehen kann. Sie zog ihre Stiefel an und nahm Rucksack, Jacke und Helm und wollte sich hinaus stehlen, als ihr etwas einfiel. Eilig entnahm sie dem Rucksack einige Geldscheine und legte sie aufs Kopfkissen. Dann nahm sie einen der Zettel für die Minibar-Bestellungen und schrieb eine kurze Nachricht auf die Rückseite.

Lieber Nick,
danke für alles. Das Geld ist für deinen Anzug, weil der alte ja leider den Höllenhunden zum Opfer gefallen ist. Leider kann ich nicht bleiben. Wir werden uns bestimmt wiedersehen.

L.

Sie huschte in die Küche des Roadhouses, wo der Koch bereits mit seinem Tagwerk begann. Er sah sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an, als sie die Bonneville hinausschob. “Du hast niemanden gesehen”, sagte sie und hoffte, dass es nicht allzu sehr wie eine Drohung klang. Er nickte nur und half ihr, das Motorrad nach draußen zu schieben. Sie setzte sich den Helm auf und stieg auf, dann war sie verschwunden.

Comments

Niniane

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