Mädchenkram - Supernatural

Bad Company

Voodoo Trappings

Hazing clouds rain on my head
Empty thoughts fill my ears
Find my shade by the moonlight
Why my thoughts aren’t so clear
Demons dreaming
Breathe in, breathe in
I’m coming back again

(Godsmack – Voodoo)

Sie tanzen. In schnellen Bewegungen, ihre Körper verschmelzen mit der Musik, es ist ein einziger Reigen aus Farben und Leibern, im Fackelschein auf der dunklen Lichtung. Zwischen ihnen geisterhafte Wesen, die sich wie selbstverständlich dem Tanz anschließen. Meine Verwandten, meine lieben Basen und Vettern, sie tun, was so normal für ihresgleichen ist, sich der Tänzer bemächtigen, sie reiten, ihre Gliedmaße gehören jetzt den geisterhaften Schatten, und die Ekstase erreicht ihren Höhepunkt.
“Tetelo! Tetelo!”
Wie mit einer Stimme rufen sie jetzt nach ihr, und eine Frau tritt in den Kreis. Oder ist es doch eine große Katze? Die Flammen lassen alles verschwimmen, wer sind wir, wer bin ich?
“Oluwasegun! Komm zurück!”

“Celeste…”
Der Klang ihrer Stimme ließ mich auffahren. Ich war schweißgebadet, ganz so, als hätte ich wirklich getanzt, und die Decke des Bettes völlig zerwühlt. Als ich an mir heruntersah, stellte ich fest, dass ich immer noch meine Anzughose und ein Hemd trug, jedoch keine Schuhe oder Strümpfe. Ich wollte mich aufsetzen, doch jeder Muskel in meinem Körper schmerzte. Schließlich gelang es mir, und ich bemerkte, dass die Säume meiner Hosenbeine und meine Füße lehmverkrustet waren.

Wo bist du gewesen?

Die Stimme in meinem Kopf blieb stumm, was mich ein wenig verwunderte, denn bisher war “The Big Easy” für Eshu das göttliche Äquivalent zu dem Süßigkeitenladen für ein Kind gewesen. Er hatte ständig auf mich eingeredet und mich immer wieder für eine kurze Zeit übernommen, so dass ich mich gefragt hatte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, in diese Stadt zu kommen. Andererseits, was hätte ich dem Dekan erzählen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, der Orisha in meinem Kopf sollte besser nicht in die Nähe von Voodoo kommen? Nein, solange er niemanden mehr umbrachte, war alles in Ordnung. Er und ich waren eins, auch wenn mich das in Schwierigkeiten bringen sollte. Aber was konnte mir noch Schlimmeres passieren.

Mit diesen Gedanken stand ich auf, noch immer unter Schmerzen und ging duschen. Das heiße Wasser sorgte dafür, dass meine Muskeln sich wieder ein wenig lockerten, und auch der Lehm wurde von meinem Körper gewaschen.
Zumindest äußerlich frisch, ging ich zum Frühstück im Hotel-Restaurant. Auf dem Tisch, den mir der freundliche Kellner wies, lag eine Zeitung, und einem Instinkt folgend griff ich danach und schlug sie auf.

Der Voodoo-Killer hat wieder zugeschlagen!

Die Schlagzeile irritierte mich, doch ich las weiter, während der Kellner mir Kaffee einschenkte. Offensichtlich waren in den letzten acht Wochen immer wieder Menschen in New Orleans ermordet worden, und an den Tatorten hatte man Voodoo-Paraphernalia gefunden: Schwarze Federn, Blut, Vévés und dergleichen. Die Polizei tappte im Dunkeln und konnte weder ein Motiv ausmachen noch einen Verdächtigen vorweisen. Die an den Tatorten gefundenen Gegenstände seien zudem nicht echt, behauptete man, und alle Opfer seien von außerhalb gewesen, was wohl implizieren sollte, dass für die Einwohner keine Gefahr bestand.

Ich nahm einen Schluck Kaffee und las weiter den Artikel, dessen Schreibe unglaublich reißerisch war, bis ich zum nächsten Abschnitt kam:
“… allen Opfern wurde das Herz herausgerissen”. Hustend spuckte ich den Kaffee in hohem Bogen auf die Zeitung und die Tischdecke dahinter, so dass sofort der freundliche Kellner herbeigeeilt kam und mir zuerst einen Lappen reichte und dann eifrig Kaffee nachschenkte.

War es möglich? Hatte Eshu sich selbständig gemacht in der Nacht und war durch die Stadt gezogen und hatte den sieben Männern das Herz herausgerissen? Nein, verbesserte ich mich, war ich durch die Stadt gezogen und hatte die Morde begangen? Aber dann sah ich noch einmal auf den Zeitraum, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich in den letzten acht Wochen so oft unbemerkt nach New Orleans gereist war. Abgesehen davon, die kürzeste Verbindung ging immer noch durch die Luft, und Eshu hasste Flugzeuge, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Also zumindest die ersten sechs Morde konnte ich ausschließen, und dann überfiel mich die Erinnerung an die Hütte im nigerianischen Hochland. Den Geruch von Blut würde ich nie wieder vergessen, das Gefühl, ein menschliches Herz in der Hand zu halten. Nein, nichts dergleichen war heute morgen in meinem Hotelzimmer zu spüren gewesen, aber ich verspürte dennoch das Bedürfnis, mich zu vergewissern, dass ich wirklich nicht verantwortlich war.

Nach einer weiteren Tasse Kaffee und einem kleinen Frühstück – der Hunger war mir vergangen, aber ich musste etwas essen – machte ich mich auf den Weg zum Polizeipräsidium. Immerhin war ich promovierter Afrikanist, es wäre also kein großes Problem, dort meine Hilfe anzubieten und dabei gleichzeitig herauszufinden, was wirklich passiert war.

Der wachhabende Beamte nahm meine Vorstellung gleichgültig hin, aber von weitem konnte ich hören, dass er offensichtlich einige Schwierigkeiten mit meinem Nachnamen hatte. Ich seufzte, das war ich inzwischen gewohnt. Wenigstens hatte er mich nicht gefragt, wo ich herkam und woher ich so gut Englisch sprach.
Kurze Zeit später kam der Mann zurück und bedeutete mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein kleines Büro, wo an einem Schreibtisch ein Mann saß, der mir durchaus bekannt war: Special Agent Jonathan Saitou vom FBI. Es war lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten, tatsächlich kam es mir vor, als sei es eine Ewigkeit, wenn ich bedachte, was passiert war seit unserem letzten Zusammentreffen.

Agent Saitou begrüßte mich, er war offensichtlich gerade in das Studium der Akten zu dem Fall vertieft gewesen.
“Sie kennen sich doch mit so etwas aus?”, fragte er mich und schob mir ein Foto über den Tisch, auf dem etwas zu sehen war, dass aussah wie ein Ausschnitt aus einem haitianischen Vévé. Ich nickte, auch wenn Voodoo und Voudoun eigentlich nur Randerscheinungen meines Studienfaches waren. Aber wie der Agent sagte, ich kannte mich damit aus. Anscheinend war er froh, Hilfe zu haben, denn er fütterte mich umgehend mit allen Informationen, die er hatte. Ich war jetzt wohl offizieller Berater des FBI, was ich angesichts meiner morgendlichen Überlegungen ein wenig seltsam fand, aber ich sagte nichts dazu. Der Agent würde früh genug merken, dass ich nicht mehr alleine war in meinem Kopf.

Ich las mir den Bericht durch, den er mir gegeben hatte, und erfuhr, was es genau mit dem “Voodoo-Killer” auf sich hatte: Bisher hatte es in den letzten acht Wochen sieben Morde gegeben; das jüngste Mordopfer war gestern erst gefunden worden. Alle Mordopfer stammten aus Chicago, alle waren Männer unterschiedlichen Alters, und alle schienen in irgendeiner Verbindung zur dortigen Mafia zu stehen. Ich merkte, wie ich kurz stutzte bei dieser Information. Was hatte die Mafia mit Voodoo zu tun? Aber genau diese Frage stellte die Polizei sich mit Sicherheit auch.
Ich fuhr mit meiner Lektüre fort, denn das war lange noch nicht alles, was ich bisher erfahren hatte. Alle Leichen-Fundorte befanden sich im Freien, im Grünen, einige am Wasser; am Lake Pontchartrain oder im Bayou St. John, aber andere auch in städtischen Parks. Die Tatzeit war jeweils mitten in der Nacht; Zeugen gab es keine: niemand hatte etwas gesehen oder gehört. An allen Tatorten wurden Hinweise auf Voodoo gefunden: Blut von Ziegen und Hühnern, Hühnerfedern, Mehl, Wachs von schwarzen und roten haushaltsüblichen Kerzen, Fasern, eine Schlangenschuppe, ein Fetzen Leopardenfell. Das gesamte Programm also. Kein Wunder, dass Eshu sich hier so wohlfühlte. Rot und schwarz, seine Farben. Wieder fragte ich mich, ob er nicht doch an einem Ritual in der letzten Nacht teilgenommen hatte, und ob ich zumindest für den letzten Mord verantwortlich war.
Mein Verdacht wurde auch mit dem nächsten Absatz nicht zerstreut, es waren Fußspuren von den bloßen Füßen mehrerer Personen gefunden worden. Passte einer davon zu meinen Füßen? Oder sah der Lehm auf einem der Bilder so aus wie der, den ich am Morgen in der Dusche des Hotels abgewaschen hatte?
Ich blätterte schnell weiter, um meine Bedenken wieder zu zerstreuen. Jetzt folgte eine Liste mit weiteren Dingen, die die Spurensicherung im Boden gefunden hatte, da waren unter anderem die Druckstellen eines Segé Madoulé, eines rituellen Kindersargs, sowie in den Boden gezeichnete oder mit Mehl gestreute Muster. Letztere waren jedoch wieder verwischt worden, an jedem Tatort waren lediglich Reste davon übrig.
Hier waren noch mehr Fotos zu sehen wie das, was mir Agent Saitou gleich nach der Begrüßung gereicht hatte. Als ich alle Bilder sah, erkannte ich auch, dass es sich tatsächlich um ein Vévé handelte, also ein rituelles Muster für Voodoo-Zeremonien, von denen jeder Stamm bzw. jede Voodoo-Gemeinschaft ihr eigenes verwendete. Es gelang mir, aus den Einzelfotos das komplette Vévé zusammenzusetzen, ich fotografierte es mit meinem Smartphone. Die Symbole darauf waren mir durchaus vertraut, sie standen für bestimmte Loas, von denen ich die allgemein bekannten – Dambala, Ogoun Badagris, Erzulie und Papa Gédé – identifizieren konnte. Ein Zeichen jedoch hatte ich noch nie gesehen, vermutlich war es ein lokaler Loa oder der einer Gruppierung, die nur hier ansässig war.

Ich berichtete Agent Saitou meine Gedanken zu seinem Bericht, und er hörte mir interessiert zu.
“Was genau hat es mit diesen Loas auf sich?”, wollte er dann wissen. Er stützte die Arme auf den Tisch und faltete die Hände, wobei er mich erwartungsvoll ansah. Ich nickte nur, wenn ich überall solche interessierten und gelehrigen Zuhörer hätte, wäre meine Arbeit noch einmal so schön.
“Loas sind Geister, die als Gottheiten verehrt und angerufen werde. Diese Geister können die Geister von Elementaren, Tieren, Orten, aber auch von Personen sein, die sich zu Lebzeiten besonders hervorgetan haben und nach ihrem Tod zu Loas werden. Bei den Voodoo-Zeremonien, denen ein Priester, ein sogenannter Houngan und eine Priesterin, eine Mamaloa, vorsitzen, tanzen sich die Gläubigen in Extase und rufen unter Anleitung der Priester die Loa an, erflehen ihre Gunst und Gnade. Es ist gang und gebe, dass die angerufenen Loa erscheinen und die Gläubigen besetzen; dieser Vorgang wird “reiten” genannt, als sei der Loa der Reiter und der Gläubige das Pferd.”
Ich machte eine kurze Pause und fasste mir an die Stirn. Ein Zucken in meinem Rücken hatte mich abgelenkt, ich befürchtete, dass Eshu jeden Moment genau das tun würde, was ich dem Agent eben beschrieben hatte. Unsere Beziehung ging zwar tiefer und war dauerhafter als die zwischen Loa und Voodoo-Anhänger, aber im Grunde war es genau das Gleiche.
Ich war bereit, zu flüchten, doch außer einem kurzen Schmerz passierte nichts. Mit einem Seufzen fiel mir ein, dass ich auch nicht mehr der Jüngste war, und ich fuhr mit meinem Vortrag fort.
“Menschenopfer sind im Vodoun zwar theoretisch nicht ausgeschlossen – wenn der Loa eines fordern würde, dann müssten die Gläubigen es bringen – kommen aber in der gelebten Praxis des Voodoo eigentlich niemals vor.”
“Danke, das hat mir schon sehr geholfen”, bedankte der Agent sich, dann stand er auf.
“Ich wollte mir den jüngsten Tatort noch einmal ansehen. Wollen Sie mich begleiten?” Ich nickte, denn ich war einfach zu neugierig, zu erfahren, was es mit all dem auf sich hatte.

Wir fuhren zur Strandpromenade des Lake Pontchartrain, wo auf einer Rasenfläche immer noch das gelbe polizeiliche Absperrband flatterte. Gerade, als der Agent mir etwas erklären wollte, fielen mir zwei junge Frauen auf, die zu uns herübersahen. Die eine war zierlich, ihre blonden Haare hoben sich gegen die schlichte dunkle Kleidung ab. Die andere hatte dunkle Rastazöpfe und trug eine große dunkle Hornbrille, sie kam mir vage bekannt vor.
Als die beiden näher kamen, sah ich auch, woher ich sie kannte: Das war Natalie Bishop, die bei mir in einem Ethnologieseminar saß. Außerdem war ich ihr auch auf dieser seltsamen Gala in Hollywood begegnet, aber das war inzwischen so weit weg, dass ich es fast vergessen hatte.
Sie kam jetzt näher und begrüßte mich lächelnd.
“Dr. Akintola, was machen Sie denn hier?”, wollte sie wissen. Ich zog nur eine Augenbraue hoch und betrachtete meine Studentin, die ich eigentlich ein paar hundert Meilen nördlich in der University of Vermont vermutet hatte.
“Ich denke, das Gleiche könnte ich Sie auch fragen, Miss Bishop”, gab ich zurück, wobei ich mir Mühe gab, nicht den strengen Dozenten raushängen zu lassen.
“Der Fachbereich Bibliothekswesen hat mich hergeschickt, ich sollte für sie bei einer Auktion ein Buch ersteigern. Mary Ann – Miss Young – wollte das ebenfalls, aber wir sind beide überboten worden.” Sie klang jedoch nicht im Geringsten enttäuscht, offenbar hatte das Zusammentreffen mit der anderen Frau sie für den Verlust entschädigt.
Ich betrachtete Mary Ann Young nachdenklich. Als Erstes fiel mir das Kreuz auf, das sie um den Hals trug. Es wirkte nicht, als sei es nur Schmuck, und ich spürte, dass ich keinen gesteigerten Wert darauf legte, nähere Bekanntschaft mit ihr zu machen. Als Anglikaner war es mir nicht möglich, die Church of Nigeria formell zu verlassen, aber im Geiste gehörte ich ihr seit dem Tod meiner Frau nicht mehr an. Alles, was den Ruch von Christentum an sich hatte, war mir inzwischen zutiefst suspekt.
“Woher kennen Sie sich?” wollte Agent Saitou jetzt wissen, und ich stellte ihm Natalie vor. “Ich hab’ Sie auch auf dieser Gala gesehen. Die, wo es… seltsame Zwischenfälle gab”, ergänzte Natalie, dann deutete sie wieder auf ihre Begleiterin.
“Miss Young kenne ich übrigens aus New Mexico. Da gab es auch einen Zwischenfall, den haben wir mit Barry Jackson zusammen geklärt.” Bei diesen Worten warf ich einen zweifelnden Seitenblick auf die Geistliche, doch sie nickte nur. Mir lag eine spitze Bemerkung auf der Zunge, doch ich schluckte sie herunter und machte die Damen mit Agent Saitou bekannt, den ich ebenfalls als Eingeweihten vorstellte.
“Wie uns das alles immer wieder zusammenführt”, meinte Natalie Bishop leichthin, und Mary Ann ergänzte: “Es gibt keine Zufälle. Alles ist vorherbestimmt.”
Jetzt war es mit meiner Ruhe vorbei.
“Solange Sie nicht glauben, dass der da Sie hergebracht hat”, erklärte ich ihr abfällig, wobei ich auf ihr Kreuz deutete. Sie ließ sich von mir jedoch nicht irritieren.
“Gott führt alle unsere Wege”, meinte sie, und ich war mir sicher, dass sie diesen Unsinn wirklich glaubte. Aber ich beließ es dabei, ihre Aussage mit einem verächtlichen Schnauben abzukanzeln und nichts mehr zu sagen. Vielleicht würde ja auch Mary Ann Young eines Tages begreifen, dass ihr lieber Gott sich weder für sie noch für irgendjemand anderen auf diesem Planeten interessierte.

“Aber was machen Sie denn nun hier?” wollte Natalie jetzt wissen. Vermutlich wollte sie das Gespräch wieder in unverfänglichere Gefilde bringen. Agent Saitou und ich erzählten den beiden Frauen, was passiert war, allerdings ohne allzu viele Details zu verraten, denn immerhin waren das laufende Ermittlungen.
“Wer könnte denn ein Interesse an solchen Morden haben?” fragte Mary Ann Young, nachdem wir unseren Bericht abgeschlossen hatten.
“Da gibt es einige. Vielleicht die örtliche Mafia, oder ein anderes Verbrechersyndikat”, vermutete Agent Saitou.
“Was ist denn mit Spuren?” wollte Natalie jetzt wissen, während sie einen Blick zurück auf das Areal warf, um das noch das gelbe Absperrband flatterte.
“Einige, aber ich kann Ihnen natürlich keine Einzelheiten nennen”, antwortete der Agent. Ich überlegte einen Moment, aber dann zog ich mein Telefon aus der Innentasche meiner Jacke und hielt Saitou das Bild des Vévé hin.
“Wir könnten uns im French Quarter umsehen, dort finden wir sicher jemanden, der uns sagen kann, was das für ein Symbol ist, das ich nicht kenne”, schlug ich vor.
Der Agent nickte, und er fragte die beiden jungen Frauen, ob sie sich uns anschließen wollten. Da sie beide im Moment nichts zu tun hatten – sie hatten erst morgen einen Termin mit der Käuferin des Buches – nickten sie und begleiteten uns zum Wagen des Agents.

Das French Quarter war das Viertel, das am ehesten typisch New Orleans war. Es war auch das touristische Viertel, hier reihten sich Cafés und Restaurants an Voodoo-Läden, die teilweise Nippes und teilweise echtes Ritualzubehör verkauften, an den Häusern sah man die Balkone am zweiten Stock, die so gerne fotografiert wurden, und überallher ertönte Musik: Zydeco, Bluegrass und Cajun, und ab und an ertönte das Trommeln eines Straßenmusikers. Es war ein buntes Treiben, das noch von den verschiedenen Gerüchen, die von überall her auf uns einströmten, unterstrichen wurde.

Ich hätte es wissen müssen.

Es ging so rasend schnell, dass ich nicht einmal mit ihm reden konnte, und auf einmal spürte ich, wie drei Augenpaare auf mir ruhten. Mein Gefühl hatte mich nicht getrogen, er hatte es schon wieder getan. Instinktiv sah ich auf meine Hände, aber sie waren sauber, kein Blut war zu sehen.
“Können Sie uns das erklären?” wollte Agent Saitou wissen, und seine ganze Körpersprache sagte, dass er nicht gerade begeistert war über das, was passiert war. Auch Miss Bishops Gesichtsausdruck sprach Bände, und ich hoffte, dass Eshu ihr nicht allzu nahe getreten war. Hübsche Frauen waren nunmal etwas, was ihn sehr interessierte.
“Ja, kann ich”, antwortete ich, denn leugnen war völlig zwecklos. “Aber nicht hier. Vielleicht können wir uns irgendwo zurückziehen.” Der Agent und die beiden Frauen nickten, und kurze Zeit später saßen wir in einer ruhigen Ecke in einem kleinen Café, und ich begann zu erzählen: Von der Apokalypse, und wie Eshu sich in meinem Kopf eingerichtet hatte. Dass er mich bisweilen übernahm, und ich dann nicht wusste, was passiert war.
“Und das war also Ihr… Mitbewohner, den wir da eben gesehen haben?” Agent Saitou schien skeptisch zu sein, er sah mich misstrauisch an.
“Nennen Sie ihn bitte nicht ‘Mitbewohner’. Er ist… etwas Anderes.”

Er ist ein Teil von mir. Die Yoruba glauben, dass Zwillinge sich eine Seele teilen. Zweimal wurde meine Seele bereits halbiert, als Daya verschwand und als Celeste starb. Eshu hat diesen Platz eingenommen. Er ist meine zweite Hälfte, mein dunkler Zwilling. Wir sind für immer miteinander verbunden, denn ein drittes Mal wird es nicht geben.

“Wie Sie meinen.” Der Agent schien nicht zufrieden zu sein, aber er sagte nichts mehr dazu. Stattdessen berichtete mir Natalie jetzt freimütig, was ihr widerfahren war. Ein Handkuss und Komplimente, von oben herab, das sah ihm ähnlich. Aber sie lächelte schon wieder, offensichtlich nahm sie weder mir noch ihm die ganze Sache besonders übel.
“Aber es gibt doch Mittel und Wege, so etwas loszuwerden.” Mary Ann Young sah mich fragend an, und für einen Moment war ich versucht, ihr meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Christen… glaubten, ihr lieber Gott sei ein Allheilmittel für alles.
“Vielleicht möchte ich das gar nicht?” fragte ich sie, und als sie mich nur betroffen ansah, merkte ich, dass mein Tonfall doch schärfer gewesen war, als ich beabsichtigt hatte. Mary Ann Young war kein Mitglied der Glaubenskongregation, das versuchte, mich unter Druck zu setzen, sie war kein fanatischer Ozark-Christ, und schon gar nicht war sie ein Engel, der aus lauter Langeweile den Himmel in Brand stecken wollte. Im Gegenteil, sie wirkte freundlich und offen, und sie meinte die Dinge, die sie sagte, aufrichtig und ehrlich.

“Wann gedachten Sie, uns mitzuteilen, dass Sie nicht alleine unterwegs sind?” wollte Agent Saitou wissen, und als ich nicht gleich antwortete, setzte er hinzu: “Verstehen Sie mich nicht falsch, aber gerade in Anbetracht der Umstände hätte ich schon gerne gewusst, zu was Sie in der Lage sind.”
Bevor ich antworten konnte, sprang mir Miss Young zur Seite:
“Hören Sie, das ist ja nun nichts, was man den Leuten gleich auf die Nase bindet. Ich kenne Dr. Akintola erst seit ein paar Stunden, und ich kann verstehen, dass er mir das nicht erzählt hat.”
Der Agent schüttelte den Kopf, dann stellte er die Frage, vor der ich mich den ganzen Tag gefürchtet hatte:
“Kann dieser… Orisha für diese Morde verantwortlich sein? Ist das möglich?”
“Ich… Nun, ich hätte in mehreren Nächten von Vermont hierhin fliegen müssen, und glauben Sie mir, es gibt wenige Dinge, die Eshu hasst, aber Flugzeuge gehören dazu.”
“Aber ist es theoretisch möglich? Könnte er jemanden töten? Oder hat er das sogar schon einmal getan?” Der Agent ließ nicht locker, und für einen Moment überlegte ich, ob ich ihm alles erzählen sollte. Aber ich spürte einen Widerwillen, diese Geschichte Menschen zu erzählen, die mir nicht so nahestanden wie beispielsweise Ethan. Selbst Cornelius wusste nur Bruchstücke von dem, was passiert war, und er war immerhin Familie.
“Ja, theoretisch ist das möglich. Aber warum hätte er das tun sollen?” Ich hoffte, dass diese Frage den Agent ablenkte, denn ich war mir ja selbst nicht sicher, ob ich nicht zumindest in den letzten Mord verwickelt gewesen war.
“Sagen Sie mir das, Sie sind der Experte. Ich will vor allen Dingen sicher sein, dass Ihr Orisha nicht gefährlich ist und dass diese Gruppe bei ihren Ritualen neben den anderen Loas nicht auch Eshu dazu holt”. Agent Saitou blieb ruhig wie immer, doch sein Tonfall nahm eine Schärfe an, die ich bisher nicht bei ihm gehört hatte. Daher schluckte ich meine Bemerkung herunter, dass wenn überhaupt, Elegba erscheinen würde.
“Ich kann Ihnen keine hundertprozentige Garantie darauf geben, denn es ist möglich, dass der Orisha noch andere Avatare hat, aber das Vévé hatte kein Symbol, das auf Eshu oder Elegba hingedeutet hat.”
Der Agent nickte, und für den Moment schien er mit dieser Aussage zufrieden. Schweigend tranken wir unsere Getränke, die wir mehr zur Tarnung vor uns stehen hatten.

Das Vévé war immer noch unsere wichtigste Spur, und so beschlossen wir, die Läden im French Quarter abzulaufen, vielleicht konnte uns dort jemand weiterhelfen.
Gleich im ersten Laden, den wir betraten – alt, klein, dunkel und bis unter die Decke vollgestopft mit allerlei Zeug – wurden wir Zeuge, wie der Besitzer gerade eine alte Kreolin bediente. Sie schien zu zögern, die Zutaten für den Zauber wirklich zu kaufen, immer wieder berief sie sich auf ihren “Herrn Jesus” und die Jungfrau Maria, aber dennoch glaubte sie, dass ihre Nachbarin sie mit einem Fluch belegt hatte, so dass sie nicht mehr schlafen konnte. Der Verkäufer des Ladens überzeugte sie jedoch, ein Gris Gris zu kaufen, ein Amulett, das sie unter der Vordertreppe ihrer Nachbarin vergraben sollte. Dann würde jeder Fluch, mit der die Nachbarin sie belegt habe, auf eben diese zurückgeworfen.

Ich hörte diesen Ausführungen mit Interesse zu, während ich mich gleichzeitig in dem Laden umsah. Vieles von dem, was hier in Kistchen, Gläsern und Tütchen herumstand, war nur Nippes für die Touristen, die sich gerne gruseln wollten, aber eine Menge der Zutaten waren echt und in den falschen Händen nicht ungefährlich. Da der Ladeninhaber auf mich nicht den Eindruck eines völligen Idioten machte, der Touristen das Geld aus der Tasche ziehen wollte, zog ich mein Telefon aus der Anzugtasche und wartete, bis die alte Dame gegangen war. Dann trat ich an den Verkaufstresen und hielt dem Mann das Bild hin.
“Haben Sie das hier schon einmal gesehen? Gehört das zu einer der Voodoogruppen der Stadt?” wollte ich wissen. Der Mann sah mich mit großen Augen an, er schluckte und begann hektisch, etwas in seinem Kassenbuch aufzuschreiben.
“Nein. Nie gesehen. Kann ich sonst etwas für Sie tun? Wenn nicht, verschwenden Sie bitte nicht meine Zeit. Ich bin sehr beschäftigt.” Man musste kein großer Psychologe sein, um zu sehen, dass der Mann log, aber ich wusste, dass mir die nötigen Druckmittel fehlten. Ich gab Agent Saitou ein Zeichen, und er kam näher.
“Sind Sie sicher?” fragte er den Verkäufer, doch der schüttelte nur energisch den Kopf.
“Sir, ich bin vom FBI und ermittle in einer Mordsache. Es wäre also gut, wenn Sie mit uns kooperieren würden.” Aber selbst der Ausweis des Agents schien ihn nicht zu beeindrucken, er sah durch uns hindurch und schrieb eifrig Zahlen und Kürzel auf das Karopapier.
“Sie können uns vertrauen.” Mary Ann Young war unbemerkt zu uns an den Tresen getreten, mit einem warmen Lächeln sah sie den Mann an.
“Ich… äh… ich habe die Waren, die Sie brauchen, nicht hier vorne. Ich muss dafür erst ins Lager”, erklärte der jetzt und erhob dabei seine Stimme. Er ging langsam in Richtung eines Vorhangs hinter seinem Verkaufstisch. Ich wartete nicht ab, sondern folgte ihm, und meine Begleiter schlossen sich mir an.
Kaum standen wir alle im Warenlager des Ladens, winkte der Verkäufer uns alle nahe zu sich heran, dann flüsterte er:
“Es gibt in dieser Stadt ein Voodoo-Kartell, das den Drogenhandel und auch das übrige organisierte Verbrechen in seiner Hand hat. Die sehen alles, die hören alles, und die wissen auch, wenn Leute mit jemandem reden.” Er war jetzt kurz davor zu weinen, und ich spürte, wie sehr er sich vor der Rache des Kartells fürchtete.
“Wenn die rauskriegen, dass ich geredet habe, dann bin ich tot. Und es wird kein schöner Tod.” Nervös sah er in Richtung Laden, dann zur Hintertür, dann wieder zu uns.
“Wenn Sie befürchten, dass man Ihnen etwas antut, kann ich eine Unterbringung in einem Safehouse für Sie arrangieren”, meinte Agent Saitou, und der Mann atmete auf.
“Wir brauchen aber noch einen Namen”, fuhr der Agent fort, und augenblicklich war wieder das nervöse Flackern in den Augen des Verkäufers zu sehen.
“Gedde. Maddox Gedde.” Es war beinahe nicht zu verstehen, weil der Mann so leise flüsterte.
Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, sahen Mary Ann und Natalie sich überrascht an.
“Wir haben Ihnen doch von der Versteigerung erzählt. Dort wurden wir von einer Miss Gedde überboten. Malia Gedde. Wir haben eine Verabredung mit ihr, morgen früh, damit wir das Buch kopieren können”, erzählte Mary Ann jetzt.

Wir verabschiedeten uns von dem Verkäufer und verließen den Laden. Kaum vor der Tür, entschuldigte Agent Saitou sich und zückte sein Telefon. Er hatte einige Anrufe zu machen.
“Ob dieser Maddox Gedde der Vater von Malia ist?” überlegte Natalie, dann nahm auch sie ihr Telefon zur Hand und begann, etwas darauf einzutippen. Kurze Zeit später konnte sie uns mitteilen, dass Maddox Gedde mitnichten der Vater von Malia war, sondern ihr Bruder – ihr Zwillingsbruder, um genau zu sein. Diese Information ließ mich aufhorchen, aber Natalie hatte noch mehr herausgefunden. Seit dem Tod der Eltern führten die Geschwister die Geschäfte der Familie, die sich hauptsächlich mit Immobilien, Holdings und Investment beschäftigten. Die Geddes selbst waren seit 1800 in New Orleans ansässig und gehörten zu den prominentesten Familien der Stadt. Maddox Gedde schien das Bad in der Menge zu mögen, während seine Schwester sich eher zurückhielt und sich den schönen Künsten widmete: Oper, Ballett und klassische Konzerte waren die Veranstaltungen, auf denen man sie antreffen konnte. Außerdem betätigte sie sich karitativ in verschiedenen Einrichtungen, auch wenn auf den meisten Fotos für die Presse auch ihr Bruder in die Kamera lächelte.

Während Agent Saitou ein erneutes Telefonat führte, rief ich Cornelius an. Mein Schwager war schließlich nicht nur ein renommierter Professor, sondern kannte sich auch in übernatürlichen Kreisen aus.
“Nelson. Wie schön, dass du anrufst.”
Cornelius klang aufgeräumt wie immer, im Hintergrund hörte ich leise Klaviermusik. So gut kannte ich ihn inzwischen schon, dass ich wusste, dass er sich dann im Büro befand.
“Störe ich?” fragte ich vorsichtig.
“Nein. Was kann ich für dich tun?” Wahrscheinlich würde er immer noch so höflich reagieren, wenn ich ihm die ganze Wahrheit über das, was in Nigeria geschehen war, erzählen würde. Aber ich verwarf diesen Gedanken wieder und konzentrierte mich auf das, was ich wissen wollte.
“Sagen dir die Namen Malia und Maddox Gedde was? Zwillinge, ziemlich reich, stehen in Zusammenhang mit Voodoo.” Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Vielleicht war es nur mein schlechtes Gewissen, aber ich glaubte zu hören, wie Cornelius Luft einsog. Zwillinge. Während meine Seele sich wieder aufgefüllt hatte durch Eshu, war seine für immer zerrissen worden, als Celeste ermordet worden war. Für einen kurzen Moment hatte ich Angst, dass Professor Hamilton einfach auflegte, aber dann sprach er in seinem leisen und freundlichen Dozenten-Tonfall weiter.
“Diese Geschwister jetzt nicht, aber der Name ‘Gedde’ durchaus. Sie stammen von einer bekannten Praktiziererin ab, die 1790 nach dem Sklavenaufstand von Santo Domingo nach New Orleans kam. Mehr weiß ich jetzt allerdings nicht.”
“Danke.” Ich wollte mich verabschieden, aber er hielt mich noch zurück.
“Nelson, komm bald wieder nach Cambridge. Und ich meine nach Cambridge, nicht zum Mount Auburn.”
Ich seufzte leise, aber ich versprach ihm, dass ich mich melden und bald wieder vorbeikommen würde.

Nachdem ich aufgelegt hatte, berichtete ich kurz, was mein Schwager mir erzählt hatte. Auch Agent Saitou hatte neue Informationen für uns, er hatte sich beim FBI in Chicago nach den Fällen erkundigt, und dort hatte man anscheinend nur auf seinen Anruf gewartet. Einer der in Chicago ansässigen Mafiaclans, die Familie Cantozzi, hatte versucht, in New Orleans Fuß zu fassen und in letzter Zeit Vertreter ihres Clans in den Süden geschickt. Seit Kurzem schienen sie jedoch wieder zurückzurudern, was dieses Vorhaben anging.

“Hm,” machte Natalie jetzt, “ob der Voodoozirkel die fehlenden Herzen den Cantozzis vielleicht zur Abschreckung geschickt hat? Oder” – jetzt begannen ihre Augen hinter der Brille zu leuchten – “vielleicht wollten die Geddes mit den Herzen ihre Opfer als Zombies wieder beleben.” Ich lächelte, aber dann schüttelte ich den Kopf. Zumindest letzteres hielt ich für unwahrscheinlich, und ersteres wäre beim FBI in Chicago sicher bekannt gewesen. Aber mir gefiel ihr Eifer, und so sagte ich nichts.

Am nächsten Tag begleiteten Agent Saitou und ich Natalie und Mary Ann Young zu ihrem Termin bei Malia Gedde.
Die Geddes wohnten mitten im Garden District, ein Viertel, das aussah wie aus einer anderen Zeit. Weiße Südstaatenvillen mit den typischen Säulenveranden ragten hinter akkurat gestutzten Büschen hervor, und das Anwesen, dessen Auffahrt wir nun hochgingen, war keine Ausnahme. Alles war makellos gepflegt und sah aus wie aus einem Katalog oder einem Film. Der Butler, der uns nun in einer perfekten Livree die Tür öffnete, erstaunte mich daher keineswegs, erst recht nicht, als er mit Oxford-Akzent fragte:
“Ja bitte? Sie wünschen?”
“Wir haben eine Verabredung mit Ms. Gedde”, erklärte Natalie ihm lächelnd, die Miene des Mannes verzog sich jedoch nicht im Geringsten.
“Oh wirklich? Interessant. Was ist die Natur Ihrer Verabredung?”
“Wir sind hier wegen eines Buches, das Miss Gedde gestern auf einer Auktion ersteigert hat. Sie hat mir und meiner Kollegin hier -” mit einer Handbewegung deutete sie auf Mary Ann – “angeboten, es anzusehen und eine Kopie zu machen für die Universität.” Natalie lächelte weiter, ein ehrliches, aufmunterndes Lächeln, doch noch immer prallte ihr fröhliches Naturell an dem Mann ab.
“Oh wirklich? Interessant. Bitte warten Sie hier.”
Er drehte sich um und verschwand im Inneren des Hauses, und Natalie ließ es sich nicht nehmen, den Akzent des Mannes nachzuahmen, während dieser noch in Hörweite war:
“Oh wirklich? Interessant!”
Wenn er es wirklich gehört hatte, war der Butler der Geddes zu sehr Profi, um sich auch nur eine Kleinigkeit anmerken zu lassen.

Einige Minuten später kehrte der Butler zurück und bedeutete uns, ihm zu folgen. Er führte uns in ein Besuchszimmer und erklärte dann, dass Miss Gedde gleich kommen würde.
Während wir warteten, sahen wir uns in dem Zimmer um. Jeder von uns untersuchte den Raum wahrscheinlich aus einem anderen Grund, mich interessierte in erster Linie die afrikanische Kunst, vieles davon Yoruba- und Ibo-Artefakte, aber auch einige namibianische und kenianische Stücke waren darunter. Über alles schien das altertümliche Porträt einer afrikanischen Frau zu wachen, die eine große Ähnlichkeit mit dem Foto von Malia Gedde hatte, das Natalie uns gezeigt hatte.
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Malia selbst trat ein. Sie war noch jung, vielleicht Ende 20, Anfang 30, und ziemlich hübsch. Zu einer anderen Zeit hätte ich eine Frau wie sie gefragt, ob sie mit mir einen Kaffee trinken geht und mich dabei angestellt wie ein verliebter Teenager.
Sie lächelte ein wenig unsicher angesichts des Besuchs, schließlich hatte sie nur Natalie und Mary Ann erwartet. Dennoch begrüßte sie uns alle mit der Professionalität einer Person, die es gewohnt war, sich schnell auf neue Situationen mit fremden Menschen einzustellen. Agent Saitou, ebenfalls ganz Profi, kam gleich zur Sache und fragte die junge Frau nach dem Bild.
“Oh, das ist Tetelo, meine Vorfahrin. Eine überaus beeindruckende Persönlichkeit nach allem, was ich weiß. Sie hat sich allen Widerständen zum Trotz als schwarze Frau einen Platz erarbeitet zu einer Zeit, als Sklaverei an der Tagesordnung war und damit den Grundstock für das gelegt, was Sie hier sehen.” Über ihre Familie zu sprechen, schien ein sicheres Pflaster für Malia zu sein, sie lächelte Agent Saitou freundlich an. Dann jedoch kam sie auf den düsteren Teil der Vergangenheit zu sprechen.
“Allerdings war ihr selbst kein glückliches Ende beschieden. Sie wurde von einem Lynchmob verbrannt, weil man sie verdächtigt hat, dass sie die Männer, die sie in die Sklaverei verschleppt hatten, umgebracht hat.” Mit diesen Worten wandte sie sich wieder ab und reichte jetzt Natalie und Mary Ann das Buch, dann rief sie nach dem Butler, der den beiden jungen Frauen dabei helfen sollte, ihre Kopie anzufertigen.
Mich interessierte die Geschichte Tetelos immer noch, da der Name etwas in meinem Kopf zum Klingeln brachte, aber ich konnte mich nicht mehr genau erinnern, was es war.
“Woher kam Ihre Vorfahrin?” fragte ich sie daher.
“Benin”, antwortete Malia leise, und ich nickte nur. Benin. Eine Yoruba wahrscheinlich, kein Wunder, dass Cornelius sie als Voodooienne kannte.

In diesem Moment kamen Natalie und Mary Ann wieder ins Zimmer, und Agent Saitou sah zuerst zu den beiden jungen Frauen, dann zu Malia Gedde.
“Praktizieren Sie Voodoo?” wollte er von ihr wissen.
Wenn sie eine Schauspielerin war, dann eine sehr gute, denn die Frage des Agents schien sie nicht im Geringsten zu überraschen. Sie nickte, und der Agent fuhr fort und fragte sie jetzt nach den Morden.
“Davon… davon weiß ich nichts. Also ich meine, ich habe davon gehört, aber sonst… Nein, ich weiß nichts.”
Ich sah zu ihr herüber, ihr Atem ging ein wenig schneller, ihre Hand, in der sie eine Tasse hielt, zitterte leicht. Mein Blick fiel wieder auf das Porträt ihrer Ahnin, während meine Hand zu dem Kettenanhänger um meinen Hals wanderte. Dann drehte ich mich um und sprach sie an.
“Es ist doch so. Sie wachen manchmal auf und haben Spuren an sich, die Sie sich nicht erklären können.” Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, dass Malia das Gleiche widerfuhr wie mir, aber offensichtlich hatte ich getroffen.
“Ja… ja”, stammelte sie jetzt, dann brach sie in Tränen aus. Im selben Augenblick hasste ich mich für das, was ich der jungen Frau antat, und offensichtlich taten Mary Ann und Agent Saitou das ebenfalls, denn beide warfen mir böse Blicke zu. Ich konnte es ihnen nicht verdenken, es war nicht meine Art, jemanden so aus dem Konzept zu bringen, aber es würde auch nichts bringen, weiter um den heißen Brei herumzureden, wenn Menschenleben auf dem Spiel standen. Ich wollte nie wieder an so etwas schuld sein.
“Ich… ich habe seit einem Jahr des Öfteren solche Erinnerungslücken. Meine Urahnin… sie ist ein Loa geworden, und früher hat sie bei den Ritualen meine Mutter geritten. Und seit meine Mutter tot ist, bin ich es wohl nun, die ihr als Wirt dient. Aber das ist doch völlig normal, das gehört zum Voodo doch dazu! Aber doch keine Menschenopfer!”
Malia Gedde sah aufgebracht vom Agent zu mir, dann wieder zu Agent Saitou.

Menschenopfer gehörten weder zu ihrer Religion noch zu meiner. Aber dennoch, sie und ich, wir hatten getötet, diejenigen, die sich unserer Körper bemächtigt hatten, hatten getötet. Die Eine aus Habgier, der Andere aus Rache. Plötzlich stand ich nicht mehr in dem geschmackvoll eingerichteten Haus der Geddes, sondern in einer Hütte in Nigeria, vor mir der zusammengesunkene Körper eines Menschen, in meiner Hand, noch warm und schlagend, sein Herz.
“Das Gefühl, wie es ist, aufzuwachen und ein menschliches Herz in der Hand zu halten, werden Sie niemals vergessen”, stieß ich rauh hervor, mehr zu mir selbst, aber jeder im Raum hatte es gehört. Malia begann wieder zu weinen, während die anderen Drei entsetzt zu mir herübersahen. Besonders Agent Saitou schien diese Enthüllung gar nicht zu gefallen.
“Von wegen nicht gefährlich”, schnaubte er. Ich wandte mich ab. Wenn er mich verhaften wollte, musste er sich wahrscheinlich mit dem Vatikan anlegen. Was für eine Ironie, wenn ausgerechnet ein Diener des Christengottes mich retten würde.

“Wie geht es jetzt weiter?” wollte Malia schließlich wissen, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte. Sie ließ mich jedoch immer noch nicht aus den Augen und hielt nach wie vor Mary Anns Hand. Agent Saitou atmete tief durch, dann bedeutete er Malia, dass sie sich setzen sollte. Er erklärte ihr in allen Einzelheiten, was genau passiert war, und dass ihr Bruder wohl nicht der reiche Wohltäter war, der gerne Partyhopping betrieb, sondern ein skrupelloser Gangster, der sie für seine Machenschaften benutzt hatte.
“Ich will das nicht mehr. Wie haben Sie das geschafft?”
Malia sah jetzt zu mir, und ich musste schlucken. Sollte ich ihr sagen, dass ich es akzeptiert hatte? Dass es ein Teil von mir geworden war? Dass der Preis, den ich für die Rache und eine vollständige Seele gezahlt hatte, mein Körper war, der nun nicht mehr mir alleine gehörte?
“Wenn Sie möchten, können wir beide uns gerne später ausführlich unterhalten”, bot ich ihr an, dann fuhr ich fort: “Aber jetzt ist es wahrscheinlich vordringlicher, dass der Agent sich um Ihren Bruder kümmert und wir anderen um Ihre Vorfahrin. Es sei denn, Sie möchten….”
“Nein!” Malia war jetzt aufgesprungen und stellte sich vor Agent Saitou. “Veranlassen Sie alles, was nötig ist. Und Sie… wie wollen Sie sich um meine Vorfahrin kümmern?”
Während der Agent das Zimmer verließ, um mit seinen Vorgesetzten zu telefonieren, überlegte ich, ob ich Malia Gedde wirklich erzählen wollte, was nötig war, um sie von ihrer mörderischen Ahnherrin zu befreien. Aber das war die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, und ich glaubte, dass Natalie leicht nickte. Wahrscheinlich war sie mit dem Übernatürlichen vertrauter, als ich zunächst angenommen hatte.
“Es gibt eine sichere Methode, dass sie nie wieder zurückkehrt. Wir müssen ihre sterblichen Überreste mit Salz bestreuen und dann anzünden”, erklärte ich Malia und bemühte mich dabei so zu klingen, als würde ich einem Studenten eine Aufgabe erläutern. Sie nickte, während sie sich wieder hinsetzte und unschlüssig ihr Glas hin- und herschob. Für einen Moment herrschte Schweigen im Zimmer, dann sah sie mich wieder an mit ihren großen dunklen Augen.
“Und das funktioniert?”
Ich nickte. Wenn ich eines von Felicity gelernt hatte, dann das, und zur Not könnte ich Ethan oder Cal anrufen, sie würden mir helfen können.
“Dann machen Sie das. Bitte. Sagen Sie mir, was Sie brauchen.”
Damit war es entschieden, heute nacht würden wir also Tetelos Loa-Dasein ein Ende machen.

Einige Tage später saß ich mit Malia Gedde auf der Terrasse eines Restaurants. Es war ein Lokal der gehobeneren Preisklasse, wo man die junge Frau durchaus erkannte, aber wo sie sicher sein konnte, dass ihre Privatsphäre gewahrt blieb. Keiner von uns beiden hatte Interesse daran, am nächsten Tag in einer der Klatschspalten zu erscheinen.
“Wie fühlen Sie sich?” fragte ich sie, nachdem wir gegessen hatten.
“Nun, ich habe eine Menge Arbeit, jetzt wo Maddox… weg ist. Aber ich habe auch viele Menschen, die mir dabei helfen, Ordnung in das Chaos zu bringen”, erzählte sie, und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und ließ sie strahlen. Dann jedoch überlegte sie, dass ich das nicht gemeint hatte, und sie trank einen Schluck Weißwein, bevor sie fortfuhr.
“Ich schlafe gut, und ich habe keinerlei Aussetzer mehr gehabt. Was immer Sie und die beiden Frauen getan haben, es hat dafür gesorgt, dass Tetelo mich in Ruhe lässt”, berichtete sie, und ich nickte zustimmend.
“Was ist mit Ihnen? Was ist passiert?” wollte sie dann wissen. Für einen Augenblick zögerte ich, immerhin kannten sie und ich uns noch nicht sehr lange. Aber sie würde verstehen können, was geschehen war, und so erzählte ich ihr von Nigeria, von Celeste, von der Entführung und dem, was Eshu getan hatte. Sie war die zweite Person, der ich mich anvertraute, und sie war eine verständnisvolle Zuhörerin, die keine Fragen stellte. Zu vertraut war ihr das, was ich ihr erzählte.
Als ich sie später nach Hause brachte und sie sich von mir mit einem Lächeln verabschiedete, war ich mir sicher, eine Freundin gewonnen zu haben.

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Niniane

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